HAJ Marathon Hannover 2016 - Am Aegi
Kategorien: Laufen Wettkampfberichte

Mein erster Halbmarathon unter 1:30 Std. – HAJ Hannover Marathon 2016

Spätestens Freitag musste ich mir eingestehen, dass ich nervös bin. Ich hatte mir tatsächlich Rote-Bete-Saft gekauft. Ekelhaft. Aber wer schnell sein will, muss leiden. Vier Prozent mehr Sauerstoffaufnahme in den Muskeln, indem man sich den Saft einverleibt. Hieß es in einem Artikel von Runner’s World. So leicht erreicht man Leistungssteigerungen sonst nur auf dem Papier. Gemüsedoping quasi.

Und ich trug Kompressionsstrümpfe. Obwohl ich sie weder modisch finde, noch ernsthaft an ihre Wirkung glaube. Aber da war die leise Stimme der Hoffnung, die mir einflüsterte, dass es ja doch helfen könnte und wenn schon nicht helfen, dann doch sicher nicht schaden. Und gab es da nicht diese Studie, die besagte, dass Kompressionsstrümpfe die Regeneration unterstützten? Ein bisschen Unterstützung konnte ich nach den letzten harten Einheiten gut gebrauchen.

Ich hatte es nicht lassen können, konnte nicht herunterfahren mit dem Training – ein langer Lauf nahezu im Wettkampftempo, Intervalle unter der Woche, statt es locker angehen zu lassen. Ich hatte Strava für mich entdeckt und damit den Ehrgeiz in mir entfacht, mich auf allen möglichen Strecken in Hannover mit anderen Läufern zu messen. Nicht hilfreich, um es langsam angehen zu lassen.

Als würde ich damit die Form verbessern, die Trainingseffekte erzielen, die mich hoffentlich zur angestrebten Bestzeit führen würden. Eher das Gegenteil würde es bewirken, weil ich nicht ausgeruht an den Start ginge. Und schon im ausgeruhten Zustand waren 4:15 Min. pro Kilometer Laufen im roten Bereich meiner Leistungsfähigkeit. Und das war auch der Grund für den Griff nach den Strohhalmen in Form von Kompressionsstrümpfen und Rote-Bete-Saft.

Im Vergleich mit den harten Einheiten war das Bier am Abend vor dem Start eher als lässliche Sünde zu verbuchen. Schließlich ist Bier isotonisch und ausreichend Flüssigkeit vor dem Wettkampf essentiell. Und überhaupt, Bier baut Nervosität ab. Umso mehr, weil es mir selbst zeigte, dass ich bei aller Ambition noch nicht zu verkrampft war.

Es war ohnehin erstaunlich, dass ich überhaupt im Bereich meiner persönlichen Bestzeit würde laufen können. Vier Monate zuvor war mir beim ersten Lauf nach der unfreiwilligen Pause schon nach 10 km die Luft ausgegangen. Irgendwo auf der Strecke hatte der Hammermann gelauert und mir nachhaltig klar gemacht, dass man nach drei Monaten Pause nicht einfach da weitermachen kann, wo man aufgehört hatte.

Auch die nachfolgenden Einheiten wurden nur unwesentlich besser. Die Form, die ich im Oktober des letzten Jahres noch hatte, schien mir zu diesem Zeitpunkt unerreichbar. Wie sollte ich je wieder auf das Niveau zurückgelangen, wenn ich nur noch alle zwei Wochen überhaupt Zeit zum Trainieren finden würde?

Doch so schnell die Form gegangen war, kehrte sie zurück. Peau á peau hatte ich mich über die Wochen gesteigert. Die Umfänge, die Häufigkeit der Läufe. Das Tempo kam automatisch. Ein Ziel verfolgte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber ich merkte immer mehr, wie das Laufen wieder meinen Alltag mitbestimmte. Und je mehr ich lief, desto mehr entstand auch der Wunsch, am Marathon in Hannover teilzunehmen, nicht über die volle Distanz, aber für die halbe sollte es reichen. Und nach zwei Jahren, in denen ich knapp über der Schallmauer von 1 Stunde und 30 Minuten gelegen hatte, lag es nahe, sich genau diese Grenze als Ziel zu setzen.

