Blick von der Bergstation auf der Piani d'Erna
Kategorien: Kinder Reisen

Pizzo d’Erna

Eine unendliche Ruhe überkommt mich, als ich die Bergstation der Seilbahn auf der Piani d’Erna verlasse. Wir sind hoch über der Stadt Lecco am Comer See. Die Seilbahn hat uns in wenigen Minuten durch die tief hängende Wolkendecke nach hier oben befördert. Jetzt verschwinden die dicken Drahtseile nach wenigen Metern im grau-weiß der Wolken. Eine leichte Schneedecke liegt überzieht das Plateau: Wir sind definitiv nicht mit dem richtigen Schuhwerk unterwegs. Aber im Internet hatte es geheißen, wer Lecco besucht, muss auch auf den Piani d’Erna.

Im Tal hatte es kurz nach unserer Ankunft in der Stadt am südöstlichen Arm des Comer Sees noch geregnet. Der See wirkte aber weniger trist als fast schon mythisch. Jede Sekunde gaben die Wolken die Sicht auf einen anderen Teil eines Berges, das Wasser, den Himmel oder einen am Ufer befindlichen Bau frei. Ein ständiger Wechsel. Wir hatten uns vor unserer Abreise aus Bergamo nur flüchtig mit Lecco befasst. Wir wollten den See sehen, den drittgrößten der oberitalienischen Seen. Und wenn möglich den Piani d’Erna. An klaren Tagen sollte sich von dort ein faszinierender Blick über den Comer See und die umliegenden Berge bieten. Klar ist es heute wahrlich nicht. Immerhin hat der Wetterbericht aber wechselhaftes Wetter angesagt und es besteht derweil noch Hoffnung darauf, dass die Wolkendecke im Laufe des Nachmittags aufreißt.

Wolken am Comer See
Wolken am Comer See

Einige Berichte über die Piani d’Erna hatte ich im Vorfeld gelesen, nicht jedoch herausfinden können, wo genau sich die Seilbahn befände. Da es so geklungen hatte, als würde die Gondel von einem zentralen Platz starten, ließen wir am Seeufer die Blicke schweifen. Trotz des Nebels und der Wolken müsste man die Gondel oder wenigstens die Seile doch erahnen können. Doch Fehlanzeige. Von einer Seilbahn weit und breit keine Spur. Auch einen Stadtplan fanden wir nicht. Erst in einem Café konnte man uns helfen. Wir sollten den Bus nehmen, die Linie 5 direkt hier vor dem Café!

Bis zur Talstation der Seilbahn sind es einige Kilometer und vor allem Höhenmeter, die der Bus in Serpentinen überwinden muss. Auf dem Parkplatz der Talstation standen einige PKW, hatten aber die Gondel für uns alleine. Nur wenige Augenblicke dauerte es, dann verschwanden wir in den Wolken. Für einen Moment stießen wir noch einmal daraus hervor, eine Wolkenschicht unter uns, die nächste gleich darüber, dann erneut Nebel.

Zwischen zwei Wolkenschichten - Aufnahme aus der Seilbahn zur Piani d'Erna
Zwischen zwei Wolkenschichten – Aufnahme aus der Seilbahn zur Piani d’Erna

Das erste, was mir jetzt vor den Toren der Bergstation auffällt, ist Stille. Erst die Abwesenheit des Grundrauschens, das uns tagtäglich umgibt, macht mir deutlich, wie leise es ohne das ständige Rauschen des Verkehrs und den Alltagslärm ist. Es ist der gleiche Effekt, den man bemerkt, wenn plötzlich eine Geräuschquelle abgestellt wird. Erst durch das Fehlen des Störgeräuschs, bemerken wir es wieder, so gründlich hat unser Gehirn es ausgeblendet. Weil wir nahezu die einzigen Personen sind, die sich an diesem Tag hierher verirrt haben, stören keine fremden Unterhaltungen die Stille, in die uns der Berg hüllt. Es ist nicht einsam. Häuser sind hier und da auf dem Hochplateau zu sehen und dennoch fühle ich mich abgekapselt. Es ist ein wenig so, als wäre man in einer eigenen Sphäre unterwegs. Eine Welt nur für uns. Natürlich hört man auch hier das Surren eines Generators und nimmt die Spuren der Anderen wahr, aber dennoch: Wir sind allein für diesen Moment und uns umfängt eine beruhigende Stille, durchbrochen nur vom Rauschen des Windes und dem Knirschen des Schnees.

Eine Rolle spielen auch die umliegenden Berge. Der Resegone mit seinem auffällig gezackten Kamm thront über uns, sein schwarzer Fels zeichnet sich scharf vor dem Weiß der Wolken ab. Nicht drohend, aber Ehrfurcht gebietend. Massiv und Jahrmillionen alt. Zeichen für das Wirken von unvorstellbaren Kräften, die über Ewigkeiten diese Landschaft formten. Nicht lebensfeindlich, aber schroff.

Rechts führt ein schneeverkrusteter Weg zum Pizzo d’Erna, dem Gipfel in 1.362 Metern Höhe, wie üblich markiert durch ein Kreuz. Dieses hier ist massiv und umgeben von einen schmalen Weg, der durch ein Geländer gesichert ist. Da die Wolkendecke heute unterhalb von uns liegt, bleibt uns der Blick auf die im Tal liegende Stadt und den See verwehrt. Dafür entschädigt uns die Wetterlage mit einem Anblick, der auch so atemberaubend ist. Wie ein weißes Meer wogen die Wolken um die Berge, deren Spitzen ringsum aus dem Weiß hervorragen wie Inseln aus dem Meer. Die klare Luft lässt das Gelb-Braun des Grases so intensiv leuchten, dass es fast übernatürlich wirkt. Es ist der Kontrast zum sonstigen Fehlen von Farben.

Die klare Luft lässt das Braun des Grases hervortreten
Die klare Luft lässt das Braun des Grases hervortreten

An der Stirnseite des Kreuzes fällt die Bergwand fast senkrecht ab. Beim Blick nach links sehe ich Pfade, die sich auf dem Grat des Berges entlangziehen, einer scheint direkt im Abgrund zu verschwinden und ist von Stahlseilen flankiert. Ich muss mich setzen, weil ich Angst habe in den Abgrund zu stürzen. Irrational, das weiß ich. Wie oft kommt es vor, dass man einfach so stolpert? Und dann auch noch über eine Balustrade, die bis zur Brust reicht. Ich müsste mich schon anstrengen, wollte ich wirklich abstürzen. Um Rationalität geht es aber gar nicht. Die Furcht rührt von der Erkenntnis her, dass es wenig mehr braucht als einen Schritt in die falsche Richtung, um meine Existenz zu beenden, während die Berge nicht einmal Notiz davon nähmen. Ein kurzes Verschnaufen genügt, dann habe ich mich wieder gefasst und kann den Ausblick genießen.

Dann trägt uns die Gondel der Seilbahn zurück in die Zivilisation, wo es inzwischen so nebelig ist, dass man von der Welt, aus der wir gerade kommen, nichts mehr erahnt. Die Berge sind vollständig verdeckt. Und so warten wir bei einem Caffé Americano auf den nächsten Bus der Linie 5, der uns in die Stadt bringt. Der Lärm hat uns wieder.

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