Die Magie einer neuer Bestzeit – 25. Misburger Volkslauf – 80er-Kind

Die Magie einer neuer Bestzeit – 25. Misburger Volkslauf

Gut, dass das Schicksal einem gewissen Entscheidungen abnimmt. Als ich nach dem Impfnachweis und dem Ausweis gefragt werde, muss ich erkennen, dass ich den 3-G-Nachweis nicht erbringen kann. Pass und Handy liegen zuhause. Es ist der Moment, in dem ich den Lauf innerlich kurz abhake. Es ist die Ausrede, die mir ganz gelegen kommt. Dann besinne ich mich eines Besseren. Meine Kinder starten eh und ich muss so oder so auf das Gelände. Auf dem Weg zum Auto rufe ich meiner Frau noch kurz zu, dass sie mich und die Kinder nachmelden soll, mache mich dann auf den Weg, die fehlenden Unterlagen zu holen.

So ist entschieden, heute bekomme ich meine Gelegenheit. Seit mindestens sechs Jahren probiere ich die 40-Minuten-Marke auf 10 km zu unterbieten und hatte die Hoffnung schon aufgegeben. Bis auf eine Sekunde war ich herangekommen, aber trotz großen Aufwands nie darunter. Erst als im Herbst eine unverhoffte Leistungsentwicklung eintrat, gelang es mir in Lissabon im Rahmen des Halbmarathons eine inoffizielle Zeit von ungefähr 39:05 min zu laufen. Ungefähr deshalb, weil es eben keine offizielle 10-km-Zeit gab. Zusätzlich zum inoffiziellen Charakter der Zeit, hatte sie noch einen weiteren Makel. Auf den ersten fünf Kilometern wies die Strecke ein teils starkes Gefälle auf, die Zeit war also nicht direkt fake, aber zumindest etwas zweifelhaft. Trotzdem hatte ich sie mir nur allzu gern notiert, das komische Gefühl aber nicht ganz ablegen können.

Das Ende der Ausflüchte und zu viel Zeit für Nervosität

Bis zuletzt hatte ich es als echte Option betrachtet, nur für die fünf Kilometer zu melden, um so dem Kampf um die Bestzeit entfliehen zu können, mir selbst eingeredet, dass das nach 110 Trainingskilometern eh besser wäre und ich ja sowieso nur Augen für den haj Marathon in drei Wochen haben sollte. Tja, daraus wird jetzt nichts, ich muss Farbe bekennen und es meinen Kindern nachtun, die sich auf verschiedenen Strecken voll reingehängt haben. Weil zwischen ihren Wettkämpfen und dem Start meines Rennens noch mehr als eine Stund liegt, hat die Nervosität genug Zeit zu wachsen. Meinen Kindern erzähle ich ganz ungeschönt, dass mir jetzt schon der Stift geht. Bestzeit laufen zu wollen, bedeutet immer auch sich zu quälen. Mancher mag es für bescheuert halten, sich so unter Druck zu setzen und sich zu schinden. Mir gibt das was. Der inzwischen verstorbene Peter Greif hat es sehr treffend ausgedrückt. Das Beste aus sich herausholen zu wollen, ist das Wesen des Sports. Eine Philosophie, die mir aus der Seele spricht, wenngleich ich über die Jahre das Laufen ohne Zeitdruck als Ausgleich genauso genießen kann.

Meine Kinder sind noch mit anderen Dingen beschäftigt, hängen ihren eigenen Leistungen nach und hadern vor allem damit, dass es die versprochenen Medaillen für den 2-km-Lauf nicht gab. Schlimmer noch: Nur für einige Laufgruppen. Eine Ungerechtigkeit, die sie nicht verstehen und wir nicht erklären können.

Warmmachen für den 10 km-Lauf beim 25. Misburger Volkslauf
Warmmachen für den 10 km-Lauf beim 25. Misburger Volkslauf

Das Kribbeln, das vor so einem Rennen einsetzt, gibt es eben nur bei diesen Gelegenheiten. Mit Lauf-ABC und einigen Warmmachübungen arbeite ich dagegen, dass aus der Spannung etwas Negatives erwächst. Nur nicht zu viel erwarten, keinen zu großen Druck aufbauen, nicht blockieren. Dann endlich geht es in den Startbereich. Einige vertraute Gesichter sind unter den Startern und Starterinnen, aber weil ich nicht weiß, wie gut das Rennen besetzt ist, stelle ich mich nicht in vorderster Front auf. Bloß nicht zur Lachnummer werden oder zum Bremsklotz für die Schnelleren. Die erste Überraschung gibt es beim Briefing. Anders als im Internet angekündigt, geht es bereits nach der ersten Runde auf der Stadionbahn hinaus in den Misburger Wald. Ich witzle mit meinem Nebenmann, dass das nach neuer Bestzeit klingt, weil wird die 3/4-Runde auslassen, die im Internet zum Streckenverlauf gehörte.

