30. edp Lissabon Halbmarathon – 80er-Kind

30. edp Lissabon Halbmarathon

Seit meiner Ankunft in Lissabon sind gerade erst 48 Stunden vergangen, doch liegt sie gedanklich schon eine halbe Ewigkeit zurück. Die Vielzahl der Eindrücke, die ich in dieser kurzen Zeitspanne aufgenommen habe, scheinen nicht in die zwei Tage zu passen, sie sind noch nicht verarbeitet und mir schwirrt noch immer der Kopf. Zwei Tage an denen nicht allein die Teilnahme an einem der schnellsten und bedeutendsten Halbmarathons der Welt stand, sondern nach langer Durstrecke zwei neue Bestzeiten und vor allem so vielfältig schöne Eindrücke, dass ich endgültig verliebt bin in die Stadt am Rio Tejo, der westlichsten Hauptstadt Europas.

Ein fast fataler Irrtum!

Am Bahnhof Campolide in Lissabon
Mit dem E-Roller auf dem Weg zum Bahnhof Campolide

Als mir meine App mitteilt, dass wir unsere Roller nicht direkt vor dem Bahnhof Campolide abstellen können, hake ich den Lauf geistig ab, denke, dass wir uns jetzt um ein touristisches Alternativprogramm Gedanken machen können. Der nächste Abstellplatz ist ein gutes Stücke entfernt, es sieht auf dem kleinen Kartenausschnitt sogar so aus, als müssten wir sie dorthin zurückbringen, wo wir sie geholt haben. Dann wäre es sicherlich unmöglich, noch rechtzeitig zum Start des edp Lisboa Meia Maratona zu kommen. Ein winziger Teil meines Verstandes kann damit gut leben. Es ist der Teil, der schon seit einer Woche gar nicht so sehr traurig gewesen wäre, hätte ich mich doch noch bei meinen Kindern angesteckt und eine Erkältung bekommen. Damit hätte ich die Ausrede, warum ich nicht auf Bestzeit laufen müsste, würde mich nicht dem damit unvermeidlich verbundenen Schmerzen und dem Risiko der Enttäuschung aussetzen. Der überwiegende Teil – der, der noch bei Trost ist – hält von dieser Sichtweise allerdings eher wenig. Der Halbmarathon ist der Anlass dieser Reise und das Verpassen des Startes nichts weniger als ein kleines Desaster. Es ist 9:30 Uhr und ab jetzt tickt die Uhr gegen uns.

Ein trostlose Marathon-Expo und viele Fragezeichen

Tags zuvor auf der Marathon-Expo im Pavilhao Carlos Lopes hatten wir sorgfältig die Hinweise zur Anreise zum Startpunkt gelesen. Für Halbmarathonläufer fuhr der letzte Zug um 9:52 Uhr am Bahnhof Campolide, dem nächsten Bahnhof auf der Nordseite des Rio Tejo ab. Den Stress wollten wir uns definitiv nicht geben, da waren wir uns einig gewesen. Da das Frühstück im Hotel aber erst um 8:30 Uhr serviert und der Bahnhof rund drei Kilometer entfernt von unserem Hotel lag, hatten wir wenig Spielraum. Alles ziemlich eng getaktet. Im Laufe des Samstags entschieden wir uns mangels echter Alternative die Strecke mit E-Rollern zu bewältigen. Dadurch würden wir ohne zusätzlichen Kraftaufwand bequem und rechtzeitig einen der zusätzlichen Züge erreichen, so unsere Überlegungen. Wenn die denn fuhren. Da waren wir uns bis zum Samstagabend unsicher. Denn die Online-Fahrplanauskunft wies keine der zusätzlichen Zugverbindungen auf, die wir auf dem Aushang auf der sonst ziemlich trostlosen Expo entdeckt hatten. Die gesamte Aktion in dem von außen so prunkvollen Gebäude war aufs Wesentliche reduziert: Einige Aushänge und die Ausgabe von Starterbeuteln, keine Gastronomie, kein Verkauf von Laufartikel, keine Werbung für andere Läufe. Schade, da hatte ich mehr erwartet. Erst im Laufe des Tages fanden wir auf der Website des Verkehrsunternehmens den Sonderfahrplan und hatten so wenigstens in diesem Punkt Sicherheit. Mit der Wahl der Roller als Transportmittel hatten wir auch einen vermeintlich sicheren Plan, der sich nun als Bumerang herauszustellen drohte und uns vielleicht den Start kosten würde.  

