Wie immer stellen sich meine Haare an den Armen auf, als die Musik einsetzt, die die letzten Sekunden bis zum Startschuss untermalt und der Ansager von zehn beginnend rückwärts zählt – dann setzt sich die riesige Masse an Läufern ganz langsam in Bewegung. Gehend erst noch, dann trabend, bis der Raum groß genug ist, um wirklich loszulaufen. Dass ich auch dabei sein kann, macht mich schon glücklich! Keine 24 Stunden vor dem Start hatte ich noch eine Zahnwurzelbehandlung über mich ergehen lassen müssen. Angesichts der akuten Zahnschmerzen hatte ich zwischenzeitlich sogar meinen Start hatte ich kurz infrage gestellt, geschweige denn daran geglaubt, eine neue Bestzeit zu laufen. Noch allzu wach waren die Erinnerungen an die Qualen im Vorjahr. Aber Kneifen gilt nicht. Dafür sind die Startgebühren auch einfach zu hoch. Und seit der Behandlung gab es eigentlich auch keinen Grund mehr, den Lauf abzublasen. Die Schmerzen waren abgeklungen.

Jetzt – direkt nach dem Start – gilt es, seinen Schritt zu finden, sich nicht mitreißen zu lassen und gleich zu Beginn ein zu hohes Tempo anzuschlagen oder zu viel Energie damit zu vergeuden, weil man sich im Slalom um die anderen Läufer herumschlängelt. Weil ich mich dieses Jahr sehr weit vorne eingeordnet habe, zieht sich das Feld recht schnell auseinander. Bereits nach wenigen Hundert Metern kann ich mich etwas freischwimmen und komme bis auf einen Rempler gut durch die anfänglichen Wirren. Ein schneller Blick auf meine Uhr zeigt mir: Alles im Lot. Weil zum zweiten Mal hintereinander die Deutschen Halbmarathon-Meisterschaften im Rahmen des HAJ Hannover Marathons ausgetragen werden, bin ich im Block B umringt von einigermaßen ambitionierten Athleten gestartet, in Sichtweite die wirklich schnellen Läufer mit Zielzeiten unter 1:15 Std. Block B: Das heißt, Starter mit einer Zielzeit von 1:20 bis 1:35 Std. Da besteht die Gefahr, sich schnell an die falschen Fersen zu heften.

Noch vor dem Start hatte ich die anderen Läufer beobachtet und einzuordnen versucht. Andere auch: „Die läuft niemals unter 4:00 Min/km!“, hörte ich eine Starterin ihrem Begleiter zuraunen. Dann setzte sie nach: „Wir tun uns doch alle nur einen Gefallen, wenn wir uns richtig einordnen.“ Auch wenn es nicht einfach ist, die anderen Läufer allein anhand ihrer äußeren Erscheinung einzuordnen, hatte ich ihr insgeheim zugestimmt. In den letzten Jahren hatte ich die unangenhme Erfahrung gemacht, dass sich viele deutlich langsamere Läufer sehr weit vorne eingeordnet hatten. Vielleicht in der irrigen Annahme, das würde ihnen am Ende einige Sekunden bringen. Am liebsten wäre es mir, die Unterteilung wäre noch etwas feiner gegliedert. So könnte ich auch leichter einen Läufer finden, der ungefähr mein Zieltempo laufen würde. Ein inoffizieller Tempomacher sozusagen. Meist findet sich so jemand aber nach kurzer Zeit ohenhin.

Die leicht geänderte Strecke macht kurz nach dem Start eine scharfe Linkskurve. Das ist neu. Ein Groß der Läufer nutzt das dazu, über den Gehweg ein paar Meter abzukürzen. Gezwungen durch die Herde nehme auch ich den Weg über den Gehweg, auch wenn ich das eigentlich nicht möchte. Ich tröste mich damit, dass sich das in der Regel über die Gesamtdistanz ohnehin ausgleicht. Die Findungsphase des Rennens ist noch immer im vollen Gang, aber bereits jetzt gruppieren sich Läufer, die im gleichen Tempo unterwegs sind. Ich orientiere mich: Vor mir ein Mann mit extremen O-Beinen und eine Frau Namens Caprice. Ab und an überhole ich noch Läufer, aber je länger wir unterweges sind, desto weniger Verschiebungen gibt es. Sie werden erst wieder zunehmen, wenn die Kräfte nachlassen. Und so wie das Wetter heute angelegt ist, wird das eher früher als später passieren. Es ist ungemein warm, weit über 20 °C. Und das Anfang April!

