62 km kreiseln um den Deister – 80er-Kind

62 km kreiseln um den Deister

So weit bin ich noch nie gelaufen. 62 km liegen hinter mir, als ich am Bahnhof in Barsinghausen meinen Lauf beende. Die letzten Kilometer taten weh und ich bin wirklich froh, nicht mehr laufen zu müssen. Andererseits hätte ich noch rund 10 km vor mir, um mein Vorhaben, den Deister zu umrunden, umzusetzen. Verlockend, weil ich den Rest auch noch irgendwie hätte bewältigen können. Nur wofür? Um einen Haken an das Vorhaben zu machen, für die eigene Genugtuung und auf die Gefahr hin, den Bogen vielleicht zu überspannen? Nein, es war kein Wettkampftag und ich musste mir nichts beweisen. Für heute war es genug.

Fast sechs Stunden zuvor hatte mein Unterfangen in Wennigsen begonnen. Meine Planung sah vor, dass ich den Deister im Uhrzeigersinn umrunden würde. Startend in Wennigsen sollte mich mein Weg über Bredenbeck und Bennigsen nach Springe führen, dann nach Bad Münder, Lauenburg, Rodenberg und Bad Nenndorf, die Etappe von Barsinghausen zurück nach Wennigsen sollte dann die Schleife vollenden.

Vor dem Lauf um Deister
Vor dem Lauf um Deister

Fröstelnd begann ich um 8 Uhr bei Temperaturen nur leicht über dem Gefrierpunkt meinen Ultralauf. Die jetzt schon strahlende Sonne versprach später frühlingshafte Temperaturen, genau so wie es die Vorhersagen angekündigt hatten. Unterschätzt hatte ich allerdings die Intensität der Sonne, die mich von nun an stundenlang begleitete und mir zum Ende des Laufs Nacken, Arme und Beine mit einer leichten Röte überzogen haben sollte.

Hatte ich ursprünglich vorgehabt, den offiziellen Fahrradweg – genannt Deisterkreisel – zu nehmen, war ich in der Vorbereitung auf den Lauf kurzfristig von der Idee abgerückt. Der verfügbare Track wies zwar „nur“ eine Länge von 75 km aus, doch als ich die Strecke genauer unter die Lupe nahm, stellte ich an vielen Stellen einen Routenverlauf fest, der weder Straßen noch Wegen folgte, er war schlichtweg ungenau angelegt. Beim Nachbau kam ich auf über 80 km – das war mir deutlich zu viel und mehr als die 80 km, die ich mir für den in vier Wochen startenden Ultralauf auf dem Grünen Ring vorgenommen habe. Schon die 75 km schienen mir einigermaßen riskant. Zuletzt war ich im Februar eine längere Strecke über 50 km gelaufen und nur ein einziges Mal 61 km, vor fast einem Jahr beim Schweriner Seen-Trail. Die letzten 15 km hatte ich mehr gehend als laufend zugebracht. Trotz meiner zuletzt stark verbesserten Leistungen auch auf den langen Strecken, sagte mir mein Bauchgefühl, dass eine Streckenlänge von ca. 70 km fürs Erste reichte.

Aufbruchstimmung und die Tücken der Technik

Die Route hatte ich wie üblich über Garmin Connect geplant und auf meine Uhr geladen und mich dabei nur teilweise am Verlauf des Deisterkreisels gehalten. Aller Planung zum Trotz dauerte es gerade einmal einen Kilometer, bis ich in eine Sackgasse lief. Ich hatte die richtige Abzweigung verpasst. Allzu häufig sollte mir das nicht passieren, wenn ich die Strecke nicht noch unnötig verlängern wollte. Weil es nach Bredenbeck eine kleine Erhebung hinauf ging, sammelte ich zunächst ein paar Höhenmeter und justierte nebenbei meine Pace, die bei ungefähr 5:40 min/km liegen sollte. Das war das Tempo, das ich mir zutraute. Hinter Bennigsen erkannte ich, dass ich mich auf einem Weg befand, den ich kürzlich zweimal gelaufen war. Umso froher war ich, dass ich die mir bekannte Steigung nach Völksen ausließ und stattdessen in einem Bogen mit deutlich sanfteren Ansteigen um den Hügel herumlief.

