Über verfehlte Ziele, müde Beine und eine meiner besten Leistungen überhaupt – 23. Köln Marathon 2019 – 80er-Kind

Über verfehlte Ziele, müde Beine und eine meiner besten Leistungen überhaupt – 23. Köln Marathon 2019

Der Köln Marathon 2019 endet für mich in gewisser Weise bereits zwischen Kilometer 16 und 17. Zumindest meine Ambitionen muss ich hier aufgeben. Bis hierhin habe ich mich gut gehalten und liege auf Kurs 3:15 Std., also der Zielzeit, für die ich wochenlang trainiert habe. Es ist nicht so, dass es mir bisher extrem einfach gefallen wäre, dieses Tempo zu laufen. Aber das Tempo ist nicht das Problem. Schon mehrmals hatte ich mit Nils, der an meiner Seite läuft, darüber gesprochen, dass ich ein Dixi-Klo brauche, dringend. Denn in meinem Bauch herrscht seit mehr als einer Stunde ein übler Druck, besonders nachdem ich an den Verpflegungsstellen etwas getrunken habe.

An der letzten Station hatte ich daher bis auf einen Schluck, den mir ein unbekannter Mitläufer anbot, das Wasser vorsorglich gemieden. Vielleicht, so mein Gedanke, würde sich mein Magen dadurch beruhigen. Indem ich den Verpflegungspunkt ausließ, war ich zu diesem Zeitpunkt mal kurz vor dem Pacemaker unterwegs gewesen und fühlte mich erstmalig in diesem Rennen ein wenig beflügelt. Mein Schritt ging flüssig und ich hatte das Gefühl in einen Flow zu kommen, den ich bis dato vergebens gesucht hatte.

23. RheinEnergie Köln Marathon 2019
Offizielle Website: https://koeln-marathon.de/
Ergebnisse: https://koeln-marathon.de/ergebnisse/
Teilnehmer: 4378
Platzierung: Gesamt: 1294. von 4378
Altersklasse (M35): 191. von 483
Strecke: Die Strecke war ausnahmslos asphaltiert und wie man das erwartet professionell abgesperrt, wo es notwendig war. Jeden einzelnen Kilometer markierten Schilder. Die blaue Ideallinie war auf dem Asphalt kaum zu sehen, aber das spielt für die Allermeisten ohnehin keine Rolle. Es gab so gut wie keine Steigungen, wenn man von der Brücke zu Beginn absieht. Außer zum Start war auf der Strecke immer ausreichend Platz.
Insgesamt war der Streckenverlauf einigermaßen unspektakulär. Gleich zu Beginn gewährt die Deutzer Brücke ein tolles Panorama, der Zieleinlauf am Kölner Dom ist beeindruckend.
Obwohl nur eine Runde zu laufen ist, gibt es zwei Streckenabschnitte, die doppelt gelaufen werden. Besonders das Stück hinaus nach Nippes zerrt an den Nerven.
Organisation: Für die Organisation kann man kein anderes Wort finden als vorbildlich. Sowohl die Startnumernausgabe, als auch alle anderen Aspekte waren sehr gut gelöst. Besonders gut fand ich die Abtrennung der Staffelwechselzonen von der Laufstrecke. Toll war auch die Zielverpflegung, bei der es u.a. Brühe, Hotdogs und echtes Bier gab. Reibungslos klappte auch der Transport der Kleiderbeutel von der rechtsrheinischen auf linkrheinische Seite.
Der Startnummernbeutel enthielt in diesem Jahr ein Kölschglas. Erstmals setzte der Veranstalter zudem auf Nachhaltigkeit und vergab im Zuge dessen Medaillen aus Holz und verwendete Mehrwegbecher an den Verpflegungspunkten.
Stimmung: Von der Stimmung hatte ich mir mehr erhofft, da ich im Vorfeld viel Positives darüber gehört hatte. Dennoch waren unzählige Menschen an der Strecke und feierten alles und jeden, der vorbei kam. Besonders am Rudolfplatz war die Atmosphäre riesig. Ebenso schön war die Party-Meile der Run Squad CGN

