9. Schloss Marienburg-Marathon

Vor dem Schloss Marienburg Vor dem Schloss Marienburg
Das verhängnisvolle Porridge
Das verhängnisvolle Porridge

Der Lauf steht auf der Kippe, da habe ich noch nicht mal die Startnummer in der Sporthalle in Adensen abgeholt und an meine Laufjacke geheftet. Ich hocke stattdessen mit ziemlichen Magenkrämpfen hinter einem Busch nicht weit entfernt vom Parkplatz, den der Veranstalter des 9. Schloss Marienburg-Marathons ausgewiesen hat. Verdammtes Carboloading! Wahrscheinlich hatte ich es übertrieben. In der Eiseskälte wäge ich ab: DNS (did not show) oder auf das Beste hoffen? Die Entscheidung fällt auf Option zwei.

Im wahrsten Sinne des Wortes hätte ich auf mein Bauchgefühlen hören und das Frühstück ausfallen lassen sollen. Dem Völlegefühl zum Trotz zwängte ich mir das abends zuvor vorbereitet Porridge rein. Ich konnte eigentlich nichts mehr Süßes sehen. Essen überhaupt schien mir eine schlechte Idee. Allein die Vernunft trieb mich zum Essen. Besser, ich hätte es bleiben lassen.

Die Hoffnung auf Besserung siegt und ich entscheide mich zunächst dafür, zumindest an den Start zu gehen. Was dann kommt, wird das Rennen zeigen. In die Überlegungen spielt möglicherweise auch eine gewisse Angst hinein. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, das Rennen schnell laufen zu wollen. Wie immer macht mich das nervös. Tempotraining hatte ich zudem in letzter Zeit nur selten durchgezogen.

Die Ersten werden die Letzten sein

Eine knappe halbe Stunde später stehe ich am Start, suche eine Stelle, wo ich mich einreihen kann. Ich weiß nicht mal, in welche Richtung der Lauf startet, bis ich plötzlich ganz vorne stehe. Nee! Schnell rücke ich zwei Reihen nach hinten. Ganz vorne starten will ich nicht. Vor mir an der Gepäckabgabe stand Raoul Jankowski, Startnummer 1. Die hat er nicht aus Zufall oder weil er besonders schnell war bei der Anmeldung, wie der Helfer an der Gepäckabgabe vermutete. Er ist Inhaber des Streckenrekordes, der irgendwo bei knapp unter 2:50 Std. liegt. Bestzeit im Flachland? Irgendwas um die 2:20 Std. Ich bin also gut beraten, mich nicht in die erste Reihe zu stellen.

Einigen mit Stöcken bewaffneten Walkern scheinen derartige Gedanken fremd. Sie platzieren sich genau vor mir. Warum nur, fragt der ungeduldige Teil von mir? Der nette Teil rät zur Gelassenheit. Auf Sekunden kommt es hier heute für mich aller Voraussicht nach nicht an. Einfach überholen und gut. Und trotzdem: Mir fehlt das Verständnis. Müsste man sich nicht als Walker automatisch am Ende des Startfeldes platzieren? Das wäre doch naheliegend.

Ein paar Sekunden nach dem Start habe ich die Gruppe umschifft und suche mein Renntempo. Wenn ich nur wüsste, wie das sein soll. Mehr oder weniger lasse ich meinen Beinen freien Lauf. Bis zuletzt habe ich keinen Entschluss gefasst, auf welche Zeit ich heute laufen soll. Wie zuletzt bei der Sollingquerung und beim Harz-Gebirgslauf habe ich die Ergebnislisten der Vorjahre überflogen und weiß daher, was hier ungefähr gelaufen wird. Um richtig weit vorne zu landen, wird es bei mir nicht reichen. Das ist nicht nur durch die Teilnahme von Raoul klar. Gute Zeiten um die drei Stunden sind immer dabei. In diesen Bereich bin ich nur ein einziges Mal vorgedrungen, mit wesentlich besserer Form und ohne Höhenmeter. Davon gibt es heute einige. Wie viele genau? Ich weiß es nicht mit Sicherheit, habe meine Hausaufgaben nur schludrig erledigt.

