Von Barsinghausen nach Porta Westfalica – 80er-Kind

Von Barsinghausen nach Porta Westfalica

Wie die Abstände zwischen meinen langen Läufen wird auch die Planung dafür immer kürzer. Im leichten Nieselregen auf dem Bahnhof von Haste hat das beinahe Folgen für mein heutiges Vorhaben. Wir haben uns über Christi Himmelfahrt eine Auszeit in Rheda-Wiedenbrück gegönnt und einen Teil der Strecke möchte ich laufend zurücklegen, weil die Tage vor Ort dann nicht von meinen läuferischen Aktivitäten beschnitten werden. Und außerdem habe ich Bock auf einen langen Lauf. Start in Barsinghausen, Treffpunkt in Porta Westfalica – so der Plan, den ich gestern übers Knie gebrochen habe. Mit etwas mehr Zeit hätte ich wohl bereits im Vorfeld bemerkt, dass der Zug von Haste nach Barsinghausen auf einem anderen Gleis abfährt als gewohnt. An diesem Morgen bemerke ich es erst im letzten Moment, weil zwei andere Fahrgäste eilends das Gleis wechseln. Glück gehabt. Ich habe nicht wirklich Zeit zum Vertrödeln und hätte ich den Zug verpasst, hätte ich mir etwas anderes einfallen lassen müssen.

Ich war bereits um 4:30 Uhr aufgestanden, meine schon am Vorabend herausgesuchten Sachen zusammengerafft und mich nach einem Kaffee auf dem Weg zum Bahnhof in Burgdorf gemacht. Bis nach Haste war ich schon eine Stunde unterwegs. Zeit, die ich für ein Frühstück und etwas Musik auf den Ohren genutzt hatte. Die S-Bahn würde jetzt noch knappe 30 Minuten bis nach Barsinghausen benötigen, dann wäre es beinahe 7 Uhr. Blieben ca. fünf Stunden für 53 km und fast 1.000 HM – das war wahrlich knapp bemessen. Vor allem, wenn man die kleinen WC- und Foto-Pausen einrechnete. Ich tat also gut daran, mich „an die Arbeit“ zu machen, sobald der Zug in Barsinghausen angekommen sein würde.

Gesagt, getan! Um 6:54 Uhr geht es los. In „kurz-kurz“ ist es noch frisch, aber das ist mir ganz recht. Zum Warmwerden geht es nämlich direkt einige Höhenmeter hinauf. Auf den ersten knapp fünf Kilometern vom Bahnhof Barsinghausen bis auf den Kamm des Deisters sammle ich beinahe 200 Höhenmeter. Da tut es sogar ganz gut, dass ein leichter Nieselregen einsetzt. Sobald ich den Kamm des Deisters erreicht habe, überschreite ich die Grenze der Region Hannover ins Schaumburger Land. Weil es ziemlich steil bergab geht, kann ich es rollen lassen.

Des Menschen bester Freund, ist des Läufers Feind

Nach acht Kilometern komme ich aus dem Wald und ich kann erstmals den Blick über die Umgebung schweifen lassen. Herrlich! Ein Wechsel aus blauem Himmel und Wolken spannt sich über den gewellten Feldern. Links liegt Lauenau, das ich aber genau dort liegen lasse. Stattdessen geht es für mich nach Feggendorf. Nie gehört. In Erinnerung wird es mir vielleicht wegen zwei unerfreulicher Begegnungen bleiben: Zunächst ärgere ich mich auf dem Weg zum Ort über einen Spaziergänger, der es nicht für nötig hält, seinen Hund an die Kurze Leine zu nehmen, schließlich tue der Hund nichts. Aber welcher Hund tut schon was? Man kennt das als Läufer. Dann schießt ein zweiter Hund kurz hinter dem Ort auf mich zu. Sowas mache man nicht, belehrt mich der Hundehalter. Ich bin baff und lasse mich auf einen Disput ein. Was genau er meine, ob das ein Privatweg für Hunde sei. Er präzisiert: Sich ohne Ankündigung von hinten zu nähern, das mache man eben nicht. Als ich ihn darüber informiere, dass ich durchaus versucht habe, mich bemerkbar zu machen, entschuldigt sich der Mann und auch ich lenke ein. Wir wünschen uns einen guten Tag. Trotzdem habe ich die Nase von Hunden fürs Erste voll. Warum muss ich eigentlich Rücksicht auf die Hunde nehmen? Wäre es nicht umgekehrt zu erwarten, dass Hundebesitzer Rücksicht auf andere nehmen? Sie tragen doch die Verantwortung für ihr Tier. Wahrscheinlich ist es wie immer, gegenseitige Rücksichtnahme ist der Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander.