Eventuell ging es mir so gut, weil ich mich noch über eine unerwartete Begegnung freute. Meine Frau hatte beim Halbmarathon schon eineinhalb Stunden früher starten müssen als wir und war mir in Höhe des Verpflegungspunktes auf der anderen Straßenseite entgegen gekommen. Sie zu sehen und zu wissen, dass sie noch im Rennen war, hatte mir sprichwörtlichen Rückenwind beschert. Es sollte der letzte lockere Abschnitt des Rennens für mich sein. Und auch vorher war es für ich alles andere als flüssig gelaufen.

Die ersten Kilometer – Brodeln im Bauch und die Suche nach dem Rhythmus

Im bisherigen Rennverlauf war ich noch nicht so richtig in meinen Rhythmus gekommen. Angefangen hatte es schon mit dem Start. Das anfängliche Stocken bei Läufen dieser Größenordnung ist üblich, aber durch die engen Straßen dauerte es in Köln bis zur Deutzer Brücke, bis das Läuferfeld so weit auseinander gezogen war, dass wir auf die geplante Pace beschleunigen konnten. Von hier hatte man einen tollen Blick auf die Skyline von Köln mitsamt Dom. Dort würde in mehr als drei Stunden das Ziel liegen. Der Dom ist das Ziel – das war der Slogan für mehrere Monate, der mein Training begleitete.

Ich tat aber gut daran, den Blick nicht zu weit schweifen zu lassen. Unvermittelt machte einer der Läufer vor uns eine 180°-Grad-Drehung, um ein verlorenes Gel aufzusammeln. Halsbrecherisch und unüberlegt! Nicht die einzige fragwürdige Aktion, die ich in Nähe des Starbereichs beobachtet hatte. Anfangs der Deutzer Brücke hatten wir einen Walker mit seinen Stöckern überholt. Ein Rätsel, wie er es in den Startblock der schnellsten Starter geschafft hatte. Später beobachtete ich einen Läufer, der eine halbvolle PET-Flasche achtlos auf die Straße fallen ließ, ohne einen Gedanken an nach ihm Laufende zu verschwenden. Auch in einem Läuferfeld gibt es ungeschriebene Gesetze, an die man sich hält.

Staffelmedaillen des Köln Marathons 2019

Derweil machte sich der Pacemaker daran, die auf dem ersten Kilometer verlorene Zeit gutzumachen und erhöhte die Taktzahl auf einen 4:20er-Schnitt auf dem zweiten Kilometer. Der Kurs führte uns nach Süden den Rhein entlang bis nach Rodenkirchen, wo wir einen Bogen liefen, bevor die Strecke wieder auf nahezu gleichem Weg zurückführte. Es war der erste von zwei wenig reizvollen „Out-and-back“-Abschnitten, der zwote sollte weit später auf uns warten und ungleich härter werden.

Auf den ersten sieben Kilometern bis Rodenkirchen liefen wir nach der kurzen Tempoverschärfung gleichmäßig im angepeilten Schnitt, der mir nicht ganz so leicht fiel, wie ich das erwartet hätte. In meiner Erinnerung an den Frühjahrsmarathon in Mainz war das Tempo damals locker und flockig gewesen. Sei’s drum, vielleicht trog meine Erinnerung. Was nicht trog: Damals war die erste Hälfte des Rennens fast verflogen und ich musste mich bremsen, nicht schneller zu laufen. Immer wieder hatte ich Kilometer hingelegt, die deutlich unter dem geplanten Schnitt lagen. Das war bisher heute nicht der Fall. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, die Beine dafür zu haben.

