Sollingquerung 2022 – 48 km zum Büffet!

Draußen hängt noch der Nebel in den Tälern, Kühe grasen auf den Weiden. Der Läufer vor mir erklärt seiner Sitznachbarin, wo uns der Lauf später entlangführen wird. Dass es Jörn ist, der den Lauf in den letzten Jahren gleich mehrmals gewonnen hat, weiß ich jetzt noch nicht. Offenkundig ist, dass er den Lauf schon mehrmals hinter sich gebracht hat. Kein Newbie also. Ich bin nervös wegen der vor mir liegenden Aufgabe, den Solling von Bad Karlshafen im Süden nach Dassel auf der Nordseite des Höhenzuges zu überqueren, in toto 48 km mit ungefähr 1000 Höhenmetern.

Ich bin erst in der Woche vor der 10. Sollingquerung in die Startliste des auf 100 Teilnehmer und Teilnehmerinnen begrenzten Laufs gerutscht. Mit 86 Gleichgesinnten sitze ich in einem von zwei Bussen, die uns von Dassel zur Wesertherme in Bad Karlshafen bringen. Zwei Busse voller Laufverrückter, denke ich. Ultraläufer sind schon ein spezielles Volk, nicht so geradlinig und stromlinienförmig, irgendwie urig. Ich mag das, schließlich bin ich ja auch einer dieser Irren.

Kurz vor dem Start der 10. Sollingquerung
Kurz vor dem Start der 10. Sollingquerung

Gegen 8:30 Uhr kommen wir an der Wesertherme an. Die Fahrt durch den kleinen Kurort hat mich beeindruckt. Treffend stellte ein Läufer fest, dass die Zeit in dem Ort scheinbar stehen geblieben ist. Die Häuser und das kleine Hafenbecken wirkten aus der Zeit gefallen. Es hätte nicht gewundert, wenn Männer mit Spazierstock und Zylinder auf den Gehwegen unterwegs gewesen wären. Für derlei Gedanken habe ich nicht viel Zeit, meine Blase drückt bedenklich und ich suche schnellstens eine Toilette in der Therme auf, bevor die anderen auch auf die Idee kommen. Das wäre also schon mal geschafft.

Um 8:55 Uhr beginnt Veranstalter Ariën mit seinem Briefing. Er macht es kurz: Kein Müll in den Wald, 48 km und weil das Labyrinth nicht mehr dabei ist, erwartet er top Zeiten. Welches Labyrinth? Irgendwo hatte ich davon gelesen, aber weiß nichts Genaues. Und noch etwas: Ariën selbst kann heute nicht laufen, sagt er, weshalb Jörn das Feld bis zum Wald führen wird. Ein Murmeln geht durch die Menge. Ariën beschwichtigt: „Nur bis zum Wald.“ Einige scheinen Jörg zu kennen, ich erkenne in ihm den streckenkundigen Läufer wieder, der im Bus vor mir saß.

Ein Kilometer zum Warmwerden

Punkt 9 Uhr fällt der Startschuss – nicht in echt, sondern verbal, leise und unspektakulär. Anders als erwartet laufen wir nicht die kleine Steigung zur Straße hinauf, sondern zur Weser. Ich habe mich also falsch eingeordnet, wenn man so will. Schnell trabe ich nach vorne, weil ich aus der Lektüre verschiedener Laufberichte zu wissen glaube, dass es gleich nach dem Start auf einen Single Trail geht. Da ist kein Platz zum Überholen und ich möchte ungern gleich zu Beginn Zeit herschenken.

Gleich nach dem Start der 10. Sollingquerung überqueren wir die Weser
Gleich nach dem Start der 10. Sollingquerung überqueren wir die Weser

Der Blick in die Ergebnislisten der letzten Jahre hat mich in den Wettkampfmodus versetzt. Lege ich meine Zeit vom Brockenmarathon zugrunde, dann kann ich relativ weit vorne landen und das hat mich getriggert. Einerseits ärgert mich das, weil ich die langen Läufe in erster Linie für den Spaß laufe. Andererseits kribbelt es. Nun, es ist so wie es ist. Ich habe mir etwas in den Kopf gesetzt und verfolge mein Ziel.

