Erst während der Samstag langsam zur Neige ging, fiel mir auf, dass ich gar kein konkretes Ziel hatte, dass ich beim morgigen Halbmarathon in Hannover angreifen wollte, geschweige denn eine Taktik, mit der ich es würde. Weder hatte ich das Training schleifen lassen, noch war der Lauf in Vergessenheit geraten. Ganz im Gegenteil. So gut hatte ich mich noch nie auf einen Halbmarathon vorbereitet. Erstmals überhaupt mit einem Trainingsplan. Und zwar minutiös. Eine einzige Einheit hatte ich ausgelassen. Trotz der Geburt von Kind Nr. vier, trotz des Hauskaufs und den damit verbundenen Freuden einer umfassenden Sanierung und trotz der unentbehrlichen Arbeit.

Schuld war Kiel. Völlig unerwartet hatte ich dort während der Vorbereitung eine Zeit erreicht, auf die der Trainingsplan gar nicht ausgelegt war, eine Zeit, die ich mir gar nicht zugetraut hätte. 1:27:22 hatte ich in Kiel für die gut 21 Kilometer benötigt. Persönliche Bestzeit und gut eine Minute schneller als der Trainingsplan für den Lauf in Hannover versprach. Und das bei veritablem Gegenwind, der die letzten Kilometer aufkam.

Ein Anpassen des Trainingsplans schien mir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr angezeigt. Stattdessen weiter so wie bisher und die Form konservieren.

Genauso wenig hatte ich auch das Ziel justiert, das der Trainingsplan vorgab. Im Hinterkopf gab es immer den leisen Gedanken, ein bisschen was würde schon noch gehen. Altes Sportlerdilemma. Konkret formuliert hatte ich diesen Gedanken aber nicht. Nicht einmal mir selbst gegenüber. Selbst als die Partnerin mich zwei Tage vor dem Lauf unangekündigt mit der Frage konfrontierte, was denn mein Plan für Sonntag sei, zog ich mich mit einem unverbindlichen Sportlerstatement aus der Affäre. Es wäre ja schon schön, noch ein kleines bisschen schneller zu sein. Ein Ziel hätte ich aber nicht. Bloß nicht aus der Deckung wagen.

Je näher der Sonntag rückt, desto weniger kann ich der Frage ausweichen. Ich werde immer konkreter und forsche nach Marschtabellen. Irgendwann habe ich immerhin schon die Erkenntnis gewonnen, dass ich zwischen 4:05 Min./km oder 4:10 Min./km im Schnitt laufen muss, um mich zu verbessern. Genau genommen reichen 4:10 Min./km aber nicht aus. 4:09 Min./km auch nicht. So genau durchdenke ich es aber nicht, bleibe auch hier lieber diffus und unkonkret. Warum, das weiß ich rückblickend nicht mehr. Möglich ist, dass ich es aus Selbstschutz mache. Ich weiß, dass der Lauf in Kiel am Ende weh tat, ziemlich. Und ich weiß aus Erfahrung, dass mir alles unter 04:10 Min./km weh tut.

Der Sonntagmorgen ist entspannt, Nervosität stellt sich nicht so richtig ein. Gute Vorzeichen also. Als ich auf dem Weg zum Bäcker bin, freue ich mich erstmals richtig auf den Lauf.

Später, auf dem Weg zum Start, merke ich, dass ich leichte Schmerzen im Bauch habe, ein Ziehen. Lästig! Zwei Tabletten Loperamid habe ich genommen, um genau diese Probleme zu vermeiden. Wie oft hatte ich das in den letzten Monaten, das mich die Verdauung geplagt hat, während eines Laufes? Im Wettkampf bin ich bisher jedoch verschont geblieben. Jetzt aber merke ich es durchgehend. Seltsam, weil es ohne Belastung auftritt. Sonst bekomme ich derartige Probleme erst unter Belastung.

Ich lasse mich trotzdem nicht verrückt machen. Wird schon. Kurze Verabschiedung vom besten Freund und Partnerin, die später über die gleiche Distanz starten, dann darf ich mich im Block B einreihen. Weil das Starterfeld dieses Jahr noch einmal gewachsen ist, zieht sich der Startbereich bis zum Landesmuseum. 9.000 Starter und mehr. Da fühlt man sich schon sehr privilegiert, wenn man so weit vorne stehen darf. In der Zeit, in der ich auf den Startschuss warte, beobachte ich die anderen Läufer, versuche einzuschätzen, wie schnell sie wohl sind, ärgere mich, weil sich vermeintlich langsamere nach vorne drängeln, auch wenn ich gar nicht weiß, wie schnell sie eigentlich können. Ich bin noch immer ziemlich ruhig. Eher zu ruhig. Es fehlt das nervöse Kribbeln, das sich sonst einstellt, wenn der Startschuss bevorsteht.