Ich habe mich erstaunlich wenig mit dem Verlauf des Kurses befasst. Die Dichte an Wettbewerben war zuletzt wohl zu hoch und ich werde nachlässig. Die mangelnde Vorbereitung hat auch ihr Gutes: Es wird viele Überraschungen geben. Das verkürzt die Zeit. Was ich weiß: Die Strecke hat die Form einer „8“, wobei Adensen am Schnittpunkt der Kreise liegt. Wer den Marathon läuft, dreht zwei Runden und kommt folglich vier Mal am Start/Ziel vorbei. Höhepunkt ist die Marienburg auf dem – einfallsreich – Marienberg in rund 170 m Höhe. Gelesen habe ich, dass jede Runde etwa 250 Höhenmeter aufweist. Klar war mir nicht, ob sich „Runde“ in diesem Zusammenhang auf einen Kreis oder die volle Acht bezog, also am Ende 500 oder 1000 Höhenmeter zu Buche schlagen würden. Ich würde es herausfinden.

Berglauf, Traillauf, Carni-Cross

Zum Start des 9. Schloss Marienburg-Marathons ist es frostig
Zum Start des 9. Schloss Marienburg-Marathons ist es frostig

Meine Taktik besteht also darin, einfach zu laufen. Und das mache ich. Zunächst noch relativ flach durch den Ort, dann wartet jenseits der Ortsgrenze und der Brücke über die B3 sofort der Marienberg. Hinter mir schnüffelt es plötzlich. Eine Teilnehmerin ist doch tatsächlich mit Hund am Start, den sie sich „umgebunden hat.“ Gibt es bestimmt auch nur bei Volksläufen. Die Läuferin ist erstaunlich schnell unterwegs, gleiches gilt für den vierbeinigen Teilnehmer. Von den Treckerfurchen wähle ich immer die, auf der der Hund nicht unterwegs ist, weil ich das Gefühl des Tieres hinter mir nicht mag. Den Letzten beißen bekanntlich ja die Hunde.

Kurz vor dem Waldrand wird der mäßig steile Weg richtig eklig. Das geht gut in die Beine, ist aber dankeswerterweise schnell passé. Eine kleine Gruppe Zuschauer hat sich hier häuslich eingerichtet und unterlegt unser Treiben mit Musik. Dafür dürfen wir jetzt „trailig“ durch den Wald abwärts flitzen. Das Laub knirscht unter unseren Füßen, es hat gefroren. Die Sonne dringt gerade erst durchs Geäst und lässt die Eiskristalle funkeln. Auf dem Boden leuchtet es auch, Signalfarbe markiert reichlich Stolperfallen. An einer Stelle sind drei Birkenstämme im Sprung zu überwinden.

Schon wieder Musik. Ziemlich heavy, was da aus den Lautsprechern am Waldrand wummert. Helfer haben hier eine komplette Lautsprecheranlage aufgebaut und beschallen uns vom Waldrand her. Der folgende Kilometer führt uns oberhalb der Straße am Rande des Berges entlang. An einer Engstelle, habe ich kurz Sorge abzustürzen. Der Weg zwischen Baum links und Abhang rechts ist schmal und mit Laub bedeckt. Ein Stolperer und es winkt ein Freiflug.

Der Weg führt kontinuierlich bergab und kurz bevor wir die Straße am Fuße des Marienbergs erreichen, haben wir die Wahl: Links flach und länger, rechts steil und kürzer. Alternativrouten wurden mir bisher noch bei keinem Lauf angeboten. Ich entscheide mich für den steilen Weg. Angesichts des rutschigen Pfades, den ich mehr hinabgehe als laufe, stelle ich meine Entscheidung schnell in Frage. So viel länger wird der andere Weg ja vermutlich auch nicht sein!