Erstmals richtige Zweifel an meinem Zustand bekam ich dann direkt in Rodenkirchen. Seit der Verpflegungsstation nach fünf Kilometern, bei der Nils beinahe die Zeitmessmatte umlaufen hatte, rumorte es in meinem Bauch. Im Zentrum von Rodenkirchen schien ich das Übel nicht mehr aufhalten zu können und kündigte bei Nils vorsorglich an, dass ich dringend eine Toilette bräuchte. Nach ein paar Minuten beruhigte es sich untenrum und wir liefen ohne Stopp weiter wieder in Richtung Kölner Innenstadt. Ein brüchiger Frieden, der eine Viertelstunde später schon wieder gebrochen wurde, gerade als wir die 10-km-Marke erreicht hatten – Durchgangszeit 46 Minuten. Noch war alles im Soll. Wäre nur nicht der Druck im Unterbauch so schlimm. Zudem war ich schon jetzt komplett nass vom Schweiß. Auch wenn ich generell zum Schwitzen neige, das war schon extrem. Botschafter-Shirt und Shorts klebten mir regelrecht am Körper. War das normal?

Der lange Weg zum Ziel beginnt

Nach 16 Kilometern kann ich sagen: Nein, das war nicht normal. Ich sitze in einer Hecke und habe Durchfall. Von Klopapier weit und breit keine Spur und die Büsche ringsherum sind mit Dornen bewährt. Hurra. Mit halb herabgelassen Hosen stolpere ich zum erstbesten Gesträuch mit anständigen Blättern. Hätte ich mal besser etwas gegen Durchfall genommen! Oder wenigstens Taschentücher eingesteckt. Weil Durchfall für mich bei Belastung nicht ganz untypisch ist, greife ich gelegentlich vor Wettkämpfen prophylaktisch zu einem entsprechenden Medikament – heute nicht. Prima!

Als ich nach zwei, drei Minuten aus den Büschen krauche, ist der Pace-Maker natürlich um genau diese Zeit enteilt und wenn ich an meinem Ziel festhalten will, muss ich diese Lücke auf den nächsten zwei Dritteln des Marathons schließen. Keine einfache Aufgabe, aber im Moment bin ich noch halbwegs guten Mutes. Machbar ist so etwas allemal. Vollkommen überrascht bin ich, dass Nils auf mich wartet. Anstatt weiterzulaufen, hat er ohne Rücksicht auf seine eigene Zeit auf mich gewartet. Ich bin sprachlos und sage ihm das auch. Er beruhigt mich, er habe selbst nicht so gute Beine und keine Ambitionen! Ab jetzt habe ich meinen privaten Pacemaker.

Wir machen uns mit mäßigem Erfolg an die Aufholjagd. Der erste Kilometer liegt über dem Schnitt, liegt aber vielleicht an der Unterführung, die wir hinter uns bringen mussten. Vielleicht aber auch nicht. Ich gebe zu, dass ich nicht gut drauf bin, kann nicht mal mehr auf den Schnitt beschleunigen, den der Tempomacher läuft, geschweige denn, schneller laufen. Genau einen Kilometer schaffen wir noch im geplanten Schnitt, dann falle ich immer weiter ab. Nils bleibt bei mir. Er versichert mir, dass er mit mir zu Ende läuft, auch wenn ich langsamer werden muss. Und das muss ich. Mir geht es immer mieser und ich weiß nicht, warum. Aber zu Ende werde ich laufen, für ein Aussteigen bin ich schon zu weit – Halbmarathon.

Die Politik der kleinen Schritte

Schon jetzt muss ich mir ganz naheliegenden Ziele suchen: Bis 25 km durchhalten, sage ich mir. Auf dem Weg dahin passieren wir in der Nähe des Zoos einen Stand vor einem Sporthaus. Der Mann am Mikrofon fragt uns im Vorbeilaufen, ob es uns gut geht. Wie man es nimmt. Ich habe mich definitiv schon besser gefühlt, aber wenigstens ist der Bauch in Ordnung. So halbwegs wenigstens. Das zweite Gel wäre mir beinahe wieder hochgekommen. Noch ein Gel werde ich nicht zu mir nehmen, das steht fest. Bringt vermutlich eh nichts. Ich habe nicht das Gefühl, dass im Verdauungstrakt irgendwas zuverlässig arbeitet.