Der erste Sieg des Tages

Auf den letzten Drücker
Jetzt aber hurtig, sonst startet der Lauf ohne uns

Damit es nicht so kommt, suchen wir mit einem Auge auf dem Display des iPhones den nächstgelegenen zulässigen Parkplatz. Glück im Unglück! So weit entfernt vom Bahnhof entfernt wie zunächst gedacht, ist er nicht. Ein paar Minuten kostet uns das Abstellen dennoch. Und zum Bahnhof zurück müssen wir auch noch. Zu Fuß ist es nicht so weit wie durch die verwinkelten Straßen. Der Bahnhof liegt nämlich in einem Tal und die Straßen dorthin winden sich die Hänge hinauf und hinab. Ein knapper Kilometer ist es aber doch. Im Laufschritt nehmen wir die Treppen den Hang herab und sprinten dann Richtung Bahnhof. Es ist bereits 9:42 Uhr. Wir werden wohl doch den letzten Zug nehmen müssen. Doch wir haben Glück. Gerade als wir dort ankommen, fährt tatsächlich noch ein Zug ein – Zwischensprint, geschafft! Abgehetzt, aber dümmlich grinsend schaffen wir es tatsächlich, es ist unser erster Sieg es Tages und ich für meinen Teil fühle nun endgültig eine gewisse Hochstimmung. Egal, was heute noch kommt, jetzt bin ich schon froh, überhaupt teilnehmen zu können!

Fliegender Start auf der Brücke des 25. April

Start zum Lissabon Halbmarathon auf der Brücke des 25. April
Gerade noch geschafft – Start zum Lissabon Halbmarathon auf der Brücke des 25. April

Im Zug lässt es sich gut scherzen. Falsche Richtung, haha. Wir sehen natürlich, dass wir in die richtige Richtung fahren, die gigantische Hängebrücke über den Tejo ist unübersehbar. Der Zug ist zudem voller Läufer und Läuferinnen. Wir befinden uns also auf dem richtigen Weg. Am Bahnhof Pragal auf der Südseite des Tejo ist der Bär los. Tausende bewegen sich zum Start und wir schließen uns der Prozession an. Es ist 10 Uhr – 20 Minuten bis zum Start. Die Startlinie ist indes noch nicht einmal zu erahnen. Schemenhaft sehen wir die Statue Cristo Rei, dahinter muss sich der Start befinden. Da aber die Teilnehmer um uns ziemlich entspannt wirken, hetzen auch wir nicht. Als wir näher kommen, bestätigt sich, was wir schon geahnt haben. Eine Aufbewahrung für die Kleiderbeutel gibt es nicht, was vermutlich auch dem Streckenverlauf geschuldet ist. Der Startpunkt und das Ziel liegen kilometerweit auseinander. Dankenswerterweise hatte Nils sich sicherheitshalber bereit erklärt, mit Rucksack zu laufen. Er ist nicht so gut in Form, dass er auf Bestzeit laufen will und da macht ihm der Rucksack wenig aus. Die Läufer um uns entkleiden sich und werfen ihre Kleidung in Spenden-Container, die bereits überquellen. Es wird eine Punktlandung. Wir haben kaum Zeit für das obligatorische Selfie auf der Brücke und ein kurzes Abklatschen, dann verabschiede mich drängelnd nach vorne ins Starterfeld. Startblöcke gibt es nicht.

Laufen in Zeiten von Corona - Start auf der Brücke des 25. April
Laufen in Zeiten von Corona – Start auf der Brücke des 25. April

Meine Taktik steht seit gestern. Wobei Taktik zu hochtrabend ist für das, was ich vorhabe. Ich werde das Rennen schnell angehen und sehen, wie weit mich meine Beine tragen. Mangel an Schlaf kann heute als Ausrede nicht gelten. So lange wie heute Nacht habe ich lange nicht mehr geschlafen. Als sechsfacher Papa ist Schlaf ein hohes Gut und trotz der fast 24 Stunden, die wir seit den frühen Stunden des Samstags unterwegs waren, habe ich in der Nacht vor dem Lauf neun Stunden geschlafen. Reiner Luxus! Meine Taktik also ist nicht besonders ausgereift, sondern einfach drauflos. Ich komme nicht allzu weit im Feld nach vorne, ehe der Startschuss knallt. Während vorne schon die Post abgeht, stehe ich noch hinter der Startlinie, der ich mich schrittweise nähere. Ich habe mich links der Mittelleitplanke eingeordnet, Geisterfahrer quasi. Hier ist wesentlich weniger los. Trotzdem dauert es, bis ich loslaufen kann. Es sind quälende Sekunden, weil ich endlich meine PS auf die Straße bringen will. Sobald ich über die Startmatte bin, schlängele ich mich durch das dichte Feld und versuche möglichst schnell auf eine 4er-Pace zu kommen. Für ein kurzes Video reicht es trotzdem.