So wie uns Jörn anführt, kann ich das Stöhnen im Feld jetzt nachvollziehen. Leichtfüßig läuft er vorweg und zieht das Feld schnell in die Länge. Für die Meisten ist das Tempo zu hoch, sie gehen das Ganze gemächlich an. Ein Schild weist eine Liegewiese aus, was mich scherzen lässt, die anderen Läufer gehen nicht darauf ein. Vielleicht ist das noch nicht der richtige Zeitpunkt für Witze, das Ziel liegt noch zu weit entfernt. Wir kreuzen die Weser und jemand ruft uns zu, dass wir von hier aus nach Bremen schwimmen könnten. Danke, nein.

Hinter der Brücke piept es bei mir: Meine Uhr registriert eine Streckenabweichung. Geht ja gut los. Verlaufen haben kann ich mich nicht, schließlich läuft Jörn noch immer vorweg. Weil kurz darauf Ariën jeden einzelnen von uns am Waldrand abklatscht, ist ein Irrtum ausgeschlossen. Das Abklatschen scheint Tradition und Ariën wollte es sich nicht nehmen lassen, selbst wenn er nicht mit auf der Strecke sein kann.

300 Höhenmeter und Laufen in ungewohnter Rolle

Durch einen niedrigen Tunnel gelangen wir von Hessen nach Niedersachsen und schwuppdiwupp sind wir auf dem erwarteten Trail. Der Pfad ist von nassem Laub bedeckt, das die darunter lauernden Steine gut verdeckt – tückisch. Es sind nur wenige hundert Meter, bis wir auf einen breiten Forstweg kommen. Weil Jörn seine Führungsaufgabe erfüllt hat, bleibt er kurz stehen und nachdem ich mein Tempo gefunden habe, laufe ich plötzlich an seiner Stelle vorweg. So war das nicht geplant, ich laufe einfach mein Tempo. Ich fühle mich gut und der Anstieg fällt nicht so schwer wie befürchtet.

Maschinenlärm aus einem Steinbruch zerreisst die neblig-herbstliche Morgenstimmung. Mit jedem Meter, den ich mich von der Lärmquelle entferne, wird es ruhiger. Auch die Schritte der hinter mir Laufenden werden leiser, ein Zeichen dafür, dass ich mich von ihnen entferne. Das geht so lange, bis ich den Gipfel des ersten Anstiegs nach etwas mehr als fünf Kilometern erreicht habe. Bisher liege ich vor meinem Plan, den mir die Uhr für jeden einzelnen Kilometer vorgibt. Als Ziel habe ich mir 3:59:59 Std. für die vermuteten gut 46 km gesetzt. Das sollte machbar sein, je nachdem, wie gut ich die Anstiege würde verkraften können.

Auf dem abschüssigen Geläuf kann ich es jetzt rollen lassen, bis zum nächsten Anstieg sind es ein paar Kilometer. Genau kenne ich den Streckenverlauf natürlich nicht, aber grob habe ich mir das Höhenprofil eingeprägt. Natürlich könnte ich auch jederzeit meine Uhr zu Rate ziehen, verzichte aber zugunsten des Erlebens darauf. Schließlich möchte ich mir ein wenig Überraschungspotenzial bewahren und den Lauf einfach auf mich zukommen lassen. Mit der vorübergehenden Ruhe ist es indes nicht weit her. Stimmen und lauter werdendes Getrappel kündigen von sich nähernden Läufern, die mich ziemlich schnell eingeholt haben. Ich begrüße die Beiden und hänge mich dran. Einer von ihnen ist Jörn und es stellt sich heraus, dass es genau der Jörn ist, der den Lauf bei den letzten fünf Auflagen gewonnen hat. Deswegen vorhin also das Raunen!

Der Carolinenteich kurz vor dem 1. VP der 10. Sollingquerung
Der Carolinenteich kurz vor dem 1. VP der 10. Sollingquerung

Die nächsten Kilometer laufen wir gemeinsam. Jörn, der die Sollingquerung wie seine Westentasche kennt, weist uns auf den einzigen Ausblick hin, den die Strecke auf die Weser bereit hält. Ein kurzer Blick, dann sind wir schon vorbei. Schade, das sah gut aus. Aber auch so verfliegt die Zeit. Jörn erzählt von seiner Bestzeit im Marathon, wir machen Läufer-Smalltalk. Gerade als ich die Beiden etwas vorauseilen lasse, weil mir ihr Tempo doch zu hoch ist, kommt der Carolinenteich in Sicht. Ich fingere mein Handy aus der Tasche und mache schnell ein Bild. So viel Zeit muss sein und bei so viel herbstlicher Schönheit bin ich schlagartig glücklich. Entlang des Teiches führt ein schmaler Pfad, dann habe ich den ersten Verpflegungspunkt erreicht.

