Fast geschafft - Bis zum Canto Alto sind es nur noch wenige Meter

Tour zum Canto Alto

Es ist ziemlich genau 6:45 Uhr und die Via Gombito menschenleer. Die Weihnachtsbeleuchtung wirft ihr Licht auf das mittelalterliche Pflaster. Ich warte bis die Uhr ein Signal gefunden hat, dann setze ich mich in Bewegung. Es geht Richtung Südost zum Stadttor Porta S. Agostino, wo es aus der Cittá Alta – der Oberstadt – in die Città Bassa geht. Ich bin in Bergamo, Italien, und habe mir vorgenommen, einen frühmorgendlichen Lauf zum gut 1100 Meter hohen Canto Alto zu unternehmen. Zu diesem Zeitpunkt glaube ich noch, dass es zwar hart wird, aber machbar. Die Strecke habe ich leicht abgewandelt von einer Seite, auf der GPS-Touren hochgeladen werden können. Dort war sie als Laufstrecke kategorisiert, weshalb ich davon ausgehe, dass die Wege entsprechend beschaffen sind.

Die Via Gombito in der Cittá Alta von Bergamo
Die Via Gombito in der Cittá Alta von Bergamo

Nachdem ich das Stadttor passiert habe, verfranse ich mich trotz der Miniaturkarte auf meiner Uhr kurz, finde aber schnell auf den rechten Pfad. Die Viale Giulio Cesare führt mich am Stadio Atleti Azzurri d’Italia vorbei. Ich laufe nach wie vor auf innerstädtischen Gehwegen. Als die Straßen immer schmaler werden, verfehle ich plötzlich eine Abbiegung. Meine Uhr zeigt an, dass ich rechts abbiegen soll, aber da ist nur ein schmaler Durchgang zwischen zwei Grundstücken. Unbeleuchtet und treppenartig. Ein Hinweisschild bestätigt zweifelsfrei, dass dieser Weg tatsächlich der geplante ist. Ich nehme die ersten Meter schwungvoll, komme aber nicht weit, bis ich merke, dass die Steigung hier einfach zu groß ist, um zu laufen. Der Weg ist felsig und schlüpfrig und ich verfalle in schnelles Gehtempo. Trotzdem bin ich ordentlich am Pumpen. Dann und wann bleibe ich stehen, da ich zu Atem kommen muss. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Bis zum Gipfel sind es in etwa 10 km und mein Plan sah vor, bis 8 Uhr dort angekommen zu sein, weil die Sonne planmäßig um diese Zeit aufgehen würde. Eine Stunde und fünfzehn Minuten für zehn Kilometer – normalerweise ausreichend Puffer. Selbst bei einem Schnitt von 7 min/km wäre ich rechtzeitig oben. Nur hatte ich nicht mit dieser Art Steigung gerechnet. Selbst sieben Minuten sind hier ein wahnwitzig hohes Tempo. Faktisch benötige ich zehn Minuten für den ersten Kilometer den Hang hinauf, allerdings überwinde ich damit auch schon 183 Höhenmeter. Danach geht es etwas besser, weil der Weg flacher wird und ich auf ein Plateau gelange, auf das ein Lokal gebaut ist. Von hier kann ich die unter mir liegende Stadt sehen. Die aufgehende Sonne färbt den Himmel bereits in rosa und orange. Ein wunderbarer Anblick, aber mich zieht es weiter, weil ich auf den Gipfel möchte, rechtzeitig, bevor die Sonne vollends aufgeht.

Das erste Licht des Tages über Bergamo
Das erste Licht des Tages über Bergamo

Ich habe den Eindruck, der Gipfel kann von hier nicht mehr fern sein und starte motiviert auf die nächsten Meter, muss aber feststellen, dass der Weg leider kaum besser wird. Es geht immer noch über Stock und Stein und laufen geht nur gelegentlich. Egal, ich mache das Beste daraus und bewege mich so schnell es geht durch das Gelände. Erstmals wieder laufen kann ich die Kilometer acht und neun, langsam zwar, aber es geht und macht Spaß. Die Sonne ist derweil bereits so hoch am Himmel, dass die Stirnlampe überflüssig ist. Ich sehe im Vorbeilaufen ein Hinweisschild auf den Canto Alto und freue mich: 1,3 km. Ich bin also fast da! Die Ernüchterung folgt, als ich am nächsten Hinweisschild merke, dass es sich nicht um Kilometerangaben, sondern Stunden handelt. Von hier sollen es noch ca. 1,5 Std. sein! Mein Ziel, den Sonnenaufgang vom Gipfel aus zu genießen, kann ich mir inzwischen so oder so abschminken. Die Sonne ist bereits so weit aufgegangen, dass der Wald orange erleuchtet. Es ist ein wunderbarer Anblick.