Unter einem strahlend blauen Himmel verströmte rechts von mir ein bereits in voller Blüte stehendes Rapsfeld seinen Duft. Unterwegs zu sein, fühlte sich großartig an. Am Rande des Lausenberges gelangte ich nach Völksen, wo ich erneut kurz die Orientierung verlor. In unmittelbarer Nähe zum Bahnhof landete ich wieder in einer Sackgasse, ehe ich den kleinen Fußweg fand, der an der Bahnstrecke entlang zum Ortsausgang führte. Durch Alvesrode führte meine Route mich am Wisentgehege vorbei. Hier würde meine Familie die Zeit totschlagen, bis ich mit meinem Laufabenteuer fertig sein würde. Im Vorbeilaufen schoss ich schnell ein Bild, um es nach Hause zu schicken: „Hey, ich bin schon da.“ Noch war meine Familie nicht losgefahren. „Viel Spaß“, kam die prompte Antwort meiner Frau. Ja, Spaß hatte ich bisher in der Tat. So konnte es gerne weitergehen.

Ein Teppich von Buschwindröschen bedeckte den Waldboden im Hallerbruch. Ich befand mich jetzt auf dem Weg zum Jagdschloss Springe. Und weil ich den vorgezeichneten Weg auf meiner Uhr erneut nicht richtig zu deuten wusste, hatte ich unversehens zum bereits dritten Mal die Route verlassen, die ich mir zurecht gelegt hatte. Ich war erst vor wenigen Augenblicken an einem Abzweig vorbeikommen, hatte ihn aber fälschlicherweise ignoriert. Jetzt lag er schon so weit zurück, dass ich den Weg nicht zurücklaufen wollte. Ich entschloss mich für eine kleine Traileinlage, lief quer durch das Unterholz, übersprang einen kleinen Bach und bahnte meinen Weg durch Bärlauch auf den beinahe parallel verlaufenden Weg. Aus dem Wald heraus, zog sich links von mir ein mit Obstbäumen bestandener Hang hinauf. Ein so idyllischer Anblick, dass ich kurz bedauerte, dass mein Weg mich nicht dort hinauf, sondern an der Straße in Richtung Jagdschloss und weiter nach Springe führte. Nach gut 20 km sollte das bereits einer der schönsten Abschnitte des gesamten Weges gewesen sein. Gut, dass ich mir dessen zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war.

Jagdschloss Springe
Jagdschloss Springe

Noch bevor richtig in den Ort gelangte, hieß es klettern. Am Rande des Kleinen Deisters umlief ich südlich von Springe den eigentlichen Ort, ehe ich über einen recht steilen Stichweg am westlichen Ortsausgang wieder auf den Radweg an der Straße gelangte. Kurz hinter Dahle erblickte ich erstmals das Hinweisschild auf den Deisterkreisel, und deutete es direkt falsch. Den Irrtum bemerkte ich erst am Rand einer Landstraße auf der falschen Seite der Bahnlinie. Zurücklaufen oder die Böschung hinab? Ich entschied ich für letztere Lösung. Meine eigene Mini-Version der Barkley Marathons in der Wildnis von Tennessee. Verlaufen, das war für mich heute offenbar ein ewiges Thema.

Ein Golfplatz, verspätetes Frühstück und viel zu viel Bundesstraße

Die Innenstadt von Bad Münder
Die Innenstadt von Bad Münder

26 km geschafft – zur Belohnung gönnte ich mir meinen ersten Riegel. Wegen meiner leichten Probleme beim haj Marathon, hatte ich heute bewusst auf eine Mischung aus Riegeln und Gels gesetzt, aber viel später mit der Verpflegung begonnen, als ursprünglich vorgenommen. Wohlwissend, dass das eigentlich idiotisch ist, hatte ich mich zuvor nicht dazu durchringen können, trotz des schmalen Frühstücks fühlte sich mein Magen gefüllt an. Um meinen verspäteten Beginn des „Fuelings“ zu kaschieren, nahm ich mir fest vor, nur wenig später noch ein Gel einzuwerfen. Spare in der Not, dann hast du in der Zeit. Bei Kilometer 27 überquerte ich die Grenze zwischen der Region Hannover und dem Landkreis Hameln/Bad Pyrmont. Derweil führte mich mein Weg mitten durch einen Golfplatz, nicht aus Versehen, sondern auf dem beschilderten Radweg. Hatte ich auch noch nicht, so weit ich mich erinnern kann. Dann schließlich war ich in Bad Münder und hatte 30 km hinter mir.

Diese ersten 30 km waren beinahe verflogen, erstaunlich, wie frisch ich mich noch fühlte. Mitten durch die Innenstadt des beschaulichen Städtchens, dann war ich auch schon wieder raus und gelangte über Nettelrede fast unbemerkt zu einem der höchsten Punkte meines Laufs in Luttringhausen. Die Höhen waren eigentlich nicht nennenswert, aber mit zunehmender Erschöpfung machten sich auch die kleineren Anstiege mehr und mehr bemerkbar. Im nachfolgenden Eimbeckhausen lagen sich am Ortseingang eine alte Sitzmöbelfabrik und ein stattliches Anwesen gegenüber. Beides hatte seinen Charme und bot mir willkommene Abwechslung.