Im Schlosshof am ersten VP © Detlef Erasmus
Im Schlosshof am ersten VP © Detlef Erasmus

Hase und Igel

Kurz geht es entlang der Straße, dann wird es steil. In Spitzkehren mühe ich mich mit den anderen Läufern hinauf zum Schloss. Noch nicht ganz oben angelangt, haut es an einer besonders steilen und dazu seifigen Stelle einen Mitläufer lang hin. Kurz erkundige ich mich nach seinem Wohlbefinden und setze dann meinen Weg fort. Es ist fast geschafft, da entdecke ich Jörn, der vor zwei Wochen schon an der Sollingquerung teilnahm. Unerkannt laufe ich an ihm vorbei unter der Schlossbrücke hindurch und lasse auch den Verpflegungspunkt im Schlosshof einfach stehen. Wiedersehen werde ich ihn erst spät im Rennen.

Über den Parkplatz verlassen wir das Areal um das Schloss und tauchen erneut ein in den Wald. Es geht wieder aufwärts und das sogar spürbar. Der Schulenburger Berg ist etwas höher als das Plateau, auf dem das Schloss liegt. Von der Steigung abgesehen, ist es eine wahre Freude durch den Wald zu rennen. Überall funkelt es von Frost und Eis. Was mich verwirrt: Vor mir ist eine Läuferin unterwegs, von der ich sicher zu glauben weiß, dass ich sie schon vor zwei Kilometern an der Straße überholt habe. Ich komme mir vor wie bei Hase und Igel. Irgendwie muss sie an mir vorbeigelaufen sein, ohne dass ich davon etwas bemerkt hätte. Seltsam.

Inzwischen abwärts laufend, vernehme ich Lärm. Motorsägen, nehme ich an. Näher an der Lärmquelle wird aus der Motorsäge Musik, oder zumindest so etwas wie Musik. Die Truppe mit der Anlage von vorhin! Wir nähern aus anderer Richtung und laufen kurz auf einem Streckenabschnitt, den wir vorhin in entgegengesetzter Richtung gelaufen sind, dann müssen wir schon wieder bergauf. Das sind definitiv mehr Anstiege als ich erwartet hatte. Irgendwie. Nach achteinhalb Kilometern ist dann endlich Schluss mit dem Kraxeln. Endlich führt der Kurs zurück nach Adensen.

Vom Waldrand blickt man über die Hügel und die kleinen Ortschaften, leichter Dunst hängt in der Luft, aber es ist sonnig. Ein Tag wie gemalt. Weil es ziemlich steil bergab geht, muss ich aufpassen, wohin ich trete. Drei schnelle Kilometer später habe ich den Start-/Zielbereich in Adensen erstmals passiert, 11 km sind vorbei. Kurzes Abklatschen mit Timo, der ebenfalls Botschafter für den Hannover Marathon war. Ob er mich erkannt hat?

Ein erster Blick aufs Ziel

Es geht auf den zweiten Teil der Acht auf der anderen Seite des Ortes. Gleich hinter dem Ort steigt das Geläuf erneut leicht an. Es bleibt wellig, ohne nennenswerte Steigungen und ich bleibe fast ausnahmslos unter 4:30 min/km. Nach fünfzehn Kilometern schwelge ich kurz Erinnerungen an meine durchlaufene Mitsommernacht. Nicht, weil es so kalt ist, dass ich mich nach dem Sommer sehne. Mir ist durch die Anstrengung auch so anständig warm. Der Streckenabschnitt vor mir, sieht aus als wäre es ein Teil der Route, die ich damals gelaufen bin. Dass dem nicht so ist, merke ich, als ich ins Hallerburger Holz komme. Das habe ich damals nicht durchlaufen, meine Route verlief zwei Kilometer weiter westlich.