Der Blick von der Brücke ist unbeschreiblich. In einer Höhe von 70 Metern nähert man sich von Süden her der Stadt, deren bunte Häuser sich in einem bunten Durcheinander die Hügel hinaufziehen. Der Halbmarathon ist jährlich die einzige Gelegenheit für diesen Blick. Weil ich aber auch Ambitionen hege und die letzten Intervalle vor Lissabon außerordentlich gut waren, richte ich meinen Blick schon bald auf die Pacemaker. Die sind hier anders, als ich sie bisher kennengelernt habe. Nicht, weil sie Portugiesen sind. Sie tragen keine Fahnen mit Zielzeiten, sondern mit einer bestimmten Pace. Ich arbeite mich so schnell es geht an den Fähnchen 5 min, 4:45 min, 4:30 min und schließlich auch 4:15 min vorbei. Dafür brauche ich ungefähr zwei Kilometer, bin also ziemlich schnell unterwegs. Weil sich außer mir fast alle Läufer auf der geteerten Fahrbahn bewegen, kann ich schneller als gedacht meine Flucht nach vorne beginnen. Ich selbst laufe auf einer Art Gitterrost, der aber guten Halt gibt.

Boom! Die erste Bestzeit fällt

Auf dem ersten Kilometer bin ich trotz Gedränge und Video 3:57 min gelaufen, auf dem zweiten sogar 3:48 min. Dabei hilft, dass es vom Mittelpunkt der Brücke leicht bergab geht. Nach etwa zwei Kilometern habe ich das Ende der Brücke erreicht. Kurz geht es bergauf, dann auf den nächsten 2,5 km richtig bergab zur Avenida de India, die sich am Ufer des Tejo verläuft. Auch dank des Gefälles behalte ich das Tempo locker bei und erreiche die 5-km-Marke nach 19 Minuten. Das ist dann wohl eine neue Bestzeit! Gefällestrecke hin oder her, selbst wenn ich fünf Sekunden pro Kilometer draufschlage, ist das noch eine PB. Das beflügelt mich.

Neue Bestzeit über 5 km
Neue Bestzeit über 5 km – auch wenn die Uhr es etwas gut meint

Bei der 5-km-Marke gibt es erstmals Verpflegung. Das Wasser wird in 0,5 l PET-Flaschen gereicht, ungewöhnlich und wenig nachhaltig. Daraus trinken lässt sich aber unbestritten gut. Es geht nun nach Osten bis zur ersten Wendemarke, die ich bis gestern für die einzige hielt, bis die überdimensional Karte auf der Marathon-Expo mich aufklärte: Dass die Strecke als schnell galt, war mir hinreichend bekannt. Beweis dafür: Diverse Halbmarathon-Weltrekorde – so auch heute -, die hier aufgestellt wurden. Unter anderem von einem meiner Lieblingsläufer, Zersenay Tadese. Der zählte aber zu den Eliteläufern und die, so erfuhren wir beim Studium der Karte, liefen einen anderen Kurs. Auf der Karte entdeckt ich einige Eigentümlichkeiten, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Auch deshalb, weil ich im Vorfeld nicht viel Zeit fürs Studium der Strecke aufgewendet und mich nur flüchtig damit befasst hatte. Ich wusste, dass es sich um eine Wendestrecke handelt, war aber von nur einem Wendepunkt am östlichen Ende des Kurses ausgegangen. Die Wendemarke also, der ich nicht jetzt näherte. Würde ich diese erreicht haben, wartete aber noch eine weitere am anderen Ende der Strecke. Anders als ich es mir gedachte hatte, endetet die Strecke nicht sofort am Padrão dos Descobrimentos – dem Entdeckerdenkmal -, zunächst würde man in westlicher Richtung daran bis zur zweiten Wendemarke vorbeilaufen. Erst dann sollte es von dort erneut zum Denkmal und somit zum Ziel gehen. Aber sei’s drum. Verlaufen würde ich mich nicht, das ist bei großen Stadtmarathons – anders als bei Trailläufen – eh nahezu ausgeschlossen. Für mich ging es jetzt nicht darum, den richtigen Weg zu finden, sondern sich die Kräfte gut einzuteilen und die Pace wenigstens bis zur 10-km-Zwischenzeit zu halten. Oder wenigstens nicht allzu viel Tempo rausnehmen zu müssen.

