In 56 km auf dem Fishermanstrail um den Plauer See

Bam! Bam! Bam! Jemand donnert gegen eine der Türen auf dem Flur des Hotels, in dem ich die Nacht vor dem 9. Fishermanstrail verbringe. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt bin ich vor einer guten Stunde in Malchow angekommen, habe hervorragend gegessen und liege auf dem Bett. Für den morgigen Wettkampf habe ich alles vorbereitet und es gibt nichts mehr, was ich tun könnte, außer ausruhen. Es war ein langer Tag und die Fahrt hat mich ermüdet. Kurz vor 19 Uhr hatte ich meine Startnummer beim „Fisherman“ in der Alten Fischerei in Alt Schwerin abgeholt. Dort wird morgen der 9. Fishermanstrail starten und enden, ein Ultralauf über rund 56 km um den Plauer See.

Das wuchtige Klopfen an die Tür – ich vermute, es ist einer der anderen Läufer, die hier übernachten – hat den Lärm dahinter zum Verstummen gebracht. Wenigstens das! Ich hatte mich auf den Luxus einer ungestörten Nacht gefreut. Das ist mit 10 Monate alten Zwillingen seltener gegeben, als mir das lieb ist. Je länger ich auf dem Bett liege und mir noch einmal das Briefing mit den Schlüsselstellen ansehe, bevor ich zu einer seichten Dokumentation im Fernsehen übergehe, dämmert mir, dass es mit der ruhigen Nacht nichts werden wird. Mein Zimmer geht zur Straße raus, Kopfsteinpflaster davor. In unregelmäßigen Abständen rattern PKW vorbei. Nachts werde ich immer wieder deswegen geweckt.

Eisentabeltte, Kopfschmerztablette, Läuferfrühstück

Der Morgen beginnt früher für mich als geplant, ich bin vor dem Wecker aufgewacht und habe leichte Kopfschmerzen. Das harte Kissen und die Luft im Zimmer. Das schreit nach einer Dusche und Ibuprofen. Noch schnell die Eisentablette schlucken, dann geht’s zum Frühstück, das es nur schon so früh gibt, weil ich mir das Hotel mit einigen anderen Startern teile. Es ist sechs Uhr morgens. Über die Tische hinweg beginne ich ein Gespräch mit einem Frühstarter. Dank Corona müssen wir getrennt sitzen. Er hat sich für den vorgezogenen Start um 7 Uhr entschieden und isst entsprechend hastig. Als er sich verabschiedet, meint er, ich würde ihn sicher noch einholen. Sicher nicht! Kurz gerechnet: Um 60 Minuten aufzuholen, müsste ich jeden einzelnen Kilometer des Ultramarathons mehr als eine Minute schneller laufen. Unwahrscheinlich, egal wie langsam er läuft! Ich habe reichlich Zeit, das üppige Frühstück zu genießen. Wobei ich so früh noch nicht viel herunterbekomme und mit Blick auf den vollen Bauch beim Laufen auch nichts riskieren möchte. Die Auswahl ist allerdings umwerfend. Schade, so viel unangetastet lassen zu müssen.

Schaulaufen in Malchow vor dem 9. Fishermanstrail
Schaulaufen in Malchow

Noch eine Stunde bis zum Start und ich habe nichts mehr zu tun. Ich checke aus und verstaue meine Siebensachen im Auto. Weil die Sonne im Begriff ist aufzugehen, mache ich noch eine kleine Fotoseshion, bemerke dann, dass ich tatsächlich etwas spät dran bin. Wie konnte das denn jetzt passieren? Um ca. 7:45 Uhr soll ein gemeinsames Foto des Starterfeldes vor dem Restaurant in Alt Schwerin geschossen werden, da muss ich mich ranhalten.

Vor dem Start des 9. Fishermantrails
Vor dem Start des 9. Fishermantrails

Es wird knapp, aber ich schaffe es gerade so rechtzeitig, parke mein Fahrzeug auf dem letzten Zipfel des Seitenstreifens und bereite mich vor. Letzter Klobesuch, Ausrüstung anlegen und verstauen, Foto. Ich schlottere. Die Temperatur liegt trotz strahlendem Sonnenschein um den Gefrierpunkt.

Nach flottem Start gibt es einen Vorgeschmack auf den vor uns liegenden Trail

Pünktlich um 8 Uhr setzen wir uns in Bewegung. Das Feld ist übersichtlich, rund 60 Starter und Starterinnen haben sich eingefunden. Weil ich in einer Art Führungsgruppe laufe, lasse ich mich zu einem Schritt animieren, der flotter ist als geplant. Mich erstaunt, dass mit mir locker 20 andere Läufer und Läuferinnen ebenso schnell laufen. Erstaunlich deswegen, weil ich mir die Ergebnisse aus dem Vorjahr angesehen und festgestellt habe, dass mit meinem geplanten Schnitt von 5:30 min/km ein Platz unter den ersten zehn Startern möglich ist. Wenn ich das denn durchhalte. Heute ist also entweder eine Reihe relativ guter Ultraläufer dabei oder der eine oder die andere überschätzt sich.