Herrliche Bedingungen für den 9. Schloss Marienburg-Marathon
Herrliche Bedingungen für den 9. Schloss Marienburg-Marathon

Direkt hinter dem Wäldchen wartet wieder ein Verpflegungspunkt. Die Helfer und Helferinnen legen sich ins Zeug und feuern mit Rasseln an. Die gut gelaunte Helfertruppe lädt mich zum Zugreifen ein, aber ich lehne schweren Herzens ab. Mein Bauch! Bekräftigt wird mein Verzicht keinen Kilometer später. Es geht nochmals leicht bergauf und von jetzt auf gleich zieht es so sehr im Unterleib, dass ich augenblicklich stehenbleiben will. Die Krämpfe lassen nach und ich kann doch weiterlaufen, kurz darauf spüre ich nichts mehr, außer die Völle und Übelkeit, die ich schon seit dem Start mit mir rumtrage. Erträglich, aber unangenehm.

Zum Start-/Zielbereich geht es danach nur noch bergab und ich kann noch ein paar schnelle Kilometer aus meinen Beinen schütteln. Am Ortseingang von Hallerburg kreist eine Drohne. Der Besitzer macht uns darauf aufmerksam, was wir bis hierhin schon geleistet haben: „20 km! Wahnsinn!!“. Recht hat er, aber der Drops ist noch lange nicht gelutscht. Was ich nicht weiß: Der Drohnenpilot ist „Sprödi“, der ein Video für youtube dreht.

Als ich an der Sporthalle in Adensen ankomme, neckt mich die Moderation damit, dass ich mir schon einmal das Ziel ansehen dürfe. Mehr nicht. Schade! Verlockend wäre es ja…

Was kann denn schon geschehen?

Zur Hälfte des Rennens liege ich auf Kurs von 3:15 Std. – das wäre extrem gut für meine Verhältnisse. Zweifel daran, das Tempo durchzuhalten, habe ich reichlich. Zuerst natürlich wegen des gleich bevorstehenden Auf-und-Ab am Marienberg und nicht zuletzt auch wegen der Probleme, die ich mit mir herumtrage. Bisher habe ich keinen einzigen Schluck getrunken, kein Gel zu mir genommen oder mich anderweitig verpflegt. Da ist ein Einbruch normalerweise unvermeidlich. Aber was soll ich machen? Etwas zu mir zu nehmen, traue ich mich einfach nicht. Ich bin schon heilfroh, dass ich nicht mehr das Gefühl habe, alles stünde mir bis oben.

Bereits am Beginn des Weges hinauf zum Marienberg kann ich auf dieser zweiten Runde Musik vernehmen. Diesmal kein Metal, Vicky Leandros´ einziger Hit schallt uns entgegen. „Waaaaaaas kann den schon geschehen? Du weißt, ich lieeeeeebe das Leben!“ Über die Bandbreite der Musikauswahl muss ich schmunzeln. Tja, was geschehen kann? Ich könnte einbrechen, das wäre nicht sehr überraschend. Da hilft auch meine Liebe zum Leben oder Laufen nicht.

Das Feld der Läufer ist auf der zweiten Runde sehr viel dünner. Dafür kommen mir aber immer wieder Wanderer bzw. Walker entgegen, die ebenfalls im Rahmen der Veranstaltung an den Start gegangen sind. Manche nicken mir zu, manche feuern mich an oder sprechen mir ihre Anerkennung aus. Manchmal ernte ich auch flapsige Kommentare. Fast am Waldrand angekommen, weist mich ein Wanderer scherzhaft darauf hin, dass ich am Ziel vorbeigelaufen bin.