Den ersten Kilometer laufe ich in 4:04, etwas schneller als Plan. Anstrengend aber auszuhalten. Immerhin überziehe ich nicht. Vorgenommen habe ich mir einen Schnitt von 4:08, um dann am Ende ein paar Sekunden herauszuholen, die Garant für die neue Bestzeit sein sollen. Am Fackelläufer am Maschsee hat sich wie gewohnt eine große Ansammlung von Menschen eingefunden, um das Läuferfeld voranzutreiben. Bis Kilometer vier geht es nun entlang am Maschsee. Leicht schneller sogar als auf dem ersten Kilometer. Unmittelbar vor dem Ende des Sees ist die erste Verpflegungsstelle und die kommt mir sehr gelegen. Bereits jetzt ist mein Mund extrem trocken. Nicht mein Wetter! Im Laufen greife ich mir einen Becher Wasser und schaffe es tatsächlich große Teile des Inhalts unfallfrei in mich hineinzubugsieren.

Zwei Linkskurven später befinde ich mich auf der Hildesheimer Straße. Um mich herum sind nach wie vor die gleichen Läufer. Ich registriere immer mal wieder die Zuschauer am Straßenrand, die Sambatrommler, die Kinder und die vielen Schaulustigen. Einmal spende ich sogar den Zuschauern Applaus. Dass ich Muße habe, mir einzelene Personen anzusehen, ist für mich ein guter Indikator, dass es mir deutlich besser geht als im letzten Jahr. Vpr allem der Magen macht keine Probleme. Ein Hoch auf das Loperamid, das ich prophylaktisch geschluckt habe. So geht es bei einigermaßen konstantem Tempo bis zum Aegi. Alle Kilometer sind bisher unter 4:08. Folglich habe ich mir ein kleines Polster herausgelaufen. Heißen muss das nichts. Letztes Jahr war ich trotz der Beschwerden ähnlich schnell unterwegs und es genügten schon wenige etwas langsamere Kilometer am Ende, um deutlich langsamer ins Ziel zu kommen als geplant. Ich kann nur weiterlaufen und schauen, wie lange ich das Tempo durchhalte.

Ich zerlege mir die Strecke gerne in kleine Happen. Nichts Neues, aber immer sehr hilfreich. Das Aegi hatte ich mir als erstes Zwischenziel vorgegeben, weil hier ungefähr ein Drittel der Distanz vorüber sein würde und es einer der Zuschauer-Magneten ist. Auf beiden Seiten der Straße säumen unzählige Menschen die Strecke und peitschen die Läufer vorwärts. Wie immer warten hier auch die Fotografen.

HAJ Hannover Marathon 2018 - Am Aegi
HAJ Hannover Marathon 2018 – Am Aegi

Im Vorbeilaufen schaffe ich es sogar in eines der großen Teleobjektive zu lächeln, bevor wir auf die Georgsstraße abbiegen. Der Zuschauerzuspruch ist auch hier weiterhin hoch. Das bleibt so und trägt bis zum Bahnhof, wo die Strecke durch einen langen Bahnhofstunnel führt. Kurz danach signalisiert mir meine Uhr die Zwischenzeit für den letzten Kilometer. Wie schon seit einiger Zeit ist die Uhr ein wenig spät dran, die offizielle Markierung für Kilometer 9 habe ich schon eine halbe Minute oder länger hinter mir. 4:16! Verdammt, habe ich wirklich so stark nachgelassen? Fast 15 Sekunden langsamer als auf dem Kilometer zuvor?

Ich bin kurz alarmiert, dann schiebe ich es auf die Unterführung und damit verbundene GPS-Ungenauigkeiten. Sicherheitshalber lege ich einen Schritt zu. Gleich kommt die 10-km-Marke. Durch die neue Strecke nicht mehr da, wo sie in den Vorjahren lag, sondern ein Stück weiter in der Oststadt. Und auch hier ist der Streckenverlauf anders als in den Vorjahren. Ich bin einigermaßen abgelenkt und registriere nicht einmal meine Durchgangszeit für die 10 km. Später werde ich lesen, dass ich 40:08 Min. benötigt habe. Schneller als ich jemals über 10 km gelaufen bin.