Das Starterfeld des 9. Fishermantrails vor dem Plauer See
Das Starterfeld vor dem Plauer See ©Fishermanstrail

Gleich zu Beginn gibt es einen Vorgeschmack auf das, was die nächsten 20 km auf uns wartet. Es geht auf einen sog. Single Trail. Wir laufen also über einen Pfad, der gerade breit genug ist für eine Person. Das fordert Konzentration und für den Blick auf das Wasser, auf dem sich die aufgehende Sonne tausendfach bricht, bleibt nicht viel Spielraum, es sei denn, man ist an einem unfreiwilligen Bad oder einer Bauchlandung interessiert. Schon auf dem ersten Kilometer trete ich in ein Loch, kann mich aber fangen. Das war knapp. Ein Treppe bringt uns in eine Siedlung. Die Straße heißt nicht umsonst Seeblick, die Häuser hier sind so imposant wie ihr Blick auf das Gewässer. Eine Vorhut hat sich direkt verirrt, ist zu früh rechst abgebogen und kommt uns aus einer Sackgasse wieder entgegen. So viel Hektik hätte ich nicht erwartet und es scheinen doch mehrere Läufer mit Ambitionen am Werk zu sein. Zumindest spricht ihr gehetzter Blick nach dem unfreiwilligen Umweg Bände.

Eine Zeit von fast exakt fünf Minuten für den dritten Kilometer ist für mich das Signal, langsamer zu werden. Klar, ich könnte pokern und ausprobieren, wie weit ich bei dem Tempo komme. Oder ich richte mich nach dem vorher gefassten Plan, nicht schneller zu laufen als bei meinem Rekordlauf über 50 km vor zwei Wochen. Ich werde bewusst langsamer. Doch so richtig gelingt es mir nicht. Zu sehr lasse ich mich von den anderen mitziehen und Euphorie ist auch mit dabei. Ich fühle mich richtig gut, besseres Wetter könnte es nicht geben und ich bin einfach nur glücklich mitlaufen zu können.

Kurz nach dem Start steigt die Sonne über die Baumwipfel - 9. Fishermanstrail
Kurz nach dem Start steigt die Sonne über die Baumwipfel

Noch vor rund einer Woche stand der Lauf auf der Kippe. Wegen krankheitsbedingter Ausfälle im Umfeld des Organisators sollte er verschoben werden. Nach einem längeren Hin-und-Her wurde dann zugunsten des Laufes am ursprünglichen Datum entschieden, ohne die kulinarischen Begleitaktionen, für die der Fishermanstrail eigentlich bekannt ist. Sei’s drum. Mir ging es wie vielen anderen, der Lauf lag mir am Herzen, das Drumherum war nur nettes Beiwerk, für das ich ohnehin keine Zeit gehabt hätte. Nach dem Lauf, so hatte ich es vor, würde ich nach Hause fahren, wenn meine Verfassung eine dreieinhalbstündige Autofahrt zuließe.

Zurück zum Lauf. Es geht gen Süden, entlang der Uferlinie, den See zur Rechten. Quer über dem Weg liegende Bäume machen das Laufen zu einem Hindernisrennen. Nach seiner Markierungsrunde um den See, nannte einer der Organisatoren den Lauf angesichts der Sturmschäden ein Hindernisrennen. Für solcherlei Botschaften bin ich leider nur allzu empfänglich und ich hatte mir das Schlimmste ausgemalt. Bisher ließen sich die Hindernisse aber alle einigermaßen einfach überwinden, drüber, drunter oder drumherum. Wie das später aussehen würde, wenn die Beine und die Konzentration gelitten haben würden, würde sich noch zeigen.

Nach 9 km wartet am Fuß einer Anhöhe der erste Verpflegungspunkt. Ich lasse ihn links bzw. rechts liegen und nehme die Stufen auf die Lenzer Höhe. Herrlich! Neben mir fällt das Ufer geschätzte 15 Meter steil ab und es eröffnet sich ein atemberaubender Blick auf den See. Was für ein Glück ich habe, hier heute dabei sein zu dürfen. Es mag für Außenstehende widersinnig klingen, wenn sich einer darüber freut, 56 km laufen zu können. Für mich ist es aber wahrlich ein Geschenk, für das ich gerne bezahle.