Als ich zum zweiten Mal auf dem Trail oberhalb der Straße unterwegs bin, stolpere ich beinahe über einen im Boden eingelassenen Grenzstein. Auf der ersten Runde hatte ich noch darüber sinniert, was für eine miese Stolperfalle das ist. Jetzt verfehle ich das Ding nur um Fußes Breite. Ist ja noch mal gutgegangen. An der direkt danach folgenden Weggabelung entscheide ich mich diesmal für den längeren, aber flacheren Weg. Risikominimierung! Außerdem nimmt der vor mir Laufende auch diesen Weg, der – schlammig wie er ist – auch so seine Tücken hat. Und da fragt Vicky allen Ernstes, was geschehen kann? Highway to Hell, Baby!

Keine Macht den Drogen!

„Drogen?“, ein Streckenposten bietet uns vor dem steilen Anstieg zur Marienburg Traubenzucker an. Meine Kräfte nehmen spürbar ab und ich hätte nichts gegen einen kleinen Booster. Nur hat sich an meiner Verdauungs-Übelkeits-Problematik noch immer nichts geändert. Ich mache mich ohne Droge an den Aufstieg. Aua! Das war in er ersten Runde weniger schmerzhaft. An der ersten Spitzkehre höre ich etwas von „Überholen“ und mache Platz so gut das auf dem schmalen Pfad geht. Wir sind zu viert dicht hintereinander, aber offenbar will keiner an mir vorbei, mir wird der Platz ganz vorne angeboten. Also führe ich unser Quartett direkt mal in die Irre. Ich will nach links, aber da ist mit Sägespänen eine Arte Barriere angelegt. Und gleich darauf herrscht noch einmal Ratlosigkeit, sollen wir links oder rechts abbiegen? Als hätten Drogen uns den Orientierungssinn vernebelt.

Vor dem Schloss Marienburg
Vor dem Schloss Marienburg

Schließlich finden wir relativ schnell den richtigen Weg und sind unmittelbar danach zum zweiten Mal im Schlosshof. Wie schon der Weg zur Burg, ist auch der Anstieg hinter dem Schloss mit deutlich mehr Schmerzen verbunden, als in Runde eins. Überhaupt habe ich gewisse Probleme. Mit Mühe komme ich oben an und nehme mir vor: Die nächsten vier Kilometer unter 5 Minuten im Schnitt! Von 3:15 Std. als Zielzeit habe ich mich verabschiedet, 3:30 Std. scheint mir realistisch zu erreichen. Dafür bedarf es im Schnitt fünf Minuten pro Kilometer. Unter der Annahme, dass ich hinten raus ein paar langsame Kilometer haben werde, sollte ich also so viele Kilometer wie möglich in dieser Pace hinter mich bringen. Vielleicht hätte ich doch von der Droge kosten sollen.

Der Vorsatz hält exakt einen Kilometer, der ist weit unter der selbstgesetzten Marke. Dafür ist der nächste über eine Minute langsamer. Es auf den letzten Anstieg zu schieben, wäre nur die halbe Wahrheit. Ich habe inzwischen so große Probleme mit meiner Verdauung, dass ich eiligst in die Büsche ausweiche. Verdammte Scheiße! Das Frühstück erweist sich – wenigstens erst jetzt – als verhängnisvoll. Obendrein geht es mir danach besser. Nicht meinen Beinen, die sind einfach schon müde, obwohl sie noch 12 km durchhalten müssen.

Der K.O. kommt in der letzten Runde

Erst einmal geht es hinab. Jippie! So kann es gerne bis ins Ziel weitergehen. Geht’s aber nicht, weiß ich. Wieder lege ich drei schnelle Kilometer hin, bis ich auf der anderen Seite von Adensen bin. In der Feldmark ereilt mich schließlich und endgültig, worauf ich schon lange zusteuere: Ich renne gegen die sprichwörtliche Wand. Vielleicht ist es der kleine Anstieg hinter dem Ort, der mir das letzte bisschen Kraft aus den Muskeln treibt. Jedenfalls wird es mühsam.