Bestzeit soll es in der Tat werden. Und dann wieder auch nicht. Ich bin in einem Dilemma gefangen zwischen Wunsch und dem, was ich mir wirklich zutraue. Die 39:05 min aus Lissabon unterbieten zu können, halte ich für unrealistisch. Die Form ist zwar so gut wie noch nie bei mir, aber so gut auch wieder nicht. Dafür fehlen einfach die drei Kilometer mit Gefälle. Heute geht es auf topfebener Strecke zur Sache, soweit ich weiß. Unter 40 min also, auch wenn mich das nicht so richtig antörnt. Weil das dann auch wieder keine richtig neue Bestzeit wäre. Ach, es ist zum Mäusemelken. Am besten halte ich mich an das, was ich mit meiner Frau besprochen habe: 3:55 min auf den ersten Kilometern und wenn ich auf den letzten zwei, drei Kilometern noch Reserven habe, Feuer frei.

Vor dem Start beim 25. Misburger Volkslauf
Vor dem Start beim 25. Misburger Volkslauf

Die Suche nach dem richtigen Tempo

Mit dem Startschuss ist die Zeit des Wankelmutes und des Nachdenkens dann passé, jetzt ist Handeln angesagt. Ziemlich schnell merke ich, dass ich zu den schnelleren Läufern zähle und ordne mich entsprechend ein. Als wir aus dem Stadion kommen, liege ich ungefähr an zehnter Stelle und suche noch mein Tempo. Die erste Kilometermarke erreiche ich nach 3:46 min. Das ist zu schnell, denke ich. Es fühlt sich zwar gut an, aber das ist noch ein weiter, weiter Weg bis ins Ziel. Wenn ich jetzt schon alle Körner raushaue, laufe ich Gefahr, am Ende einfach zu verpuffen. Ich drossle das Tempo und verfalle in einen schnellen, aber angenehmen Schritt. Die Uhr kontrolliere ich bewusst nicht zu oft, weil die Schwankungen hier im Wald, in dem ich mich inzwischen befinde, dafür einfach zu groß sind. Als der zweite Kilometer allerdings mit einer 4:02 min angezeigt wird, bin ich alarmiert. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Schnell lege ich einen Zahn zu, wenngleich ich annehme, dass ich eigentlich schneller war und der angesprochene schlechte Empfang des GPS-Signals im Wald für den „langsamen“ zweiten Kilometer verantwortlich ist.

Und wenn nicht? Wäre vielleicht trotzdem nicht schlecht, nachdem ich auf dem ersten Kilometer zu schnell war. Das würde im Schnitt jetzt in etwa mit dem Plan korrelieren. Alles gut also. Derweil zerstreuen sich meine Vorbehalte bzgl. des Streckenverlaufs. Generell, so scheint mir, lasse ich mich leicht verunsichern und bei der Streckenbeschreibung hatte ich wirklich einige Fragezeichen im Gesicht. Ganz unnötig, wie sich zeigt, die Strecke ist gut gekennzeichnet und Posten stehen an jeder Wegbiegung. Keine Gefahr also! Der dritte Kilometer lässt sich etwas bitten und zieht sich, 3:49 min. Ich bin wieder schneller geworden.

Seit ich nach 1,5 km den vor mir Laufenden überholt habe, ist es für mich inzwischen ein einigermaßen einsames Rennen geworden. Die Läufer hinter mir haben relativ großen Rückstand, die Dreiergruppe vor mir ist vielleicht 100 m entfernt. Vielleicht könnte ich in der Gruppe mitschwimmen, wenn ich an sie herankäme. Vielleicht würde es mich aber auch zerstören, wenn ich ihr Tempo mitliefe. Und um 100 m zuzulaufen braucht es schon einige Zeit, wenn man nicht gleich alle Ambitionen beerdigen möchte. Also laufe ich alleine weiter. Plötzlich liegt ein Koloss von einem Baum quer über den Weg und wie die Läufer vor mir, überwinde ich das Hindernis im Sprung. Für ein 10-km-Rennen hat das Ganze spätestens jetzt Trail-Charakter.

