Als ich mich auf einen Stuhl am zweiten Verpflegungspunkt setze, wühle ich nur noch pro Forma in meinem Dropbag. Die Zweifel in mir sind nach den ersten harten 32 km schon so groß, dass nur noch ein Rest Hoffnung auf ein Finnish beim 7. SuMeMa in mir glimmt. SuMeMa ist ein Akronym für Südkreis Meilenmarathon. Es handelt sich also um einen Ultralauf über 42,195 Meilen, die im südlichen Landkreis von Hildesheim zu bewältigen sind. Das bedeutet auch, dass ich noch fast 40 Kilometer vor der Brust habe. Rosige Aussichten.

7. SuMeMa 2023 - VP 2
Die Auswahl an Erfrischungen am 2. VP ist groß

Ich mache gute Mine zur schlechten inneren Stimmung und scherze mit den Helfern, schieße ein Bild vom unfassbar guten Büffet, das zum verweilen einlädt. Ich trinke meine Dose Cola, das mitgebrachte Marmeladenbrot lasse ich im Beutel, ich habe schon jetzt Probleme mit dem Essen. Auch die meisten Gummis und Gels lasse ich, wo sie sind. Ich schreibe schnell eine Nachricht nach Hause: „Ist richtig hart. Bin am zweiten VP bei 32 km. Es geht nur hoch und runter.“ Es ist die Kurzfassung davon, dass ich von der Art dieses Ultralaufs in vielerlei Hinsicht überrascht worden bin.

Draußen hängt noch der Nebel in den Tälern, Kühe grasen auf den Weiden. Der Läufer vor mir erklärt seiner Sitznachbarin, wo uns der Lauf später entlangführen wird. Dass es Jörn ist, der den Lauf in den letzten Jahren gleich mehrmals gewonnen hat, weiß ich jetzt noch nicht. Offenkundig ist, dass er den Lauf schon mehrmals hinter sich gebracht hat. Kein Newbie also. Ich bin nervös wegen der vor mir liegenden Aufgabe, den Solling von Bad Karlshafen im Süden nach Dassel auf der Nordseite des Höhenzuges zu überqueren, in toto 48 km mit ungefähr 1000 Höhenmetern.

„Der Brocken-Marathon ist ein Wettkampf mit ganz besonderen Anforderungen. Über 1000 Höhenmeter machen diesen Marathon zu einem der schwierigsten Ausdauerläufe Deutschlands. Nur sehr gut trainierte Läuferinnen und Läufer sollten diese Herausforderung riskieren.“ Mit meinem leichten Hang zum Masochismus zog mich die Beschreibung des Veranstalters schon seit einigen Jahren an. Doch entschied ich mich in den zurückliegenden Jahren regelmäßig für einen der klassischen Straßenmarathons im Herbst mit dem Ziel, dort meine persönliche Bestzeit zu verbessern und so passte der Lauf einfach nicht in meinen Kalender. Und so wäre es auch in diesem Jahr gekommen. Erst als ich den schon geplanten Bremen-Marathon kurzfristig wegen beruflicher Verpflichtungen hatte sausen lassen müssen, war endlich der Zeitpunkt für eine Teilnahme gekommen.

Mein Weg führt mich nach Freden an der Leine. Es soll der erste Versuch eines langen Laufs, seit meiner COVID-Erkrankung im Juni werden. Der Einstieg nach dreieinhalb Wochen ohne jede sportliche Aktivität war schmerzhaft und hat mir nur allzu deutlich vor Augen geführt, dass in den drei Wochen einiges an Form auf der Strecke geblieben ist. Nach den ersten 15-km-Läufen musste ich die Treppen herab stolpern wie nach einem Marathon. Wie schnell meine Form flöten gegangen war, war für mich hart zu akzeptieren. Die Auswirkungen der Krankheit hatten den sonst schon schnell voranschreitenden Formverlust sicherlich beschleunigt und die Hitze machte den Wiedereinstieg obendrein schwer. Legt man die Faustregel zugrunde, nach der man die doppelte Zeit der Pause benötigt, um sich wieder auf ein ähnliches Leistungsniveau zu hieven wie vor dem Ausfall, würde ich immer noch rund einen Monat benötigen, um meine Leistungsfähigkeit wieder zu erlangen. Und die war da schon nicht mehr optimal.

Derzeit entscheide ich Vieles relativ spontan. Nicht, weil das so sehr meinem Naturell entspräche und ich spontane Entscheidungen liebe. Es ist vielmehr den Umständen geschuldet. Mit den Zwillingen und den vier größeren Monstern zuhause, erübrigt sich oft jede langfristige Planung oder es bleibt schlicht keine Zeit dafür. Selbst für wichtige Themen bleibt nicht immer die Zeit, die sie bräuchten. Da stehen spinnerte Ideen für irgendwelche Läufe nicht besonders weit oben auf der Agenda. Zumindest nicht bei allen in der Familie…