Mittlerweile sind wir bei einem 5er-Schnitt angekommen. Das würde für eine Zielzeit von unter 3:30 Std. ausreichen, zumal wir bis zum Halbmarathon ja einige Zeit „Vorsprung“ herausgeholt haben. Aber die Tendenz ist schlechter werdend. Vor nicht all zu langer Zeit habe ich zu Nils noch gesagt, das heute alles unter 3:20 Std. großartig wäre, eine Zeit unter 3:30 Std. immer noch sehr gut. Doch glaube ich daran inzwischen nicht mehr. Dafür geht es viel zu schnell mit mir bergab. Viel eher halte ich es schon mit der Zuschauerin, deren Aussage wir vorhin aufgeschnappt haben: „Alles unter vier Stunden ist super.“ In der Tat. Mehr wird es heute nicht werden, so viel dämmert mir schon jetzt. Das ist traurig, in Anbetracht des Trainings, das ich auf mich genommen habe. Aber das ist Sport und es bringt mir nichts, zu hadern und mir weiterhin etwas vorzumachen. Dazu kenne ich mich und meinen Körper viel zu gut.

Das Bild trügt – Noch etwa 15 km sind zu absolvieren und ich habe mehr als genug mit mir zu tun.

Trotz meiner Probleme, versuche ich immer wieder die Kinder am Rand abzuklatschen oder die „Power-up“-Schilder mitzunehmen. Sie haben es verdient, ich habe es verdient. Ich will Spaß haben, wenn ich schon nicht Bestzeit laufe. Dementsprechend groß ist meine Freude, als wir durch die Partymeile der Run Squad CGN kommen. Rauch und Konfetti liegen in der Luft und Musik wummert. Das pusht selbst mich noch und das Konfetti klebt mir auch noch Kilometer später auf der Stirn (siehe Foto).

Nachdem ich mein Ziel von 25 km erreicht habe, setzte ich mir ein neues: 30 km. Das ist wenigstens eine Hausnummer. Und tatsächlich gelingt mir auch das. Nur werde ich immer langsamer und langsamer. Ich versuche es mit Selbstironie. Verwunderlich ist, dass mein Puls konstant oben bleibt. Sonst ist das mein Trainingstempo. Heute ist schon eine Pace von 5:30 min/km fast zu viel für nicht, ich bin unentwegt am Anschlag. Dennoch gibt es immer wieder Dinge, die mich aus meinem Dilemma reißen: Wir passieren eine Bühne mit Live-Band, die eines der typischen Marathonlieder live einspielt. Die Bläser sind in diesem Moment so geil, dass ich Gänsehaut bekomme und wieder ein wenig schneller laufe. Der Moderator begleitet die Musik mit der Ansage: „Ihr habt nichts anders verdient!“. Das Hoch hält nur kurz an, ich bin immer noch immer im Arsch. Das ist aber gerade nicht das Thema, sondern Musik. Uns beiden fällt nicht ein, wie der Song heißt, stattdessen verfallen wir in ein Gespräch darüber, was bisher für Musik gespielt wurde und was wir überraschenderweise noch nicht gehört haben. Man hat da als halbwegs routinierter Läufer so seine Erfahrungen.

12 endlose Kilometer bis zum Ziel

Kurz vor Kilometer 30 geht es in ein Gewerbegebiet. Davor hatte uns schon im Startblock ein Läufer aus Köln gewarnt. Wir waren ins Gespräch gekommen, weil er mein Botschafter-Shirt gesehen hatte und von dem Design angetan war. In diesem Jahr hätte man den Abschnitt im Gewerbegebiet schon gekürzt und trotzdem wäre er noch hart wegen der fehlenden Zuschauer, so seine Mahnung. Gewarnt hatte er außerdem vor dem Wetter. Würde die Sonne rauskommen, würde sie uns wegen der Hanglage von Köln umhauen.