Ich hatte von der grandiosen Ausstattung der VPs gehört, laufe aber trotzdem weiter, weil ich alles dabei habe. Schon im Vereinsheim in Dassel meinte Ariën mit Blick auf meine gut gefüllte Laufweste, sie bräuchten gar keine Verpflegung anbieten, wir hätten ja alles dabei. Jörn und sein Begleiter sind kurz geblieben und um den Eindruck zu vermeiden, ich wäre zu kompetitiv unterwegs, rufe ich ihnen zu, dass ich schon mal vorlaufe, sie würden mich ja eh gleich wieder einholen.

Vom Trio zum Duo

Mit dem Bergablaufen hat es sich jetzt erledigt. Zuerst führt die Strecke hinauf zum Schloss Nienover. Mit Blick auf die Steigung: Nichts ist doofer, als Nienover. Von dem Schloss selbst nehme ich nicht fiel mit, es ist eher ein opulentes Landgut und ich habe gelesen, dass fotografieren verboten sind, weil es sich im Privatbesitz befindet. Dann werde ich wieder eingeholt, allerdings ist Jörn nicht dabei, es ist nur der Läufer, dessen Namen ich noch nicht kenne.

Im Doppelpack setzen wir unseren Weg fort, werden noch einmal von Ariën begrüßt und sehen uns alsbald mit einem fiesen Anstieg konfrontiert. Ich frage, während mir der Schweiß von der Stirn perlt, ob das der isolierte Anstieg auf dem Höhenprofil ist, an den ich mich aus der Vorbereitung auf den Lauf erinnere. Wir können es nicht zweifelsfrei auflösen. Sicher ist: Der größte Anstieg von allen wartet gleich auf uns, liest mein Begleiter von seiner Uhr ab.

Etwas Schonfrist bleibt uns noch. Wir nutzen die Zeit, um uns ein wenig intensiver auszutauschen und endlich vorzustellen. Ihn interessiert, wie ich als Läufer aus der Region Hannover auf meine Höhenmeter komme. Gar nicht, aber ich war ja letztens mal im Harz und beim Brockenmarathon war ich auch. Er auch. Und apropos Brocken: Er ist mal von seinem Heimatort zum Brocken und zurück gelaufen ist – an einem Stück. 190 Kilometer in 25 Stunden. Torben, so stellt sich heraus, ist noch irrer als ich – sehr sympathisch! Dieses Jahr hat er an den Deutschen Meisterschaften über 50 und 100 km teilgenommen. Heidewitzka! Wenn ich dir zu langsam bin, lauf vor, rate ich ihm. Wir bleiben zusammen.

Unser beider Uhren signalisieren eine Kursabweichung, aber die Wegweiser sind unmissverständlich. Es gibt zwar Pfeile, die in die entgegengesetzte Richtung weisen, aber ohne Torbens Hinweis hätte ich sie gar nicht bemerkt. Ariën hat uns schon beim Briefing augenzwinkernd darauf hingewiesen und erklärt, dass sie zum Volkslauf in Schönhagen gehören. Wer den orangefarbenen Pfeilen folgt, kommt aus dem Ort nicht mehr raus. Unsere Wegweiser sind rosa und zeigen ganz klar, wo es langgeht. Für uns ist das Intermezzo Anlass genug, dass wir uns über die Strecke unterhalten und der Track anscheinend etwas von echten Kurs abweicht. Naiv, dass ich mir in diesem Moment noch einbilde, dass die Distanz der GPX-Datei stimmt.

Zwischen Apfelbäumen erklimmen wir einen kleinen Anstieg. Von hier lässt sich prima ein Blick zurück werfen: Außer Jörn, der in einiger Entfernung angetrabt kommt, sehen wir keine anderen Läufer. „Da kommen die Ersten“, lautet die Bestätigung am zweiten Verpflegungspunkt wenige Meter danach. So wurde ich bisher noch nie an einem VP begrüßt und ich mache eine angedeutete Jubelpose. Selbstironie. Während Torben stehenbleibt, bleibe ich in Bewegung. Gleiches Spiel wie am vorhergehenden VP. Schon bald hat Torben mich wieder einge- und überholt. Es gibt keine Absprache und ich kann nicht sagen, ob er mich stehen lässt oder ich ihn ziehen lasse. Ich rede mir ein, dass es letzteres ist. Wiedersehen werden wir uns erst im Ziel in Dassel, das noch 32 km entfernt ist.

