HASPA Marathon Hamburg 2018 - Landungsbrücken
Kategorien: Laufen Wettkampfberichte

Ein nervöser Magen, eine neue Bestzeit und ein verfehltes Ziel

Die Strecke führt in einer Linkskehre unter einer Brücke hindurch und auf dem Asphalt liegt traurig und zerfetzt einer der beiden Ballons, an denen die Tempomacher zu erkennen sind. Der zweite Ballon flattert mit größer werdendem Abstand ein Stück voraus. Es ist der Moment, in dem ich zu realisieren beginne, dass ich nicht mehr folgen kann. Geplatzt der Traum von einer Zeit unter 3:15 Std., denke ich – genau wie der Ballon zu meinen Füßen. 

Es ist nicht das erste Mal, dass ich heute den Ballons hinterherlaufe. Genau genommen mache ich seit Stunden nichts anderes. Nur merke ich jetzt, wie der Abstand größer wird. Und ich kann nicht mehr zulegen, um die Lücke zu schließen. Geschlagen geben will ich mich aber noch nicht. 

Viele Kohlenhydrate und ein nervöser Magen

Am Freitag, vor zwei Tagen also, hatte ich doch noch begonnen, meine Ernährung ziemlich radikal auf Kohlenhydrate umzustellen. Eigentlich war ich der Meinung, ausreichend Kohlenhydrate zu mir zu nehmen, bis ich las, dass man bis zu 10 g je Kilogramm Körpergewicht zu sich nehmen solle. Das ist eine ziemliche Menge. Demzufolge pumpte ich Trockenobst, Reiswaffeln, Salzgebäck und Süßgetränke in mich hinein. Und natürlich die obligatorische Pasta. Dazu Kichererbsen und Mais. Bereits seit Samstag gab mir mein Bauch zu verstehen, was er von dieser Art Ernährung hielt. Er war in Aufruhr. Weil mein Magen grundsätzlich empfindlich ist, redete ich mir ein, das würde sich spätestens bis Sonntag regulieren – notfalls mit Hilfe des Loperamids, das ich seit einiger Zeit vor Wettkämpfen einzunehmen pflege. Besserung trat aber auch Samstag nicht ein, obwohl ich zwischen Marathon-Messe und Anreise ohnehin nicht allzu viel essen konnte.

Als es dann am Sonntag nach einer unruhigen Nacht ein letztes Mal darum ging, die Tanks mit ausreichend Treibstoff zu füllen, hatte sich die Lage noch immer nicht gebessert und auch das Loperamid schaffte keine Abhilfe. Bereits die Aussicht auf das Frühstück verursachte mir Unwohlsein. Vielleicht, so hoffte ich, beruhte das Gefühl nur auf dem Umstand, viel Süßes und ungewohnt große Mengen zu essen. Ím Hinterkopf hatte ich den Rat, dass man ein leichtes Frühstück zu sich nehmen sollte. Leicht fühlte sich bei mir gar nichts an, es stand mir bis oben. Immerhin hatte ich keinen Durchfall. Doch das unangenehme Gefühl blieb.  So lange es nur dieses Völlegefühl blieb, war alles gut, redete ich mir ein. Die Nervosität trug mit Sicherheit auch ihr Scherflein dazu bei, dass in meinem Bauch ein Jahrmarkt stattfand.

Zu wenige Dixis und ein stotternder Start

Eine Stunde noch bis zum Start. Immer noch war der Himmel makellos blau. Von den angekündigten Wolken weit und breit keine Spur. Na toll! Aber in Hannover hatte es ja auch geklappt, trotz Hitze. Die Nervosität sorgte dafür, dass ich jetzt schon einen völlig ausgetrockneten Mund hatte. Blöd nur, dass ich nicht einen Schluck zu trinken mitgenommen hatte. Wenigstens hatten wir Zeit genut, um etwas zu kaufen. Der Gedanke an den Riegel, den ich mir noch eine halbe Stunde vor dem Start gönnen wollte, verursachte mir hingegen Übelkeit, weshalb ich ihn nicht anrührte. Mein Magen war noch immer in Aufruhr. So sehr, dass ich 30 Minuten vor dem Start eines der heiß begehrten Dixis aufsuchte. Es war bereits der zweite Besuch. So kurz vor dem Start war ich mit diesem Drang nicht alleine. Im Gegenteil: Die Schlangen waren länger als je zuvor. Für manche zu lang. Eine junge Läuferin entblößte sich in ihrer Not kaum verdeckt im Windschatten eines Dixi-Klos.

