Der Countdown zum Start kommt so überraschend, dass mir auffällt, dass meine Uhr noch gar kein Satellitensignal sucht. Hektisch starte ich die Suche. Schuld ist Sven-Erik, den wir auf dem Weg zum Ostseekai aufgegabelt haben. An einer Ampel hatte er uns in ein Gespräch verwickelt, um uns dann nicht mehr von der Seite zu weichen. Geschichte um Geschichte hat uns unsere jüngste Bekanntschaft erzählt. Wie er beim Training seine Kinder in einer Schubkarre vor sich hergeschoben habe, wie ein Läufer bei einem Ultrarennen sterbend lieber zur Ziellinie getragen werden wollte als zum Krankenhaus, den unzähligen Läufen am Rennsteig, in Belgien, überall auf der Welt. Meine eigene läuferische Leistung kommt mir angesichts der Anekdoten gar nicht mehr so groß vor. Wenigstens zollt mir Sven-Erik Respekt, dass ich ganz schön schnell unterwegs sei mit meiner angepeilten Zeit. Für ihn ein zu schnelles Tempo. Doch selbst als ich mich nach vorne durch die Starter schlängele, um einen guten Platz im Startblock zu haben – schließlich gibt es hier keine Nettozeiten -, begleitet er mich. Als bekannt wird, dass einer der Topfavoriten nicht zum Start erscheint, meint er, dass dies meine Chancen erhöhe. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob er sich einen Spaß erlaubt.

Die Ablenkung hat auch etwas Gutes. Ich habe mich nicht zu sehr mit dem Rennen befassen können, hatte keine Zeit, mir allzu viele Gedanken zu machen, nicht einmal richtige Nervosität konnte aufkommen. Eigentlich weiß ich noch nicht einmal, wie ich das Rennen gestalten will. Die persönliche Bestzeit soll erst im April in Hannover fallen, aber wenn ich schon am Start bin, dann kann ich es doch auch probieren, zumal ich mich sehr fit fühle derzeit. Weiter bin ich bei den Vorüberlegungen nicht gekommen. Meine Uhr hat noch immer kein Signal gefunden und ich fluche still in mich hinein. Bei jedem Trainingslauf renne ich erst dann los, wenn ich ein GPS-Signal habe. Aber hier, wo ich die Orientierung wirklich nötig hätte, um mein Tempo zu steuern und mir das Rennen einzuteilen, muss ich wohl oder übel nach Gefühl laufen.

Los geht’s

3, 2, 1 – los! Egal, ich renne los. Auch ohne GPS-Signal. Der Puls ist exorbitant hoch, 190 Schläge und mehr. Vielleicht ist die Messung nicht exakt. Jedenfalls fühle ich mich gut. Wir laufen nach Norden und schnell bilden sich kleine Gruppen heraus, die annähernd das gleiche Tempo laufen. Ein Läufer mit breitem Kreuz und weißem Lauf-Shirt ist mit mir gleichauf. Etwa 50 Meter vor uns ist eine kleine Traube Läufer, darunter auch eine Frau, die spätere Siegerin der Frauenkonkurrenz. Nach einem Kilometer signalisiert mir meine Uhr, dass sie eine Verbindung gefunden hat und der Lauf losgehen kann. Ab jetzt sehe ich mein aktuelles Tempo, das momentan bei ca. vier Minuten pro Kilometer liegt. So geht es weiter an der Förde entlang. Links passieren wir den Landtag und das Geomar, rechts liegen vereinzelt Schiffe. Von Anfang an begegnen uns auch die Läufer der Marathonstrecke. Einige überholen wir, andere kommen uns entgegen. Genauso begegnen uns Spaziergänger und Fahrradfahrer. Die Strecke ist nicht abgesperrt, lediglich die Fahrbahn an der Förde ist auf einem kurzen Abschnitt für den Verkehr gesperrt.