Glücklicherweise bleibt es entgegen der Wettervorhersage bedeckt. Schwül ist es trotzdem, aber ohne die direkte Sonneneinstrahlung geht es. Und auch das Gewerbegebiet ist nicht so übel wie befürchtet. Es sind durchaus Zuschauer anwesend und so richtig nach Gewerbegebiet sieht’s gar nicht aus. Was es unangenehm macht: All das, was wir jetzt in die eine Richtung laufen, müssen wir später noch zurück. Rechts von uns kommen uns die schnelleren Läufer entgegen, den 3:15-Std.-Pace-Maker sehen wir aber nicht. Selbst Nils hat inzwischen zu tun und wundert sich darüber, dass doch so langsam mal der Wendepunkt kommen müsse. Wenn ich diesen Abschnitt irgendwie hinter mich bringe, dann haben wir auch Chancen, das Ziel laufend zu erreichen, sage ich irgendwann. Wir hören auf der anderen Straßenseite einen Läufer seinen Laufpartner anspornen: Los, noch sechs Kilometer quälen. Damit wissen wir: Auf der anderen Seite befänden wir uns bei Kilometer 36. So weit sind wir aber noch nicht.

Mein Ziel, das ich inzwischen auch laut mit Nils abspreche, lautet seit dem Passieren der 30-km-Marke 32 km. Ich traue mir keine fünf Kilometer am Stück mehr zu. Ich schaffe es und sogar noch einen Kilometer weiter, dann ist bei mir der Ofen aus. Ich bitte Nils darum, ein Stück mit mir zu gehen und lamentiere darüber, dass es noch verdammt weit ist in meinem Zustand. Nach einigen Hundert Metern laufen wir weiter. Bis Kilometer 35 möchte ich durchhalten.

Dynamisch ist der Schritt schon lange nicht mehr

In Nippes auf der Florastraße bei Kilometer 34 wartet der Mann mit dem Hammer, aber ein netter, so lautet ein Transparent. Es ist ein Verkleideter, der für eine Baumarktkette wirbt. Der echte Mann mit dem Hammer hat den einzigen Botschafter des Hannover Marathons bei diesem Lauf aber schon viel früher getroffen. Oder etwas anderes. Was es auch war, es geht nur schleppend vorwärts. Wenigstens ist hier Stimmung und Zuschauer säumen die Strecke und plötzlich ist da Jemand an der Strecke, den wir kennen. Ein alter Bekannter ist ohne Ankündigung zum Zuschauen und Anfeuern gekommen und reißt uns für Augenblicke aus dem Kampf gegen die verbleibenden Kilometer. Ich traue mich nicht stehen zu bleiben, weil das erneute Loslaufen so schwierig ist. So schaffen wir es mit ach und krach zum 35-km-Schild, dann legen wir meinetwegen wieder einen kurzen Fußmarsch ein. Die Zuschauer spornen uns mehr an denn je. Das ist schön und wir nehmen es mit einem Lächeln hin oder antworten auf die Aufmunterungen, mit einem selbstironischen Spruch.

Andere sind ähnlich angeschlagen wie ich und müssen auch gehen. Sie sind auf die gleiche Methode verfallen und zu einem Wechsel aus Laufen und Gehen übergegangen. So sieht man sich immer wieder. Ich bemitleide die Läufer, die uns auf der anderen Straßenseite entgegenkommen und die noch einige Kilometer hinter uns liegen, weil ich heilfroh bin um jeden Kilometer, den wir hinter uns bringen. Auf der Xantener Straße, irgendwo bei Kilometer 36 liegt eine Gel-Verpackung auf dem Asphalt. Die gleiche Marke, die ich auch bei mir habe. Allein der Anblick verursacht mir eine solche Übelkeit, dass ich längere Zeit dagegen ankämpfen muss mich zu übergeben.