Blick vom Deister
Blick vom Deister

Ein bisschen angepisst laufe ich weiter. Das hat mir kurz die Laune verhagelt, muss ich mir eingestehen. Wäre aber schade drum, würde ich mir jetzt den ganzen Lauf versauen, indem ich den Vorfällen allzu lange nachhänge. Gut, dass mir kurz darauf schon auffällt, dass ich die A2 vor wenigen Wochen schon genau an dieser Stelle laufend unterquert habe. Es war bei meiner versuchten Umrundung des Deisters, den ich gerade hinter mir gelassen habe. Heute geht’s mir wesentlich besser als vor einem Monat. Doch so ganz frisch sind meine Beine nicht. Echt nicht. Die Muskeln fühlen sich schlapp an, anders kann ich das Gefühl nicht umschreiben. Das ist kein Grund, sich zu sehr zu sorgen, habe ich doch schon sehr gute Läufe mit einem ähnlichen Gefühl in den Beinen hingelegt. Aber ich behalte es im Auge.

Erinnerungen an dies und das

Fürs Erste führen mich meine etwas müden Beine nach Apelern und ich vertreibe mir die Zeit damit, dass ich in Erinnerungen schwelge. Vor Jahren habe ich hier einer Hochzeit beigewohnt und tatsächlich komme ich an Kirche und Gasthaus vorbei. Damals war erst die Hälfte meiner Kinder auf der Welt und der damals Jüngste konnte gerade so gehen. So bin ich ruckzuck aus dem Ort heraus und nähere mich dem Bückeberg. Der kündigt sich schon Einiges vorher mit spürbar ansteigendem Geläuf an. Direkt hinter Reinsdorf, das unmittelbar am Fuß des „Berges“ liegt, geht es dann richtig hinauf. Der Schotterweg ist zuerst noch einigermaßen laufbar. Übel wird es nach etwa einem Kilometer. Steigungen von 10 % und mehr lassen meinen Puls in die Höhe schnellen, mein Atem geht stoßweise und in meinen Muskeln akkumuliert das Laktat. Das tut richtig, richtig weh. Leck mich, das ist doch tatsächlich genau der Anstieg, der mir vom Bückburgweg in Erinnerung geblieben ist. Diesmal kommt er mir aber noch schlimmer vor.

Nach wiederum einem Kilometer wird es flacher und ich komme wieder zu Atem. Die nächsten vier Kilometer – nicht immer auf dem Bückebergweg – weisen in Summe ein leichtes Gefälle auf, dann wird es noch einmal steiler. Nicht so ekelig wie zuvor, aber nichtsdestoweniger schmerzhaft. Am Obernkirchener Steinbruch hat es mit der Kletterei ein Ende, ich bin am höchsten Punkt meiner Tour angelangt und kann von hier ab acht Kilometer lang rollen lassen. Von 323 auf 52 Meter über NHN, ganze 271 Höhenmeter sind es von hier bis hinab ins Tal bei Buchholz. So richtig läuft es aber nicht. Ich bin zwar etwas schneller unterwegs, aber nicht schnell. Meine Kilometerzeiten pendeln rund um einen 5er-Schnitt. Ich spüre, dass ich nicht mehr die besten Beine habe. Mir scheint, als keime die erste Erschöpfung auf, zu früh für meinen Geschmack.

Durch den Matsch zur nächsten Steigung und zur Erkenntnis, dass es schwer wird

Knöcheltiefer Morast macht das Laufen unmöglich
Knöcheltiefer Morast macht das Laufen unmöglich

Als ich an der Landstraße unten ankomme, bin ich kurzzeitig irritiert. Intuitiv will ich den Weg einschlagen, den ich im Februar lief. Diesmal muss ich aber nicht durch Bad Eilsen, was mir aber nicht klar ist, weil ich die Route nicht sonderlich intensiv studiert habe. Ich lande auf einem Waldweg, der so morastig ist, dass ich zentimetertief versacke. An Laufen ist nicht zu denken, weshalb ich mich querfeldein durch den Wald schlage, bis ich wieder auf gut laufbarem Untergrund unterwegs bin. Dieser kleine Schlenker war unnötig, ich hätte einfach einiger 100 Meter weiter östlich auf dem Fahrradweg entlang der Straße laufen können. Die üblichen Tücken der Routenplanung. Manchmal sieht die Software Wege, die es nicht gibt, manchmal sind sie wegen der Wetterverhältnisse einfach nicht laufbar. Aber das macht ja auch einen Teil des Spaßes an diesen Laufabenteuern aus.