Von jetzt an solo

Die Streckenführung will es, dass ich kurz verschnaufen kann. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Vom Waldrand bietet sich ein toller Blick auf das gerade durchquerte Tal, dann beginnt ein vier Kilometer langer Anstieg. Schilder weisen auf eine Treibjagd hin – auch eine schöne Umschreibung für diesen Wettlauf. Links am Wegesrand stehen nummerierte Schilder, deren Bedeutung sich mir nicht erschließt. Als Motivationshilfe eignen sie sich trotzdem, ich arbeite mich von Schild zu Schild. Sonst gibt es nicht viel auf diesen vier Kilometern, nur mich, den Wald und den Anstieg. Torben ist nicht mehr zu sehen.

Blick zurück auf das durchquerte Tal
Blick zurück auf das durchquerte Tal

Nach 21 km ist es geschafft. Vorerst. Unter einem rot-weißen Flatterband hindurch, dann zur Abwechslung für zwei Kilometer abwärts. Das macht Spaß, ist aber weniger Erholung für die gerade unter Feuer gesetzten Muskeln als man annimmt. Und noch etwas: Bei jedem Abstieg denke ich wehmütig daran, dass ich die gerade mühsam gewonnenen Höhenmeter gleich wieder herschenke oder schlimmer noch, sie wieder hinauf muss. Genau so kommt es.

Nochmals fast vier Kilometer Anstieg warten auf mich. Vorbei am dritten Verpflegungspunkt, den ich wie gehabt gekonnt auslasse, nähere ich mich dem Dach des Sollings. Auf mehr als 520 m ü. NHH in der Nähe des Hochsollingturms geht es nicht. Auf dem Weg dahin drehe ich mich erstmals seit VP2 um. Hinter mir ist niemand zu sehen. Nach den hinter mir liegenden zehn Kilometern Forstautobahn, kommt mir Abwechslung gerade recht. Erst stellt sich diese nur dadurch ein, dass ich abwärts laufen darf, dann ändern sich Strecke und Umgebung. Ich bin raus aus dem Wald und ein Pfad führt mich zwischen Wiesen hindurch, dann einem Bachlauf entlang und über eine hölzerne Brücke. Die Sonne strahlt und bringt auch mich zum Strahlen.

Das Hochgefühl endet unversehens. Die Ermüdung wird schon seit längerem größer, mental und muskulär. Vor allem die Muskelstränge an der Rückseite meiner Oberschenkel sind problematisch. Seit Wochen schon meine neuralgischen Punkte. Als ich dann plötzlich und unerwartet vom gut laufbaren Waldweg einen Hang hinauf soll, versetzt mir das einen entscheidenden Schlag. Der Hang ist zu steil zum Laufen, entscheide ich nach wenigen zaghaften Schritten. Der Wegverlauf ist einmal mehr eine Abweichung vom Track auf meiner Uhr und der bis hierhin angesammelte Vorsprung auf meine Zielzeit eine Zahl ohne Wert. Jedenfalls für den Moment, weil ich „offroad“ unterwegs bin. Da kann die Uhr nichts Sinnvolles berechnen.

Der Hang führt auf einen Trampelpfad, der wiederum an eine Straße führt. Ich fluche in mich hinein und bin sauer und richtig, richtig angepisst. Sollen diese kleinen, miesen Abzweige witzig sein? Ja, sind sie. Nur im Augenblick hasse ich sie. Es braucht eine Menge Willenskraft, damit ich meinen Weg laufend fortsetze, an der Jugendherberge und einem Hochseilgarten vorbei. Na bravo, jetzt bin ich zurück in dem Ort, in dem ich die Nacht verbracht habe. Silberborn ist der zweithöchstgelegene Ort im Solling. Am Hochseilgarten ist VP 4 und für mich Business as usual – trotz der netten Nachfrage laufe ich weiter. Bleibe ich stehen, laufe ich nicht mehr los. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Sollingquerung für mich so richtig beginnt.