Blick von der Lenzer Höh - 9. Fishermanstrail
Blick von der Lenzer Höh

Das Geläuf ist jetzt richtig technisch. Bedeutet: Augen auf und volle Konzentration. Wurzeln spicken den Weg, es geht auf und ab und manchmal wirkt der Weg wie ein ausgewaschenes Flussbett. Garniert wird das alles durch vom Sturm umgelegtes Gehölz. Das macht Laune! Hinter mir höre ich ein Duo, das näher zu kommen scheint. Hut ab, bei den Wegverhältnissen aufzuholen… Überholen ist hier hingegen unmöglich, es sei denn ich bleibe stehen und schlage mich in die Büsche. Das ist aber nicht notwendig, weil die Beiden nicht so schnell näher kommen.

Die erste Schlüsselstelle

Der Weg wird kurz laufbarer, dann geht es kurz vor dem Ortsschild von Zislow scharf nach links. Im Briefing wurde dieser Punkt als Schlüsselstelle bezeichnet, weil der Pfad leicht zu übersehen ist. In der Tat, ohne vorhergehendes Briefing hätte man trotz der gelben Markierung allzu leicht einfach daran vorbeilaufen können. Durch den Abzweig sind wir nun nicht mehr am Plauer See unterwegs, sondern am Großen Pätschsee. Entsprechend bewegen wir uns jetzt auf dem Pätschtrail. Nun wird sich zeigen, wie schlimm die Strecke heute wird. Auch hier hat schon ein simpler Kommentar im Internet ausgereicht, mich diesem Teilstück mit einem mulmigen Gefühl zu nähern. Wie geschrieben, ich bin für so etwas empfänglich und lasse mich ganz offenbar leicht verunsichern. Nicht in Bezug auf meine Leistungsfähigkeit, da habe ich nach den jüngsten Läufen ein gewisses Vertrauen getankt, auch meine Uhr hat mir vorhin eine gute Tagesform signalisiert. Von der Seite ist also alles optimal. Wäre da nicht die Sorge vor dem Trail.

Am Großen Pätschsee beim 9. Fishermanstrail
Am Großen Pätschsee

Der Pätschtrail beginnt, als würde er meinen Befürchtungen entsprechen wollen. Er ist so schlammig, dass der Matsch an meinem Laufschuh zieht. So schlimm ist der Untergrund aber nur kurz und es wird nach wenigen Metern gut laufbar. Wenn man denn vorsichtig ist. Über eine kleine Brücke kommen wir an den Großen Pätschsee, da kracht es hinter mir. Einer der beiden Läufer hinter mir, ist auf der Brücke zu Fall gekommen. Nach einem Blick zurück, entscheide ich mich weiterzulaufen. Der Läufer scheint mit dem Schrecken davongekommen zu sein. Schon kurz darauf höre ich das Duo wieder hinter mir. Wäre der Läufer alleine unterwegs gewesen, hätte ich mich zumindest nach seinem Zustand erkundigt.

Es ist wunderschön hier. Der kleine See liegt komplett verlassen in der Morgensonne. Leider bleibt nicht allzu viel Zeit für Blicke auf den See, der Trail fordert weiterhin Konzentration. Ich habe keinen Bedarf daran, mich ebenfalls lang zu machen. Als ein stark verästelter Baum den Trail blockiert, höre ich, dass die beiden Läufer hinter mir zurückbleiben. Vielleicht hat sich der Gestürzte doch verletzt? Ich laufe aus dem oben genannten Grund weiter, auch weil das Gespräch der beiden im lockeren Plauderton geführt wird und der eine dem anderen versichert, ihn gleich wieder einzuholen. Nichts Ernstes also.

Inzwischen habe zu einem anderen Läufer aufgeschlossen, als dieser mal kurz den See wässerte. Ich bleibe ein paar Meter hinter ihm, weil ich annehme, dass er insgesamt etwas schneller unterwegs ist, entscheide mich nach einigen Kilometern dann doch zum Überholen, weil ich tatsächlich schneller unterwegs bin, zumindest aktuell. Ich bin wieder am Westufer des Plauer Sees. Links von mir ist eine Böschung, rechts der See. Buchen und Eichen säumen das Ufer. So zieht es sich die nächsten fünf Kilometer, auf denen ich nach und nach mehrere Läufer hinter mir lasse. Ich bin jedes Mal zögerlich, ehe ich zum Überholen ansetze. Einmal fragt mich eine Läuferin, ob ich vorbei möchte und ich wiegele ab, ich würde noch warten, bis der Weg breiter wird. Ich will nicht als Drängler auffallen oder mich selbst zum Gespött machen, wenn ich jetzt vorbei presche und bei Kilometer 40 wieder eingeholt werde. Doch fühlt sich das aktuelle Tempo gut an, ich mich stark und deswegen mache ich einfach weiter.

