Medaille des 25. HAJ Marathon Hannover 2015

Geschafft! Der Marathon unter 3:30 Std. – HAJ Hannover Marathon 2015

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25. HAJ Hannover Marathon 2015

Die Nacht war nicht schlecht. Oder zumindest nicht so schlecht wie sie hätte sein können, wenn man einen Säugling hat, der so gar nichts davon wissen will, dass man vor einem Marathon eine gehörige Portion Schlaf gut gebrauchen kann. Das frühe Zubettgehen endet damit, dass ich – kaum eingeschlafen – schon wieder wach bin. Das Kind plärrt und zieht um ins Elternbett. Ich ziehe weiter ins Hochbett der Tochter, die glücklicherweise ausquartiert wurde. Besser als auf der Couch zu schlafen ist das allemal.

Immerhin ist jetzt Ruhe und unter dem Betthimmel ist es auch ganz gemütlich. Würden die Gedanken nicht unaufhörlich um ungeklärte Fragen kreisen. Wann essen und wie viel? Soll ich den Getränkegürtel doch mitnehmen? Wie gehe ich das Rennen an und wie soll ich es mir einteilen?

Irgendwann schrecke ich hoch. Ich muss kurz beim Grübeln eingeschlafen sein, dann reißt mich ein vorbeifahrender Lastwagen aus dem Schlaf. Das Geräusch klingt eindeutig nach Besenwagen.

Frühstück – die wichtigste Mahlzeit des Tages

06:10 Uhr. Wecker braucht man eigentlich gar nicht, wenn man Kinder hat. Die heulen ganz von allein zur richtigen Zeit. Und zur Unzeit. Eigentlich sowieso viel zu oft. So bin ich wenigstens rechtzeitig wach und unter der Dusche, wobei das Duschen mehr dem Wachwerden dient als der Körperhygiene. In wenigen Stunden wird es ohnehin keine Rolle mehr spielen, ob ich mich ausgiebig geduscht habe oder nicht. Eine menschliche Nase wird da keinen Unterschied mehr wahrnehmen.

Frühstücken jetzt. Es geht auf 7 Uhr zu und wenn man den Tipps und Empfehlungen der Marathon-Gurus Glauben schenkt, bin ich damit eine Stunde zu spät dran. Drei Stunden heißt es da einhellig. Was genau man essen soll, darüber findet man durchaus unterschiedliche Angaben. Die sehr allgemeinen Ratschläge besagen, etwas leicht Verdauliches, Kohlenhydrathaltiges zu sich zu nehmen. Aber bitte ohne Ballaststoffe. Und bloß keine Experimente! Die wissenschaftliche getriebene Fraktion fordert Exotisches. Spirulina, Eiweißpulver, Guarana, L-Carnitin und Q 10. Letzteres hilft sicher, um auf den Fotos gut auszusehen.

Was also tun? „Keine Experimente“ klingt gut. Also Brötchen, Knäckebrot und Müsli. Nur dass ich so viel so früh am Morgen noch gar nicht herunterbekomme. Schließlich schwappt da auch noch ein halber Liter isotonisches Sportgetränk im Bauch herum. Und Kaffee.

Vorgeplänkel im Startblock

Angekommen sind wir. Das ist ja auch das Motto des Tages irgendwie. Sozusagen das Minimalziel. Ankommen ohne Gehpausen. Endlich die alte Schmach tilgen, den verdammten Marathon nicht zu Ende durchgelaufen zu sein.