Langsam spüre ich, dass mir das Tempo zusehends Mühe bereitet. Ich kann es nicht mehr so locker halten wie noch vor wenigen Minuten. Umso überraschter bin ich, dass für Kilometer 12 eine Zeit von 3:56 Min./km auf meiner Uhr angezeigt wird. Da anschließend der langsamste (4:17 Min./km) folgt, scheinen sich hier Messfehler eingeschlichen zu haben. Trotzdem: Ich bin verunsichert. Auf der Celler Straße bin ich so im Trott, dass ich zu dicht an die Pylonen komme, die die gesperrte Spur, vom Autoverkehr trennen und kurz stolpere. Einen Sturz kann ich vermeiden, Glück gehabt.
Mittlerweile bin ich mit dem Pulk in der List. Wir laufen schon eine Weile gemeinsam mit den Marathonläufern, die hier bereits 28 km und mehr hinter sich haben. Weiterhin nutzte ich jeden Verpflegungspunkt, um wenigstens ein paar Schlucke Wasser zu nehmen und mir den Rest über den Kopf zu gießen. Kühlung tut mehr denn je Not. Wie üblich ist in der List der Teufel los. Das hilft, um nicht nachzulassen. Trotzdem bleibe ich auch bei Kilometer 14 leicht über meiner Marschroute: 4:10 Min./km.

Das letzte Renndrittel beginnt mit einem ungeplanten Sprung: Ich laufe am linken Straßenrand, als wir leicht links abbiegen und die Läuferin vor mir die Innenbahn zumacht. Da ich etwas schneller unterwegs bin, weiche ich nach links auf den Gehweg aus, wo Pylonen eine Absperrung bilden. Ich setze über sie hinweg und meinen Lauf unbeschadet vor. Wie immer habe ich jetzt einen kleinen Hänger. Es ist der Punkt erreicht, an dem die Erschöpfung merklich spürbar ist, das Ziel aber noch ein ganzes Stück entfernt. Zudem geht es gleich unter den Gleisen hindurch und die einzige nennenswerte Steigung des gesamten Kurses in die Nordstadt hinauf. Dennoch entscheide ich mich gegen das zweite Gel, das ich dabei habe. Das erste habe ich nach sieben Kilometern genommen und wollte das zweite nach 14 einnehmen. Nur kann ich mich nicht überwinden. Es erscheint mir gerade zu umständlich, es aus der Tasche zu zutzeln und ich scheue die massive Süße. Bis Kilometer 17 durchhalten, sage ich mir. Wenn du das schaffst, bekommst du den Rest auch hin. In Kiel, geht es mir durch den Kopf, war ich auf den letzten Kilometern ziemlich deutlich langsamer geworden. Wenn ich das vermeiden kann, da bin ich mir sicher, knacke ich meine Bestzeit.

Ich beiße: Kilometer 15 ist unter Soll, Kilometer 16 leicht drüber. Ist der beschriebenen Steigung geschuldet, sage ich mir. Ich bin jetzt in der Nordstadt. Was ich fürchte, ist die Nienburger Straße. Sie führt ziemlich gerade entlang an den Herrenhäuser Gärten und weist eine kleine, aber nicht zu verleugnende Steigung auf. Noch ist es aber nicht so weit. Zunächst kommt die Lutherkirche, dann geht es ungefähr einen Kilometer geradeaus – zumindest war das bisher immer so. Zu meiner Überraschung geht es kurz nach der Lutherkirche nach links. Dadurch entfällt ein großes Stücke der Nienburger Straße. Und auch Kilometer 17 habe ich passiert. Hurra! Meine Zeit ist sogar eine Sekunde schneller als der geplante Schnitt. Das gibt mir Auftritt und ich winke dem Fotografen, der auf der Brücke über mir steht. Vier Kilometer nur noch!

Wir kommen auf Höhe der Mensa auf die Nienbruger Str., linker Hand die Universität, rechter Hand die Herrenhäuser Gärten. Voraus liegt der Königsworther Platz. Bis zur unverhofften Linkskehre hatte ich noch darauf gehofft, dass es in diesem Jahr vielleicht geradewegs über den Königsworther Platz in Richtung Ziellinie ginge. Jetzt ist mir klar, das wird nichts. Dafür sind wir noch nicht weit genug gelaufen und bei geradem Weg bekommen wir niemals die 21 Kilometer voll. An der Uni und am Königsworther stehen erneut Massen an Zuschauern und Jubeln. Nur nehme ich sie nur noch periphär wahr. Ein Auge kneife ich meist zu, wie ich es häufig mache, wenn ich wirklich das letzte aus mir heraushole. Trotzdem werde ich langsamer: 4:11 Min./km für Kilometer 18. Vom Königsworhter Platz aus drehen wir nach einer Spitzkehre eine kleine Schleife, um dann wieder auf dem Platz zu landen – diesmal von Süden. Ich habe das Gefühl, überhaupt nicht mehr vom Fleck zu kommen, doch meine Zeiten bleiben gut und liegen nur hauchzart über der Marschroute. Am letzten Verpflegungspunkt kippe ich mir einen Becher Wasser über den Kopf und trinke ein paar Schlucke. Dann beginnt das letzte lange Stück über das Hohe Ufer Richtung Friederikenplatz.