Nebeneffekt ist, dass ich einigermaßen ins Schwitzen geraten bin, was angesichts der Eiseskälte heute Morgen fast ein wenig überrascht. Ich schiebe meine Ärmel hoch und kurzzeitig kommen Zweifel bezüglich meiner Kleidungswahl auf. Mein Oberteil hat keinen Reißverschluss und lässt sich nicht so mir nichts dir nichts ausziehen. Wenigstens Handschuhe und Mütze könnte ich ablegen, aber die müsste ich im Rucksack verstauen und das ist während des Laufens immer ein elendes Gefummel, dass mich aus dem Rhythmus bringt. Also lasse ich es bleiben. Läuferprobleme.

Wo genau geht’s zum Büffet?

Als wir die Halbmarathondistanz hinter uns haben, verlassen wir den Wald, sind kurz vor Bad Stuer. Hier muss der zweite Verpflegungspunkt sein und die einzige Streckenänderung, die der Sturm gefordert hat. Das Tal der Eisvögel soll ausgelassen werden, was ich für den Track auf meiner Uhr auch berücksichtig habe. Allerdings schaffe ich es trotzdem, mich zu verlaufen. Weil vor mir drei oder vier Läufer zu sehen sind, folge ich ihnen quer über eine sumpfige Wiese, dann eine Anhöhe hinauf. Dort bleiben zwei der Läufer stehen und ein wenig weiter voraus sucht eine weitere Läuferin leicht desorientiert nach dem richtigen Weg. Als die beiden Läufer vor mir das Wort an mich richten, schwant mir noch nichts Böses. Aber auf ihren Hinweis, dass wir uns verlaufen hätten, checke ich meine Uhr. Ja, sie haben recht. Der richtige Weg liegt ein Stück weiter links neben uns. Wir haben uns parallel dazu bewegt und ungewollt etwas abgekürzt und den zweiten VP umlaufen. Den beiden Läufern scheint das größeres Unbehagen zu bereiten, sie wollen unbedingt zum VP. Die Frau scheint unschlüssig. Ich sage, dass wir notfalls die kleine Abkürzung einfach hinten dranhängen. Das überzeugt sie.

Ich selbst bin nicht so restlos überzeugt und mein schlechtes Gewissen nagt an mir. Nur für die Verpflegung zurückzulaufen, halte ich für unnötig. Aber was ist, wenn das ein richtig guter Lauf wird und ich stehe nachher im Verdacht, abgekürzt zu haben? Klar, mindestens den drei anderen Läufern ist der selbe Fehler unterlaufen, ich bin also nicht alleine. Trotzdem, ich bin ein großer Verfechter von Ehrlichkeit und möchte mich auf keinen Fall mit fremden Federn schmücken. Das könnte ich einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Aber weil ich auch nicht weiß, ob und wenn ja, wie viel wir abgekürzt haben, laufe ich weiter. Mit jedem Schritt, den ich weiterlaufe, untermauere ich meine Entscheidung und schließe einen Kompromiss mit mir. Im Fall der Fälle könnte der Veranstalter ja einfach etwas Zeit bei mir hinzuaddieren oder ich hänge wirklich noch eine kleine Runde dran.

Die Frau und ich laufen die nächsten Kilometer gemeinsam. Oder sowas in der Art. Das ist weniger angenehm, als man sich das vorstellt. Ich bin beim Laufen gerne mit mir allein und nicht der Gesprächigste. Deswegen kann ich mich nicht entscheiden, wie ich mich verhalten soll. Zunächst packe ich einen Riegel aus, damit ich was zu tun habe. Es ist meine erste Verpflegung nach nunmehr 23 km. Das hatte ich mir anders vorgenommen, den Zeitpunkt dann aber doch immer weiter hinausgeschoben. Nach dem Motto, je später die Belohnung, desto weniger ist noch zu laufen. Nicht clever, ich weiß. Als ich aufgegessen habe, stellt sich für mich wieder die Frage, wie ich mich verhalten soll. Soll ich Smalltalk anfangen? Hinter ihr laufen? Neben ihr? Oder überholen? Zuerst laufe ich eine Weile hinter ihr, habe dann aber das Gefühl, dass sie langsamer wird. An einem Hügel laufe ich also kurzerhand an ihr vorbei. Das geht nicht auf, denn auf dem Weg den Hügel hinab beschleunigt sie und behält das Tempo bei. Langsam aber sicher zieht sie mir davon. Ok, somit hat sich mein Dilemma erledigt. Derweil haben wir die ersten Ausläufer von Plau erreicht.