Die Sonne steigt über die Gipfel und taucht den Wald in Orange
Die Sonne steigt über die Gipfel und taucht den Wald in Orange

Hin und wieder schlage ich an „Kreuzungen“ den falschen Weg ein, finde dank der Navigationsfunktion meiner Uhr aber schnell zurück. Bei einem dieser Abstecher fährt mir der Schreck in die Glieder. Mitten auf dem Weg vor mir stehen zwei schwarze Hunde. Nicht aggressiv, aber so weitab von Allem und allein im morgendlichen Hochwald machen mir die Tiere Angst. Glücklicherweise haben die beiden mehr Angst vor mir und ziehen von dannen. Ich bin eh falsch abgebogen. Meine Uhr hatte etwas anderes angedeutet, aber weil ich keinen Weg hatte entdecken können, bin ich einfach dem erkennbaren Pfad gefolgt. Doch das stellt sich tatsächlich als falsch heraus. Der richtige Weg zieht sich querfeldein über den Grat des Berges. Mit dem Laufen hat es sich nun wieder erledigt. Die letzten Kilometer gen Gipfel geht es im Prinzip nur noch den Hang hoch, teils auf dem Bergrücken. Hier und da zeigt eine Farbmarkierung an, dass ich noch auf dem richtigen Weg bin.

Erstmals seit dem Start kann ich nun meinen Blick schweifen lassen. Der Dunst in der Luft lässt es aussehen, als wären die Berge in Ebenen angeordnet, die weit entfernten sind nur als schwache Schemen zu erkennen. Der Himmel ist bis auf dünne Wolkenbänder klar, in den tiefergelegenen Tälern hängt noch Nebel. Rechts über mir kann ich nun erstmals das markante Gipfelkreuz des Canto Alto klar und deutlich erkennen. Es ist das dritte Kreuz, das an dieser Stelle aufgestellt wurde, nachdem die beiden vorigen durch Wind und Wetter zerlegt wurden. Es hat Ähnlichkeit mit einem Strommast. Der Anblick der Berge im Morgenlicht ist fesselnd, aber ich will nun endlich auf den Gipfel. Weiter also.

Von der Flanke des Canto Alto reicht der Blick kilometerweit
Von der Flanke des Canto Alto reicht der Blick kilometerweit

Minuten später bin ich oben. Und zwar nicht allein. Ein Einheimischer ist bereits vor Ort und während ich über den Weitblick staune und die obligatorischen Fotos mache, kommt ein zweiter hinzu. Gen Norden sieht man die Voralpen, die Berge dort sind ausnahmslos weiß von Schnee. Schnee liegt auch an der Nord- und Westseite des Canto Alto. Das macht den Abstieg zu einer Herausforderung. Mit meinen Laufschuhen habe ich keinen Halt auf dem verharschten Schnee und rutsche haltlos. Mehr auf meinem Hintern gleitend als gehend oder laufend überwinde ich so die ersten Meter bergab. Der Pfad führt steil nach unten und überwindet in kurzer Zeit einiges an Höhe. So ist nach einigen Minuten der Weg wenigstens frei von Schnee.

1.146 Meter über dem Meeresspiegel auf dem Gipfel des Canto Alto
1.146 Meter über dem Meeresspiegel auf dem Gipfel des Canto Alto

Das Laufen indes bleibt herausfordernd. Der Boden ist lehmig und daher rutschig, große Steinquader liegen überall. Ich orientiere mich weiterhin an den Richtungsangaben auf meiner Uhr, komme dann aber doch vom Weg ab. Diesmal kehre ich nicht um, um den vorher kartierten Weg wiederzufinden, sondern bleibe beim eingeschlagenen Weg, in der Hoffnung später auf die geplante Route zurückkehren zu können. Eigentlich ist es wunderschön. Der Wald ist nun nicht mehr orange, sondern erstrahlt in klarem Morgenlicht, überall glitzert Tau und hin und wieder fließen kleine Bäche den Hang hinab. Ich merke aber, dass ich zurück möchte. Ich bin ohnehin schon lange in Verzug. Wenn ich noch frühstücken möchte, sollte ich mich beeilen. Das Laufen auf dem Pfad lässt es zudem nicht zu, dass ich mir die Natur näher ansehe, will ich nicht riskieren, mir eine Verletzung zuzuziehen.