Bei Kilometer 37 kommt ein Läufer hinter uns zu Fall und schlägt sich das Knie auf. Wir bieten unsere Hilfe an, aber der Läufer wiegelt ab. Da ich aber nun ohnehin stehe und hier ein Verpflegungspunkt eingerichtet ist, nutze ich die Gelegenheit für einen Dixi-Stopp. Draußen rütteln Zuschauer immer wieder an meiner Tür, um festzustellen, dass sie verschlossen ist. Nicht mal in Ruhe auf dem Klo sitzen kann man! Ich beeile mich, auch wenn die Zeit überhaupt keine Rolle mehr spielt. Von den 3:30-Std.-Pacemakern sind wir längst einkassiert worden und es ist absehbar, dass die 3:45er auch nicht mehr lange hinter uns bleiben. Ich halte mich an Cola, etwas anderes geht nicht mehr, alles verursacht mir Übelkeit und immer wieder überkommt mich das Verlangen mich zu erbrechen.

Jeder Profi wäre schon lange ausgestiegen und hätte sich für den nächsten Marathon geschont. Da ich nun einmal keiner bin und auch keinen nächsten Marathon plane in diesem Jahr, will ich das Rennen unbedingt beenden. Schließlich geht es mir gesundheitlich gut, abgesehen davon, dass mir übel ist und ich Puddingbeine habe. Wenn schon vorhin galt, dass ich zu weit gelaufen bin, um noch aufzuhören, dann gilt das jetzt erst recht. So geht es schleppend weiter im Stopp-and-go. Wir sehen bei Kilometer 40 zwei Läufer in ärztlicher Behandlung. Es geht also noch wesentlich schlechter und der Anblick macht mich beklommen.

Rudolfplatz zum Dritten. Hier ist der größte Zuschauerandrang und dementsprechend geben wir uns nicht die Blöße zu wandern. Obwohl wir die 40 Kilometer hinter uns haben, trauen wir uns inzwischen beide nicht mehr zu, den Rest zu laufen. Wofür auch? Zeitdruck haben wir nicht gerade. Unter vier Stunden bleiben wir, aber die 3:45er sind auch schon vor einer kleinen Weile an uns vorbei, so etwa nach 3:30 Std. auf unseren Uhren. Das hatte Nils zu der wenig erbaulichen Erkenntnis gebracht, dass wir ja mindestens noch 15 Minuten laufen würden, eher mehr. Ihm geht es nicht so schlecht wie mir, aber er war auch schon frischer.

Der Dom ist das Ziel – oder zumindest am Ziel

Als wir am Neumarkt ein Stück gehen, haue ich ihn an. Voraus sitzen Fotografen. „Komm, wir müssen laufen.“ Wenigstens auf den Fotos wollen wir den Anschein wahren. Der Verpflegungspunkt bei Kilometer 41 ist eine willkommene Entschuldigung gleich danach wieder ins Gehen zu verfallen. Nils meint, er schaffe es nicht laufend bis ins Ziel und ich bin da ganz seiner Meinung. Wir gehen also bis zum Maul des Hais, das den Beginn des letzten Kilometers markiert und beginnen wieder mit dem Laufen. Mit jedem Mal wird das schmerzhafter. Aber gleich ist es ja geschafft.

Wir „laufen“ – eigentlich kann man das in meinem Fall kaum noch so nennen – in die Innenstadt und es wird eng. Links und rechts halten Gitter die Zuschauer von der Strecke. Ein übermotivierter Läufer rempelt Nils beiseite. Der hat offenbar noch Ambitionen und nicht alle Körner verpulvert. Vielleicht auch ein Schlussläufer der zahlreichen Staffeln. Immerhin dürfen diese in Köln mit den „normalen“ Marathonläufern ins Ziel laufen, aber eben nur die Schlussläufer. Zwischenzeitlich hätte ich mir auch jemanden gewünscht, der sich die Strecke mit mir teilt. Aber ich habe mir den Sport ja selbst ausgesucht und dazu gehört es nun einmal, die Strecke am Stück und alleine zu laufen. Auch an Tagen wie diesen.