Das spürt man auch am zunehmenden Strom der Spaziergänger auf dem jetzt asphaltierten Weg. Einer fragt mich, ob wir um den See laufen und äußert Anerkennung, als ich bejahe. Selbst so kleine Beifallsbekundungen tun gut. Der Charakter des Laufs hat sich urplötzlich verändert, die anspruchsvollen Trails liegen hinter uns. Links des Fahrradweges befinden sich allerhand ansehnliche Anwesen. Ich staune, ich beneide. Auch auf das Bier bin ich neidisch, das ich im Vorbeilaufen herrenlos auf einem Gartentisch stehen sehe. Später, als Belohnung vielleicht, tröste ich mich. Nach etwa 30 km steht ein Herr am Weg und spendet Applaus. Ich halte ihn für einen weiteren Spaziergänger. Erst als er mir mitteilt, dass eine Frau ungefähr eine Minute vor mir liegt, merke ich, dass er wohl irgendwie mit dem Lauf verwoben ist. Die kann gerne vorauslaufen, sage ich. Sie ist schneller und läuft mir gerade akkurat davon. Der Mann hat mir noch etwas hintergerufen. Ich frage höflich „Wie bitte?“ zurück, weil ich mit „Sieben!“ nichts anzufangen weiß. Noch einmal wiederholt er. Und ich brauche einen Augenblick, bis ich begreife. Ich bin Siebter!

Lasst die Spiele beginnen

Mein lieber Mann! Das ist ja geil. Ich denke kurz darüber nach, ob ich das meiner Frau und den Kindern mitteilen kann. Fotos habe ich aus dem Laufen heraus schon geschossen, aber eine SMS schreiben? Vielleicht über die Diktatfunktion. Ey, ich bin schon dreißig Kilometer gelaufen und liege aktuell auf Rang 7! Ich möchte meine Freude teilen. Erst gestern hatte ich auf dem Nachhauseweg mit meinem Fünfjährigen darüber gesprochen, dass ich mir vorstellen könnte, unter die ersten zehn zu kommen, wenn alles perfekt liefe. Wichtiger aber sei, dass man beim Laufen seine eigene Ziele erreiche und bei einem so langen Lauf wisse man eh nie, was passiert. Und das stimmt ja auch. Ich täte gut daran, die Kirche im Dorf zu lassen und weiterzulaufen. Es ist ja gerade mal die Hälfte des Laufs geschafft.

Ich beginne ein Spiel zu spielen, sage mir, dass ich bis Kilometer 35 auf dieser Position bleiben möchte und bringe so die nächsten Kilometer rum. Jede Ablenkung, die die Entfernung zum Ziel schrumpfen lässt, ist willkommen. Wie sehr sich der Lauf verändert hat, merke ich nach 32 Kilometern. Der Kurs führt nun kurzzeitig entlang der Bundesstraße 103 durch Plau. Ganz kurz stößt mich der Anblick ab und ich bin froh, dass es gleich darauf hinter der Brücke über die Elde wieder in ruhigere Gefilde geht. Unmittelbar hinter der Brücke geht es eine Treppe herunter, eine Stelle, die ich mir im Vorfeld notiert hatte, um sie ja nicht zu verpassen. Unten geht es auf einer Art Promenade weiter. Eine Passantin versichert mir, dass ich noch sehr flüssig laufe. Das geht runter wie Öl und wenn ich ehrlich bin, dann fühle ich mich auch so. Locker und flüssig.

Zwischen Kilometer 32 und 34 lässt meine Uhr sich seltsam viel Zeit, mir Kilometer 33 zu signalisieren. Was ist da los, ich hätte doch schon längst 33 km voll haben müssen? Im Navigationsmodus kann ich die zurückgelegte Distanz nicht sofort sehen, müsste dafür erst die Anzeige wechseln. Das ist kein großes Problem, aber ich verzichte darauf. Wird schon alles passen. Beim nächsten Piepen ist klar, was lost ist. Ich habe das letzte Signal einfach überhört und ich habe schon 34 Kilometer hinter mir. Hach, wenn das nur immer so wäre.

Weil die Strecke in einem 90°-Winkel abknickt, kann ich ohne einen Schulterblick prüfen, ob jemand hinter mir läuft. Tatsächlich kann ich einen Läufer erkennen, der in einem Abstand von geschätzten 400 – 500 Metern hinter mir läuft. Ob er sich nähert oder zurückfällt, weiß ich nicht, weil ich vorher nie zurückgeblickt habe, weil es mir bisher nicht so wichtig war und ich mein eigenes Rennen gelaufen bin. Seitdem ich allerdings mit mir selbst spiele, hat mich der Gedanke an einen Top-Ten-Platz gefangen genommen. Der übt einen gewissen Reiz auf mich aus. Mein Ego ist getriggert.

Auch den dritten Verpflegungspunkt lasse ich links liegen und schlage selbst die freundliche Aufforderung, mal Pause zu machen, in den Wind. Ich hätte alles und brauche keine Pause, entgegne ich. Klang ein bisschen arrogant, denke ich etwas später. Naja, es ist halt wahr. Wozu soll ich denn stehenbleiben? Ich habe noch Gels und Getränke habe ich auch noch.

