Marathon um den Altwarmbüchener See – 80er-Kind

Marathon um den Altwarmbüchener See

Ein Wochenende im Zeichen von Rund for Food #shareTheMeal

Der erste Wettkampf seit über einem Jahr und ich lege einen Frühstart hin, wie es ihn in der Welt des Marathonlaufs noch nicht gegeben hat. Gleich um einen ganzen Tag zu früh lief ich meinen 12 Runden langen Marathon um den Altwarmbüchener See, lief also außer Konkurrenz. Schließlich war der Lauf explizit nicht als virtueller, sondern als kontaktloser Wettkampf konzipiert, bei dem alle Teilnehmer am gleichen Tag am gleichen Ort laufen sollten. Nicht zur gleichen Zeit, sondern in eigenen Zeitfenstern.

Für mich lag der Fokus an diesem Wochenende aber ohnehin nicht auf einem schnellen Marathon, sondern auf dem Sammeln von Kilometern für die gute Sache. 75 km wollte ich an diesem Wochenende sammeln für #shareTheMeal.

Start beim Marathon um den Altwarmbüchener See
Start beim Marathon um den Altwarmbüchener See

Der Hagelschauer ist vorüber und meine Familie hat sich in das Auto geflüchtet, ich bin klitschnass und der Wind beißt mir ins Gesicht. Ich möchte aufhören, bin auf einem Tiefpunkt angelangt. Noch nicht einmal 25 km habe ich geschafft. Es scheint so, als wäre ich nicht ganz fit, die 20 km vom Vortag stecken mir noch in den Knochen, wie man so schön sagt. Und schon gestern fühlte ich mich alles andere als gut. 25 km will ich aber wenigstens noch schaffen. Schließlich laufe ich hier auch für die gute Sache. Jeder Kilometer, den ich an diesem Wochenende laufe, kommt hungernden Kindern zugute. Gemeinsam mit einer Schar Gleichgesinnter gilt es für die Organisation Share the Meal möglichst viele Kilometer zu laufen, damit für je 2,5 km eine Mahlzeit gespendet wird. Angekündigt hatte ich 75 km und möchte dieses Versprechen gerne einlösen. Mit 25 km heute, bräuchte es morgen also „nur“ einen 30 km-Lauf.

Die 20 km vom Vortag bedeuteten acht Mahlzeiten

Trocken werde ich bis zum Ende des Laufes nicht mehr, denke ich. Egal, wie lange der Lauf noch dauern wird. Das türkise Oberteil klebt mir vollständig am Körper, hat sich durch den Regen und Hagel vollgesogen. Das ist unangenehm, wegen der niedrigen Außentemperatur. Bisher war es relativ ordentlich gelaufen. Ich hatte mit einem Schnitt von etwas mehr als 5 Minuten je Kilometer begonnen. Das fühle sich gut und locker an. Am Ende jeder Runde wartete meine Familie zum Abklatschen auf mich und ab Runde vier wurde ich abwechselnd sogar begleitet. Dann hatte Hagel eingesetzt und alle waren ins Auto geflüchtet, das in der Nähe parkte. Nur ich zog einsam meine Runden. Wäre ich noch besseren Mutes gewesen, hätte das auch etwas Besinnliches gehabt. Ich war aber bereits in einer Abwärtsschleife. Meine Gedanken beschäftigten sich immer mehr mit der noch zurückzulegenden Distanz und dem Wunsch aufzuhören.

Ich kreisele weiter um den See, komme zum wiederholten Male an Schildern vorbei, die hier von Corona-Skeptikern aufgehängt wurden, komme dann auf die von der Stadt abgewandten Südseite des Sees. Links von hier kann man das Moor erahnen, rechts sieht man die beiden Strände auf der Nordseite. Weil ich das alles schon hinreichend kenne, rechne ich. Wie viele Runden habe ich schon? Wie viele sind es noch? Wie viele sind es insgesamt? Irgendwas passt nicht oder ich bin nicht mehr in der Lage zu rechnen. Eine Runde um den See ist fast exakt 3,5 km lang. Das macht bei zehn Runden 35 km. So weit so gut. Aber seit mehr als zwei Stunden gehe ich davon aus, insgesamt 13 Runden laufen zu müssen. Das geht nicht auf! Ich rechne es immer und immer wieder, finde aber keinen Fehler in meinen Überlegungen. Die einzige Lösung: Ich bin von falschen Voraussetzungen ausgegangen, es sind nur 12 Runden! Jawoll!!!