Darüber hinaus aber bin ich immer noch unentschlossen, was das Ziel angeht. Besser als 3 Stunden und 48 Minuten sollte es schon werden. Persönliche Bestzeit. 3:30 ist das, was ich offiziell als Ziel ausgegeben habe. Doch da gibt es auch noch die Stimme, die mir einflüstert, dass das da noch mehr drin ist. Haben mir denn nicht verschiedenste Rechner im Internet ganz offiziell bescheinigt, eine Zeit um 3:12 laufen zu können? Klingt allerdings schon sehr ambitioniert. Andererseits waren die Tempoeinheiten durchaus darauf ausgelegt…

So vergehen die Minuten. Es ist kühl und bedeckt. Perfektes Läuferwetter. Wie ein Kleinkind hänge ich an der Flasche mit dem Iso-Getränk. Das hat Konsequenzen. Ich brauche eine Toilette. Die Toilettenhäuschen sind vor Volksläufen immer heiß begehrt. Das ist auch heute nicht anders. Immerhin gibt es im Rathaus die gekachelte Luxusvariante. Vorm Schlangestehen schützt das trotzdem nicht.

Pflichtbewusst  ziehe ich mir schnell noch einen Kohlenhydrat-Riegel rein. Auch wenn Essen ungefähr das Letzte ist, was ich jetzt möchte. Wir sehen uns um 12:30 Uhr im Ziel! Ordner wachen darüber, dass ich mich artig in Block C einreihe. Bei Marathons herrscht nämlich Diskriminierung mit System. Da wird man schon bei der Anmeldung gebrandmarkt, indem man seine derzeitige Bestzeit angeben muss. Ok, man könnte lügen, aber man ist ja Sportsmann. Trotzdem nervt es mich jetzt, dass ich in Block C stehe. Meiner Meinung nach bin ich doch mindestens ein B! Vielleicht sehen das die Veranstalter auch so, denn wenige Minuten vor dem Start wird das Absperrband zwischen B und C entfernt. Gibt einfach zu wenige Bs, um den Block voll zu machen.

Ich bin jetzt schön dicht am Pacemaker für 3:30 Std., während neben mir einer der Läufer seinem Buddy erzählt, es wäre keine so astreine Idee, sich nur auf die Pacemaker zu verlassen, er könne sich daran erinnern wie der 3:30-Pacemaker vor einigen Jahren die Zielzeit um Längen verfehlt hätte. Sehr beruhigend.

Derweil tickt die Uhr runter. Die Moderatoren geben ihr Bestes, das Starterfeld in eine Partymeute zu verwandeln. Erfolglos. Denen ist offenbar nicht klar, dass man für 42.000 Meter Laufen vorher besser seine Kräfte beisammen hält. Manchen hält es indes nicht davon ab, sich warm zu machen. Da wird auf der Stelle gelaufen und gehüpft und gedehnt was das Zeug hält. Reine Übersprungshandlungen und völlig unsinnig. Wenn man nicht im Block der Eliteläufer startet, dann bleibt noch ausreichend Zeit, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Aber die Nervosität will weggearbeitet werden. Also dehne ich mich, nestle an den Gels herum, überprüfe die Schnürsenkel und richte die Startnummer.

Die Beine legen die Taktik fest

Dann endlich geht es los. Erst ist es noch ein Gehen und langsames Schlurfen, bis sich das Feld auf der Startlinie auseinander zu ziehen beginnt. Ich hänge mich an den großen gelben Ballon mit der Aufschrift 3:30 Std.. Als ich meinen Sohn am Streckenrand erkenne, bin ich bereits wenige Meter vor dem Ballon. Meine Beine treffen die Entscheidung für die Renntaktik.

Es geht die Lavesallee hinunter und am Waterlooplatz vorbei. Das Feld ist  noch dicht beieinander, nur die Eliteläufer sind schon fast außer Sicht. Als wir auf das Stadion zulaufen, kommt der erste billige Witz. Stehenbleiben! Die Ampel ist rot!

Am Maschsee haben sich kleine Grüppchen von Zuschauern eingefunden, aber so früh am Morgen und weit vorne auf der Strecke ist die Anzahl der Interessierten noch gering. Gut, wer hier schon auf Unterstützung angewiesen ist, ist eh schlecht beraten. Von links ruft jemand einer älteren Dame neben mir zu, sie solle sich quälen und schwenkt dazu das passende Plakat. Man kennt sich. Aber zum Quälen ist es noch zu früh, bin ich mit der Läuferin einer Meinung. Trotzdem löst das Plakat in mir ein ungutes Gefühl aus. Die Vorahnung auf die späteren Qualen.

Nach 4 km kommt der erste Verpflegungspunkt. Wir sind am südlichen Ende des Maschsees angelangt. Ein kurzer Griff zum Pappbecher, oben zusammendrücken, damit nicht alles herausschwappt, während man im Weiterlaufen trinkt. Gelernt ist gelernt. In Döhren wird es erstmals laut. Trommler haben sich versammelt und mit ihnen eine größere Traube von Zuschauern. Danach wird es schnell leiser. Der Streckenverlauf führt auf die Ricklinger Kiesteiche zu. Durch eine Kleingartenkolonie geht der Weg. Wären nicht so viele andere Läufer unterwegs und hie und da ein Streckenposten, es wäre wie beim freitäglichen langen Lauf. Für die Kleingärtner gibt man eine prima Kulisse für das Frühstück ab.

Sieben hin, 35 im Sinn

Plötzlich taucht vor mir das Schild auf „7 km in Bewegung“. Mahlzeit! So unschlüssig ich bei der Renntaktik war, hatte ich für die Aufnahme von Gels einen klaren Plan. Alle sieben Kilometer ein Gel, das letzte sieben Kilometer vor dem Ziel. Alles was danach aufgenommen wird, wird sowieso nicht mehr verstoffwechselt. Anstatt auf die an den Verpflegungspunkten ausliegenden Gels zurückzugreifen, habe ich meine eigenen dabei. Und das nicht ohne Grund. Noch immer schiebe ich dem Gel, das ich bei meinem ersten Marathon zu mir genommen habe, eine Mitschuld für das kurz darauf folgende Einbrechen in die Schuhe. Es war mein erstes Gel überhaupt und es war so Übelkeit erregend süß, dass es eigentlich ungenießbar war. Die Gels, die ich diesmal dabei habe, schmecken hingegen eher nach pürierten Früchten. Auch süß, aber erträglich. Tüte auf und runter. Gut 20 g Ballast weniger im Gürtel. Oder anders gesehen: Noch 4 Sachets bis zum Ziel.

Bisher hatte ich seit km 1 oder 2 kein Schild mehr wahrgenommen. Jetzt gelingt es mir nicht mehr, die Schilder zu ignorieren. Das ist nicht gut. Je schlechter es einem geht, desto fixierter ist man auf die Schilder. Sie messen das Fortkommen und können mit zunehmender Ermüdung gar nicht schnell genug in Sichtweite kommen. Schlecht geht es mir aber eigentlich nicht. Im Gegenteil. Ich habe gute Beine und meine Atmung ist kontrolliert. Das spiegelt sich auch an meiner Zeit wider. Ich weiß instinktiv, dass ich dem 3:30-Ballon um einiges vorauseile. Bewusst vermeide ich aber, den Blick zur Uhr und laufe ausschließlich nach Gefühl.

Während ich mir noch die Paste auf der Zunge zergehen lasse, sehe ich einen anderen Läufer im Gebüsch stehen. Eine etwas verkrampfte Haltung, um Wasser zu lassen, denke ich. Tut er auch nicht, er kotzt in die Rabatte.

Wir biegen jetzt auf die Hildesheimer Straße ein. Die ist lang und obendrein nicht sonderlich hübsch anzusehen. Zwei Spuren links, zwei Spuren rechts, dazwischen die Gleise der Stadtbahnen und drum herum nur Gewerbe. Clever, den Kurs so zu wählen, dass man möglichst früh hier entlangläuft. Nach 30 km kann einem so ein Anblick den Rest geben. Je näher man sich aber der Stadt nähert, desto ansehnlicher wird es und die Zahl der Zuschauer steigt. Mir geht es so gut, dass ich mit einem Grinsen über den Asphalt steppe und die 10 km-Marke passiere. Um die 47 Minuten. Jetzt ist es auch offiziell, dass ich meinem Schnitt voraus bin. Fast drei Minuten. Als ich später ein Foto von mir sehe, wie ich die Gilde Brauerei passiere und dabei entspannt  lächele, bestätigt dies meine Erinnerungen.

Ich brauche einen Moment, um zu begreifen, warum sich wenig später die Strecke auf ein schmales, von Menschen gebildetes Spalier verengt. Zuerst freue ich mich über so viel begeisterten Andrang, dann verstehe ich. Das sind die Marathon-Staffeln, die hier auf die Übergabe des „Staffelholzes“ warten. Wie zu erwarten, überholen mich alsbald einige Staffelläufer. Schon zu Beginn des Rennens sind mir immer wieder Läufer negativ aufgefallen, weil sie sich drängelnd und unregelmäßig durch das Läuferfeld arbeiteten, wobei einige den Eindruck machten, ein für ihre Verhältnisse unangebrachtes Tempo vorzulegen. Wann immer sich auf den nächsten Kilometern ein Läufer lautstark atmend näherte, um zum Überholen anzusetzen, konnte ich darauf wetten, dass es sich um einen Staffelläufer handelte. Denn im Wesentlichen hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits Grüppchen gebildet, die sich auf ihr Tempo eingependelt hatten. Umfangreichere Verschiebungen waren erst wieder im letzten Drittel zu erwarten.

Das erste Drittel ist geschafft

Der „Aegi“ kommt in Sicht, der Lärmpegel steigt und bleibt an der Oper und am Kröpcke hoch. Euphorisiert vom Publikum muss man die Gefahr bekämpfen, allzu sehr auf die Tube zu drücken. Irgendwo zwischen Oper und „Aegi“ sehe ich einen Fotografen mit verdammt großem Tele. Erfahrener Marathonläufer, der ich bin, blicke ich in Richtung Objektiv und lächle breit. Es stellt sich raus, dass es der Professionelle ist. So ein Pech.

Wie das mit Hochs naturgemäß ist, folgt schnell ein Tief. So ist es auch, als wir den Bahnhofstunnel passiert haben und ins Zooviertel laufen. Der Zuschauerzuspruch reißt unmittelbar ab und ich falle zurück auf mich selbst. Da ich mich noch gut fühle, bleibt es bei einer kurzen Delle in der Stimmungskurve. Noch ehe sich die Marathon- und Halbmarathonstrecke kurz vor der Hochschule für Musik und Theater teilen, stürzt vor mir ein Staffelläufer mit Schmackes auf den Asphalt. Ein Geräusch, das mich an Nachmittage in meiner Jugend erinnert, als wir auf den Straßen bolzten. Offenbar ohne ernsthafte Verletzungen davongetragen zu haben, rappelt sich der Läufer auf und setzt das Rennen fort. Nur um 200 m später erneut eine Radelle zu drehen. Kurz drehe ich mich um, setze meinen Lauf aber fort, als ich sehe, dass der Läufer schon wieder auf den Beinen ist. Entkräftung scheint nicht das Problem zu sein, sondern ein offener Schnürsenkel, wie sich herausstellt. Ein anderer Läufer verpasst dem Stehaufmännchen eine gehörige Standpauke, sich doch bitte die Schuhe zuzubinden.

Tiefer im Zooviertel ist von der betriebsamen Hektik der Innenstadt nichts übrig geblieben. Einige handverlesene Zuschauer sitzen auf Terrassen oder Balkonen. Es wirkt eher so, als würde die Queen einer vorbei eilenden Parade die Ehre erweisen. Nach einigen Nebenstraßen biegen wir nach rechts ab und nähern uns dem Zoo. Tatzi Tatz feuert uns an und ich feuere Tatzi Tatz an. Ich bin gut drauf. Das merke ich auch daran, dass ich einem überholenden Läufer gönnerhaft hinterher rufe, es sei noch ein Stück bis zum Ziel. Ich habe wohl ein „Runner’s High“.

Seit geraumer Zeit bilden wir ansonsten eine mehr oder weniger feste Gruppe. Vor mir läuft Igor. Aus Estland. Ich bewundere schon seit Kilometern seinen Pferdeschwanz. Ein anderer Läufer aus der Gruppe, teilt am nächsten Verpflegungsstand eine Banane mit mir. Nur weil ich so gut gelaunt und ein netter Typ bin, nehme ich an. Sonst mag ich Bananen eigentlich nicht so. Und drei Bissen später wünsche ich mir auch, ich hätte abgelehnt. Dass ich obendrein jetzt auch noch erstmals merke, dass ich moderat abbaue, macht es auch nicht besser. Verdammtes Affenkotelett!

Die verdammte Banane

Inzwischen sind wir in der List. In der Bödekerstraße ist der Halbmarathon-Split. Ich bin weiterhin deutlich vor der Marschtabelle für 3:30 – 1:39 stehen auf der Uhr. Das sind fast 6 Minuten vor der Sollzeit. Wenn ich das hochrechne, wo komme ich dann raus? Bei 3:20 etwa, ein wenig schneller sogar. Vielleicht wird es tatsächlich was.

Wir gelangen durch spärlich besuchte Seitenstraßen auf die Celler Straße. Hier vereinen sich die beiden Strecken wieder für kurze Zeit. Halbmarathonis und Marathonis laufen gemeinsam, um in der List einem der bestbesuchten Abschnitte der Strecke entgegen zu laufen. Ein DJ spielt lautstark Musik. „Rainy Days“ ist kein Titel, der mich unglaublich pushen würde und zum Wetter passt er auch nicht mehr, seit sich das typische Hannover Marathon-Wetter eingestellt hat. Egal, wann der Marathon ausgetragen wird, die Sonne meint es in jedem Jahr zu gut mit den Läufern.

Während die Halbmarathonis nach links abbiegen, drehen wir nach rechts, um einige zusätzliche Kilometer in der List zu sammeln. Es wird ruhiger. Und mir geht es merklich schlechter. Ob die Banane schuld ist? Oder sind es die fehlenden Zuschauer? Oder ist es einfach die zurückgelegte Distanz? Immerhin sind es jetzt schon gute 24 km. Was mir hilft, ist ein klares Ziel. Bei km 28 warten meine Kinder. Also ist das die nächste Marke, die ich anpeile. Irgendwo in Vahrenwald passieren wir eine Digitalanzeige, auf der die aktuelle Geschwindigkeit für Autofahrer angezeigt wird. Heute misst sie unser Lauftempo: 13 km/h. Daneben ist ein lächelnder Smiley.

Wir erreichen die Vahrenwalder Str. Hier müssen sie stehen. Aber wo nur? Die Strecke teilt sich hier erneut, nachdem wir für wenige hundert Meter noch einmal gemeinsam mit dem Feld der Halbmarathon-Läufer laufen. Ich bin schon auf der Vahrenwalder, als ich Marlene höre. Das reißt mich aus meiner Fokussierung und ich freue mich für einen Moment sehr. Dann falle ich in ein Loch.

Was sich über die letzten Kilometer als schleichender Verfall angekündigt hat, wird mir nun deutlicher bewusst. Es hat einerseits sicherlich damit zu tun, dass ich das letzte gesetzte Ziel gerade erreicht habe und andererseits damit, dass die Vahrenwalder Str. schon einfach nur hässlich ist, wenn sie nicht Marathon-Kilometer 28 bis 30 ist. Ich suche mir ein Ziel, um nicht vollends abzubauen. 30 km, sage ich mir. Bis zur 30 musst du erst es einmal schaffen, dann siehst du weiter. Ein Streckenposten versucht aufmunternd auf mich einzuwirken und rät mir, locker zu atmen. Finde ich gerade gar nicht lustig. Ein Fahrradfahrer kommt uns linker Hand entgegen und ruft verächtlich, wir seien bescheuert. Der Mann hat nicht unrecht, denke ich.

Ich schaffe es die 30 km-Marke zu erreichen, ohne an Tempo zu verlieren. Ich merke aber, wie ich mehr und mehr investieren muss, um nicht aus dem Tritt zu kommen. Was habe ich nicht alles über Marathons gelesen im Vorfeld. Daher weiß ich jetzt auch, dass das ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass die Glykogen-Speicher leer laufen. Der Puls steigt an, weil der Körper nicht mehr so einfach Energie gewinnt, er greift jetzt verstärkt auf Fett zurück. Ich denke insgeheim darüber nach, stehen zu bleiben. Es geht durch ein Wohngebiet, an einer Schrebergartensiedlung vorbei und vor dem Verpflegungspunkt spielt eine Blaskapelle. Das ist doch alles nur noch scheiße, denke ich. Ausgerechnet eine Blaskapelle! Na wenigstens ist hier auch ein Verpflegungsstand.

Kaum ist der Verpflegungsstand außer Sicht, will ich in die Büsche verschwinden, um meine Blase zu erleichtern. Den Drang verspüre ich schon seit Stunden, habe es aber bisher unterdrücken können. Jetzt ist es ein willkommener Anlass für eine Pause. Doch es ist zu viel los und ich entscheide mich fürs Weiterlaufen.

Angepeilt habe ich jetzt eine neue Marke: 32 km. Die Politik der kleinen Schritte. Ich rede mir ein, 32 km hast du drauf, das kennst du aus dem Training, den langen Brettern. Dumm nur, dass es bei den langen Läufen auch diverse gab, die damit endeten, dass ich gegen die Wand lief. Sind die Glykogen-Reserven aufgebraucht fühlt es sich an, als liefe man durch Morast. Als hätte man einem Duracell-Hasen die Batterie entfernt.

Ich schaffe es – mehr mit dem Kopf als mit den Beinen. Sobald die 32 km voll sind, treffen wir erneut mit den Halbmarathonläufern zusammen. Diese haben an dieser Stelle etwas mehr als 14 km auf dem Tacho und sind entsprechend schnell unterwegs. In diesem Augenblick hasse ich sie. Dafür, dass sie mich reihenweise überholen. Die Strecke verläuft hier unter den Bahngleisen hindurch. Das fördert Erinnerungen zurück an vergangene Läufe. Beim ersten Marathon war ich bereits mehrmals zum Gehen gezwungen, bevor ich hier ankam. Beim vorletzten Halbmarathon bekam mir an gleicher Stelle ein Riegel so schlecht, dass ich mehrere hundert Meter arge Probleme hatte und ernsthaft ans Stehenbleiben dachte. Ich überwinde auch den Tunnel und vor allem die Steigung an seinem Ende. Ab und an fällt es mir für einige Minuten wieder leichter.

Wir queren den E-Damm und rund um die Lutherkirche in der Nordstadt wird es voll und laut. Das ist gut so, das trägt. Trotz Tunnelblick. Subjektiv steigt mit der zunehmenden Ermüdung die Zahl der Aufmunterungen. Karsten, du schaffst das. Karsten, mach weiter. Das muss das Mitleid sein. Ich merke, wie ich mit gefletschten Zähnen laufe. Es sind jetzt 34 km absolviert. Bleiben noch 8 km. Lächerliche 8 km. Als Trainingseinheit kaum den Aufwand wert, sich umzuziehen. Jetzt mehr als ich mir vorstellen kann zu bewältigen. Anderen geht es auch nicht besser. Einen Läufer überhole ich und seine Kopfbewegungen wirken schon fast spastisch. Die dazugehörigen Soundeffekte klingen auch nicht besser.