Inzwischen hatte ich die Pacemaker für 4 min eingeholt und schloss mich der Gruppe an. Jetzt will ich es im Vergleich zu den ersten 5 km etwas langsamer angehen lassen und vom Laufen in der Gruppe profitieren. Trotzdem spürte ich jetzt schon deutliche Ermüdung. Die folgenden zwei Kilometer laufe ich leicht unter 4 min. Die Wende erreiche ich nach 7,6 km, nur noch 2,4 km bis zur nächsten Bestzeit! Das ist jetzt mein Ziel. Ich habe lange versucht, die 10 km unter 40 Minuten zu laufen und hatte eigentlich schon damit abgeschlossen. Bei 40:01 min steht meine Bestzeit, aber die wird heute fallen, das ist absehbar. Meine Anstrengung fokussiert sich genau auf diese Marke. Wenn ich es schaffe, unter 40 Minuten zu bleiben, dann habe ich etwas erreicht, egal, wie das Rennen heute ansonsten noch verläuft. Seit dem Marathon in Mainz 2019 habe ich keine Verbesserung auf den Strecken bis zur Marathondistanz mehr erzielt. Das wurmt mich schon seit Längerem und gerade die 40:01 min ist mir schon lange ein Stachel im Fleisch. Ich bleibe exakt im 4er-Schnitt, laufe ja nun auch artig den Pacemakern hinterher, da sind die Ausschläge halt nicht sonderlich groß.

Achter Kilometer geschafft, dann ruft mir jemand etwas zu. Es ist Nils, der auf der anderen Seite der Strecke unterwegs ist. So weit zurück ist er nicht, er ist schneller als gedacht. Eigentlich hatten wir diesen Lauf schon im Frühjahr 2020 machen wollen, dann kam Corona. Dann halt jetzt! Schade nur, dass Nils aktuell nicht in bester Form ist. Trotzdem hatte er nicht gezögert, als ich ihn fragte, ob er mitkommen würde. Abreise mitten in der Nacht, Abflug 6 Uhr morgens in Berlin zum Trotz. Für mich bedeutete dieser Lauf viel und ich wäre auch allein geflogen. Es sollte für mich der erste Lauf im Ausland sein seit meinem Auslandssemester in Finnland 2008. Aber das war ohnehin nicht vergleichbar. Damals war ich ungebunden, verband nichts mit dem Ort, an dem ich lief, außer dass ich dort mein Auslandssemester absolvierte und der Lauf zufällig in diesen Zeitraum fiel. Der Halbmarathon in Lissabon war einer der wichtigsten Halbmarathons der Welt und vor allem war die Stadt für mich ein bedeutungsvoller Ort voll Erinnerungen. Die erste gemeinsame Reise mit meiner Frau führte mich hierhin und auch die erste Reise mit unserem ersten gemeinsamen Kind. Wenn man so will, schließt sich mit dem Lauf heute ein Kreis. Nach Frau und Kindern ging es heute um die dritte Liebe, das Laufen.

Jetzt bin ich ein Sub-40-Minuten-Läufer

Und auch die Bestzeit über 10 km fällt, steht ab heute bei 39:05 min
Und auch die Bestzeit über 10 km fällt, steht ab heute bei 39:05 min

Auch auf dem neunten Kilometer halte ich das Tempo, muss mich ganz schön quälen. Klar ist mir, dass ich dieses Tempo keinesfalls bis ins Ziel durchhalte. Ich verheize mich für die PB über 10 km, das ist mir vollends bewusst, auch wenn ich sonst ziemlich im Tunnel bin. Das 10-km-Schild kommt in Sicht, ohne dass hier eine offizielle Zeitmessung installiert wäre. Mist! Darauf hatte ich gehofft. Dann hätte ich die Zeit später exakt und offiziell dokumentiert. Dann muss ich eben selbst so genau wie möglich sein. Weil meine Uhr schon kurz vor dem Schild meldet, dass die Distanz von 10 km erreicht wäre, stoppe ich am Kilometerschild noch eine manuelle Runde. So habe ich die exakte Zeit beim Passieren der 10-km-Marke: 39:05 min.