Kurz hinter dem Ort meinte es die Wegführung nicht gut mit mir. Vier Kilometer lief ich auf einem Fahrradweg parallel zur Bundesstraße 442, bis ich endlich nach Lauenau kam, das sich am Ortseingang blumig als Stadt der Sitzmöbel verkaufte. Im Nachgang zum Lauf brachte ich in Erfahrung, dass die Firma Casala hier u.a. die typischen hölzernen Schulmöbel produzierte. Wieder was gelernt. Laufen macht nicht nur fit, sondern auch schlau…

Nach rund vier Stunden hatte ich in Lauenau die Marathondistanz hinter mich gebracht. Jetzt waren es „nur“ noch 28 km. Bisher hatte mich der Gedanke an die noch zu laufende Restdistanz nicht schocken können, doch wie bei den Anstiegen nahm das Schreckenspotenzial mit fortschreitender Ermüdung von Körper und Geist zu. Bei so langen Läufen spielt vor allem auch der mentale Faktor eine gewichtige Rolle und wenn der Kopf nicht mehr mitmacht, dann ist es egal, wie viel die Beine eigentlich noch hergeben würden.

Als erstes streikt der Darm

Bei mir war es der Körper, der die ersten größeren Probleme bereitete. Schon seit längerer Zeit hatte ich ein Ziehen im Verdauungstrakt gespürt und das Elektrolytgetränk plätscherte in meinem Magen umher. Das führte dazu, dass ich mich kurz nach der Unterquerung der A2 in die Büsche schlug – Durchfall. Das befreite mich wenigstens von dem unangenehmen Druck und das Laufen fiel mir wieder leichter. Kurz nach dem ungewollten Stopp erreichte ich Rodenberg und nur einen Kilometer danach schon Bad Nenndorf. Betrachtete man die Route als das Zifferblatt einer Uhr, war ich jetzt bei zehn vor, während Wennigsen auf Viertel nach lag. Das stimmte auch mit der gelaufenen Distanz überein: 50 km hatte ich hinter mir, noch 20 lagen vor mir.

Allerdings begannen genau jetzt meine Probleme. Schon die vorhergehenden ein oder zwei Kilometer hatten mich größere Mühe gekostet, jetzt kämpfte ich erstmals mit mir und dem Müdewerden. Als ich am Bahnhof von Bad Nenndorf vorbeilief, rief das zwei unterschiedliche Empfindungen in mir hervor. Einerseits war ich jetzt echt im Eimer und focht innerlich einen Kampf darum aus, ob ich den Lauf beenden sollte, um mit dem Zug zum Ausgangspunkt zu fahren, oder, ob ich ihn fortsetzte. Andererseits erinnerte mich der Bahnhof an meinem Lauf auf dem Bückebergtrail, den ich Anfang Februar durchgezogen hatte. Indem ich möglichst schnell am Bahnhof vorbeilief, drückte ich mich vor einer Entscheidung. Oder ich traf sie, indem ich einfach weiterlief, das ist Ansichtssache. Ich sagte mir: „Erst einmal weitermachen.“

Das Drumherum machte mir die Entscheidung nicht einfacher. Gewerbegebiet, Bundesstraße, wieder Gewerbegebiet. Wie das Äquivalent zur Vahrenwalder Str. vor zwei Wochen. Weil es schon wieder mächtig zog im Unterleib, verschwand ich am Rande einer Autobahnbrücke erneut im Dickicht. Weil ich wusste, dass der nächste Bahnhof nur fünfhundert Meter entfernt ist, war ich mir in diesem Moment sicher, den Lauf genau dort zu beenden. Wäre nicht zufällig der Zug Richtung Hannover genau in dem Moment losgefahren, als ich am Bahnhof ankam, wäre es genau so gekommen. Mithilfe des Handys stellte ich fest, dass es auch im nächsten Ort noch einen weiteren Bahnhof gab und setzte meinen Weg zunächst fort. So konnte ich die Wartezeit auf die nächste S-Bahn sinnvoller nutzen, als mit Herumsitzen.

Der zweite Frühling

Es ist schon bemerkenswert, wie leicht ich mich selbst betrügen kann. Mir einzureden, ich laufe nur noch ein Stück weit, nicht mehr die ganze Strecke, zieht fast immer, wenn ich noch nicht komplett durch bin. Und so richtig gar war ich anscheinend noch nicht, was ich aber erst nach einer zehnmütigen Rast unter einer alten Eiche erkannte. Ich hatte mich einigermaßen platt auf die dort stehende Bank fallen lassen, getrunken und ein paar Fotos von mir geschossen. Wenigstens das war erledigt. Gleich nebenan stellten Helfer den Bierwagen für das Osterfeuer auf – was hätte ich jetzt für ein schönes Alster gegeben! Als ich am Sportplatz vorbeilief, war ich mir noch immer sicher, das mein Lauf gleich vorbei sein würde. Ich peilte den Bahnhof im nächsten Ort an.