Kampf bis ins Ziel

Erfrischungspunkt 11. Ich mache einen schnellen Stopp auf dem Dixi. Endlich mal stehenbleiben, ohne wirklich stehen zu bleiben. Klo zählt nicht, rede ich mir ein. Und siehe da, nach dem WC-Stopp läuft es sich wieder besser. Laut Plan sollte ich jetzt das letzte Gel zu mir nehmen. Will ich aber nicht. Weil ich a) nicht daran glaube, dass es jetzt noch hilft und b) ich keines mehr hinunter bekomme. Ich komme bis zum Königsworther Platz. Wegen der Zuschauermassen verbietet es sich, hier stehen zu bleiben. Ich schleppe mich deshalb noch einige Meter weiter, bis ich an die Stelle komme, die ich schon vorher gefürchtet habe. Die laaaaange Allee in den Herrenhäuser Gärten. Besonders im Herbst ein beliebtes Fotomotiv und alljährlich ein noch beliebteres Jogger-Revier. Für Jahre quasi mein Vorgarten und daher Ausgangspunkt für ungezählte Trainingsläufe. Runde zwei Kilometer geht es geradeaus zwischen Linden hindurch. Nichts, was einem die Sicht versperren würde auf dem Weg. Schon ausgeruht ist das demoralisierend, weil man das Gefühl hat, dem anderen Ende der Geraden nicht näher zu kommen. Mit mehr als 36 km in Beinen und Kopf kommt das auch nicht besser. Schlimmer ist noch: Während man am Königsworther Platz das Ziel faktisch vor Augen hat, verläuft die Herrenhäuser Allee in die entgegengesetzte Richtung. Man wird mit dem Ziel in Sichtweite gezwungen, sich umzudrehen und wegzulaufen. Bestens! Ich hatte ja eh nichts anderes vor.

Eigentlich will ich nicht mehr, aber ich laufe weiter. Links neben mir liegen die Studenten auf dem Rasen und sonnen sich. Spaziergänger schlendern die Allee hinunter und ich kämpfe mich weiter voran. Bange blicke ich auf die Nienburger Str., die man von hier aus sehen kann. Das ist der Abschnitt bei KM 35. Kann ich den Ballon mit der Zielzeit 3:30 Std. sehen? Nein, zum Glück nicht. Bis beinahe 37 km laufe ich tapfer weiter, dann bleibe ich stehen und beginne zu gehen. Kurz bin ich ernsthaft angepisst. Von mir. Warum machst du schlapp, du Memme? Von den anderen Läufern. Warum können die noch? Von der Sonne. Heiß! Von allem.

Der Frust hält nicht lange vor. Ich sehe das 38-km-Schild und beginne wieder zu laufen. Gleichzeitig beginnt die Hochrechnung. Wie viel Zeit ist auf der Uhr und wie weit ist es noch? Knapp 3 Stunden, etwa 4 km. Macht einen Schnitt von gut 6 Minuten, wenn ich die 3:30 Std. schaffen will. Eigentlich kein Problem, aber jetzt, wo der Mann mit dem Hammer selbigen kreisen lässt, alles andere als einfach. Noch einmal bleibe ich kurz stehen, muss stehen bleiben, schleppe mich dann bis zum nächsten Verpflegungspunkt. Dort lasse ich mir Zeit. Mann, bin ich dankbar für die pisswarme Cola. Ist jetzt auch egal, dass die nicht isotonisch ist. Wasser ist jetzt nicht der limitierende Faktor, sondern schnell verfügbares Glykogen. Gib dem Affen Zucker!