An der ersten Wende gibt es einen Verpflegungstand. Ich greife mir einen Becher gesüßten Tees. Mehr als einen großzügigen Schluck bekomme ich bei dem forcierten Tempo aber nicht unfallfrei in mich hinein. Mein Begleitläufer hat sich inzwischen etwas abgesetzt und zieht ganz langsam Meter um Meter davon. Dafür habe ich die Führungsarbeit für zwei weitere Läufer übernommen, die mir etwa zwei Kilometer folgen, bis auch sie mich langsam und gemächlich überholen. Das liegt einerseits daran, dass ich mein Tempo leicht drossele, andererseits daran, dass die anderen ein noch höheres Tempo laufen. So kommt es, dass ich mehr und mehr allein laufe. Ich sehe die mir enteilten Läufer zwar die ganze Zeit, weiß aber, dass ich nicht aufschließen kann. Zwischenzeitlich kommt mir Sven-Erik entgegen, doch trotz meines Grußes scheint er mich nicht zu erkennen.

Zwischen Kilometer 5 bis 10

Die Kilometer fünf bis zehn geht es nach Süden und führen am Startbereich vorbei. Dort sind wenigstens einige Zuschauer. Angehörige wohl. Ansonsten ist das Zuschauerinteresse zufälliger Natur. Wer gerade an der Förde spazieren geht, hat seinen Spaß dabei, den Läufern zuzusehen. Sylvie ist nicht zu sehen. Offenbar ist sie in die Stadt gegangen, um einzukaufen.

Gute neun Kilometer nach dem Start liegt die zweite Wende auf der Strecke, nahe dem Schwedenkai. Eine Eigenart von Wendestrecken ist, dass man allen Läufern, die hinter einem liegen, nun ins Gesicht sehen kann. Und umgekehrt. An den Gesichtern lassen sich ganz unterschiedliche Gemütsverfassungen ablesen: Freude, Konzentration, Erschöpfung, Kampf, Leiden, bei manchen Leichtigkeit.

Wie ich wohl für die anderen aussehe? Ginge es um Medaillen hieße es wohl, möglichst frisch wirken, um jede mögliche Ambition der Verfolger gleich im Keim zu ersticken: Mir geht’s gut, probiert es gar nicht erst. Faktisch fühle ich mich auch gut, doch weiß ich nicht, ob ich das Tempo halten kann. Ich hatte mir grob ausgerechnet, dass ich mit einem 4:10er-Schnitt auf jeden Fall meine Bestleistung unterbiete. Und im Training hatte sich das Tempo zuletzt gut angefühlt. Aktuell liege ich jedoch unter 4:10, eher bei 4:06. Weil wir kurz nach der Wende die 10km-Marke erreichen, würde mich eine Zwischenzeit interessieren. Habe ich vielleicht quasi im Vorbeigehen meine 10km-Zeit verbessert? Doch gibt  es hier keine Messung und keine Uhr. Meine eigene Uhr gibt wegen des Malheurs sowieso keinen exakten Aufschluss. Aus psychologischen Gründen möchte ich die Blicke auf die Uhr sowieso gern minimieren, solange es geht. Zu häufige Kontrollen töten bei mir jedes Gefühl und stressen mich zusätzlich. Ist die Zeit gut, mag ein Blick auf die Uhr beflügeln, aber wehe der aktuelle Schnitt liegt unter den Erwartungen. Und sei es nur durch eine kurze Messungenauigkeit. Unweigerlich führt das dazu, dass ich meinen Schritt beschleunige.

Ich baue ab

Wieder passieren wir den Startbereich, von Sylvie weiterhin keine Spur.Ein zweites Mal laufen wir am Sporthafen vorbei Richtung nördlicher Wendepunkt. Mir fällt auf, dass sich die Strecke diesmal länger anfühlt. Mein Blick für das Drumherum ist getrübt, sprichwörtlich und körperlich. Je mehr Anstrengung es mich kostet, die Geschwindigkeit aufrecht zu halten, desto mehr verengt sich mein Blick. Meine Gedanken fließen nicht mehr und fokussieren sich nur auf das Laufen. Ich stecke mir kleine Ziele: In drei Kilometern schaust du das nächste Mal auf die Uhr, jetzt läufst du noch bis zu der Stelle, wo die Brücke ist. Obwohl nicht neu, eine sehr wirksame Methode. So lässt sich das Einbrechen hinauszögern. Als ich die Wende das zweite Mal erreiche, merke ich deutlich, dass ich abbaue. Ich beiße mich den kleinen Anstieg kurz vor dem Verpflegungspunkt hinauf. Schon in der ersten Runde merkte ich, dass es hier eine kleine, aber unangenehme Steigung gibt. Diesmal fühle ich sie deutlich.

