Der Tag hätte nicht schlechter losgehen können: Erst musste ich feststellen, dass meine Uhr nicht geladen hatte, weil die Ladeklemme über Nacht nicht richtig saß, dann, dass ich auf den falschen Zug gesetzt hatte. Ich war extra früh aufgestanden, um mit dem Zug um kurz vor sechs Uhr morgens nach Hannover zu fahren, habe soeben einen kurzen Sprint eingelegt, weil ich vermeintlich spät dran bin und bemerke nun, dass der Zug samstags überhaupt nicht fährt. Kaffee bekomme ich so früh hier im Ort auch nicht. Brillant!

So weit bin ich noch nie gelaufen. 62 km liegen hinter mir, als ich am Bahnhof in Barsinghausen meinen Lauf beende. Die letzten Kilometer taten weh und ich bin wirklich froh, nicht mehr laufen zu müssen. Andererseits hätte ich noch rund 10 km vor mir, um mein Vorhaben, den Deister zu umrunden, umzusetzen. Verlockend, weil ich den Rest auch noch irgendwie hätte bewältigen können. Nur wofür? Um einen Haken an das Vorhaben zu machen, für die eigene Genugtuung und auf die Gefahr hin, den Bogen vielleicht zu überspannen? Nein, es war kein Wettkampftag und ich musste mir nichts beweisen. Für heute war es genug.

Hamburg, Dresden, Mainz, Köln und Münster dazu die „stay-at-home“-Version des Hannover Marathons und einige Wald-und-Wiesen-Läufe. Fünf Jahre habe ich mich daran versucht, den Marathon unter drei Stunden und fünfzehn Minuten zu laufen. Fünf Jahre, in denen ich mich ans Scheitern gewöhnt und beinahe damit abgefunden hatte, dieses Ziel nicht mehr zu erreichen – bis ich in Elternzeit ging.

Bam! Bam! Bam! Jemand donnert gegen eine der Türen auf dem Flur des Hotels, in dem ich die Nacht vor dem 9. Fishermanstrail verbringe. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt bin ich vor einer guten Stunde in Malchow angekommen, habe hervorragend gegessen und liege auf dem Bett. Für den morgigen Wettkampf habe ich alles vorbereitet und es gibt nichts mehr, was ich tun könnte, außer ausruhen. Es war ein langer Tag und die Fahrt hat mich ermüdet. Kurz vor 19 Uhr hatte ich meine Startnummer beim „Fisherman“ in der Alten Fischerei in Alt Schwerin abgeholt. Dort wird morgen der 9. Fishermanstrail starten und enden, ein Ultralauf über rund 56 km um den Plauer See.

Das wuchtige Klopfen an die Tür – ich vermute, es ist einer der anderen Läufer, die hier übernachten – hat den Lärm dahinter zum Verstummen gebracht. Wenigstens das! Ich hatte mich auf den Luxus einer ungestörten Nacht gefreut. Das ist mit 10 Monate alten Zwillingen seltener gegeben, als mir das lieb ist. Je länger ich auf dem Bett liege und mir noch einmal das Briefing mit den Schlüsselstellen ansehe, bevor ich zu einer seichten Dokumentation im Fernsehen übergehe, dämmert mir, dass es mit der ruhigen Nacht nichts werden wird. Mein Zimmer geht zur Straße raus, Kopfsteinpflaster davor. In unregelmäßigen Abständen rattern PKW vorbei. Nachts werde ich immer wieder deswegen geweckt.

Die Nacht hätte besser sein können. Einen Teil davon habe ich auf dem Sofa verbracht und weniger Schlaf bekommen, als ich mir das gewünscht hätte. Mich aus der Decke zu schälen, kostet mich große Überwindung. Lahm bereite ich mein spärliches Frühstück zu. Joghurt mit einigen Früchten. Seit gestern spinnt mein Magen, ständiger Druck erzeugt Unwohlsein. Meine Sachen liegen bereit, das erleichtert die Vorbereitung. Trotzdem gehe ich nicht mit dem Elan von der Vorwoche ans Werk, nur widerwillig und bin gar nicht sicher, ob ich überhaupt laufen will. Nein, ich bin fast bereit, mich wieder aufs Sofa zu pflanzen und gar nichts zu tun, bis ich mich innerlich aufraffe, zu meiner Frau sage, dass ich gar nicht mehr loslaufe, wenn nicht jetzt.

Der Lauf beginnt für mich mit einem „Klong“. Ich war unvorsichtig, habe die Kirche in Bad Nenndorf fotografiert und bin dabei weitergelaufen. So mache ich das oft. Diesmal knutsche ich dabei einen Laternenpfahl, kann aber im letzten Moment noch den Arm hochreißen und meine Schulter zum Schutz nach vorne drehen. Es wird so kein frontaler Zusammenstoß, ich streife den Pfosten eher. Hoffentlich hat das keiner gesehen. Wenn das mal kein schlechtes Omen ist, den ersten Kilometer meines Laufs habe ich noch gar nicht hinter mir!

Der Stream des Hörbuchs bricht bereits nach einem Kilometer ab. Zunächst denke ich mir nichts dabei, der Empfang wird wohl schlecht sein. Als der Stream auch nach drei Kilometern nicht wieder einsetzt, macht mich das skeptisch. Im Laufen versuche ich das Hörbuch wieder zu starten, mehrmals. Das Ergebnis bleibt immer gleich. Es besteht keine Verbindung zum Internet. Wie kann das sein? Die SIM-Karte ist seit heute nicht mehr gültig, fällt es mir ein. So ein verdammter Mist. Die Gedanken, die mir durch den Kopf sausen, überschlagen sich. Soll ich umkehren, um die Karte mit der neuen zu tauschen? Nein, das bedeutete sechs Kilometer zusätzlich und würde meinen Lauf kaputt machen, bevor ich richtig gestartet bin.