Tatsächlich jubele ich kurz, indem ich meine rechte Hand zur Faust balle und in die Luft stoße. Wer mich sieht, wird sich fragen, was mit mir los ist. Leider bleibt jetzt nicht viel Zeit für mich, meinen Erfolg auszukosten, ich habe noch ein Rennen zu laufen, von dem ich nicht einmal die Hälfte hinter mir habe. Schlagartig stürze ich in ein tiefes Loch, als mir das klar wird. Nicht einmal die Hälfte! Ich habe viel Kraft verpulvert und mit dem Erreichen der 10-km-Marke ist auch das Ziel weg, dass mich auf den letzten Kilometern angetrieben hat. Du hast zwei Bestzeiten in der Tasche, du kannst es jetzt ruhig angehen lassen, sagt der Teil meines Verstandes, der sich mit dem Verpassen des Starts hätte anfreunden können. Pfeif auf die Halbmarathon-Bestzeit!

Das lange Weg ins Ziel beginnt nach zehn Kilometern

Perfekte Bedingungen für den Halbmarathon
Die Voraussage: Perfekte Bedingungen. Bewahrheiten sollte sich die Prognose nicht.

Nicht doch! So bin ich nicht gestrickt. Ich werde das Ding hier nach Hause laufen und alles raushauen. Die Pacemaker für 4 min. ziehen mir jedoch davon, das Tempo kann ich nicht mehr mitgehen. Angedacht hatte ich vor dem Rennen einen Wunschschnitt von 4:05 min und daran versuche ich mich zu orientieren. Zunächst mal kommt aber ein Verpflegungspunkt. Ich nutzte die Gelegenheit, um mir großzügig Wasser über den Kopf und Körper zu gießen. Es ist warm geworden, die Wolkendecke früher aufgerissen als angekündigt. Die plötzliche Kühlung jagt einen kurzen Schock durch meinen aufgeheizten Körper. Dann ist auch der 11. Kilometer erledigt, fühlte sich kürzer an als die davor. Das lässt mich Mut schöpfen. Trotzdem blicke ich nur noch selten auf meine Uhr. Es ist jetzt weniger Taktieren als Durchhalten, da ist die aktuelle Zeit eben kein wichtiger Indikator. Wichtiger ist: Kann ich noch?

Ich befinde mich im Tunnel. Im übertragenen Sinne zumindest. Mein Blick geht mehr nach innen, als dass ich Augen für das, was sich abseits der Strecke befindet, hätte. Viel verpasse ich indes nicht. Ich liebe die Stadt, die Mischung aus maroder Bausubstanz und Moderne, die mittelalterlich engen Straßen, die Kacheln an den Häuserfassaden, die das Licht brechen und tausendfach zurückwerfen. Hier unten auf der Avenida de Brasil ist davon nicht viel zu sehen und Zuschauer, soweit ich das erfasse, haben sich nur wenige an die Strecke verirrt. Am Bahnhof Pragal, wo wir vor jetzt gut einer Stunde mit vielen anderen Läufern angekommen sind, hatte die Veranstaltung noch etwas von Volksfest. Jongleure und eine Band, ein buntes Gemisch und ausgelassene Stimmung. Davon ist unmittelbar an der Strecke nicht viel übrig. Seitdem wir die Brücke verlassen haben, führt uns der Kurs auf vielspurigen Straßen zwischen Stadt und Tejo. Das klingt malerisch, faktisch sind wir aber außerhalb der Stadt und vom Fluss trennen uns Bahngleise, Docks und Hafenanlagen. Zuschauer haben sich nur sporadisch an den Rand der Strecke verirrt, es sind wohl meistens Passanten, die zufällig an dem Lauf teilhaben, applaudieren oder gelegentlich aufmuntern.