Ende der ersten 5-km-Runde beim 25. Misburger Volkslauf
Ende der ersten 5-km-Runde beim 25. Misburger Volkslauf

Kilometer vier bringe ich 3:51 min hinter mich und komme langsam wieder in den Start-/Zielbereich. Wie ich annehme, wird meine Familie mich hier erwarten, das wird mir Motivation sein für die zweite Runde. Und da sind sie! Meine drei ältesten Kinder heften sich an meine Seite und begleiten mich, solange es ihre Beine hergeben, was bei einer 3:30er Pace nicht für alle ganz einfach ist. Dass ich so schnell bin, merke ich gar nicht, aber die Uhr meines ältesten Sohnes dokumentiert meinen Zwischensprint, meine meldet indes eine 3:47 min für den fünften Kilometer. Das ist der Punkt, an dem meine Frau ernsthaft an meiner Renneinteilung zweifelt, wie sie mir später mitteilt. Ich hingegen fühle mich noch halbwegs gut. Immer wieder horche ich in mich hinein und habe den Eindruck, dass ich noch locker zwei oder drei Kilometer so weitermachen kann, den Rest kämpfe ich notfalls nieder. Im Vergleich mit ähnlichen Läufen, habe ich noch nicht annähernd so viel Laktat aufgebaut wie sonst zu diesem Zeitpunkt. Kurzum, es läuft.

Die Runde der Wahrheit

Sobald ich aus dem Stadion raus bin, kommen mir die hinter mir platzierten Starter und Starterinnen entgegen. Es sind einige. Ich kann nicht verhehlen, dass sich das auch ein bisschen motivierend auf mich auswirkt. Als ich Kilometer sechs sogar in 3:46 min. hinter mich bringe, beginnt mein Glauben zu wachsen. Ich kann hier heute das schnellste Rennen meines Lebens laufen, wenn ich nur halbwegs bis zum Ende durchkomme. Wie ich da so durch den Misburger Wald wetze, sinniere darüber, woher meine Leistungsverbesserung kommt, habe aber natürlich keine klare Antwort darauf. Ist mir auch fast egal und jetzt eh nicht der richtige Moment für eine Analyse. Mein Hirn funktioniert bei diesem Tempo sowieso nicht richtig. Wie sehr ich benebelt bin, dokumentiert, dass ich mich für kurz mit Cassidy aus Once a Runner vergleiche. Sauerstoffarmut halt. Zur Strafe für die Träumerei gibt es eine 3:55 min für den siebten Kilometer.

Aus der Dreiergruppe vor mir ist ein Läufer zurückgefallen und ich spüre, dass ich näher komme. Langsam nur, doch stetig. Es dauert fast zwei Kilometer, bis wir uns auf einer Höhe befinden. Nach einer 3:51 min für Kilometer acht, zeigt mir Uhr kurz nach meinem Überholmanöver eine 3:43 min für den vorletzten Tausender des Rennens. Ich vermute, dass ich sogar noch schneller unterwegs bin. Die Laufuhr des eben Überholten hatte den neunten Kilometer schon etwa 100 m vor mir signalisiert als meine eigene. Zeigt, dass ich mutmaßlich schon hundert Meter weiter bin. Aber das ist alles nur Beiwerk, ich konzentriere mich darauf, dass ich mich nicht noch vor dem Ziel abschieße und dränge den langsam zunehmenden Schmerz in eine Ecke meiner Wahrnehmung zurück.