Dem obligatorischen Countdown folgt der Startschuss. Die ersten Meter ist an Laufen nicht zu denken. Hindernislauf vielleicht. Viele derjenigen, die sich vorne eingeordnet haben, sind gemächlich unterwegs. Es dauert einige hundert Meter, bis ich aus dem gröbsten Trubel heraus bin und ein gleichmäßiges Lauftempo anschlagen kann. Bereits jetzt habe ich mehrmals meine Zeit kontrolliert. Ich bin sehr auf Tempo aus und laufe an der Grenze. Vier Minuten pro Kilometer und schneller. Als wir zum Maschsee kommen bemerke ich, dass ich ziemlich angestrengt laufe und dass mir die Euphorie der letzten Jahre fehlt. Normalerweise läuft es sich bis hier immer von alleine. Doch heute beginne ich vom Start weg zu denken und zu rechnen. Und noch etwas anderes bemerke ich. Die Schar der Läufer, die ein ähnliches oder sogar schnelleres Tempo läuft, ist groß. Das war in den Vorjahren anders. Und mir fehlt der Kick, den ich daraus gezogen habe, in einer (sehr weit gefassten) Spitzengruppe zu laufen.

Bereits nach etwas mehr als fünf Kilometern werden meine Gedanken negativ. Die Zwischenzeiten sind gut, aber mein Kopf spielt nicht mit. Und mein Bauch macht mir Sorgen. Es zieht inzwischen heftiger und der Mageninhalt scheint bei jedem Schritt auf und ab zu schwappen. Mir steht’s wortwörtlich bis oben. Immer wieder denke ich darüber nach, stehenzubleiben. Oder auf ein Dixie-Klo zu flüchten. Vielleicht wird es dann besser. Ich schiebe es aber weiter hinaus und beiße mich Kilometer für Kilometer durch.

Ich will erst einmal bis zum Aegi kommen. Die Massen dort geben mir bestimmt einen Schub, sage ich mir. Ich quäle mich schon jetzt und laufe vollkommen im Tunnel, nehme von den Zuschauern kaum etwas wahr. Einmal durchdringt dann doch etwas meinen Schleier. Auf dem Weg zum Aegi reißt mich ein lauter Schrei aus meiner Konzentration. War das Bruno, der da meinen Namen gerufen hat?

Am Aegi ist es wieder laut und es stehen Massen von Zuschauern Spalier, während Musik spielt. Normalerweise trägt mich die Atmosphäre an dieser Stelle so sehr, dass ich mich bremsen muss. Nur heute nicht. Sie erreicht mich kaum, so verbissen laufe ich.

Ich bin so frustriert, dass ich an der Oper über das Aussteigen nachdenke. Ich bin es leid, mich zu quälen. Dann denke an meine Partnerin, die sich auch quälen muss. Derweil hat der Autopilot die Kontrolle übernommen und ich laufe weiter, vorbei am Bahnhof und zur 10 km Zwischenzeit. Knapp unter 41 Minuten. Ein ziemlich guter Wert, mehr kann ich nicht denken. Es beflügelt mich auch in keinster Weise. Stattdessen quäle ich mich weiter. Der Gedanke an eine vorzeitige Aufgabe begleitet mich unablässig durch die Oststadt und ist auch auf der Celler Straße noch vorhanden. Erst in der List tauche ich einmal aus dem Tunnel auf und reiße meine Arme nach oben, um in eine große TV-Kamera zu winken.

Es ist ein kurzes Hoch, bevor ich wieder meinen Kampf gegen mich selbst aufnehme.

Meine Uhr zeigt mir die aktuelle Pace nur noch selten korrekt an. Sie springt von 5:20 Min./km auf 4:30 Min./km und auf unter vier Minuten. Als Orientierung hilft sie mir kaum noch. Zusehends vermeide ich es auch, die Zeit des zuletzt gelaufenen Kilometers abzulesen. Ich brauche nicht noch mehr Druck. Ich laufe eh so schnell ich kann. Die Durchschnittsgeschwindigkeit scheint aber immer noch gut zu sein. Nur mag ich mir nicht mal vorstellen, wie ich noch ins Ziel kommen soll.

Einmal befällt mich kurz ein gutes Gefühl. Ausgerechnet an einer Stelle, an der ich schon mehrmals einen Tiefpunkt hatte. Gerade geht es unter den Schienen hindurch auf den Engelbosteler Damm zu, als ich mich richtig beschwingt fühle. Der Bauch kneift kurze Zeit nicht und ich habe jetzt gute 14 km hinter mir. Das sind zwei Drittel!

So schnell das Gefühl aufkeimt, so schnell verdorrt es wieder. Mein Tunnel ist so eng, dass ich ein Auge zukneife. Entsprechend wenig bekomme ich mit. Nur hin und wieder reißt es mich aus meiner Fokussierung: Ich klatsche ein paar Kinder ab, lese ein Plakat. “Vorsicht Stufe” heißt es auf einem, kurze Zeit später “Hau rein! Chuck Norris steht schneller als du läufst!”. Ist was dran. Leichtfüßiges, schnelles Laufen ist das nicht mehr, was ich hier tue. Es fühlt sich nach Dahinschleppen an.

Wie so oft tranchiere ich mir die restliche Distanz in mundgerechte Häppchen. Bis 17 km machst du erst einmal weiter.