Beschwingt vorbei am 3. Verpflegungspunkt des 9. Fishermanstrail
Beschwingt vorbei am 3. Verpflegungspunkt des 9. Fishermanstrail © Fishermanstrail

Schwindel, Gefummel und die nächste Schlüsselstelle

37 km sind rum, als mich unvermittelt ein Schwindelgefühl überfällt. Schwindel trifft es eigentlich nicht richtig. Ganz kurz überfällt mich eine Art Mattigkeit, eine Lustlosigkeit, dann ist sie wieder weg. Seltsam. Hatte das mit dem Asphalt zu tun, den ich beim Laufen ins Auge gefasst hatte? Das hatte eine leicht hypnotische Wirkung gehabt. Wie dem auch sei, ich hoffe, dass das kein Anzeichen eines aufkommenden Einbruchs ist. Wegen zunehmender Wärme habe ich mich durchgerungen, die Handschuhe nun doch in den Rucksack zu stecken. Es wird das befürchtete Gefummel. Schon die Teile von der Hand zu lösen, ist gar nicht so einfach, sie dann in die Öffnung auf dem Rücken zu bugsieren, eine koordinatorische Aufgabe sondergleichen. Bevor es mir gelingt, landet meine eine leere Trinkflasche auf dem Boden. Kurz zurück, aufheben, weiterlaufen. Jetzt habe ich ein paar Meter der Abkürzung wieder gutgemacht. Na immerhin. Das Gefummel will keine Ende nehmen, aber am Ende habe ich nun beide leeren Trinkflaschen und die Handschuhe im Rucksack, die volle Flasche habe ich dafür in der Hand. Da hat sich die Zirkusnummer also doch gelohnt. Vielleicht wäre stehenbleiben auch eine Idee gewesen, aber man kennt das. Wieder loszulaufen, wenn man steht, ist eine ganz fiese Nummer.

Rechts geht’s weiter, weiß ich. Auch hier stimmt das Briefing. Kurz bevor man erneut auf die Bundesstraße gelangt, geht es durch ein kleines Waldstück, ehe es kurz nach Erreichen der 40-km-Marke doch über die Bundesstraße geht. Der Posten, der auf uns Läufer Acht gibt, fragt mich, wie viele wir denn seien. Auch hier muss ich nachfragen. Entweder arbeitet mein Hirn oder mein Gehör heute nicht richtig. Etwa 70 sage ich ihm, es kämen also noch ein paar. Das wird für ihn ein längerer Nachmittag, nehme ich an. Wenn ich Siebter bin, dürfte sich das noch hinziehen.

Zwei andere Läufer scheinen allerdings erst kürzlich vorbeigekommen zu sein. Zumindest sehe ich jemanden in einer neongelben Funktionsjacke, der abwechselnd geht und läuft. Entweder ein weiterer Posten oder ein Teilnehmer. Und davor ist noch jemand. Ich laufe an ihnen vorbei, grüße artig, bekomme aber nur eine gegrummelte Antwort zurück. Den Gruß hätte ich mir vielleicht verkneifen sollen, das ist möglicherweise falsch angekommen. Beim zweiten Läufer, den ich überhole, bin ich mir fast sicher, dass es sich um einen Frühstarter handelt. Der Mann ist älteren Semesters und ohne ihm zu nahe treten zu wollen, kann ich mir nicht vorstellen, dass es einer der führenden Läufer ist. Wobei Alter nicht vor Leistung schützt, das habe ich schon oft genug erlebt.

Der vor mir liegende Weg ist ein ziemlich matschiger Feldweg, der sich einen ordentlichen Hügel hinauf zieht. Bestens! So langsam dürfte es doch vorbei sein mit den kleinen, aber gemeinen Steigungen. Es hieß, dass es keine nennenswerten Höhenmeter auf der Strecke gebe und 250 Höhenmeter verteilt auf eine Distanz von 56 km, sind in der Tat nicht viel. Aber dennoch tut jeder Hügel weh und ich will hoffen, dass es der letzte ist. Zudem spüre ich Übelkeit. Geht’s jetzt los? Nebenbei registriere ich, dass ich den Marathon in ungefähr 3:40 Std. geschafft habe. Nicht schlecht, denke ich und als ich über die Kuppe hinweg bin, beruhigt sich auch mein Magen wieder. Trotzdem lasse ich auch den letzten Verpflegungspunkt bei Kilometer 44 aus. Danke, ich brauche nichts. Es ist Zeit für ein weiteres Gel. Es ist erst das zweite, aber bisher läuft es ja immer noch sehr gut.

