2021 trudelt langsam aus – Zeit auf ein für mich bewegtes Laufjahr zurückzuschauen. Ein Jahr, in dem ich mich nach einer längeren Phase des „Auf-der-Stelle-Tretens“ endlich wieder verbessern konnte, erstmals die Furcht vor dem Marathon ablegen konnte und die ultralangen Distanzen für mich entdeckte. Endlich habe ich das Gefühl, dass mein Training Früchte trägt und ich auf einem neuen Niveau angekommen bin. Und sei es nur die Fähigkeit, längere Strecken ohne Pause zu laufen.

Seit meiner Ankunft in Lissabon sind gerade erst 48 Stunden vergangen, doch liegt sie gedanklich schon eine halbe Ewigkeit zurück. Die Vielzahl der Eindrücke, die ich in dieser kurzen Zeitspanne aufgenommen habe, scheinen nicht in die zwei Tage zu passen, sie sind noch nicht verarbeitet und mir schwirrt noch immer der Kopf. Zwei Tage an denen nicht allein die Teilnahme an einem der schnellsten und bedeutendsten Halbmarathons der Welt stand, sondern nach langer Durstrecke zwei neue Bestzeiten und vor allem so vielfältig schöne Eindrücke, dass ich endgültig verliebt bin in die Stadt am Rio Tejo, der westlichsten Hauptstadt Europas.

Für einen Moment steigen mir Tränen in die Augen, als ich mich im Ziel an die Absperrung lehne. Ich bin völlig im Eimer und die Emotionen überrennen mich, ein Cocktail unterschiedlicher Gefühle. Gleichzeitig bin ich stolz, enttäuscht, erschöpft und erleichtert. Bevor ich alles sortieren kann, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und mir wird ein Becher Cola in die Hand gedrückt. Toni hat im Ziel auf mich gewartet und unterbricht mein Gedankenkarussell. Fest steht für mich in diesem Moment nur: Ich habe mein gestecktes Ziel zwar erneut recht deutlich verfehlt, lange kämpfen müssen, aber einen unheimlich tollen Lauf mit einem fantastischen Publikum erlebt.

Der 5. Schweriner Seentrail war für mich der erste richtige Wettkampf seit mehr als eineinhalb Jahren. Und zugleich mein erster offizieller Ultralauf überhaupt. Mit 61 km war die Distanz ganze zehn Kilometer länger als die weiteste Distanz, die ich zuvor jemals gelaufen bin. Sonne und eine überraschend anspruchsvolle Strecke um den Schweriner See – wer hätte gedacht, dass man an den Ufern eines Sees so viele Ansteige zu bewältigen hat? -verlangten mir gerade auf den letzten 15 km alles ab, bis ich nach 6:36 Std. abgekämpft aber glücklich im Ziel ankam und von einem Gefühlschaos übermannt wurde.

Hinten ist die Ente fett. 35 km habe ich gerade hinter mir und ich spüre, dass nichts mehr geht. Ab jetzt beginnt das, was ich schon so oft erlebt habe, wenn ich gegen die Wand gelaufen bin. Ich setzte mich auf eine Bank im Schatten, trinke und nehme ein Gel zu mir. Es ist viel heißer als es lt. Wettervorhersage hätte sein sollen, die Wolken, die gerade ein wenig von der Wucht der Sonne nehmen, sind erst vor wenigen Minuten aufgezogen. Zu spät für mich, ich bin bereits geröstet. Im buchstäblichen Sinn, wie meine Hautfarbe mir später verraten wird, und im übertragenen Sinn. Ich bin richtig schön geplatzt.

Vier Läufe mit einer Distanz zwischen 44 und 47 km hatte ich dieses Jahr bereits absolviert. So weit war ich zuvor noch nie gelaufen. Der nächste Schritt lag da nur allzu nahe. Ich wollte früher oder später die 50 km knacken. Einen spontanen Versuch hatte ich schon im Januar noch vor meinen ersten Ultraläufen unternommen, nach rund 30 km aber abbrechen müssen. Nach meiner relativ spontanen Anmeldung zum Schweriner Seentrail, der mit 61 km Länge mein erster offizieller Ultralauf werden soll, hielt ich den Zeitpunkt nun für gekommen, um einen zweiten Versuch zu starten. Wer 61 km am Stück laufen will, dem müssen auch 50 km gelingen.

In guten Trainingswochen komme ich auf ein Kilometerpensum von 100 km, manchmal auch 110 km. Dieses Wochenende hatte ich mir aber in den Kopf gesetzt, ein solches Pensum an nur zwei Tagen zu laufen, aufgeteilt in einen „ultralangen“ Trainingslauf am Samstag und einen Marathon am Sonntag, den ich im Rahmen der #beatTheDate-Challenge auf der Originalstrecke des haj Hannover Marathons laufen wollte. Ob ich mich für das Western States 100 Meilen-Rennen angemeldet hätte und warum man sowas macht, wurde ich gefragt. Die Antwort gab ein laufender Bekannter für mich: Weil er es kann.

Ein Wochenende im Zeichen von Rund for Food #shareTheMeal

Der erste Wettkampf seit über einem Jahr und ich lege einen Frühstart hin, wie es ihn in der Welt des Marathonlaufs noch nicht gegeben hat. Gleich um einen ganzen Tag zu früh lief ich meinen 12 Runden langen Marathon um den Altwarmbüchener See, lief also außer Konkurrenz. Schließlich war der Lauf explizit nicht als virtueller, sondern als kontaktloser Wettkampf konzipiert, bei dem alle Teilnehmer am gleichen Tag am gleichen Ort laufen sollten. Nicht zur gleichen Zeit, sondern in eigenen Zeitfenstern.

Für mich lag der Fokus an diesem Wochenende aber ohnehin nicht auf einem schnellen Marathon, sondern auf dem Sammeln von Kilometern für die gute Sache. 75 km wollte ich an diesem Wochenende sammeln für #shareTheMeal.

Sehr lange Strecken haben es mir gerade angetan. Seit ich an meinem 41. Geburtstag Mitte Januar einfach aus dem Training heraus einen Marathon gelaufen bin, hat sich bei mir etwas getan. Es war so etwas wie ein Wendepunkt in läuferischer Hinsicht. Bis zu diesem Tag verband mich mit dem Marathon eine echte Hassliebe, die bereits mit meinem ersten Marathon vor fast 15 Jahren begann. Damals erlitt ich nach 25 km einen harten Einbruch, ein Muster, das sich immer wiederholen sollte. Das ging so weit, dass mich die Furcht vor dem Mann mit dem Hammer auf jedem lagen Lauf begleitete. Manchmal träumte ich nachts sogar von Marathons träumte, bei denen mir – wie in echt – der Saft ausging. Klingt bescheuert, oder? War aber genau so.