Bei der nächsten Verpflegungsstelle ist es dann fast so weit. Ich habe schon die ganze Zeit gedacht, dass die Ausgabe der Flaschen ein gewisses Risiko birgt. Nicht alle Läufer halten sich daran, die Flaschen in den dafür bereitgestellten Containern zu versenken und auch den zahlreichen Helfern fällt immer mal wieder eine Falsche herunter. Das wird mir beinahe zum Verhängnis. Während ich gerade beobachte, wie ein Läufer vor mir die Flasche in hohem Bogen rücksichtslos auf die Fahrbahn ballert, latsche ich in vollem Lauf auf eine am Boden liegende Flasche, die unter meinem Tritt nach hinten katapultiert wird. Ich kann mich halten und komme nur kurz aus dem Rhythmus. Jetzt bin ich wieder wach. Gleich darauf passiere ich das Ziel, das rechter Hand etwas zurückgesetzt liegt. Man hört das Spektakel. Links befindet sich das Seefahrerdenkmal Padrão dos Descobrimentos und nicht mal 500 m dahinter der Torre de Belém. Es sind einige der größten Sehenswürdigkeiten der Stadt, an denen man hier vorbeiläuft.

Torre de Belém mit der Brücke des 25. April und der Statue Cristo Rei

Auch Distanzen sind relativ

Die Kilometer werden lang und länger, die Strecke ist eintönig. Umso mehr versuche ich mich auf das Laufen zu konzentrieren. Nachdem ich zwischendurch einige Läufer davonziehen lassen musste, habe ich mich nun stabilisiert, ich bin nicht zu hart eingebrochen, werde aber doch langsamer. Je näher ich dem zweiten Wendepunkt komme, desto mehr geht bei mir die Angst um, dass ich von den 4:15-Pacemakern überholt werde. Sollte das der Fall sein, würde ich kaum unter 1:30 Std. bleiben. Das ist mein Minimalziel. Als sich von hinten eine größere Gruppe nähert, bin ich sicher, dass das der Tross ist, der sich um die Pacemaker gebildet hat. Doch ich irre, es ist nur eine kleine Gruppe, vielleicht eine Laufgruppe. Mein Blick geht ab und an sehnsüchtig nach rechts auf die Gegenfahrbahn. Dort kommen mir die echten Rakten entgegen. Eliteläufer, die man daran erkennt, dass sie statt einer Startnummer einen Namen auf der BIB haben. Ich bin nur eine Nummer, eine unter fast 6.000. Wäre man nicht Sportsmann, man könnte einfach die Fahrbahnseite wechseln und sich so ein paar Kilometer sparen. Aber wer, bitte schön, ist im Amateursport so gestrickt? Niemand, sollte man meinen, wären da nicht immer wieder Berichte über genau solche Typen.

Die letzten Kilometer des Lissabon Halbmarathons
Die letzten Kilometer des Lissabon Halbmarathons

Irgendwann erreiche ich den zweiten Wendepunkt – noch knapp vier Kilometer bis zum Ziel. Es werden vier harte. Plötzlich bläst mir Wind entgegen, den muss ich bisher im Rücken gehabt haben. Das macht es nicht einfacher und ich bin doch ohnehin schon am sterben. Mein Puls liegt im oberen 180er-Bereich. Klingt beängstigend, ist aber mein normaler Wettkampfpuls. Viel Reserve ist da trotzdem nicht. Das spiegelt auch das Gefühl in meinen Beinen wider. Während ich langsam in meine Einzelteile zerfalle, halte ich immer mal wieder Ausschau nach Nils, der müsste mir alsbald entgegen kommen. Aber er ist es, der mich zuerst sieht und mir einen Gruß zuruft. Dann versinke ich wieder in meiner Pein. Die letzten drei Kilometer sind angebrochen. Und wer kam auf die Idee, ausgerechnet hier einen Fotografen zu platzieren? Ich lächele, dann soll es auch mit dem Leiden einfacher werden, sagt der größte aller Läufer.

Was sind die letzten Kilometer lang! Auf dem 19. Kilometer bin ich so langsam wie auf keinem anderen Kilometer in diesem Rennen – 4:39 min/km. Vorhin hatte ich den Eindruck, dass die Abstände zwischen den Kilometerschildern nicht immer ganz passig sind, jetzt ist es aber definitiv mein subjektives Empfinden, das die Kilometer länger werden lässt. Kilometer 20 ist wieder etwas schneller, das absehbare Ende macht es einfacher. Endlich kommt das Ziel in Sicht oder das, was ich für das Ziel halte. Verschiedene mit Luft gefüllte Bögen überspannen die Straße, aber im Näherkommen sehe ich die Läufer vor mir links abbiegen. Das Ziel liegt also nicht unter den Bögen, sondern hinter der Kurve. Mann ey! Diese zusätzlichen Meter werde ich jetzt auch noch schaffen, aber meine Beine schreien: Stopp!