Einen konkreten Plan verfolgte ich dabei nicht. Einerseits, weil ich mir lange nicht über das Zeitziel klar war, andererseits, weil meine Situation ein Training nach Plan kaum zuließ. Fünf Einheiten die Woche waren einfach zu viel verlangt. Ich griff also auf meinen bewährten, aber wenig fundierten Kanon aus drei Einheiten die Woche zurück. Ohne Varianz in der Geschwindigkeit, immer volle Pulle.

Erst gegen Ende begann ich, versuchsweise Intervalle in mein Training aufzunehmen. Und tatsächlich schien das unausgegorene Training sich auszuzahlen. Zwei Wochen vor dem Start blieb ich auf 14 km unter einer Stunde und damit unter der angestrebten Wettkampfzeit. Und das, obwohl ich die letzten beiden Kilometer ausgelaufen war. Möglich, dass hier der Umstand eine Rolle spielte, dass meine Kinder artig in ihren Betten schliefen, während ich meine Runde durch die nächtliche Stadt drehte. Das iPhone in Hand sollte eigentlich als Babyphone fungieren, aber die App hatte Probleme bereitet, so dass ich die väterliche Fürsorge auf kurze Stippvisiten alle paar Kilometer herunterschraubte. Drei Einheiten die Woche waren für mich nur dann abzuleisten, wenn ich zu Maßnahmen griff, die man dem Jugendamt besser nicht steckte.

Jetzt, kaum eine Stunde vor dem Start, kann ich die Nervosität kaum noch verhehlen. Vom Balkon aus sehe ich die Spitzenläufer für einige Augenblicke, ich höre den Hubschrauber kreisen und werde unruhig. Plötzlich habe ich Angst, den Start zu verpassen. Wie kann es sein, dass die Marathonläufer schon hier sind? Sollten die nicht erst eine halbe Stunde vor mir auf die Strecke gehen? Ich kontrolliere im Internet noch einmal die Startzeit, um mich zu beruhigen. 10:30 Uhr – alles in Ordnung. Die Nervosität nimmt aber kaum ab. Sylvie impft mir Zuversicht ein, aber ich selbst bin nicht so ganz davon überzeugt, dass das Rennen heute den gewünschten Verlauf nehmen wird.

Ich bin mit starken Schmerzen aufgewacht und habe bereits zwei Schmerztabletten vor dem Frühstück eingenommen. Ich habe mich verlegen über Nacht – Spannungsschmerzen. Wenigstens habe ich so einen redlichen Grund, Schmerztabletten zu nehmen. Über die Einnahme als prophylaktische Maßnahme habe ich ohnehin nachgedacht. Weil ich auch bei meinem letzten überraschend schnellen Wettkampf auf Schmerzmitteln unterwegs war und ihnen bis heute eine förderliche Wirkung zuschreibe. Und weil ich weiß, wie schmerzhaft die 90 Minuten sein werden. Oder werden können. Die Überzeugung, nicht ohne Anlass Medikamente einzuwerfen, hat mich jedoch bis jetzt davon abgehalten. Mit den Schmerzen habe ich den Konflikt jetzt umschifft, die Einnahme legitimiert.

Was ich mir zusätzlich wünsche, ist Imodium akut. Seit Wochen herrscht Anarchie in meinem Verdauungstrakt. Der Nichtläufer macht sich ja kein Bild, dass Durchfall ein veritables Problem für Läufer sein kann. Laufinduzierte Diarrhö nennt man das. Oder einfach auch Dünnschiss wegen Überanstrengung. Gibt es nur beim Laufen. Warum, ist ungeklärt. Es soll einen Kombination aus der Anstrengung und der mit dem Laufen einhergehenden Erschütterung sein.

Bei mir hat es aber auch andere Gründe, vermute ich. Spätestens seit dem Kurzurlaub in Belgien ist mit meiner Verdauung etwas durcheinander geraten. Vielleicht das Bier, vielleicht aber auch der Ziegenfrischkäse am ersten Abend. Wie oft habe ich seitdem in einem Trainigslauf Halt machen müssen, weil plötzlich ein ziehender Schmerz durch meinen Unterleib fuhr? Im Wettkampf kann ich schlecht stehenbleiben, die Uhr stoppen und warten, bis der Schmerz vorbeigeht. Die Uhr wird weiterticken und damit auch das Ziel unerreichbar werden. Es bleibt also nur zu hoffen, dass untenrum alles ruhig bleibt. Ich denke, ich sollte mal zur Toilette gehen.