Übers Moor auf den letzten Gipfel

Wie weit es noch ist? Keine Ahnung. Es schwant mir Böses. Es wird vermutlich nicht bei 46 km bleiben, Ariën wusste schon, warum er in der Ausschreibung und beim Briefing konsequent von 48 km sprach! So oder so ist es noch ein weiter Weg bis ins Ziel. Der letzte VP lag bei ungefähr 30 km. Was mich vorerst bei Laune hält, ist das Drumherum. Auf einem Pfad gelange ich in das Hochmoor Mecklenbruch. Ab hier führt die Strecke über einen Holzsteg durch das Moor. Das ist doch mal was! Hat aber auch einen Haken: Der Steg ist bei Wanderern und Spaziergängern beliebt und führt bei mir alsbald zu einem kleinen Engpass. Eine Gruppe von vier Spaziergängern samt Hund kommt mir entgegen und ist nicht gewillt einem scheinbar verirrten Läufer Platz zu machen. Ich muss stehen bleiben und mich fluchend durch die Gruppe zwängen. So viel Ignoranz ärgert mich.

Jenseits des Moores habe ich 33 km absolviert. Es geht vorwärts, mühsam, aber immerhin. Ich nutze meine aktuelle Schwäche für eine Pinkelpause. Wenigstens kurz mal verschnaufen, ohne gleich das Gefühl zu bekommen, das Laufen eingestellt zu haben. Das Dringliche mit dem Gewünschten verbinden. Mein Zeitverlust summiert sich, beinahe habe ich den gesamten Puffer aufgebraucht, den ich auf meine Wunschzeit auf den ersten 25 km herausgelaufen habe. Das geht leider schnell und ist nur mehr eine Frage der Zeit. Den Rest holt sich mein Endgegner.

Dieser hat die Form eines Anstiegs, mit dem ich mich nach einer scharfen Rechtskurve konfrontiert sehe. Vor eineinhalb Stunden wäre ich da noch locker hochgelaufen, zum Beginn des Rennens sogar hochgestürmt. Jetzt schalte ich einen Gang zurück und wechsle zum Gehen. Schritte nähern sich, es es ist erwartungsgemäß Jörn, der mich überholt. Er versucht mich damit aufzumuntern, dass dies der letzte Berg ist vor dem Ziel. Ich antworte mit einem bemüht optimistischen: „Wir sehen uns gleich!“ Ob ich überzeugend klang? Letzter Berg hin oder her, bis ins Ziel sind es immer noch mindestens 10 km, eher 12. „Gleich“ meint also „eine Stunde“. Im besten Fall. An den schlechten will ich lieber nicht denken.

Passend zu meiner Stimmung und Verfassung nähert sich nun auch noch der Krankenwagen. Es ist nicht meine erste Begegnung mit dem Fahrzeug. Es hat mich auf dem Weg zu den VPs schon mehrfach überholt. Diesmal fühlt es sich aber anders an. Obwohl ich am äußersten Rand des Weges gehe, ist wohl nicht genügend Platz zum überholen oder warum fahren die Sanitäter fahren eine Weile hinter mir. Die andere Erklärung wäre, dass sie mich unter Beobachtung haben, ein verwundetes Tier in der Kalahari, über dem bereits die Geier kreisen.

Der Kenianer in mir sucht den richtigen Weg

Der Krankenwagen zieht irgendwann von dannen. Die Geier suchen ein anderes Opfer. Auch weil das Opfer den Anstieg gemeistert hat und wieder mit dem Laufen beginnt. Abwärts geht es wesentlich besser und meine Stimmung hellt sich auf. Ich genieße die Sonne, die durch das noch immer üppige Herbstlaub auf den Waldweg vor mir scheint. Wären meine Muskeln nicht schon so dicht, ich würde jeden Schritt durch das Laub genießen. So ist es eine bittersüße Anglegenheit.