Weiter geht’s. Jemand feuert mich an, mit Namen. Frau mit Sonnenbrille. Kommt mir irgendwie bekannt vor, das könnte Silke sein. Aber wer weiß das schon? Jeder, der lesen kann, kennt meinen Namen. Steht auf der Startnummer. Und so schnell bin ich nicht mehr, dass man Schwierigkeiten hätte, den zu lesen. Und wo ist überhaupt dieses scheiß 39 km-Schild? Jetzt habe ich seit KM 7 kein Schild mehr übersehen, aber lt. meiner Armbanduhr ist das jetzt schon seit 400 Metern überfällig. Zumindest 300 Meter. Denn irgendwo auf den letzten 39 km muss ich 100 Bonusmeter gesammelt haben, das habe ich auf den letzten paar Kilometern bereits auf meiner Uhr beobachtet. Kam ich an ein Schild, war die Uhr schon 100 Meter weiter. Wie bei Hase und Igel.

Kurz vor dem Wilhelm-Busch-Museum sehe ich einen Läufer von links kommen. Das ist definitiv nicht die offizielle Streckenführung, sondern eine astreine Abkürzung. Egal, ich habe meine eigenen Probleme, das soll er mit sich ausmachen. Irgendwie bringe ich den Streckenabschnitt hinter mich und die beiden Strecken vereinigen sich wieder. Hurra, es wird voll. Am letzten Verpflegungspunkt lege ich noch einmal eine kurze Pause ein. Es ist eigentlich nur noch ein zähes Ringen um jeden Meter. Dementsprechend wähle ich meine Ziele. Bis zum Königsworther Platz. Das sind nur ein paar hundert Meter, aber das ist schon schlimm genug.

Als ich dort ankomme, will ich eigentlich stehen bleiben, mache aber weiter. Das Feld zieht mich, die Zuschauer schieben mich. Dann zählen Plakate rechter Hand die Distanz zum Ziel herunter. 1000 Meter noch, 650 Meter, dann kann ich tatsächlich das Ziel auf dem Friedrichswall sehen. Ich balle die Faust, weil ich weiß, das geht sich aus. Als es in die letzte Linkskurve geht, beginne ich zu jubeln, kurz darauf noch einmal. 3:27 Std. zeigt die Uhr über dem Zielstrich. Dann juble ich ein letztes Mal, während ich den Zielstrich passiere, merke, dass sich ein Krampf anbahnt und steuere nach links zur nächsten Bande. Dass zum Weitergehen aufgefordert wird, ist mir scheißegal.

Meine Gefühle sind gemischt. Ich bin froh. Froh, dass es vorbei ist. Und stolz, es geschafft zu haben. Endlich fühle ich mich als richtiger Marathonläufer. Trotz der kurzen Gehpausen und des Leistungseinbruchs. Das liegt wohl an der trotz allem sehr ordentlichen Zeit. Ich hadere aber auch mit mir. Es wäre mehr drin gewesen. Hätte ich nicht noch etwas länger auf die Zähne beißen können? Und was war das überhaupt für ein Zieleinlauf? Wenn ich mir das während meiner Trainingsläufe visualisiert habe, habe ich schon Gänsehaut bekommen und gegrinst wie blöd. Aber hier im echten Leben, live und in Farbe? Der Augenblick des Erfolges ging unter in der Masse der Ankömmlinge. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Gilt auch für Erfolg. Den will ich nicht teilen mit den anderen, schon gar nicht mit den Halbmarathonis, denen hier genauso zugejubelt wird. Da bin ich nach 42 km einfach mal egoistisch. Zeit zum Innehalten gibt es auch jetzt nicht, während ich noch am Absperrgitter stehe und mich dehne. Unaufhörlich wird gemahnt, man solle den Zielbereich verlassen. Nervt schon, auch wenn’s richtig ist. Während ich langsam regeneriere, gewinnt der Stolz die Oberhand und ich genieße das gute Gefühl.

Meine besten Ergebnisse im Marathon

Stand: 19.04.2015

Die Bilder des Laufes

2 Kommentare zu “Geschafft! Der Marathon unter 3:30 Std. – HAJ Hannover Marathon 2015

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