Obwohl ich eine Flasche mit isotonischem Getränk bei mir habe, trinke ich nicht. Die Hitze macht mir schon lange zu schaffen und meine Zunge klebt am Gaumen. Auf meinen Zähnen hat sich bereits eine Schicht gebildet und ich bräuchte dringend einen Schluck Flüssigkeit. Dennoch laufe ich an den Verpflegungsstellen vorbei und lasse auch die Flasche stecken. Ich habe Angst, dass mein Magen rebelliert. Und die Vorstellung, die Flasche aus dem Gurt zu friemeln, ermüdet mich.

Als ich am oberen Ende der Nienburger Straße ankomme, überholt mich ein weißhaariger Läufer. Ein Läufer, mit dem ich seit geraumer Zeit ein ähnliches Tempo laufe, rufe ihm anerkennend hinterher, woraufhin dieser kundgibt, er mache das nur als Vorbereitung für den Triathlon in Frankfurt, er wolle dort seine Altersklasse gewinnen. Es ist einer der wenigen Momente, in denen ich mich zum Sprechen aufraffe und ihm mitteile, dass ich da durchaus Chancen sehe. Das ohnehin schon brettharte Rennen wird für mich jetzt noch härter. Die Sonne ballert ungehindert auf die Strecke, die jetzt leicht, aber stetig bis zum Königsworther Platz ansteigt. Das kostet mich die letzten Körner und ich merke, wie ich nichts mehr zusetzen kann. Später lese ich das auch an den Zeiten ab, die ab hier kontinuierlich langsamer werden.

Meine Hoffnung ist, dass ich zwei meiner Kinder hier sehe. Sie warten an der Uni, wo genau, das weiß ich jedoch nicht. Ich gebe mir Mühe, aber von den Beiden ist weit und breit nichts zu sehen. Was soll man auch machen, bei dem engen Gesichtsfeld?

Es ist nun nicht mehr weit und eine gute Zeit ist noch immer erreichbar, wenn ich denn das Tempo halten könnte. Doch genau das ist das Problem. Ich fühle mich, als würde ich kaum noch vorwärts kommen. Ich bin einfach froh, dass das Zähnezusammenbeißen bald ein Ende hat. Und noch immer bleibt ein Rest Hoffnung auf die persönliche Bestzeit. Noch ist mein Kilometerschnitt besser als 4:10. Ich versuche noch einmal das Tempo zu erhöhen, was mein Körper damit quittiert, dass mir ein Schwall Magensäure den Hals hinaufschießt.

Ich kämpfe mich die Königsworther Straße hinauf, um ein zweites Mal auf den Königsworther Platz zu gelangen. Von dort geht es die Brühlstraße entlang, dann ins Ziel. Schilder weisen darauf hin, dass es noch 1.100 Meter bis zum Ziel sind. Der kurzen Freude, folgt die Erkenntnis: Die Distanz kann nicht stimmen, denn die 20-km-Marke habe ich noch nicht erreicht. Die inoffiziellen Schilder stimmen ganz offensichtlich nicht. Als wäre der Weg durch diese Betonschlucht nicht schon frustrierend genug. Mein Laufbegleiter der letzten Kilometer ruft mir noch zu, er würde jetzt noch mal anziehen und will mich motivieren. Ich lasse ihn ziehen. Irgendwie bringe ich auch diesen Abschnitt hinter mich und kann nach der Linkskurve tatsächlich das Ziel sehen. Um mich herum ziehen die Läufer noch einmal das Tempo an und holen die letzten Reserven aus sich heraus. Reserven habe ich keine mehr, weil ich schon seit langem auf Reserve laufe und nur der Wille mich überhaupt noch im Rennen hält. Im Näherkommen lese ich die Ziffern über dem Zielstrich und frage mich, ob dort 1:28 Std. oder 1:26 Std. steht. Hätte ich vorher mal besser gerechnet, die Überraschung wäre ausgeblieben.. Es ist 1:28 Std. und die Ernüchterung nimmt mir den letzten Wind aus den Segeln. Ein Zielsprint erübrigt sich nun ohnehin.

Bei etwas mehr als 1:29 Std. brutto laufe ich ein und bin einfach nur froh, stehenbleiben zu können. Ich suche mir ein schattiges Plätzchen und schlage die medizinische Hilfe aus, die mir angeboten wird. Jetzt endlich trinke ich. Und je mehr Zeit vergeht, desto kleiner wird die Enttäuschung. Überhaupt durchgehalten zu haben, ist schon ein großer Erfolg. 1:28:56 – eineinhalb Minuten langsamer als in Kiel. Aber war heute mehr drin? Nein, sicher nicht, dazu hatten mir das Wetter und die Bauchschmerzen zu sehr zugesetzt. Zu früh hatte der Kopf schon Zweifel gesät. Laufen ist auch Kopfsache.

Und dennoch: Es war der beste Halbmarathon, den ich je bei „meinem“ Hannover Marathon gelaufen bin. Der dritte in Folge unter 1:30 Std. Scheitern gehört zum Sport und gäbe es eine Garantie auf den Sieg und das Gelingen, er würde einen Großteil seines Reizes einbüßen.

Statistik zum 27. HAJ Hannover Marathon 2017

Der Lauf im Detail