Mit Willen komme ich bis zum Hallerburger Holz, will schon stehenbleiben, laufe weiter und halte dann doch an. Einen kurzen Abschnitt gehe ich, um mich zu sammeln, dann laufe ich wieder. Gelegentlich wurde ich schon überholt. Die Läufer wirkten so frisch, dass es sich um Teilnehmer an der Staffel handeln musste. Hoffe ich zumindest. Wie könnten sie sonst so federnd durch den Wald laufen, wenn ich hier zum Gehen gezwungen bin? Bessere Einteilung der Kräfte womöglich.

Ich suche mir ein Tempo, von dem ich glaube, es länger durchhalten zu können. Das klappt tatsächlich. Die Anfeuerung am Verpflegungspunkt hinter dem Hallerburger Holz ist diesmal sogar noch herzlicher und lauter als auf der ersten Runde. Ich kann es brauchen und das sehen eventuell auch die Helfer. Wie gehabt lehne ich ab, was man mir anbietet. Ein Besuch im Busch genügt für heute, zumal hier aktuell kaum Büsche stehen. Felder umgeben uns und ich möchte meinen Hinter nicht in den eisigen Wind halten, wenn andere das mitbekommen.

Höhere Läufermathematik

Mein Ausflug in die Welt der Walker liegt schon über einen Kilometer hinter mir, 37 km sind auf der Habenseite. Zumindest ungefähr. Dass die Beschilderung nur von eins bis 21 geht, kann ich natürlich mithilfe der Uhr ausgleichen und weiß daher: 16 steht für 37. Aber halt! Bin ich nicht schon hundert Meter weiter? Halbmarathon plus 16 Kilometer! Rechnen ist angesagt. Einfacher wird es auch dadurch nicht, dass die Uhr schon 300 m vor jedem Schild piept. Wofür aber die Rechnerei? Wenn ich nicht mehr kann, will halt genau wissen, wie weit ich noch zu kämpfen habe. Da machen auch wenige Hundert Meter einen signifikanten Unterschied.

Vielleicht habe ich zu viel darüber nachgedacht, wie weit es noch ist. Fast mit Ansage verfalle ich nach 38 (von der Uhr gemessenen) Kilometern ins Gehen. Schon in der ersten Runde hatte ich an dieser Stelle Probleme. Mit 21 km mehr in den Beinen wird es auch nicht besser. Flott gehe ich Richtung Waldrand, um dort wieder mit dem Laufen zu beginnen. So habe ich es mir vorgenommen. Eine Walkerin überhole ich mit den Worten: „Jetzt ist es nicht mehr weit.“ Wen will ich eigentlich aufbauen? Mich oder die ältere Dame? Die ist so forsch unterwegs, dass sie es weniger nötig hat als ich.

Auf keinen Fall will ich wieder loslaufen, halte aber ein, was ich mir vorgenommen habe. Die ersten Schritte sind schleppend. Noch immer geht es leicht bergauf, ich weiß aber, dass sich das gleich ändert. Langsam laufe ich weiter. Es ist wirklich nicht mehr weit und ich freue mich sogar auf den Abschnitt vor mir. Da lief es in der ersten Runde wirklich gut. Einfach genießen und laufen lassen, sage ich mir. Leichter gesagt als getan!

Ein bekanntes Gesicht

Hallerburg ist schon zum Greifen nah! 41 km habe ich geschafft, gönne mir dennoch eine kleine Verschnaufpause. Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an, sage ich mir. Ich spreche es sogar laut aus. Andererseits kann ich noch immer unter dreieinhalb Stunden bleiben. Dann nähern sich Schritte, die Sekunden später zu einem Läufer werden, der mich noch ziemlich dynamisch überholt. Wenn das nicht Jörn ist! Zwischenzeitlich hatte ich mich bereits gefragt, wo er abgeblieben ist, nachdem ich ihn in der ersten Runde unerkannt überholte. Sein Leistungsniveau ist normalerweise höher als meins und ich hatte erwartet, ihn früher wiederzusehen. Bei der Sollingquerung überholte er mich weit vor dem Ziel am letzten größeren Anstieg, heute dann eben einen Kilometer vor dem Zielstrich. Das wird noch zur Gewohnheit, dass er mich im Laufe des Rennens überholt. Ich mache mir nichts daraus und freue mich über das Wiedersehen.