Im Ziel kommen die Tränen und ein Kamerateam

Jetzt aber wirklich, das Ziel liegt nur noch wenige Meter entfernt, in Sichtweit des Hieronymusklosters. Ich jubele. Warum genau? Der Bestzeiten wegen? Weil es zu Ende ist? Wegen der guten Halbmarathonzeit? Von allem ein bisschen. Wie meine Endzeit ist, weiß ich in diesem Augenblick noch gar nicht. Erst als ich einige Schritte später die Ziellinie überquere und meine Uhr stoppe, weiß ich bescheid. 1:27:43. Std. nach offizieller Messung. Das ist meine drittbeste Zeit, eine gute Minute über meiner Bestzeit. Aber gut, ich bin sehr zufrieden. Nein, das ist untertrieben. Ich bin so glücklich, dass ich mehrmals Tränen unterdrücken muss. Sie schießen mir trotzdem in die Augen, als ich mit meiner Frau schreibe. Auch meinen großen Kindern schreibe ich im Überschwang, ich möchte meine Freude mit ihnen teilen. Endlich bin ich ein „Sub-40-Läufer“, das ist es, was mich so glücklich macht. Seit Jahren geht mir ein dümmlicher Satz aus einem Laufforum nicht mehr aus dem Kopf, das Jogger und Läufer sich an der 40-Minuten-Marke scheiden. Obwohl ich mir im Klaren darüber bin, dass das eine provokante und dumme Definition ist, hat sie mich verfolgt. Nicht, weil sie mich als Läufer definiert. Da gibt es ganz andere Kriterien: Leidenschaft, Regelmäßigkeit, Liebe zum Laufen und noch viele mehr. Die 40 Minuten stellten für mich einer Grenze dar, die im Rahmen meiner Leistungsfähigkeit eine besondere darstellt. So wie die 20 Minuten auf 5 km und 1:30 Std. für den Halbmarathon. Insgeheim hatte ich schon abgeschlossen damit, diese Grenze je zu unterschreiten. Das ist es, was mich so glücklich macht.

Siegerpose am Padrão dos Descobrimentos
Siegerpose am Padrão dos Descobrimentos
Pasteis de Belem!
Pasteis de Belem!

Während ich dann auf Nils warte, kommt ein Kamerateam auf mich zu und spricht mich auf Portugiesisch an. Ich antworte auf Englisch und sie bitten mich, ein Interview auf Englisch zu geben. Ich erzähle, was ich gerade fühle, von meinen beiden Bestzeiten und einem fantastischen Erlebnis, verschweige die bisweilen öde Strecke, weil das für mich gerade keine Bedeutung hat. Außerdem bin ich ein glücklicher und netter Gast.

Alsbald kommt auch Nils ins Ziel. Gemeinsam geht’s zur Medaillenübergabe. Cheerleader beklatschen uns und die tausenden Läufer. Das tut gut. Wir greifen uns die gereichten Beutel, die enttäuschend leer sind und bekommen eine Banane in die Hand gedrückt. Wasser und das verhasste Bananenkotelett , das ist die enttäuschende Zielverpflegung. Dann sorgen wir halt selbst für eine standesgemäßere Verpflegung. Wir verlassen das Gelände, holen uns ein Siegerbier und erholen uns im Jardim Vasco da Gama. Als der Hunger kommt, gehen wir zu Pasteis de Belem, der legendären Pastellaria. Nur hier gibt es die original Pasteis de Belem nach einem Rezept von 1837. Ein Genuss, der nach dem Lauf sogar noch größer ist. Es ist der Auftakt zu einer kleinen Siegesfeier, die am Nachmittag folgt. Es ist unser letzter Tag in Lissabon, ehe wir frühmorgens zurück müssen. Eines steht nach diesem kurzen Wochenende aber felsenfest: Ich habe mich endgültig verliebt in die sehr edle und stets treuergebene Stadt Lissabon, wie es im Stadtwappen heißt. 

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