Auf dem Weg zur Haltestelle sehen wir die Marathonläufer die Hildesheimer Straße hinablaufen. Das hilft nicht, um sich zu entspannen. Immerhin geht es jetzt bald los. Wir fahren parallel zur Laufstrecke, dann geht es in den Tunnel. Angekommen am Aegi sieht man schon hunderte Läufer, die sich bereit machen für den Halbmarathon. Der Block “D” für die langsameren Starter ist schon ordentlich gefüllt. Er dehnt sich fast bis zum Aegi. Es ist ein unglaubliches Läuferfeld. Etwa 8.000 Starter allein in diesem Wettbewerb! Ausgerechnet hier, am Ende des Teilnehmertrosses, sieht man Läufer und Läuferinnen, die sich warmlaufen. Bei dem moderaten Tempo, das sie auf der Strecke anschlagen werden, haben sie dafür noch 21 km Zeit. Auch nur eine Art, die Nervosität zu bekämpfen.

Einige Minuten sehen wir uns das Treiben an, dann verabschiede ich mich von Sylvie, suche meinen Platz in Block “B”. Ich gehe in mich, binde mir die Schuhe. Sicher ist sicher. Dann ein paar Dehnübungen. Viel gibt es nicht zu tun bis zum Start, also sehe ich mir die anderen Läufer an. Die Läuferin vor mir scheint mir viel zu modisch angezogen, um hier im Block “B” zu stehen. Und die riesigen Kopfhörer sprechen auch nicht für ein schnelles Tempo. Und tatsächlich, das “C” auf ihrer Startnummer gibt mir recht. Sie ist nicht die einzige, die sich nicht ordnungsgemäß einordnet und schon jetzt ärgere ich mich über die Selbstüberschätzung, weil ich weiß, dass es für mich auf jede einzelne Sekunde ankommen wird und jeder langsamere Läufer ein potenzielles Hindernis darstellt, das erst einmal überholt werden möchte.

Mit einem Ohr höre ich dem Moderator zu. Meine Kopfhaut prickelt und ich habe schon seit Minuten Gänsehaut. Ab und an schaue ich auf die Pulsuhr. Puls unter 100, das ist ok, so aufgeregt bin ich dann doch nicht. Ich suche den Pacemaker für die Zielzeit von 1:30 Std. und als ich ihn entdecke ordne ich mich einige Meter vor ihm ein. Dann überlege ich es mir anders. Aus zwei Gründen. Ich habe mir einerseits vorgenommen, dieses eine Mal den Ratschlag aller Fachleute zu beherzigen und den Lauf defensiv anzugehen. Nicht wieder Sekunden oder Minuten rauslaufen und am Ende einbrechen. Zum anderen wird mir klar, dass es clever ist, hinter dem Tempoläufer über die Startlinie zu laufen, statt vor ihm. Halte ich mich nämlich bis zum Ziel an ihn, dann gehe ich so sicher, eine bessere Nettozeit zu haben. Nicht, dass mir am Ende genau diese zwei Sekunden fehlen, die ich vor ihm die Startlinie überquert habe.

Links neben mir unterhalten sich zwei Läufer darüber wie wohl die Taktik des Zug- und Bremsläufers sein wird. Vermutlich konstante 4:15 Min. pro Kilometer. Oder wird er es langsam angehen, um dann ein paar schnelle Kilometer gegen Ende des Rennens einlzuegen? Die Vorstellung lässt meinen Puls einige Schläge nach oben schnellen. So viel Spielraum bietet mein Leistungsstand nicht. Viel Luft nach oben habe ich einfach nicht.

Dann geht es endlich los. Langsam setzt sich der Tross von über 8.000 Läufern in Bewegung. Auf dem ersten Kilometer ist es ein ordentliches Geschiebe und Gedränge, an ein konstantes Tempo ist nicht zu denken. Es geht durch Lücken, über den Gehweg und ich habe Mühe, nicht schon hier im Gedränge den Pacemaker zu verlieren. Ich weiche aus, laufe auf dem Grünstreifen neben der Strecke, auf dem Gehweg, mogle mich zwischen langsameren Läufern durch und halte so Anschluss.