Rechter Hand ist auf einmal der Dom zu sehen. Riesenhaft türmt sich die Kirche auf, dann geht unser Blick nach links, dort liegt das Ziel. Das kommt irgendwie überraschend. Von wegen „Der Dom ist das Ziel“! Irgendwie hatte ich mir das mit dem Dom und dem Ziel anders vorgestellt, war davon ausgegangen, dass wir vor dem Dom ins Ziel laufen. Stattdessen haben wir ihn jetzt auf der Zielgeraden im Rücken. Ist aber auch egal, ich habe genug zu tun überhaupt ins Ziel zu kommen. Es sind keine 200 Meter mehr und trotzdem kann ich mich nicht mehr aufraffen für eine Art Finish. Selbst auf diesen letzten Metern. Doch lasse ich es mir nicht nehmen, in Jubel auszubrechen. Erst lasse ich den rechten Arm kreisen, dann jubele ich mit beiden Armen in der Luft. Darin liegt eine Menge Erleichterung darüber, endlich am Ziel zu sein und eine ebenso große Portion Stolz, es bis hierhin geschafft zu haben. Mein Jubel fällt aber etwas schüchtern aus. Es ist mir unangenehm, mich so gequält zu haben. Aber warum eigentlich? Für was schäme ich mich? Dass ich heute einen schlechten Tag erwischt habe? Mein Ziel verfehlt habe? Von denen, die an der Strecke stehen, weiß das eh niemand und überhaupt anzukommen, ist für die Allermeisten die eigentliche Leistung!

Nur wenige Meter vor dem Ziel zeigt Nils mir, dass meine Frau im Ziel wartet. Unvermittelt schießen mir Tränen in die Augen. Auch darin liegen Erleichterung und Freude. Und Dankbarkeit. Darüber im Ziel zu sein, darüber von einem guten, dem besten Freund dabei begleitet worden zu sein und über eine Frau, die noch Stunden nach ihrem eigenen Lauf im Ziel ausharrt, um mich zu empfangen und sich seit über fünfzig Minuten im Ziel darüber sorgt, ob mir etwas passiert ist. Nein, es ist nichts passiert, ich habe nur etwas länger gebraucht als geplant. War es deswegen eine schlechte Leistung? Objektiv ist es mein schlechtester Marathon, den ich je gelaufen bin, da spricht die Zeit eine deutliche Sprache. Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Überhaupt ins Ziel gekommen zu sein, bis zum Ende durchgehalten, die Zähne aufeinander gebissen zu haben und jetzt im Ziel -auf zugegebenermaßen wackeligen Beinen – zu stehen, ist die vielleicht beste Leistung, die ich je hingelegt habe.

Es ist vollbracht, wir sind im Ziel

Der Lauf im Vergleich

Veranstaltung Datum Gesamtzeit Pace Diff. zur PB Höhenmeter Wetter
20. Gutenberg-Marathon Mainz 05.05.2019 03:15:34 Std. 04:37 min/km - 127 5 °C - 8 °C, sonnig
20. Piepenbrock Dresden-Marathon 2018 21.10.2018 03:21:10 Std. 04:46 min/km 05:36 min 229 11 °C - 13 °C, wechselhaft
33. Haspa Marathon Hamburg 29.04.2018 03:24:05 Std. 04:50 min/km 08:31 min 264 13 °C - 18 °C, sonnig
...
23. RheinEnergie Marathon Köln 13.10.2019 03:52:40 05:31 min/km 37:06 min 108 17 °C - 20 °C, bewölkt

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