Weil ich inzwischen mehr als 25 km geschafft habe, richtet sich mein Denken auf ein neues Ziel. 10 Runden will ich voll machen. Das scheint gerade nach dem letzten Gel, das mir meine Frau glücklicherweise zwischendurch gereicht hat, gar nicht mehr so unmöglich wie noch vor ein paar Kilometern. Da hatte ich einen waschechten Hungerast. Das Gel hilft mir. Zucker, Glukose, Glykolgen. Als ich zum zweiten Mal an einem Duo vorbeikomme, das es sich auf deiner Bank mit einem Bierchen bequem gemacht hat, werde ich gefragt, wie weit es um den See ist. 3,5 km – das weiß ich inzwischen genau. Habe ja schon ein paar Runden hinter mir. Wie viele Runden ich noch mache, fragen die beiden weiter. Ich gebe Antwort. Drei Runden noch! Meine Antwort bedeutet, dass ich nun die volle Distanz im Blick habe und ab der nächsten Runde greift meine Frau auf weitere Mittel zur Motivation zurück. Sie stellt mir wieder die Kinder zur Seite. Zunächst begleitet mich mein ältester Sohn. Mit dem 5:30 er-Schnitt, auf den ich inzwischen verfallen bin, hat er keine Probleme. Wenn der so weitermacht, dauert es nicht mehr lange und ich laufe in seinem Windschatten. Nach 3,5 km tritt er ab an seine Schwester. Der sagt das langsamere Tempo nun besser zu als vorhin. Sie motiviert mich, so wie sie es von mir kennt. Das ist rührend, aber auch etwas befremdlich. Sonst bin ich derjenige, der die Kinder beim Laufen motiviert und ihnen Zuspruch leistet.

Am Ende dieses Wochenendes werde ich mein Versprechen von 75 km eingelöst haben

Nach weiteren 3,5 km habe ich etwas mehr als 39 km hinter mir, gehe aber langsam in die Knie. Das Laufen ist wahnsinnig mühsam und ich schüttele unwirsch den Kopf als meine Frau mich aufmuntert: „Nur noch eine Runde.“ Mein Kopfschütteln soll zwei Dinge ausdrücken: „Ich will nicht mehr!“ und „Nee, lass den Jungen bei dir, der soll mich nicht noch mal begleiten!!!“ Sie weiß es ganz genau, vor dem Jungen möchte ich mir keine Blöße geben, werde nur im äußersten Notfall stehenbleiben. Nichts anderes wünsche ich mir aber gerade. Stehenbleiben! Ich quäle mich weiter und entschuldige mich bei ihm, dass ich nur noch so langsam laufe. Wir sind bei einem 6 er-Schnitt angekommen. Er meint lapidar, es sei nicht so schlimm, Hauptsache, wir kämen an. Sprach es und läuft spielend neben mir her, sammelt einen Stock auf, lässt sich aber sonst nichts anmerken.

Das letzte Mal auf der Südseite angekommen. Es zieht sich. Die 42 km habe ich irgendwann erreicht. Mir ist schon länger klar, dass ich nicht nur 42,195 km laufen werde. Das war von vornherein klar. Aber über 43 km sollte es nicht gehen. Wird es aber, das ist absehbar. Wo habe ich die Extrameter gesammelt? Auch Sohn Nr. 1 motiviert mich mit den üblichen Tricks, weist mich darauf hin, dass es nicht mehr weit ist, zeigt mir Marken, bis zu denen ich nur noch laufen müsse. Die Uhr piept: 43 km. Jetzt wird das hier auch noch ein Ultra. Aber lange geht’s nicht mehr. In der Tat sehe ich nun meine Frau am Anleger stehen, an dem Punkt, an dem ich losgelaufen bin. Mit reichlich schmerzenden Beinen stoppe ich die Uhr nach 43, 13 km und einer Zeit von 3:57:12 Std. Aber die Zeit ist allenfalls sekundär. Ich bin hier nicht angetreten, um eine Bestzeit aufzustellen, mir etwas zu beweisen oder um den Sieg zu erlaufen.

Medaille mit persönlicher Widmung zum Frühstart

Wichtig ist mir die zurückgelegte Distanz. 42, 5 km sind gleichbedeutend mit 17 Mahlzeiten und das ist, was heute zählt. Schnell mache ich noch ein Beweisfoto und schicke mein Ergebnis an den Veranstalter. Denn schließlich war das heute ein richtiger Wettkampf, kontaktlos zwar, aber eben ein Wettkampf. Dass ich einen Tag zu früh gelaufen bin, ist mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, auch wenn es mir komisch vorkommt, keinem anderen Läufer begegnet zu sein. Ich denke mir, dass der ein oder andere aufgrund des Wetters kurzfristig abgesprungen ist und begreife erst am nächsten Tag, welch Fehler mir unterlaufen ist. Wie blöd kann man eigentlich sein? Froh bin ich, als im Laufe des Sonntages die Ergebnisse eintrudeln und am Ende wenigstens noch ein Läufer schneller ist!

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Zurück nach oben
%d Bloggern gefällt das: