Nur ein paar verdammte Sekunden! 2. Silvesterlauf in Bremen – 80er-Kind

Nur ein paar verdammte Sekunden! 2. Silvesterlauf in Bremen

Seit ungefähr vier Kilometern habe ich nicht mehr auf die Uhr geblickt. Reiner Selbstschutz. Was sollte ich auch tun, wäre ich zu langsam? Schneller kann ich eh nicht. Ich pfeife wirklich auf dem letzten Loch. Und der leichte Anstieg hier kurz vor dem Zielbogen macht es nicht besser gemacht. Aber was heißt schon „kurz vor dem Ziel“? Verdammt lange 200 Meter sind es wohl noch bis zum Ziel. Ich bin jedenfalls nah genug, um die roten Leuchtziffern über dem Zielbogen zu entziffern. Mit einiger Mühe jedenfalls, denn mein Blick ist mindestens schon so lange nicht mehr ganz klar wie ich den Blick auf die Uhr meide.

Doch mit jedem Schritt kann ich die Zahlen deutlicher lesen. Noch bin ich leicht unter 40 Minuten, aber die Sekunden ticken unerbittlich. Das Wissen, dass die Qual gleich vorbei ist, lässt mich die letzten Funken Energie mobilisieren, die mein Körper noch zurückgehalten hat. Noch ein letztes Mal beschleunige ich und hoffe auf ein Wunder. Nichts anderes kann mir jetzt noch zum Erreichen meines angestrebten Ziels verhelfen.

40 Minuten früher

Bescheiden ordne ich mich eher defensiv in die dritte Reihe ein, um nicht den schnelleren Läufern im Weg zu stehen. Schließlich würde es für mich nicht um den Sieg gehen. Andere sind da nicht ganz so selbstlos. Reihe drei wird mit der Zeit zu Reihe vier, dann zu Reihe fünf. Munter reihen sich Läufer vor mir ein, bei denen ich skeptisch bin, was die zu erwartenden Zielzeiten sind. Der zu meiner Linken stehende Läufer hingegen hat andere Sorgen. Er fragt mich, wie es sich hier mit der Zeitmessung verhält. Helfen kann ich ihm nicht, aber die gleiche Frage habe ich mir auch schon gestellt. Wir stehen ungefähr 40 Meter hinter dem Zielbogen, durchlaufen ihn also kurz nach dem Start. Da dort aber die Zeitmessmatte liegt, kann die Messung da ja eigentlich erst beginnen, oder nicht?

Der Countdown zum Start setzt dem Grübeln ein Ende. Jetzt wird gelaufen. Oder eher getrabt. Ich hatte recht, Teile der Läuferschaft vor mir lassen es langsam angehen, sehr langsam. Und trotz der daraus resultierenden Startschwierigkeiten, ist der erste Kilometer für meine Verhältnisse rasend schnell. 3:30 Min./km zeigt die Uhr bei meinem ersten Kontrollblick. Das ist mein 1.000-Meter-Tempo, fühlt sich in der Anfangseuphorie aber gar nicht so übel an. Nach 3:48 Min. passiere ich das erste Kilometerschild. Da haben mich die menschlichen Hindernisse am Start also wenigstens davor bewahrt, noch weiter zu überdrehen. Auch so bin ich zu schnell, das werde ich nicht durchhalten. Oder doch? Vielleicht entfaltet das Training ja jetzt seine Wirkung, im Rennen ist alles möglich, das habe ich schon oft erlebt.

Kurz glaube ich daran und lasse der Euphorie des Startes zwei weitere schnelle aber keineswegs mühelose Kilometer folgen. Im Training hatte ich bei Intervallen in diesem Tempo viel allzu oft abreißen lassen müssen. Das ist heute besser, aber ich werde bereits langsamer und die Leichtigkeit des ersten Kilometers ist längst verflogen. Mir wird unmissverständlich klar: Das wird ein langes Rennen. Die Läufer vor mir bleiben immerhin in etwa im gleichen Abstand zu mir und überholt werde ich auch nur einmal. Das zeigt mir, dass ich mein Tempo, das jetzt bei etwas mehr als 4:00 Min./km liegt, halten kann. Aber mit jeder verstreichenden Minute muss ich dafür mehr Aufwand betreiben

Die erste Runde beende ich in 19:47 Min. Eigentlich im Plan, wenn da nicht meine spürbare Erschöpfung wäre. Das reicht nicht, denke ich! Gehofft hatte ich im Näherkommen auf eine flache 19. Knapp eine Minute Puffer, so hatte ich mir ausgemalt, würde trotz der rasend zunehmenden Erschöpfung genügen, um unter 40 Minuten zu bleiben. Jetzt sind es lediglich 13 Sekunden.

Eine gute Tat und viel Krampf

Gleich nach dem Zieldurchlauf werde ich überholt. Aber wohin will der Läufer? Es geht hier rechts herum und nicht geradeaus! Offenbar bin ich nicht der Einzige, der in einem gewissen Tunnel unterwegs ist. Ich rufe ihm zu und er erkennt seinen Irrtum. Kurzes Abklatschen und weiter geht’s. Folgen kann ich ihm nur kurz, dann sehe ich ihn immer weiter davoneilen. Langsam aber stetig.