Wieder Tee, den ich mir großzügig auf mein Oberteil kippe. Kleiner Schönheitsfehler. Ist aber auch egal, ob nun Schweiß oder Tee für das Durchnässen verantwortlich ist.

Mit Zusammengebissenen Zähnen geht es weiter und ich sinke immer mehr auf mich selbst zurück, bin komplett fokussiert. Ich schrecke richtiggehend auf, als mir jemand zuruft. Es ist Sven-Erik, der mir auf dem Weg zur Wende entgegenkommt. Ich laufe bereits auf Autopilot. Als ich auf die Uhr blicke, merke ich, dass ich langsamer werde. Noch nicht kritisch, aber messbar. Zur Erschöpfung kommt nun Wind, der uns gehörig entgegen bläst. Das kostet zusätzliche Kraft und Zeit. Ich weiß, dass ich es mir leisten kann, ein paar Sekunden langsamer zu laufen, ohne meine Bestzeit zu gefährden. Das hilft und nimmt etwas von dem Druck. Aber es ist auch einfach nicht mehr drin.

Finale

Im Start-/Ziel-Bereich steht Sylvie und feuert mich an. Ich lächle sie an, hebe den Daumen: Alles gut soll das heißen. Aber mein Lächeln ist, wie sie mir später sagt, nicht überzeugend. Ich quäle mich nun, weiß aber auch, dass das Ziel bald erreicht ist. Wie weit genau es noch ist, weiß ich nicht. Die Kilometerschilder sind auf der zweiten Runde nicht mehr verlässlich, da die einzelnen Runden unterschiedlich lang sind.  Mehr als zwei, drei Kilometer können es jetzt nicht mehr sein.

Für den Kopf ist es keine einfach Sache, das Ziel zu passieren, aber noch bis zur Wendemarke laufen zu müssen, ehe man nach einer allerletzten Wende tatsächlich auf das Ziel zuläuft. Mein Tempo ist gesunken auf 4:20 Min. pro Kilometer. Erstmals seit der ersten Wende überholt  mich ein anderer Läufer. Kurz kann ich an ihm dranbleiben, nur um dann doch abreißen zu lassen. Und noch ein Läufer überholt mich. Auch diesen lasse ich ziehen. Kurz nach der Wende steht ein Schild: 20km. Vier läppische Minuten noch musst du durchhalten, sage ich mir, dann kannst du dich ausruhen. Das stimmt zwar, mindert aber nicht das Brennen in den Muskeln und der Lunge. Immerhin, nun bläst der Wind von hinten. Vier Minuten können trotzdem verdammt lang sein. Relativ lang. Gefühlt.

Endlich erreiche ich den Parkplatz vor dem Ostseekai und biege ein auf die Zielgerade. Sylvie wartet schon unweit der Ziellinie. Mein Blick sucht sie, dann die Uhr mit der offiziellen Zeit. Habe ich richtig gehört, dass der Läufer vor mir mit einer Zeit unter 1:27 Std. ins Ziel gekommen ist? Tatsächlich! Die Uhr zeigt eine Stunde und 27 Minuten als ich auf die Ziellinie zulaufe. Für die Sekunden habe ich gerade keinen Blick. Unnötig sowieso, denn meine Bestzeit liegt bei 1:29:34. Die wird pulverisiert, so viel steht fest.

Bevor ich mich richtig freuen kann, bevor mir die Medaille umgehängt werden kann, muss ich, Hände auf den Oberschenkeln, der Kopf vornüber gebeugt, kräftig durchatmen. Dann drehe ich mich zu Sylvie, die mir zuruft und mich anstrahlt und kurz habe ich das Gefühl, von meiner Freude zum Weinen gebracht zu werden.

Die Bilder des Laufes

Der Lauf im Detail