Als wir auf die Waterloo-Straße einschwenken, hat sich das Feld einigermaßen sortiert. Am Rudolf-von-Bennigsen-Ufer schließlich hat sich eine Gruppe von ungefähr 25 Läufern um die beiden Tempomacher gescharrt. Einer der beiden schwört uns ein, fragt, wer ihm folgt und verspricht, dass er uns – sofern wir uns gut fühlen – ab Kilometer 17 pushen würde. Ich wäre schon ganz zufrieden, dann noch zu der Gruppe zu gehören.

Nach vier Kilometern kommt der erste Verpflegungspunkt und ich spüre, dass ich einen völlig ausgetrockneten Mund habe. Die Nervosität und natürlich die Anstrengung. Langsam beginne ich zu schwitzen, aber im Vergleich zu meinen Tempoeinheiten, fühle ich mich nicht so angestrengt. Die Belastung bewegt sich in einem erträglichen Bereich. Ich schnappe mir einen Wasserbecher und drücke ihn zusammen, um im Lauf einige Schlucke zu trinken. Fürs Stehenbleiben ist kein Puffer. Weil ich aber das Tempo unwillkürlich etwas verlangsame, um nicht alles zu verschütten, und weil die Sauerstoffaufnahme während des Trinkens nicht optimal ist, verliere ich den Kontakt zum Pacemaker. Es ist nicht viel, was sich an Distanz gebildet hat. Vielleicht 20 Meter. Ich bin gewillt, die Lück so schnell es geht wieder zu schließen und beschleunige meinen Schritt. Ich merke, wie ich damit in den anaeroben Bereich gerate. Laufe ich so weiter, dann bildet sich zu viel Laktat in meinen Muskeln und ich werde später stärker abbauen. Dann ist die Lücke geschlossen und ich laufe wieder direkt beim Pacemaker. Es dauert noch eine Weile, ehe sich meine Atmung und der Puls etwas erholen von dem kleinen Zwischensprint. Kurz hatte ich beim Schließen der Lücke den Gedanken, dass ich, sollte das Tempo gerade verschärft worden sein, dieses nicht würde durchhalten können auf den noch zu laufenden 17 Kilometern. Doch das Tempo ist nicht gestiegen, es war wirklich nur der kleine Zwischenspurt, der mich aus dem Tritt gebracht hat.

Mir hat die kleine Episode gezeigt, wie bedeutend der Unterschied von einigen Sekunden pro Kilometer sind. Die Hildesheimer Straße geht es hinunter auf den Aegidientorplatz zu. Schon vorher säumen mehr und mehr Zuschauer den Streckenrand. Das Laufen macht hier Spaß. Ich fühle mich wieder gut. So gut, dass ich mit dem Pacemaker ein Gespräch anfange. Bei dem Tempo für mich keine Banalität. Wir reden über die Gefahr, unter dem Eindruck der Zuschauer zu überpacen. Er erzählt mir vom Berlin Marathon, wo er er die ersten 10 km in 36 Minuten gelaufen ist, dann aber einen bösen Einbruch erlitten hat. Ich erzähle, dass nach dem Aegi immer ein Loch kommt, weil hinter dem Bahnhof kaum noch Zuschauer warten und man sich zudem im Niemandsland zwischen 10 km und dem Ziel befindet. Es ist noch zu weit, als das man sagen könnte, es wäre fast geschafft, aber eben doch schon so weit, dass man die Belastung merkt.

HAJ Marathon Hannover 2016 - Am Aegi
HAJ Marathon Hannover 2016 – Am Aegi

Als wir besagten Streckenabschnitt erreichen, nimmt das Zuschauerinteresse erwartungsgemäß ab. Fast unmittelbar unter der Hochbrücke ist die 10-km-Marke. Wir passieren sie bei etwa 42 Minuten. Wir sind in der Zeit, versichert der Tempomacher. Eine Marschtabelle mit Zwischenzeiten für jeden Kilometer hatte ich mir ausgedruckt und an die Pinnwand geheftet. Dort hängt sie noch immer. Aber ich glaube dem Tempomacher und kann natürlich auch rechnen. Einzig den Blick auf meine Uhr verkneife ich mir. Ich möchte mich nicht unter Druck setzen, weil der letzte Kilometer vielleicht drei Sekunden zu langsam war oder die aktuelle Pace nicht 4:15 Min./km ist, sondern 4:20 Min./km.