In Buchholz vermeide ich durch eine gewisse Vorahnung und noch mehr Erfahrung als Läufer, von einem rückwärts ausparkenden Auto umgemangelt zu werden. Schon als ich den Motor starten hörte, war ich ich sicher, dass ich nicht gesehen werde. Nach 36 km stehe ich zwischen Buchholz und Steinbergen staunend an einer Ampel. Über mir spannt sich die Brücke der A2 und ich frage mich, wie lange man braucht, so ein Bauwerk hochzuziehen. Jenseits der Brücke zweigt die Route vom Fahrradweg ab, hinein in den Wald. Das ist viel schöner und furchtbarer zugleich, weil der Wald nicht im Flachland steht. Rund achtzig Höhenmeter muss ich auf einem Kilometer überwinden – das schaffe ich nur gehend. Wahrscheinlich hat mich die Kletterei vorhin schon mürbe gemacht oder ich bin insgesamt heute etwas schlapp. Jedenfalls ist laufen gerade nicht drin. Vermutlich sollte ich endlich dazu übergehen, Anstiege auf diesen langen Läufen einfach konsequent zu gehen, so wie es Ultraläufer gerne tun. Aber ich bin da eigen, will immer durchlaufen und schone mich nicht. Als das Gelände abflacht, mache ich eine Rast, atme durch. Selbst das gehen der steileren Passagen hat mich ganz schön schnaufen lassen und der Schweiß läuft mir aus allen Poren. Nicht gut, dass meine Getränke nahezu leer sind. Ich hatte angenommen, dass ich mit eineinhalb Litern locker hinkommen würde, aber heute ist es zu warm.

So richtig erhole ich mich nicht von dem Anstieg. Etwa drei Kilometer weit komme ich, ehe ich über der A2 anhalte. Eine Brücke führt über die Autobahn. Dutzende Male bin ich schon mit dem Auto unter der Brücke hindurchgefahren, die umgekehrte Perspektive nehme ich heute zum ersten Mal ein. Auf der anderen Seite der Brücke hocke ich mich hin und entdecke dabei Walderdbeeren. Die sehen toll aus und ich freue mich über meinen Fund. Weil es aber so erbärmlich nach Urin und Fäkalien stinkt, traue ich mich nicht sie zu essen. Mehrere Minuten verharre ich und laufe erst dann weiter, nicht mit dem Ziel, bis ans Ende meiner geplanten Route zu kommen. Ich peile vielmehr einen Punkt an, an dem mich meine Frau einsammeln kann.

Nach einem knappen Kilometer komme ich an eine Straße. Weil hier nur ein geschlossenes Ausflugslokal steht, setze ich meinen Lauf in dem Glauben fort, dass gleich irgendwo eine Ansiedlung komme müsse. Stattdessen sehe ich ein Hinweisschild auf einen Europäischen Fernwanderweg und nach Porta Westfalica. Sieht so aus, als würde hier keine Ortschaft mehr kommen. 10 weitere Kilometer zu laufen, kann ich mir ehrlicherweise nicht vorstellen, will andererseits jedoch auch nicht umkehren. Irgendwie drängt es mich weiterzumachen. Und so schaufle ich mir mein eigenes Grab.

Gehen, wenn’s nicht geht

Es wird wirklich hart und ich kapituliere mehrmals vor den Steigungen. Entsprechend sinken meine Kilometerzeiten. Aber welche Rolle spielt das? Keine! Irgendwie wurmt es mich trotzdem, das bekomme ich nie aus mir raus. Mehr ärgere ich mich aber darüber, dass ich scheinbar schlechter drauf bin, als im Frühjahr. Einen Leistungszuwachs hat es nicht gegeben. Oder ist die Hitze für meine subjektiv schlechtere Leistung verantwortlich? Wer weiß. Ich muss jedenfalls ziemlich auf die Zähne beißen und hoffe, dass die „Vatertagstouries“ nicht zu viel meiner Mühsal in meinem Gesicht lesen können. Laufen soll doch Spaß machen und keine Qual sein. Es ist jetzt beides. Körperlich bin ich am Limit, aber dafür ist es um mich herum einfach schön und so macht es auch weiterhin Spaß unterwegs zu sein.

Blick auf das Kaiser-Wilhelm-Denkmal
Blick auf das Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Weil ich ewig brauche für die letzten Kilometer, klingelt plötzlich das Telefon. Meine Frau ist abholbereit, ich bin aber noch zwei Kilometer von Porta Westfalica entfernt. Über den Daumen gepeilte zehn Minuten also. Normalerweise. Ich brauche wesentlich länger und bekomme langsam einen unerträglichen Durst. Kurz überlege ich meine Flaschen an einem kleinen, als Quelle bezeichneten Tümpel aufzufüllen. Ich lasse es aus Angst vor Durchfall schweren Herzens bleiben. Dann, auf den letzten paar Metern, bekomme ich noch ein kleines Highlight geboten. Zuerst komme ich an einer Art Schlucht oder Höhle vorbei, dann kann ich oberhalb des Bahnhofs von Porta Westfalica direkt auf die Weser und das Kaiser-Wilhelm-Denkmal blicken. Das entschädigt zumindest für einen Teil der letzten zehn Kilometer. Und spätestens als ich unserem Familienbus mit etwas zu trinken sitze, verblassen die meisten Erinnerungen an die mühsamen Kilometer, die ich in der letzten Stunde hinter mich gebracht habe.

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