Sieht lockerer aus, als ich mich fühlte
Sieht lockerer aus, als ich mich fühlte

Was dann den Ausschlag gab, trotz des deutlich zu erkennenden Anstiegs, den ich würde laufen müssen, doch weiterzumachen, ist mir selbst nicht klar. Wahrscheinlich hatte es mit der überschaubaren Entfernung nach Barsinghausen zu tun. Das wurde mein nächster Fixpunkt. Erst noch laufend, dann wegen des Anstiegs zügig gehend, schaffte ich es auf die Bantorfer Höhe, etwa 70 Höhenmeter auf einer Strecke von einem Kilometer. Und plötzlich hatte ich wieder Bock. Das war es, was ich mir unter meinem Weg vorgestellt hatte, nicht das, was ich die letzten 90 Minuten oder mehr durchlebt hatte. Keine grauen Gewerbegebiete oder Bundesstraßen, ich wollte Waldwege, Anstiege, Bäche und Natur. Die zweite Luft würde ich es nicht nennen, aber ich mobilisierte noch einmal Kräfte, von denen ich vor wenigen Minuten nicht ahnte, dass ich sie noch hatte.

Endlich so etwas wie „Berg-Feeling“! Nur meine Uhr schien zu spinnen, sie zeigte mir eine Kursabweichung, wo doch ganz offensichtlich links neben mir kein zweiter Weg verlief. Google Maps ist halt auch nicht unfehlbar. Oder lief ich doch falsch? Unterhalb von mir schälte sich ein zweiter Weg aus dem Hang, so ein Mist. Gut, dass sich der Irrtum schon zwei-, dreihundert Meter später korrigieren ließ, ein Querweg führte mich den Hang hinab auf die geplante Route. Gut so! Nur der Wegweiser für Wanderer zeigte zur Strafe immer noch die gleiche Entfernung bis Barsinghausen an wir vor Minuten. Das kommt davon, wenn man Umwege läuft.

Nach 60 km kam ich an den Rand von Barsinghausen, eine Steigung, auf die ich gerne verzichtet hätte, führte hinein in den Ort. So weit war ich im Training noch nie gelaufen, 55 km waren das Maximum, im Wettkampf ist es auch schon mehr gewesen. Fast 57 km vor eineinhalb Monaten und im letzten Jahr etwas über 60 km. Aber wie weit eigentlich? 61 oder 63 km? Ich konnte mich nicht genau erinnern, glaubte aber, dass es „nur“ 61 km waren, wobei vorweg noch ein gemeinsames Einlaufen auf dem Programm gestanden hatte. Wie dem auch sei. Die Kilometer wurden immer länger und länger, ein untrügliches Zeichen für einen zunehmenden Verschleiß von Körper und Geist. Deswegen fasste ich endgültig den Entschluss, noch bis zum Bahnhof weiterzulaufen und es dabei bewenden zu lasen. Selbst diese zwei Kilometer taten reichlich weh. Nicht so sehr, dass gar nichts mehr gehen würde, aber weil es keinen richtigen Spaß mehr machte, war es Zeit aufzuhören. Heute war nichts mehr zu gewinnen, außer einen Haken an den Lauf zu setzen, den ich mir vorgenommen hatte. Aber wozu?

Meine bisher längste Strecke - 62 km
Meine bisher längste Strecke – 62 km

Ohnedies war es eine beachtliche Leistung für mich. Mit nur zwei Wochen Abstand zum Hannover Marathon, ist davon auszugehen, dass ich noch nicht vollständig regeneriert hatte. Umso mehr, da die Umfänge auch in der Woche nach dem Marathon nicht unter 70 km gesunken waren. Nicht nur das hatte mir für den Lauf um den Deister ein etwas mulmiges Gefühl mit auf den Weg gegeben. Meine Pulswerte waren in den letzten Trainingseinheiten höher als vor dem Marathon, was an den inzwischen gestiegenen Temperaturen liegen konnte, möglicherweise aber auch an der noch nicht ganz verarbeiteten Belastung. Subjektiv war die Anstrengung für vergleichbare Läufe nach dem Marathon angestiegen. Meiner Leistungsfähigkeit hatte es aber anscheinend keinen nennenswerten Abbruch getan.

Da konnte ich es bestens mit meinem Ehrgeiz vereinbaren, die Schleife nicht bis zum Ende gelaufen zu sein. 62 km waren wären für mich vor einem guten Jahr noch nicht einmal vorstellbar gewesen!

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