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Zugegeben, ich hatte von Bergamo zwar schon gehört, aber eine konkrete Vorstellung von der Stadt hatte ich nicht. Ich wusste weder wo sie innerhalb Italiens lag, noch konnte ich irgendwas Fundiertes über die Stadt sagen. Das einzige, das ich konkret benennen konnte, war der Fußballverein Atalanta. Für Ryanair ist die Stadt eher der Flughafen für Mailand, als ein eigenständiges Ziel und wird daher schlicht als „Mailand Bergamo“ geführt. Das wird der Stadt zwar nicht gerecht, aber genau auf diesem Weg bin ich vor ein paar Jahren auf sie gestoßen. Beim Herumstöbern, welche Ziele Ryanair von Deutschland anfliegt, wurde mir „Mailand Bergamo“ angezeigt. Mailand interessierte mich nicht sonderlich, doch aus Neugier bemühte ich die Google Bildersuche, um mir Bergamo selbst „anzusehen“. Und was soll ich sagen? Die Bilder „fixten mich an“. Sie zeigten eine mittelalterlich anmutende Stadt, die vor der Kulisse schneebedeckter Berge auf einem Hügel thronte. Besonders ein Bild faszinierte mich. Die Stadt ragte darauf aus einem Wolkenteppich, der den Hügel der Altstadt umgab wie ein Meer, der Himmel lila und in den Gassen der Altstadt hing noch morgendlicher Nebel (zu sehen ist das Bild hier).

Anflug auf Bergamo in der Morgendämmerung
Anflug auf Bergamo in der Morgendämmerung

Leider dauerte es dann doch bis zum Anfang dieses Jahres, bis ich die Zeit und die richtige Person fand, um nachzuprüfen, ob die Bilder hielten, was sie versprachen. Über Berlin flogen wir in knapp eineinhalb Stunden direkt nach Bergamo. Womit der Flug tatsächlich weniger Zeit in Anspruch nahm als die Fahrt zum Flughafen. Über Sinn und Unsinn oder gar die Ökobilanz solcher Aktionen zu diskutieren erübrigt sich.

Inzwischen wusste ich natürlich, dass Bergamo an den südlichen Ausläufern der Alpen und nur etwa 50 km nördlich von Mailand entfernt liegt. So entfaltet bereits der Anflug seinen ganz eigenen Reiz. Die aufgehende Sonne ließ die schneebedeckten Alpengipfel, die wir gerade überquert hatten, rot aufflammen, während sich gen Süden bereits die Po-Ebene ausbreitete und einer der großen oberitalienischen Seen zu sehen war, der Lago d’Iseo.

Tipps für einen Urlaub in Bergamos Oberstadt

Meine persönlichen Tipps für Bergamo:

Eine Unterkunft in der Cittá Alta

Das Markante an Bergamo ist mit Sicherheit die Cittá Alta, die historische Oberstadt Bergamos, die als Ganzes unter Denkmalschutz steht. Umgeben ist die weitestgehend autofreie Oberstadt von dicken Stadtmauern, die in jüngster Vergangenheit zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurden. Dicht an dicht stehende, uralte Häuser aus massiven Steinquadern bilden schmale Gassen aus grobem Kopfsteinpflaster, die früher oder später dem zentralen Platz, der Piazza Vecchia zustreben. Überragt wird der Platz, den der Architekt Le Corbusier für so perfekt hielt, dass er jegliche Änderung als Frevel betrachtete, vom Torre Civica. Dahinter, rund um die Piazza del Duomo, stehen gleich drei historisch bedeutende Bauwerke: Der Dom von Bergamo, die Capella Colleoni und die Basilika Santa Maria Maggiore. 

Wer den spezifischen Charme Bergamos erleben möchte, der sollte genau hier, im Zentrum des alten Bergamos, eine Unterkunft buchen, anstatt sich in eines der Hotels in der Unterstadt einzuquartieren. Richtige Hotels findet man in der Oberstadt nur wenige, aber wer auf deren Annehmlichkeiten verzichten kann, findet in den zahlreichen B&Bs gute Alternativen. Nur Dank der Intervention meiner Partnerin hatten wir in letzter Sekunde noch umgebucht und mit unserem Bed & Breakfast (
La Torre Bergamo House ) direkt an der Via Gombito einen guten Treffer gelandet.

Den Kinderwagen zuhause lassen

Für Eltern kleiner Kinder ist der Vorteil in der Cittá Alta zu wohnen zugleich auch Nachteil. Als die Oberstadt Bergamos entstand, standen pragmatische Überlegungen bei der Errichtung von Straßen und Gebäuden im Vordergrund. Schließlich war der Platz innerhalb der Schutz bietenden Mauern rar und damit kostbar! Wenn der Handkarren des Händlers nur irgendwie zum Markt gelangte, dann genügte das.