„Ein Kilometer noch!“, ruft er mir zu und ich klopfe ihm auf den Rücken. Dranbleiben kann ich nicht, setze ihm aber nach. Das Ziel, ihn einzuholen habe ich nicht, nehme es nur als Motivation, doch noch unter 3:30 Std. zu bleiben. Es ist schmerzhaft und ich muss ordentlich auf die Zähne beißen. Einmal in Bewegung, will ich es unbedingt schaffen. Wie es ausgeht, steht auf der Kippe.

Vor dem Ziel muss ich die Durchgangsstraße zwischen Hallerburg und Adensen überqueren. Ärgerlicherweise nähert sich ausgerechnet jetzt, wo ich um jede Sekunde fighte, ein Transporter. Zu meiner positiven Überraschung, lässt mich der Fahrer über die Straße, was mich zu einem „Oh, das ist ja nett!“ verleitet. Durchs Wohnviertel noch, dann ist es geschafft. Aber die Zeit tickt. Mir kommen bereits Teilnehmer der kürzeren Bewerbe entgegen und ich kann die Moderatorin hören. Die letzte Kurve ist beinahe eine zu viel. Eine Mischung aus Ermüdung der Muskulatur, Unachtsamkeit und Tunnelblick lassen mich über die Bordsteinkante stolpern. Gerade noch so kann ich mich fangen und bin Sekunden später über die Zeitmessmatte. 3:29:45 Std. – Ziel erreicht!

Zucker! Ich will Zucker!

Ziemlich angeschlagen gehe ich in die Hocke und versuche meine Schuhe zu öffnen, um die Zeitnahme-Transponder zu lösen. Das ist gar nicht notwendig, klärt mich das Kind auf, das mir auch meine Medaille um den Hals gehängt hat. Ich hatte vergessen, dass ich die Transponder mit Kabelbinder an meinen Schuhen befestigt habe. Das Mädchen rückt den Teilen mit einer Zange auf den Leib, bekommt sie aber nicht gelöst, meine Finger so kalt, dass auch ich mich erfolglos abmühe, bis eine weitere Helferin resolut zur Sache geht. Endlich bin ich befreit und kann mich der Verpflegung widmen.

Drei Becher Cola trinke ich in kurzer Zeit, nehme sogar etwas Banane. In der Not frisst der Teufel Fliegen. Es gibt ausschließlich Äpfel und Bananen und ich brauche etwas, um das Loch in meinem Bauch zu stopfen. Nach über drei Stunden intensiven Laufens ohne Verpflegung fühle ich mich ausgehungert. Banane scheint mir da besser geeignet zu sein als Apfel, auch wenn ich Bananen normalerweise lieber den Äffchen überlasse. Oder meinen Kindern. Kurz tausche ich mich noch mit Jörn aus, der sich sogar dafür entschuldigt, mich am Ende so abgezogen zu haben. Das ging nicht gegen mich, meint er. Der Gedanke kam mir nicht einmal.

Innerhalb kürzester Zeit spüre ich, wie die Kälte mir zu schaffen macht. Ich beginne zu zittern. Während des Laufens war die Kälte keine Problem, jetzt schon. Schleunigst entschließe ich mich, mir warme Sachen überzuwerfen und den Heimweg anzutreten. Nicht aber, bevor ich noch einen kleinen Abstecher zum Schloss gemacht habe. Ich habe noch etwas Zeit, bis ich erwartet werde und nutze sie für einen letzten Abstecher zur Marienburg. So richtig Augen dafür hatte ich während des Rennens nicht. Eine gute Gelegenheit für ein Foto, vor allem aber auch, um das Rennen noch einmal durchzugehen und mich über das Erreichte zu freuen.