Es zieht sich! Rechts stehen Absperrgitter mit Bannern, die die Entfernung bis zum Ziel in 50-Meter-Schritten herunterzählen. Aber es wird einfach nicht weniger. Wie kann sich ein einziger Kilometer so weit ziehen? Noch einmal steht ein DJ an der Strecke und tatsächlich schafft es die Musik, mich kurz aus meinem Tunnel zu holen. Ich gestikuliere irgendwie lobend mit der rechten Hand in Richtung DJ herum. Endlich macht die Strecke dann einen Linksknick und die Ziellinie am Trammplatz kommt in mein Sichtfeld.

HAJ Hannover Marathon 2018 - Zieleinlauf
HAJ Hannover Marathon 2018 – Zieleinlauf

Nicht ein einziges Mal habe ich währed des Rennens meine Gesamtzeit überprüft, noch nicht einmal bei der 10-Kilometer-Marke. Ebenso bewusst habe ich den Blick auf den Puls vermieden. Der ist ohnehin sehr hoch. Das weiß ich und ich spüre natürlich auch, dass ich am oberen Ende laufe, wegen des Tempos, das ich angeschlagen habe. Und wegen der Hitze. Auf der Strecke sind jetzt um kurz nach 12 Uhr bestimmt an die 30 °C. Aber die Zeiten für jeden Kilometer habe ich mir angesehen. Daher weiß ich, dass ich schnell unterwegs war und und diesmal einen großen Einbruch vermieden habe. Selbst auf den letzten Kilometern lag der Schnitt kaum über 4:10 Min. pro Kilometer. Allerdings ist das langsamer als die 4:08 Min., die es im Schnitt zu unterbieten gilt. Dazu kommen zwei Kilometer, die etwas langsamer waren, was ich aber auf Messfehler zurückführe. Reicht es also? Hier auf der Zielgerade bin ich froh, noch halbewegs klar denken zu kennen, Rechnen geht schon lange nicht mehr sonderlich gut. Es wird also nur die offizielle Zeitanzeige über der Ziellinie diese Frage beantworten können.

Die letzten drei Kilometer waren hart und von leichfüßigem Laufen kann keine Rede mehr sein. Ich blicke Richtung Friedrichswall, kann aber die Uhr über der Ziellinie nicht entziffern. Verdammt! Ich bin mir fast sicher, dass ich sie letztes Jahr schon von hier habe ablesen können. Sind die Anzeigen kleiner geworden? Einerlei: Ich muss ja ohnehin weiterlaufen und irgendwann werde ich schon erkennen, was da oben steht. Eigentlich bin ich mir sicher, dass ich schneller bin als in Kiel. Aber leise Zweifel bleiben. Dann sehe ich die Uhr endlich klar. 1:26 Std. und ein paar Sekunden! Das ist mehr als eine Minute schneller. Ich breite meine Arme aus und jubele, obwohl es noch 50 Meter bis zum Ziel sein dürften. Am Rande registriere ich, dass der Fotograf hinter der Ziellinie meinen ehrlichen Jubel sieht und mich ablichtet. Ich haue raus, was ich noch im Tank habe. Viel ist es nicht mehr. Dann überquere ich die Ziellinie und stoppe die Uhr. So besessen ich sonst von Zeiten bin, interessiert mich meine genaue Zeit gar nicht so sehr. Es genügt mir die Gewissheit, unter 1:27 Std. geblieben zu sein und genau das eingehalten zu haben, was ich einem Bekannten spontan am Vortag als Ziel verkündet hatte. Selbst noch auf dem Weg zum Athletenbereich balle ich mehr als einmal die Faust und eine große Zufriedenheit überkommt mich.

Die Bilder des Laufes

Der Lauf im Detail