Das spürt man noch heute. Die Oberstadt ist alles, aber nicht barrierefrei. Das grobe Kopfsteinpflaster für Kinderwagen nicht zu emfpehlen und viele der Geschäfte, Restraurants und Cafés schlicht zu eng, um sich darin mit einem Kinderwagen zu bewegen. In unserem B&B begann direkt hinter der Eingangstür eine steile Treppe, die wir mit einem Kinderwage nicht hinauf gekommen wären, ein Treppenhaus (und damit ein potenzieller Abstellplatz) fehlte vollständig.

Wir waren letztlich gut beraten damit, auf eine Trage zu setzen, auch wenn das zwecks Mittagsschlaf und ausgedehnter Streiftouren durchaus Nachteile mit sich bringt.

Treiben lassen

Weil wir kunsthistorisch ziemlich unbeleckt sind, beschränkten wir uns darauf, uns durch das anfänglich etwas verwirrende Gewirr der Gassen treiben zu lassen. Gerade die von den Hauptachsen abzweigenden Gassen laufen derart verwinkelt, dass man nie sicher ist, wo der Weg einen am Ende ausspucken wird. Genau das hat aber seinen ganz eigenen Charme und ist einer meiner Lieblingstipps für den Besuch von Bergamo. Einfach ohne Zeitdruck und Reiseführer den Altstadtgassen folgen, sich immer wieder überraschen lassen, wohin man gespült wird, sich Zeit nehmen, die vielen historischen Überbleibsel zu entdecken. Sich inspirieren lassen, von den Auslagen der unzähligen Ristorantes, staunen über die vielen kleinen Leckereien, die hinter Fenstern darauf warten gegessen zu werden. Folgt man hingegen der Hauptachse, der Via Gombito, die grob von Südost nach Nordwest durch die Altstadt verläuft, erreicht man die sehenswertesten Plätze zielsicher.

Spiegelbild auf der Piazza Duomo in Bergamo
Spiegelbild auf der Piazza del Duomo in Bergamo

Die Standseilbahn „Funicolare“

Am Südostende der Via Gombito am Piazza Mercato delle Scarpe liegt das Caffé e Ristorante della Funicolare. Der Name bezieht sich auf die Standseilbahn, deren obere Haltestelle hier liegt. Beides, sowohl das Café als auch die Standseilbahn – Funicolare – sind absolutes Pflichtprogramm für einen Besuch von Bergamo. Die alten Polstermöbel unterstreichen den etwas maroden Charme und laden herrlich ein, den Ausblick durch die große Fensterfront an der Stirnseite des Cafés auf die Cittá Bassa, die Unterstadt, zu genießen. Wir hatten Glück bei unserem Besuch und ein perfekter blauer Himmel überspannte die unter uns liegende Stadt. Ein fesselnder Anblick. Der kleine Balkon jenseits der Glasscheiben bot einen noch unverstellteren Blick. Von hier konnte man den dezenten Verkehrslärm der gut 80 Höhenmeter tiefer gelegenen Stadt als fernes Rauschen und Hupen hören und von Zeit zu Zeit die nostalgischen Wagen der Standseilbahn beobachten.

Caffé Funicolare in Bergamo
Caffé Funicolare in Bergamo

Spaziergang an der Via delle Mura

Parallel zu den venezianischen Stadtmauern, die auf mehr als fünf Kilometer länge die Oberstadt umgeben, führt die Viale delle Mura. Bei einem Spaziergang direkt entlang der Mauern eröffnen sich immer neue Ausblicke auf die Unterstadt und die dahinter beginnende Ebene. An anderen Stellen kann man Berge aufragen sehen, letzte Ausläufer der Alpen. Selbst bei unserem Besuch Anfang Januar blühte es allenthalben. Schnee war nur weit entfernt auf den Gipfeln der Berge der Orobie auszumachen. Da trotz des eher frühlingshaften Wetters die Tage im Winter in Bergamo kurz sind, nutzten wir bereits wenige Stunden später den ungewöhnlichen klaren Tag, um vom etwas oberhalb der Stadtmauern gelegenen Parkplatz an der Via Simone Mayr einen beeindruckenden Sonnenuntergang zu beobachten. Bei einem einheimischen Bier verfolgten wir das natürliche Farbenspiel, das mit einem dunstigen Goldgelb in der Luft begann. Immer dunkler wurden die Rottöne, während darunter die Lichter der Stadt nach und nach aufflammten. Am Himmel standen gerade ausreichend Wolken, um die letzten Strahlen der untergehenden Sonne einzufangen und in allen erdenklichen Rot- und Orangetönen leuchten zu lassen. Ein furioses Finale und ein unvergesslicher Anblick.

Hauswein und viele Köstlichkeiten

Die Oberstadt weist eine erstaunliche Dichte an Restaurants auf. Besonders an der Via Gombito. Hier liegt auch das Ristorante Pizzeria Da Franco. Es liegt etwas zurückgesetzt und der Eingang ist unscheinbar. Reines Understatement. Als wir das „Da Franco“ am letzten Abend spontan besuchten, war fast jeder Tisch besetzt und wir konnten uns glücklich schätzen, überhaupt noch einen Platz zu ergattern. War das Essen an den vorigen Abenden solide, war es diesmal grandios. Vielleicht lag es auch daran, dass wir eine der Spezialitäten Bergamos ausprobierten, die Polenta. Nirgends soll sie besser sein als hier. Ein Tipp ist sie in jedem Fall. Genauso wie der Hauswein, der in jedem Restaurant angeboten wird. Für meist etwa 10 € bekommt man einen Liter Prosecco oder Wein – kein Spitzenprodukt, aber dennoch tadellos. Weinkenner mögen verächtlich die Nase rümpfen, aber was das Preis-Leistungs-Verhältnis angeht, sind diese Hausweine unschlagbar und ein günstiger Weg, leicht angesäuselt einen ereignisreichen Tag ausklingen zu lassen.