Kurz nach der Zwischenzeitmessung geht es nach links in die Oststadt. Der Pacemaker ruft, ihr könnt hier über den Gehweg abkürzen. Ich mache es. Eine echte Abkürzung ist es nicht. Das gleicht sich über die Gesamtdistanz eh aus. Aber nun laufe ich vor dem Pacemaker. Nur ein wenig. Er mahnt, dass wir aufpassen sollten, weil die Marathon- und Halbmarathon-Strecken sich hier vereinen und wir nun mit den langsamen Marathonläufern zusammentreffen. Das löst einen leisen Protest eines Marathonläufers aus, der sich nicht als langsam abstempeln lassen will. Ich entscheide mich, meine Position beizubehalten. Und merke, dass ich mich so gut fühle, dass ich ein wenig beschleunige. Unmerklich fast, Meter um Meter entferne ich mich vom Ballon.

In der List warten Tochter und Sohn. Das ist ein gutes Ziel, an das ich mich heranarbeiten kann. Das müsste so ungefähr bei Kilometer 13 sein. Weiterhin vermeide ich den Blick auf meine Uhr, wenngleich der Wunsch wächst so ohne die Gewissheit eines Tempoläufers. Ich hänge mich stattdessen an Läufer, die ein ähnliches Tempo laufen. Das schützt davor, unregelmäßig oder zu schnell zu laufen. In der List ist es voll, und wie jedes Jahr wird Musik gespielt. Nur sehe ich meinen Nachwuchs nirgends. Dafür meine Kollegin, die ich durch einen kurzen Ruf auf mich aufmerksam mache, dann klatsche ich ab. Wenn die beiden hier nicht stehen, dann haben wir uns verpasst. Das ist enttäuschend. Ausgerechnet diejenigen, die mir am wichtigsten sind, verpasse ich, wohingegen ich andere Bekannte bereits merhmals gesehen habe.

Irgendwann habe ich das Schild mit der Aufschrift “14 km in Bewegung” passiert. Das ist die Distanz, die mein Körper kennt, weil es die Standarddistanz meiner kurzen Läufe ist. Deswegen hatte ich mir diese Marke als weiteres Zwischenziel gesetzt. Mir ist klar, dass es sich auf den nächsten drei, vier Kilometern entscheiden wird, ob ich es schaffe oder nicht. In den letzten Jahren war dies in etwa der Punkt, an dem mich der Pacemaker überholte. Diesmal fühle ich mich jedoch weiterhin gut und der Pacemaker liegt noch immer hinter mir. Wo genau, das weiß ich nicht, denn ich will mich nicht umdrehen. Bloß keinen unnötigen Stress aufbauen. Sollte er mich jetzt einholen, so habe ich das Gefühl, ihm folgen zu können.

Es geht am Conti-Gelände vorbei und dann hinab unter den Schienen hindurch in die Nordstadt. Vor zwei Jahren hatte ich hier einen Tiefpunkt und dachte über das Aufgeben nach, biss mich durch und lief am Ende meinen bis heute geltenden persönlichen Rekord. An der Lutherkirche höre ich jemanden meinen Namen rufen. Meinen Spitznamen, also muss es jemand sein, der mich kennt. Es ist Ede! Ihn zu sehen rüttelt mich auf. Und macht mir bewusst, dass ich in den letzten Minuten offenbar immer mehr im Tunnel laufe. Mit zunehmender Anstrengung verengt sich das Gesichtsfeld und unbemerkt muss ich mich immer mehr in diesen Zustand gelaufen haben.

Zwar spüre ich, dass es langsam an die Substanz geht, aber ich habe noch ein paar Körner im Tank. Noch kann ich das Tempo gehen. Und das ist gut, denn mit der Nienburger Straße lauert nun der Abschnitt, der psychologisch anspruchsvoll ist. Zwei Kilometer geht es bis zum Königsworther Platz geradeaus, dazu eine leichte Steigung hinauf. Als sei das nicht schon demoralisierend genug, macht die Streckenführung dann noch eine kleine Schleife, obwohl man vom Königsworther Platz das Ziel quasi schon sehen kann.