Eingangs der zweiten Runde

War der Weg bis zum ersten Kilometerschild in der ersten Runde eigentlich auch so lang? Als es endlich auftaucht, schreit mir die Uhr eine 4:07 Min. entgegen. Das haut rein. Viel zu langsam. Damit sind sieben Sekunden von den 13 Sekunden bereits auf dem ersten Kilometer verloren gegangen. Ab jetzt vermeide ich jeden Blick auf die Uhr, noch so einen Tiefschlag kann ich nicht gebrauchen, sonst bleibe ich noch stehen oder nehme einen Tritt raus. Ich quäle mich weiter, immer weiter und versuche mein Denken nur auf den aktuellen Moment zu richten, nicht darüber nachzudenken, wie weit es noch ist. Doch natürlich weiß ich ganz genau, wie weit es noch ist und jeder geschaffte Kilometer erleichtert mich. Bald ist es vorbei.

Nach fast acht Kilometern werde ich überholt. Lange hatte mich der Läufer laut schnaufend schon verfolgt, jetzt geht er vorbei. Bin ich langsamer geworden oder der Andere schneller? Ich bleibe mir treu und vermeide den Blick auf die Uhr. Es gibt auch so ausreichend zu tun: Die langsamsten der 10-km-Läufer, häufiger aber die langsameren 5-km-Läufer überhole ich jetzt zuhauf. Wären es vor mir platzierte Läufer, würde es mich vermutlich anspornen. So ist es einfach nur zusätzliche Anstrengung. Aber es lenkt ab.

Das Weserstadion im Rücken, Schmerz im Gesicht – noch 3 Kilometer.

Dann sind es neun Kilometer. Das Ende ist im buchstäblichen Sinne in Sicht . Am Rande meiner Wahrnehmung registriere ich einige versprengte Zuschauer und kämpfe mich den kleinen Anstieg vor dem Ziel empor. Von dort kann ich die Uhr erkennen, die über dem Ziel hängt.

Es wird nicht reichen! Noch im Näherkommen kann ich erkennen, wie die Uhr auf 40:00 Min. umspringt. Und sie tickt weiter. Für Enttäuschung oder gar Resignation bleibt gar keine Zeit. „Dann wenigstens persönliche Bestzeit!“, schießt es mir durch den Kopf. Aber auch das sind nur 8 Sekunden mehr und der verdammte Zielbogen ist immer noch nicht erreicht. 40:07, 40:08 und dann bin ich über die Matte.

Die letzten Meter – es wird nicht reichen.

Ein bisschen Frust und verschwundene Sekunden

Ich könnte kotzen! Aus Frust und vor Anstrengung. Etwas barsch schere ich nach rechts aus durch die Menschen, die sich hier versammelt haben und hechle wie ein Hund bei 30 °C im Schatten. 40:08 Min.! Das sind genau acht Sekunden, die mir gefehlt haben. Und damit nicht eine Sekunde schneller als meine (inoffizielle) persönliche Bestzeit. Nicht einmal die habe ich verbessert.

Ich ringe mit der Enttäuschung über das verpasste Ziel. Und nach Luft. Dann, als ich eine Diskussion darüber aufschnappe, wer jetzt eigentlich eine Medaille bekommt, fällt mir ein, dass ich noch gar keine habe und arbeite mich zurück durch die Zuschauer. Wenigstens die Medaille! Aber auch die stimmt mich nicht viel froher: „Fuck! Fuck! Fuck!“ schreie ich mir den Frust aus der Seele.

Ein wenig besser fühle ich mich, als mich mein Jüngster begrüßt und ich meine zukünftige Frau zu ihrer persönlichen Bestzeit sprinten sehe. Trotzdem will mein Ärger nicht verfliegen. Ich bin einerseits stolz auf meine Leistung und zufrieden mit mir, aber hadere gleichzeitig wegen der verpassten Bestzeit. Wobei ich genau genommen meine offizielle Zeit noch gar nicht kenne. Vielleicht war ich ja netto doch unter40 Minuten? Oder wenigstens schneller als 40:08 Min.

Meine Medaille und ich
Meine Medaille und ich

Erst zuhause erfahre ich meine offizielle Zeit: 40:13 Min.! Langsamer als die offizielle Uhr beim Überqueren der Zeitnahmematte? Das hatte ich auch noch nicht! Die Uhr hatte doch 40:08 Min. oder 40:09 Min. angezeigt. Das gleiche Bild bei der Zeit meiner Partnerin. Auch hier eine Diskrepanz von fünf Sekunden. Weil ich es mir nicht erklären kann, schreibe ich die Veranstalter an. Diese bestätigen mir, dass es nur eine Bruttozeit gab, was allerdings nicht die 5-Sekunden-Differenz erklärt. Dennoch lasse ich es damit bewenden und betrachte die 40:13 Min. als offizielle Zeit und arrangiere mich mit ihr.

Bei Tageslicht betrachtet, ist sie wenigstens die beste, die ich je in einem 10-km-Rennen gelaufen bin. Und auch bei meiner offiziellen 10-km-Bestmarke, die ich als Zwischenzeit beim diesjährigen Hannover-Halbmarathon aufgestellt habe, habe ich leichte Zweifel an der Korrektheit. In diesem Fall eben nur zu meinen Gunsten.

Der Lauf im Vergleich

4 Gedanken zu „Nur ein paar verdammte Sekunden! 2. Silvesterlauf in Bremen

  1. Hallo Karsten, ein toller Lauf von dir und natürlich etwas ärgerlich. Ist mir im letzten Jahr beim Marathon in Hannover ähnlich ergangen. Es waren 30 Sekunden auf der Marathondistanz und ärgert mich immer noch etwas…

    1. Ich habe mir aus Neugier gerade mal deine Zeit angesehen. Mann, ist das bitter! 30 Sekunden zur magischen 3-Std.-Grenze. Aber trotzdem eine hervorragende Zeit.

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