Ein Wochenende im Zeichen von Rund for Food #shareTheMeal

Der erste Wettkampf seit über einem Jahr und ich lege einen Frühstart hin, wie es ihn in der Welt des Marathonlaufs noch nicht gegeben hat. Gleich um einen ganzen Tag zu früh lief ich meinen 12 Runden langen Marathon um den Altwarmbüchener See, lief also außer Konkurrenz. Schließlich war der Lauf explizit nicht als virtueller, sondern als kontaktloser Wettkampf konzipiert, bei dem alle Teilnehmer am gleichen Tag am gleichen Ort laufen sollten. Nicht zur gleichen Zeit, sondern in eigenen Zeitfenstern.

Für mich lag der Fokus an diesem Wochenende aber ohnehin nicht auf einem schnellen Marathon, sondern auf dem Sammeln von Kilometern für die gute Sache. 75 km wollte ich an diesem Wochenende sammeln für #shareTheMeal.

Sehr lange Strecken haben es mir gerade angetan. Seit ich an meinem 41. Geburtstag Mitte Januar einfach aus dem Training heraus einen Marathon gelaufen bin, hat sich bei mir etwas getan. Es war so etwas wie ein Wendepunkt in läuferischer Hinsicht. Bis zu diesem Tag verband mich mit dem Marathon eine echte Hassliebe, die bereits mit meinem ersten Marathon vor fast 15 Jahren begann. Damals erlitt ich nach 25 km einen harten Einbruch, ein Muster, das sich immer wiederholen sollte. Das ging so weit, dass mich die Furcht vor dem Mann mit dem Hammer auf jedem lagen Lauf begleitete. Manchmal träumte ich nachts sogar von Marathons träumte, bei denen mir – wie in echt – der Saft ausging. Klingt bescheuert, oder? War aber genau so.

Geschafft! Erster Ultramarathon im zweiten Anlauf. Nachdem ich mich vor drei Wochen spontan erstmals an einem Ultralauf über 50 km probiert und nach 31 km abgebrochen hatte, startete ich am vergangenen Samstag den zweiten Versuch. Diesmal sollten es 44 km werden. Nur ein wenig mehr, als bei der klassischen Marathondistanz, aber wer jemals einen Marathon gelaufen ist, weiß: Zwei Kilometer am Ende eines Marathons sind anders als zwei gewöhnliche Kilometer, sie sind härter und länger, können sich ewig ziehen und die letzten Reserven kosten.

Ich laufe gerne, einfach deshalb, weil ich Freude an dieser Art der Bewegung habe und das Gefühl, den ein Lauf bei mir hinterlässt, liebe. Ich bin Läufer, weil ich die Monotonie des Laufens nicht als störend, sondern als beruhigend empfinde, weil ich es großartig finde, frühmorgens oder abends in der Natur zu sein, meinen Körper zu spüren und nichts zu tun, außer einen Fuß vor den anderen zu setzen. Es gibt unzählige Gründe das Laufen zu mögen.

Als ich im letzten Jahr 40 Jahre alt geworden bin, dachte ich mir, dass ich mal etwas Verrücktes in Sachen Laufen machen müsste. 40 km am Stück wollte ich laufen, passend zu meinem runden Geburtstag. Als sich nun mein 41. Geburtstag anbahnte, keimte in mir die Gedanke, den Lauf in diesem Jahr zu wiederholen. Nur eben einen Kilometer hinten dran zu hängen. Ich schob den Gedanken für eine Weile beiseite und zog nicht ernsthaft in Erwägung, ihn in die Tat umzusetzen.

Mit einem ziemlich lauten Knall und den heftigsten Schmerzen, an die ich mich in meinem Leben erinnern kann, begann meine unfreiwillige Pause vom Laufen, vom Sport im Allgemeinen. Nein, ganz richtig ist das nicht. Bereits zum Zeitpunkt meiner Verletzung hatte ich etwa drei Wochen mit dem Laufen pausiert. Der Antrieb fehlte und mein linkes Bein bereitete mir anhaltende Probleme an der Rückseite des Oberschenkels und der Achillessehne. Beides sicherlich Folgen einer verkürzten Muskulatur. Auch wenn ich bisher nur für die Achillessehne ärztlichen Rat gesucht habe, ist die Ursache eigentlich klar. Dehnen und Lauf–ABC habe ich sträflich vernachlässigt.

Mit der Wahl meiner Schuhe habe ich heute genauso wenig Glück wie in der Vorwoche, das wird mir nach etwa 20 km mit jedem Meter klarer. Der Schmerz ist nicht so, dass man ihn nicht aushalten könnte, aber doch so stark, dass er zusammen mit der einsetzenden Ermüdung ein echtes Problem geworden ist. Der Schmerz ist nicht aus dem Nichts gekommen, er hat langsam zugenommen. Besonders die Landung auf dem rechten Huf ist unangenehm. Ich überschlage, wie lange ich das noch aushalten muss, bis ich aus den Schuhen komme. Eine Stunde? Müsste hinkommen – je nachdem, wie schnell ich jetzt noch laufe.

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen. Das gilt derzeit in allen Bereichen des Lebens und damit auch im Laufsport. Die Auflagen der Behörden vereiteln bis auf weiteres jeglichen Wettkampf und so ist absehbar, dass es bis mindestens bis zum Herbst keinen der gewöhnten City-Marathons geben wird. Vielmehr sollten wir uns darauf einstellen, dieses Jahr gänzlich ohne „echten“ Wettkampf zu bestreiten. Umso gelegener kam mir da der #stayathomemarathon, den die Veranstalter des Hannover Marathons als virtuelle Alternative für den eigentlichen Marathon ins Leben gerufen hatten, Medaille und Startnummer inbegriffen. Näher wird man dem Wettkampfgefühl 2020 nicht mehr kommen!

Wettkampf war aber nicht der primäre Gedanke, der hinter der Idee steckte. Solidarität und das Gemeinsamkeitsgefühl unter den Läufern sollten im Vordergrund stehen. Trotzdem habe ich die Gelegenheit genutzt, mich mit mir selbst zu messen. Ein bisschen Wettkampf brauche ich dann und wann dann doch.

Die Welt ist dieses Frühjahr eine andere. Was wir für selbstverständlich erachtet haben, ist inzwischen Luxus geworden. Freunde treffen, sich frei bewegen, essen gehen. In den Supermärkten klaffen Lücken, der Mangel an Klopapier ist jetzt schon legendär und bereits heute Anlass für Hohn und Spott. Auch das Laufen kann sich der Corona-Pandemie nicht entziehen und ist Änderungen unterworfen. Lauftreffs sind gestrichen, Wettkämpfe abgesagt, in einigen Ländern und sogar in Teilen von Deutschland ist das Laufen sogar nur noch dann möglich, wenn man zu den Glücklichen gehört, die ein Laufband besitzen. Das Laufen im Freien ist schlicht dem Hausarrest zum Opfer gefallen.