Ariën und seine Helfer haben sich für diesen Abschnitt etwas ausgedacht. Immer wieder stehen Schilder mit Motivationssprüchen am Wegesrand: „Entdecke den Kenianer in dir“ oder „Umdrehen wäre jetzt auch blöd“ oder „Alle Läufer sehen gut aus – du bist der Beweis dafür“. Echt jetzt? Wenn ich so aussehe, wie ich mich fühle, dann sicher nicht! Die Schilder lenken mich ab, lassen meine Gedanken um andere Themen kreisen als um die Frage aller Fragen: „Wie weit noch?“

Nehme ich die Kilometerzeiten, bin ich noch ganz gut unterwegs. Mit dem Gefälle im Rücken, bleibe ich sogar unter 5 min/km. Lt. Pace-Pro-Strategie meiner Uhr sollte ich schneller sein, aber die hat leicht reden. Kopf und Körper haben einen Kompromiss ausgehandelt: 40 km setze ich mir als Ziel, um dann zu entscheiden, ob ich ein kurzes Stück gehe. Die große Selbsttäuschung hat begonnen. Insgeheim weiß ich, dass ich mich selbst verarsche, weiterlaufen werde, wenn ich nicht komplett explodiere. Es geht nur darum, mir eine Hintertür offen zu halten, die brüllende Forderung der Beine nach einer Pause zum Schweigen zu bringen oder wenigstens zu besänftigen.

Es funktioniert. Jeder hat halt seine Strategien. Manche setzen auf Mantras oder Autosuggestion, ich eben auf Selbsttäuschung. Als ich 40 km geschafft habe, muss ein neues Ziel her. Klar – Marathondistanz! Weil es nicht mehr so abschüssig ist, mühe ich mich mit dem 41. km mehr als mir lieb ist. Dann kommt die ultimative Prüfung: An einer T-Kreuzung im Wald, signalisiert mir die Uhr, mich nach rechts zu orientieren. Die offizielle Beschilderung weist in die andere Richtung. Wie schon im gesamten Rennen, folge ich der Beschilderung. Es ist aber nur ein einzelner, dezenter Pfeil, der mir den Weg weist und jeder Meter ohne weitere Markierung säht Zweifel in mir. Bin ich wirklich richtig? Wenn ich mir jetzt noch einen Umweg aufgebrummt habe, breche ich zusammen. Keine Sprüche am Wegesrand, keine Pfeile, nichts! Es ist zum Verrücktwerden.

Es vergehen quälende Minuten, dann erlöst mich VP 5 mit einem Schlag von allen Zweifeln. Ich lasse auch die letzte Möglichkeit ungenutzt, die legendär gute Verpflegung in Anspruch zu nehmen. Was schon bei VP 4 galt, gilt jetzt noch viel mehr. Bleibe ich jetzt stehen, komme ich nicht mehr in Gang. Immerhin nutze ich weiter meine eigenen Vorräte, nehme kräftige Schlucke meines Getränkes und sogar ein Gel drücke ich mir rein, der Übelkeit zum Trotz. Jedes Kohlenhydrat, das in den Muskeln ankommt ist willkommen für die letzten Kilometer. Die werden auch so hart genug.

Eigentlich unmissverständlich - Wegweiser der Sollingquerung
Eigentlich unmissverständlich – Wegweiser der Sollingquerung

Hinab geht’s zum Büffet

Immer weiter geht es jetzt abwärts. Nach 44 km verlasse ich die Forsstraße, laufe weiter auf einem Trampelpfad und finde mich dann in einem kleinen Tal wieder. Rechts fließt ein Bach. Trotz der Erschöpfung ist es wunderschön. Ich stelle mir vor, dass es bis zum Vereinsheim jetzt nur noch auf diesem Weg weitergeht. Pustekuchen! Unversehens zweigt ein Pfeil nach links. Dort ist eine Art Hohlweg zwischen zwei Wällen. Die kurze und schlammige Steigung gehe ich hinauf, versinke kurz im Morast und gelange auf eine Straße. Ich erwarte, dass Vereinsheim zu sehen, aber so weit ist es noch nicht. Immerhin, die Ortschaft dort hinten kann nichts anderes sein als Dassel. Das! Ziel! Ist! Nah!

Die Flutlichtmasten sind die ersten Vorboten des Sportplatzes. In meinem akuten Zustand sind die Masten noch viel zu weit weg. Wie angeschlagen bin wird deutlich, als die Strecke noch einmal im rechten Winkel nach links abzweigt und mich in einem weiten Bogen zur richtigen Seite führt. Ich kann sehen, wo die Strecke verläuft und das macht mich fertig. Es sind nur einige hundert Meter, die ich überblicke, aber selbst das zwingt mich in die Knie. Konsequenz: Den Mini-Anstieg vor mir gehe ich. Es ist nur eine Welle im Gelände und dennoch zu viel für meine erlahmte Willenskraft. Dann laufe ich wieder. Unrund und mühsam, aber unaufhaltsam.