Saunagefühle, eine PB und harte Zeiten im Wald

Nach dem Hügel bin ich wieder in einer Siedlung. Karow heißt der kleine Ort, der bei mir kaum einen Eindruck hinterlässt. Ich bin nur froh, weder am Bahnübergang, noch an der Bundesstraße anhalten zu müssen. Da fällt mir ein, dass die Bahnstrecke nicht mehr regelmäßig befahren wird, meine ich gelesen zu haben. So oder so, der Verkehr meint es gut mit mir, bisher musste ich noch nicht anhalten, was a) Zeitverlust und b) wieder loslaufen bedeuten würde.

Hinter Karow habe ich erstmals das Gefühl, das Ziel sehen oder besser erahnen zu können. Das ist natürlich Quatsch, weil es noch mehr als 10 Kilometer sind. Aber es fühlt sich so an. Der Waldweg scheint sich abwärts zu neigen und ich bilde mir ein, dass sich das jetzt genau so bis zum Seeufer in Alt Schwerin fortsetzen wird. Denkste! Es beginnen für mich harte Kilometer. Die Luft scheint sich im Wald gestaut zu haben, mir ist warm. Wahrscheinlich ist das Wärmegefühl auf die erhöhte Anstrengung zurückzuführen, aber warm bleibt warm, egal ob die Wärme von innen oder außen kommt. Ich trinke regelmäßig, merke aber, dass mein Magen nicht mehr allzu gut mit dem Getränk klarkommt. Der Weg zieht sich und ich muss an eine Story von Phil von Fat Boys Run denken, der sich auf einem schnurgeraden Waldweg in einer Zeitschleife gefangen fühlte. Ganz so arg ist es bei mir nicht, aber ich muss jetzt kämpfen. Kann Wald eintönig sein? Ja, in meinem Zustand definitiv! Ich habe den Eindruck, dass ich in einer Monokultur von Tannen unterwegs bin. Hier zeigt sich, dass Kilometer subjektiv unterschiedlich lang sind. Diese Kilometer sind definitiv länger als alle vorherigen.

Endlich habe ich 49 km geschafft! Oder auch nicht. Ich dachte, ich liefe meinen 49. Kilometer, doch als meine Uhr mir das Signal gibt, steht dort 48. Scheiße noch eins! Das fühlt sich kurz so an, als bekäme ich einen Hieb in den Magen oder als würde die Energie mich einfach verlassen. Dann füge ich mich in mein Schicksal doch „erst“ 48 Kilometer hinter mir zu haben und mache weiter mit dem, was ich schon seit mehr als vier Stunden wie ein Uhrwerk tue. Lauf, Forrest, lauf!

Meine Motivation ziehe ich für den Moment aus aus der 50-km-Marke. Längst bin ich dazu übergegangen, mir Teilziele zu setzten und 50 km ist halt wesentlich näher als 56. Genau sechs Kilometer nämlich und damit mehr als eine halbe Stunde. In dem Zustand, in dem ich aktuell geraten bin, ist das eine Ewigkeit. Und eine schöne runde Zahl ist es auch. Eine Extraportion Motivation ziehe ich daraus, dass ich allem Anschein meine erst vor zwei Wochen im Training erlaufene Bestzeit über diese Distanz klar unterbieten werde. Und so kommt es: 4:20:27! Mehr als zehn Minuten bin ich schneller als bei meinem Trainingslauf. Und da hatte ich diverse kleine Pinkelpausen heraus gestoppt! Aber wo wir schon beim Thema sind. Seit dem Start heute Früh war ich nicht ein einziges Mal in den Büschen. Das ist bei meiner Blase schon eine fast ebenso bemerkenswerte Leistung wie mein Lauf an sich. Wunder über Wunder.

Ein Flügel verleihender Streckenposten und die Suche nach dem Weg

Weil die Psyche einer der stärksten Faktoren bei solchen Läufen ist, suche ich mir nach dem Erreichen der 50 km schnellstens ein neues Ziel, bevor ich in ein Loch falle.Zunächst nehme ich mir vor, den Abschnitt auf meiner Uhr bis zum nächsten Navigationsbefehl durchzulaufen. Das ist noch ein guter Kilometer. Und noch immer spiele ich mit mir: Wie lange kannst du Platz sieben halten? Das führt mich zu der Frage, ob ich nach dem Überholen der zwei Läufer von vorhin nicht sogar weiter vorne platziert bin? Wer weiß das schon? Der Streckenposten! Als ich aus dem Wald komme, winkt mich ein älterer Herr über die Straße und teilt mir mit, das ich an fünfter Stelle liege, dann fügt er an: „Und sie können noch, oder?“. Es geht noch ganz gut, gebe ich zurück. Das ist nicht übertrieben, aber ich merke wie meine Muskulatur langsam dicht macht. Der Lauf fordert endgültig seinen Tribut, aber ich habe frischen Rückenwind. Die letzten fünf Kilometer werde ich durchziehen, da bin ich mir sicher. Und wenn da vorne jemand schwächelt, überhole ich den auch noch, sage ich mir. Die Frau, mit der ich zwischen Kilometer 22 und 30 mehr oder weniger gemeinsam gelaufen bin, müsste noch immer vor mir liegen, ich bin also viertbester Mann. Einen noch und ich käme in den Genuss einer kleinen Siegerehrung. Das war nicht mein Ziel, ich kann aber auch nicht so tun, als würde mich das nicht anspornen. Die Gelegenheit ist einfach günstig.