Hier sehe ich erstmals auf meine Uhr. 4:09 Min. für den letzten Kilometer. Das ist gut und gibt mir Auftrieb. Den brauche ich auch, denn es sind noch immer vier Kilometer bis ins Ziel. Die können lang werden. Ich halte das Tempo bis zum Königsworther Platz und kontrolliere jetzt, nachdem ich einmal damit angefangen habe, regelmäßig mein Tempo. Weiterhin ist alles gut. Die Kilometerzeiten bleiben unter dem Schnitt, der notwendig ist. Dementsprechend laufe ich auch immer noch vor dem Pacemaker davon.

Am Königsworther Platz merke ich deutlich, dass jetzt das Auf-die-Zähne-Beißen beginnt. Ich laufe nicht mehr locker, sondern pushe mich, um das Tempo zu halten. Aber mein Laufstil ist noch gut. Weil ich von hier die Nienburger Straße sehen kann, suche ich nach dem Pacemaker, kann ihn aber nicht sehen. Es müssen also mehr als nur einige wenige Meter Vorsprung sein. Das ist gut, es könnte reichen.

Nach der kleinen Schleife geht es die Königsworther Straße hinauf und erneut auf den Königsworther Platz, dann nach rechts auf die Brühlstraße, dann am hohen Ufer entlang, bis eine Linkskurve über den Friederikenplatz ins Ziel führt.

HAJ Marathon Hannover 2017 - Zieleinlauf
HAJ Marathon Hannover 2016 – Zieleinlauf

Doch so weit ist es noch nicht. Die lange Gerade aus Brühlstraße und Hohem Ufer ist eine Betonschlucht, nur spärlich flankiert von Publikum. Rechter Hand stehen nun Gitter, die den Weg bis ins Ziel in 50-Meter-Schritten herunterzählen. Ich bin mir sicher, dass ich es schaffe. 1:26 h ist gerade vorbei und es ist weniger als ein Kilometer. Die Sauerstoffversorgung des Gehirns scheint jedoch nicht mehr allzu gut zu sein. Meinem Nebenmann, der mir gratuliert, dass wir unter 1:30 bleiben, aber meine Aufforderung, mit mir zusammen einen Schritt schneller zu laufen, mit Hinweis auf seinen Oberschenkel ablehnt, sage ich, er könne jetzt auch gehen, dann würde er auch unter 1:30 Std. bleiben. Das Kopfrechnen funktioniert offenbar nicht mehr über die Maßen gut. Das erklärt auch, dass ich zuerst 1:27 Std. auf der Uhr über dem Zielstrich lese. Dann, im Näherkommen, wird mir klar, dass die Uhr gerade auf 1:29:00 Std. umgesprungen ist. Jetzt lege ich einen Schritt zu, um sicherzugehen, dass ich auch Brutto unter einer Stunde und dreißig Minuten bleibe. Ich weiß, dass die Nettozeit noch einige Sekunden besser sein wird, aber ich habe kein Gefühl dafür, wie groß der Puffer tatsächlich ist.

Trotzdem reiße ich die Arme in die Luft, schon als ich das Ziel erstmals sehe. Dann noch einmal kurz davor. 1:29:55, 1:29:56, 1:29:57 – letzter Schritt und durch, zur Sicherheit auch noch bis zur zweiten Matte das Tempo durchziehen, dann trudele ich nach rechts, halte mich an einem der Absperrgitter fest und hechele das Laktat aus den übersäuerten Muskeln. Dann: Stolz und Freude. Und die Stimme von Sylvie, die sich direkt hinter dem Zielstrich positioniert hat. Die Freude in ihrer Stimme! Ich könnte heulen, weil ich es kaum glauben kann. Und doch spiele ich meine Leistung herunter, als ich mit ihr spreche, will mich nicht lächerlich machen, dass ich mich über so etwas Schnödes wie einen Halbmarathon so freuen kann. Und doch genieße ich es, bin vollkommen zufrieden, schließe die Augen und lasse mich küssen.

Der Lauf im Vergleich

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