Draußen hängt noch der Nebel in den Tälern, Kühe grasen auf den Weiden. Der Läufer vor mir erklärt seiner Sitznachbarin, wo uns der Lauf später entlangführen wird. Dass es Jörn ist, der den Lauf in den letzten Jahren gleich mehrmals gewonnen hat, weiß ich jetzt noch nicht. Offenkundig ist, dass er den Lauf schon mehrmals hinter sich gebracht hat. Kein Newbie also. Ich bin nervös wegen der vor mir liegenden Aufgabe, den Solling von Bad Karlshafen im Süden nach Dassel auf der Nordseite des Höhenzuges zu überqueren, in toto 48 km mit ungefähr 1000 Höhenmetern.

„Der Brocken-Marathon ist ein Wettkampf mit ganz besonderen Anforderungen. Über 1000 Höhenmeter machen diesen Marathon zu einem der schwierigsten Ausdauerläufe Deutschlands. Nur sehr gut trainierte Läuferinnen und Läufer sollten diese Herausforderung riskieren.“ Mit meinem leichten Hang zum Masochismus zog mich die Beschreibung des Veranstalters schon seit einigen Jahren an. Doch entschied ich mich in den zurückliegenden Jahren regelmäßig für einen der klassischen Straßenmarathons im Herbst mit dem Ziel, dort meine persönliche Bestzeit zu verbessern und so passte der Lauf einfach nicht in meinen Kalender. Und so wäre es auch in diesem Jahr gekommen. Erst als ich den schon geplanten Bremen-Marathon kurzfristig wegen beruflicher Verpflichtungen hatte sausen lassen müssen, war endlich der Zeitpunkt für eine Teilnahme gekommen.

Mein Weg führt mich nach Freden an der Leine. Es soll der erste Versuch eines langen Laufs, seit meiner COVID-Erkrankung im Juni werden. Der Einstieg nach dreieinhalb Wochen ohne jede sportliche Aktivität war schmerzhaft und hat mir nur allzu deutlich vor Augen geführt, dass in den drei Wochen einiges an Form auf der Strecke geblieben ist. Nach den ersten 15-km-Läufen musste ich die Treppen herab stolpern wie nach einem Marathon. Wie schnell meine Form flöten gegangen war, war für mich hart zu akzeptieren. Die Auswirkungen der Krankheit hatten den sonst schon schnell voranschreitenden Formverlust sicherlich beschleunigt und die Hitze machte den Wiedereinstieg obendrein schwer. Legt man die Faustregel zugrunde, nach der man die doppelte Zeit der Pause benötigt, um sich wieder auf ein ähnliches Leistungsniveau zu hieven wie vor dem Ausfall, würde ich immer noch rund einen Monat benötigen, um meine Leistungsfähigkeit wieder zu erlangen. Und die war da schon nicht mehr optimal.

Derzeit entscheide ich Vieles relativ spontan. Nicht, weil das so sehr meinem Naturell entspräche und ich spontane Entscheidungen liebe. Es ist vielmehr den Umständen geschuldet. Mit den Zwillingen und den vier größeren Monstern zuhause, erübrigt sich oft jede langfristige Planung oder es bleibt schlicht keine Zeit dafür. Selbst für wichtige Themen bleibt nicht immer die Zeit, die sie bräuchten. Da stehen spinnerte Ideen für irgendwelche Läufe nicht besonders weit oben auf der Agenda. Zumindest nicht bei allen in der Familie…

Meine Beine führen ein Eigenleben, die Muskeln im linken Bein zucken von der Achillessehne bis zum Knie unkontrolliert ohne mein Zutun. Hier unter dem Zelt am Verpflegungspunkt Nr. 3 mit einem alkoholfreien Bier in der Hand ist für mich Schluss. Der Lauf war heute härter als ich und es spricht nichts dafür, für die letzten 19 km noch einmal auf die Strecke zu gehen. So weit ist es noch bis zum Ziel. Klar, ich könnte die Restdistanz gehen und wäre ganz locker im Zeitlimit. Aber wofür? Es ist ein Wettlauf und kein Megamarsch. Schon die letzten 15 km bin ich mehr gegangen als mir lieb ist. Getrieben nur von der Aussicht, bei Kilometer 60 mit Wertung und Medaille aussteigen zu können und ein DNF (did not finish) zu vermeiden.