Die letzten Meter zum Ziel machen mich fertig
Die letzten Meter zum Ziel machen mich fertig
Geschafft! Dritter Platz bei der 10. Sollingquerung 2022
Geschafft! Dritter Platz bei der 10. Sollingquerung 2022

Ein Ordner weist mich an, rechts abzubiegen, damit ich zum Sportplatz komme. Das hätte ich natürlich selbst auch erkannt, aber es ist ein netter Service. Ich kann von hier das Streckenstück überblicken, das ich gerade hinter mich gebracht habe: Niemand zu sehen. Oder doch? Ist das ein Spaziergänger? Oder Läufer? Egal, ich bin bald da, so viel Boden kann ich gar nicht mehr verlieren, selbst wenn es der Vierte ist. Jetzt, so dicht vor dem Ziel, ist es mir plötzlich wichtig, den dritten Platz zu behalten. Auf den letzten zehn Kilometern hatte ich genügend mit dem Durchhalten zu tun und keine Zeit für dahingehende Überlegungen. Aber mit dem Ziel in Sichtweite hat sich das geändert.

Ich frage eine kleine Truppe von Zuschauern, die mir dankenswerterweise Applaus spendet, ob sie hinter mir jemanden ausmachen können. Dabei muss ich lächeln. Ich kann mich nicht ernst nehmen, freue mich gleichzeitig und bin wahrscheinlich eh schon ein bisschen Plemplem. Nein, da ist niemand. Dann bin ich auf dem Sportplatz, Tartanbahn, das Ziel ist in Sicht. Von einem Zielsprint, auch nur einem angedeuteten, kann keine Rede sein. Dann habe ich es hinter mir: Nach offiziell 4:15:06 Std. klatsche ich Ariën ab. Ich habe die Sollingquerung 2022 als Dritter hinter mich gebracht.

Reichlich dankbar lasse ich mich auf einen Stuhl sinken. Kurz quatsche ich mit Torben, der schon mehr als zehn Minuten im Ziel ist. Dann bin ich alleine mit meinen Gedanken. Heftige Übelkeit wallt in mir auf, nicht das erste Mal heute. Ich kämpfe sie nieder. Wäre doch schade, um das legendäre Büffet, mit dem die Sollingquerung alljährlich beendet wird. Darauf freue ich mich schon, mindestens seit ich vor 48 km in Bad Karlshafen gestartet bin.

Offizielle Website: https://sollingquerung.de
Ergebnisse: https://my.raceresult.com/152320/results
Teilnehmer: 87
Platzierung: Gesamt: 3. von 87
Altersklasse (M40): 1. von 11
Strecke: Der Punkt-zu-Punkt-Kurs beginnt an der Weser-Therme in Bad Karlshafen und führt von dort über den Solling bis nach Dassel. Gelaufen wird überwiegend auf breiten Forstwegen, gelegentlich auf Asphalt, manchmal über Single Trails. Je nach Witterungsverhältnissen kann es auf letzteren glitschig werden. Ein kleiner Abschnitt führt über einen Holzsteg über das Hochmoor Mecklenbruch.
In Summe sammelt man während des Laufs ungefähr 1.000 Höhenmeter, der höchste Punkt liegt bei etwas über 500 m über NHN. Die Anstiege sind überwiegend gut laufbar.
Organisation: "Offizieller" Treffpunkt mit Startnummernausgabe ist im Vereinsheim in Dassel. Hier können Kleiderbeutel deponiert werden. Per Bus erfolgt der Transfer zur Weser-Therme, dem Startpunkt des Laufs.
Die Anmeldung erfolgt online, die Zeitnahme über einen Transponder in der Startnummer, die man nach dem Lauf wieder abgeben muss.
Besonderes Augenmerk wird auf die Verpflegung der Teilnehmer gelegt. Schon vor dem Lauf kann man im Vereinsheim am Kuchenbüffet versacken, nach dem Lauf wird ein Italienischs Büffet aufgefahren. Auch auf der Strecke wird bestens und abwechslungsreich für Läufers Wohl gesorgt. Ein absolutes Highlight.
Stimmung: Die Stimmung ist familiär, viele Teilnehmer sind Wiederholungstäter. Auf der Strecke ist naturgemäß nicht viel los. Hat man Glück, erntet man für seine Leistung ein beifälliges Kopfnicken eines Wanderers. Oder ein Stirnrunzeln.