Zieleinlauf beim 25. Misburger Volkslauf
Zieleinlauf beim 25. Misburger Volkslauf

Der überholte Läufer indes hat nicht abreißen lassen. Er ist meiner Anfeuerung gefolgt und wie von ihm angekündigt drangeblieben. Langsam tut es wirklich weh und ich bin froh, dass vor uns der Sportplatz auftaucht. Jetzt sind es vielleicht noch 500 m. Als mich meine Frau und meine Kinder sehen, brechen sie in Jubel aus und wieder heften sich drei von ihnen an meine Seite, laufen mit mir die letzte Runde durchs Stadion so weit sie ihre Füße tragen. Ich auf der Tartanbahn, sie auf dem Rasen. Jetzt bin ich endgültig am Anschlag, doch weil ich vor mir einen Läufer sehe, dessen Vorsprung jetzt massiv kleiner wird, lege ich noch eine Schippe drauf, halte den Schmerz zurück. Es wird nicht mehr reichen, um ihn noch einzuholen, aber das ist mir Einerlei, mir dient er nur als Motivation, die Platzierung ist mir vollkommen Wurscht. Deswegen stört es mich auch nicht, dass ich quasi noch auf dem Zielstrich vom zuvor überholten Läufer in einem wahrhaftigem Foto-Finish wieder eingeholt werde.

Die Magie einer neuen Bestzeit

Ich hämmere bei 37:32 min auf den Pauseknopf meiner Uhr – ein Reflex, der immer funktioniert – und lasse mich aufs Gras sinken. Atmen! Schmerz lass nach! „Wievielter bist du geworden?“, bestürmt mich mein Fünfjähriger, der zehnjährige beschwert sich, dass das Überholmanöver auf dem Zielstrich unfair gewesen sei, weil das im Kinderlauf untersagt gewesen ist. Meine Frau übernimmt das Antworten, weil ich noch nicht wieder sprechen kann. Sie sollen mich erst mal atmen lassen und dann spricht sie den Satz aus, der mir kurz Tränen in meine Augen schießen lässt: „So schnell ist Papa noch nie gelaufen!“. Mehr gibt es nicht zu sagen, genau so ist es. Meine Kinder können nicht ermessen, was das für mich bedeutet, Zeiten sind für sie weniger greifbar als es Platzierungen sind. Für Amateure wie mich sind Zeiten im Laufen aber alles, weil es so gut wie nie ums Siegen geht, höchstens um den Sieg über sich selbst.

Was es für das Selbstverständnis eines Läufers ausmacht, eine neue persönliche Bestzeit zu laufen, können nur Läufer nachvollziehen. Gerade für Ballsportler geht es jedes Wochenende um Sieg und Niederlage. Weil es beim Laufen aber keine Einteilung in Leistungsklassen gibt und Läufer aller Leistungsniveaus in einem Rennen an der Start gehen, stellt sich die Frage des Sieges für die allermeisten Läufer nie. Das ist der Grund, aus dem die Bedeutung der persönlichen Bestzeiten erwächst.

Vielleicht ist es eine Eigenheit von mir, dass ich mich nach einer neuen Bestzeit sogar anders sehe als zuvor. Ich bin kein besserer Mensch, aber mein läuferisches Selbstverständnis hat sich geändert, verbessert. Ich definiere mein laufendes Selbst neu, lege das alte Image des x-Minuten-Läufers ab und betrachte mich in einem anderen Licht. Das hat nichts mit Arroganz oder Selbstherrlichkeit zu tun. Es geht dabei ganz allein um das Bild, das ich von mir habe. Die Zeit, die man über eine bestimmte Distanz läuft, belegt eine bestimmte Leistungsfähigkeit und ordnet einen in eine Leistungsklasse ein. Dabei weiß man nie, ob man seinen Zenit nicht schon erreicht hat. Es ist das Äquivalent zu einem Aufstieg im Fußball. Eine einmal erreichte Leistungsmarke bleibt dabei bis zum Ende der „Karriere“ bestehen, Verschlechtern spielt da keine Rolle. Jemand, der einmal eine 1:30 Std. im Halbmarathon gelaufen ist, bleibt ein 1:30-Std.-Läufer oder zumindest ein ehemaliger Sub-1:30-Std.-Läufer. So wie ein Weltmeister im Fußball für immer Weltmeister bleibt.

Zwar bin ich heute nicht Weltmeister geworden, nicht einmal für den Sieg in diesem bescheidenen Volkslauf oder gar den Sieg in meiner Altersklasse hat es gereicht. Und trotzdem fühlt es sich so an, als hätte ich gerade etwas großartiges geschafft. Ich habe mich selbst geschlagen, eine Grenze unterboten, an der ich lange Zeit gekratzt habe. Das alles mag verständlicher machen, warum mir, einem 42-jährigen Familienvater von sechs Kindern, nach einem Volkslauf beinahe die Tränen kommen: Seit heute bin ich kein 40-Minuten-Läufer, ich bin ein 37-Minuten-Läufer.

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