Es geht auf einem Fahrradweg entlang der Bundesstraße weiter, dann wieder auf einen kleinen Trail. Irgendwo verpasse ich eine Wegmarke und plötzlich deutet meine Uhr an, dass ich mich nicht auf dem richtigen Weg befinde. Meine Abweichung beträgt etwa 30 Meter und ich bewege mich parallel zum richtigen Kurs. Zuerst denke ich noch, dass nur meine Uhr spinnt, dann erkenne ich, dass direkt am Ufer ein Weg entlang führt, ich hingegen muss mich auch noch einen richtigen Hügel hinauf quälen. So ein verdammter Mist. Dann kommt es noch dicker. Der Weg, auf dem ich unterwegs bin, entfernt sich immer weiter vom richtigen, sodass ich mich entschließe, querfeldein und durchs Gebüsch auf den Uferweg zu gelangen. Das Unterfangen endet an einem engmaschigen Zaun, den ich nicht ohne weiteres überwinden kann. Was also tun? Ich entscheide mich spontan, dem Weg halbwegs parallel zu folgen, auch wenn ich dazu quer über ein Feld laufen muss. Als es auch noch aufwärts geht, bin ich zum Gehen gezwungen. Das einzige Mal heute und kurz bin ich verzweifelt. Ich weiß nicht genau, wie ich zum richtigen Weg zurückfinde, erkenne dann aber den Weg wieder, der oben am Ende des Feldes entlang führt. Es ist der, den ich heute Früh mit dem Auto zum Start gefahren bin. Vor dort gelange ich sicher zum Ziel. Allerdings von der falschen Seite. Als mir das klar wird, fasse ich einen neuen Entschluss. Auch weil ich von hier oben zu erkennen glaube, wie ich doch noch auf den richtigen Weg komme.

Das Ziel im Blick
Siegerpose nach dem 9. Fishermanstrail am Plauer See
Siegerpose am Plauer See

Nochmals renne ich querfeldein, diesmal einen Hügel hinunter, überwinde zwei Zäune, einen Wassergraben und stehe wieder auf dem vorgegebenen Weg. Na, wer sagt’s denn? Jetzt bin ich wieder mit mir im Reinen. Ich kann von der richtigen Seite ins Ziel laufen und die Abkürzung habe ich auch wieder ausgeglichen. Die letzten Meter sind zäh, ziehen sich und tun weh. Für ein breites Lächeln beim Zieleinlauf reicht es aber allemal. Mit 4:56 Std. bin ich sogar unter der Marke von fünf Stunden geblieben! Ich hatte mir ausgerechnet, dass alles unter 5:30 Std. ziemlich gut wäre, eine Zeit unter fünf Stunden quasi nur dann erreichbar, wenn alles perfekt liefe. Jetzt wirklich unter fünf Stunden geblieben zu sein, fühlt sich wie meine größte läuferische Leistung an, die ich je bewerkstelligt habe. Trotz anderer Aussage im Ziel, bin ich tatsächlich auf dem sechsten Platz gelandet, wie ich später erfahren soll. Vielleicht hat sich einer der Frühstarter noch vor mir platziert, aber das ist mir einerlei.

Ich weiß kurz nicht, wohin mit mir, lasse einige Fotos von mir machen und verstaue dann erst einmal meinen Rucksack im Fahrzeug und hole mir was zum Überziehen. Ich bekomme mit, dass die erste Frau noch gar nicht im Ziel ist. Das verwirrt mich und ich will schon etwas sagen, als die Läuferin ins Ziel kommt, die mich vorhin hat stehen lassen. Wie sich herausstellt, hat sie sich unterwegs verlaufen. Sie nimmt es mit Humor und ist sogar noch besorgt, weil sie ja teilweise nicht den richtigen Weg genommen hat. Derweil kommt ein Läufer von der falschen Seite ins Ziel. Mit meinen Wegfindungsproblemen bin ich ganz offenbar in bester Gesellschaft. Wenigstens bleibt so an meinem perfekten Läufertag noch Potenzial für Verbesserungen, denn was das Laufen angeht, kann ich mir nicht vorstellen, einen noch besseren Tag zu erwischen, als mir das heute gelungen ist. Für mich war es ein perfekter Lauf, nicht mehr und nicht weniger.

Lohn der Mühen beim 9. Fishermanstrail ist eine originelle Medaille
Lohn der Mühen beim 9. Fishermanstrail ist eine originelle Medaille