Als ich in die ersten Ortschaften komme, lösen Teerstraßen die Waldwege ab und nach einigen Kilometern bin ich wieder zurück in der Spur. Ich folge jetzt wieder der roten Linie, die ich zuhause geplant hatte. Zumindest glaube ich das. Erst nach und nach dämmert mir, dass etwas nicht stimmen kann. Bereits zehn Minuten zuvor hatte ich das Gefühl, mich Bergamo zu nähern, jetzt laufe ich aber scheinbar in eine gänzlich andere Richtung. Ich ändere die Auflösung der Karte und sehe nun, was ich befürchtet habe. Ich bin zwar auf der richtigen Strecke, aber auf dem Abschnitt, den ich vorhin ausgelassen habe, als ich beim Abstieg die Route verlassen habe. Ich laufe also den Berg gerade an anderer Stelle wieder hoch, statt zurück nach Bergamo, das im Süden liegt, wieder nach Norden. Das versetzt mir einen ziemlichen Schlag. Denn: Ich kann gerade einfach nicht mehr. Die letzten Anstiege habe ich mich nur noch gequält und die Vorstellung, mich gerade vom Ziel entfernt zu haben, lastet schwer auf mir. Allerdings bleibt mir auch nichts übrig als weiterzulaufen. Geld habe ich nicht bei mir und abholen kann mich auch keiner. Wohl oder übel laufe ich ganz gemächlich in die Richtung, aus der ich gerade gekommen bin. Immerhin kenne ich den Weg schon.

Es ist jetzt nur noch ein ziemliches Geschlurfe und ich bleibe ab und an stehen, um mich zu erholen. Mit abnehmender Geschwindigkeit funktioniert meine körpereigene Heizung immer schlechter. Jetzt kühlt der Schweiß auf der Haut etwas zu gut und ich merke, wie die morgendliche Kälte nun unangenehm wird. Ich ziehe die Handschuhe wieder an, aber meine Finger bleiben kalt. Jede Steigung ist jetzt eine echte Herausforderung. Aber ich bin auch schon drei Stunden unterwegs und habe nicht einmal Wasser dabei. Der Kohlenhydratspeicher ist definitiv leer und der Durst ist inzwischen eine echte Qual geworden. Entlang der Straße suche ich einen Trinkwasserspender, wie ich sie gestern in Bergamo gesehen habe. Erfolglos.

Irgendwann beschließe ich, die 25 km voll zu machen und dann den Rest zu gehen. Mehr geht gerade nicht. Ich habe keine genaue Ahnung, wie weit es noch bis zum Hotel ist, als ich die 25 km geschafft habe, aber ich bin definitiv in Bergamo. Und sogar einen Wasserspender finde ich. Das gibt mir Auftrieb. Mehr noch freue ich mich, dass ich die Oberstadt sehen kann. Also nur noch 250 Höhenmeter, dann ist es geschafft. So weit war es also gar nicht mehr, da hatte die kleine Karte auf dem Display meiner Garmin getäuscht. Aber ich bin froh über meinen Entschluss, nicht mehr zu laufen. Den Höhenunterschied jetzt laufend zu bewältigen, dafür fehlt mir gerade die Energie.

Endlich zurück: Die Cittá Alta ist zum Greifen nah
Endlich zurück: Die Cittá Alta ist zum Greifen nah

Als ich Hotel ankomme, ist mir so kalt, dass ich mich kaum vernünftig ausziehen kann. Gott sei Dank hat S. das Frühstück für mich gebunkert und besorgt mir heißen Kaffee. Eigentlich ist die Zeit zum Frühstücken nämlich schon eine Weile vorbei. Das süße Hörnchen esse ich noch in voller Montur in Rekordzeit. Wäre das Löffeln nicht so schwierig mit meinen Eisfingern, würde das Müsli gleichermaßen schnell folgen. Das Frühstück und die folgende warme Dusche beseitigen die Spuren des Laufs und ich erhole mich schnell. Was bleibt sind wunderbare Bilder in meinem Kopf vom ersten Licht über Stadt bis zum unendlich weiten Blick vom Canto Alto. Meine Beine sind müde, aber mein Kopf ist frisch.

Die Bilder des Laufes

Der Lauf im Detail

2 Kommentare zu “Tour zum Canto Alto

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