Speisekarte in Bergamo
Speisekarte in Bergamo

Hevorzuheben ist zudem die kinderfreundlichkeit der Kellner. Zu keiner Zeit hatten wir das Gefühl, mit einem nicht einmal einem Jahr alten Kind zu stören. Im Gegenteil. Die Kellner sahen sich regelmäßig dazu animiert, „Cinque“ mit dem Kleinen zu spielen, ihn also abzuklatschen, ihn zu bespaßen oder ihm etwas zuzuflüstern.

Ein letzter kulinarischer Tipp: An der Nordwestecke der Oberstadt, nicht weit von der Seilbahn, die zur Festung San Vigilio hinaufführt, liegt die Konditorei La Marianna, wo tausend Köstlichkeiten kunstvoll in gläsernen Vitrinen locken.

Rocca di Bergamo

Die Rocca di Bergamo ist eine alte Festung aus dem 14. Jahrhundert. Am östlichen Rand der Oberstadt gelegen, kann man von den historischen Wällen auf die Dächer der Altstadt hinab blicken und sich einen Überblick über das Gassengewirr verschaffen. Der Blick soll von hier an klaren Tagen bis zur Skyline von Mailand reichen. Uns war dieser Blick nicht vergönnt, graue Schleier beschränkten die Sicht, schufen dafür aber eine ganz besondere Atmosphäre, die die Ränder zwischen dem Grau des Himmels und dem Grau der Häuser zu verwischen schien. Etwas deplatziert wirken die militärischen Überbleibsel verschiedener Epochen im Park der Festung.

Ein Abstecher in die Berge und an den Comer See

Schon wenige Kilometer nördlich von Bergamo geht es steil hinauf. Hier liegt die Orobie, die Bergamasker Alpen. Wer gut zu Fuß ist, kann die ersten nennenswerten Gipfel direkt von Bergamo aus erreichen. Beschilderte Wanderwege beginnen bereits im Stadtgebiet. Weil wir während unseres Aufenthalts keine Zeit haben würden für einen Trip in die Berge und zudem ein einjähriges Kinde dabei hatten, entschied ich mich, einen meiner morgendlichen Trainingsläufe zum höchstmöglichen Gipfel in der Umgebung zu unternehmen, hinauf zum Canto Alto.

Der erhabene Anblick, Bergamo im ersten Lila des Morgens erwachen zu sehen, während des Aufstiegs zu erleben, wie die Sonne den Wald nach und nach zum Leben erweckt und schließlich im gleißenden Morgenlicht im Schnee des immerhin 1.146 m hohen Gipfels zu stehen – die Alpengipfel im Norden, Bergamo im Süden – wird mir noch lange in Erinnerung bleiben

Auch die großen Norditalienischen Seen sind keine Autostunde entfernt. Der dichteste ist der Lago d’Iseo, ca. 30 km östlich von Bergamo. Der Comer See im Westen ist zwar weiter entfernt, aber per Bahn in 40 Minuten bequem zu erreichen. Das ist der Grund, weshalb wir uns für einen Ausflug dorthin entschieden.

Lecco, das am südöstlichsten Zipfel des Comer Sees lag, war an diesem Tag diesem in eine Mischung aus Nebel und Regen gehüllt. Vom Bahnhof zum menschenleeren Seeufer waren es nur wenige hundert Meter. Die Wolken hingen so dicht über dem See, dass die Berge wie abgeschnitten wirkten. Nur der unterste Teil der schroffen Felsen war zu sehen. Schwarzer Felsen in weißem Nebel. Die wahren Ausmaße des Sees ließen sich so nicht einmal erahnen. Graue Nebel verbargen die entfernten Ufer vor unserem Blick.

Wir waren aber nicht nur wegen des Sees hierher gekommen. Wir hatten gelesen, dass eine Seilbahn von Lecco aus auf einen nahegelegenen Gipfel führe. Nur konnten wir diese in dem Nebel beim besten Willen nicht ausmachen. Weil planloses Herumirren uns nicht weiterbrachte, entschieden wir uns für eine Pause in einem Café. Hier erklärte man uns, dass wir bis zur Talstation einen Bus – Linie 5! – würden nehmen müssen. Die Gondel fuhr erst ein ganzes Stück oberhalb des Sees ab.

Dem Wetter zum Trotz wagten wir uns trotzdem hinauf und erlebten einige erhabene Stunden oberhalb des Comer Sees fast wie abgeschieden vom Rest der Welt.