Die Zeit war auch für mich durch das Dixi-Intermezzo so knapp geworden, dass ich nur noch in aller Hast gute Wünsche mit Nils austauschte und mir von Kind vier und Freundin Mut zusprechen ließ, ehe ich mich in zu meinem Startblock aufmachte. Block D. Ich war regelrecht genervt gewesen, als ich bei der Startnummernausgabe als „D“ klassifiziert worden war, hatte dann aber begriffen, dass ich mich damit noch glücklich schätzen konnte. Die Blöcke umfassten nahezu das gesamte Alphabet. Dumm nur, dass der Block offenbar so eng bemessen war, dass nicht alle eingeteilten Läufer darin Platz fanden. Einige standen außerhalb der Absperrungen, um im Moment des Startes hineinzuschlüpfen. Ich hingegen drängte mich hindurch, um wenigstens gleich im Strom mitschwimmen zu können. Freunde machte ich mir damit nicht. Es hatte auch einen Vorteil, so spät im Block zu stehen. Für Nervosität blieb keine Zeit.

Kaum hatte ich mich versehen, erfolgte bereits der Startschuss und die ersten Blöcke setzten sich langsam in Bewegung. Es dauerte einen Moment, bis Bewegung in die um mich herum stehenden Läufer kam. Kaum ging es los, stockten wir schon wieder. Einem der Läufer vor mir war der Schuh ausgezogen worden. Dann mussten wir schon wieder stoppen, weil sich das Läuferfeld an der Startlinie staute. Eine Absperrung teilte die Strecke hier in der Mitte entzwei. Bereits eine knappe Minute war verstrichen, bis ich selbst die Startlinie passierte. Und auch danach war ein gleichmäßiges Laufen nicht zu denken. Etwa einen Kilometer benötigte ich, um mein Tempo zu finden und in einen mehr oder weniger gleichmäßigen Schritt zu verfallen. Augenscheinlich waren deutlich langsamere Läufer sehr weit vorne gestartet. Dazu zählten auch die vielen Staffelläufer.

Die Jagd nach dem Ballon und ein bisschen Euphorie

Weil ich mich wegen des vollen Startblocks nicht in direkter Nähe der  beiden Tempoläufer für meine Zielzeit von 3:15 Std. hatte einreihen können, war ich nun bemüht, sie zumindest nicht aus den Augen zu verlieren. Sie waren unglücklicherweise ein gutes Stück vor mir im Block postiert gewesen und hatten in den Wirren des Starts eine gewisse Distanz zwischen sich und mich gebracht. Da sie die Startlinie aber vor mir überquert hatten, wäre meine Nettozeit automatisch besser, wenn ich zu ihnen aufschließen könnte. Für das Schließen der Lücke wollte ich mir jedoch Zeit lassen. Solange ich die Ballons nicht aus den Augen verlor, konnten sie mir genauso als Orientierung dienen, als würde ich direkt in ihrem Windschatten laufen.

Schon auf dem zweiten Kilometer spürte ich, wie mir der Schweiß von der Stirn tropfte. Ich war nicht der einzige, der die Hitze spürte. Nachdem er kurz noch Geburtstagsgrüße in sein Smartphone diktiert hatte, klagte ein Läufer neben mir bereits darüber, dass er am Ende des Tages wohl einen Sonnenbrand davontragen würde. Ich ahnte, dass mir das Gleiche blühte. Es war anders als angekündigt sonnig und ich war froh, mir tags zuvor noch ein Singlet  gekauft zu haben. Allerdings hatte ich die Sonnencreme vergessen und würde in dem ärmellosen Oberteil ungeschützt der Sonne ausgesetzt sein.

Wegen der Unordnung am Start war ich den ersten Kilometer deutlich über dem geplanten Schnitt geblieben, Kein gutes Gefühl. Ich versuchte es positiv zu sehen. Defensiv ist gut, nur nicht zu schnell loslegen. Auf dem zweiten Kilometer blieb ich deutlich darunter. In der Folge pendelten meine Zeiten um die geplante Pace, während ich dem Tempomacher immer näher kam. Wir hatten bereits den westlichsten Punkt der Strecke in Blankenese hinter uns, als ich auf der Elbchaussee erstmals zu ihm aufschloss. Ich war mir sicher, im Plan zu liegen. Wie sonst auch hätte ich die Lücke schließen können? Weil ich mich gut fühlte, zog ich vorbei und in meinem Übermut schoß es mir durch den Kopf, einen flapsigen Kommentar in Richtung des Tempoläufers loszulassen, weil sein Kollege offenbar ein ganzes Stück vor ihm lief. Aber warum eigentlich? Ich verkniff mir die Frage und lief mein Tempo weiter und dachte nicht weiter darüber nach, dass die beiden Ballons offensichtlich auseinandergedriftet waren. Am Rand der Strecke hörte ich eine Mutter zu ihrem Sohn sagen, er solle uns abklatschen, dann liefen wir schneller. Wenn es doch so einfach wäre.

Die Strecke führte uns entlang der Elbe in Richtung Stadtzentrum. Mehr und mehr Zuschauer säumten nun den Kurs und je länger wir liefen, desto berauschter wurde ich. Ich ließ mich anstecken von der Stimmung rief ein „Hamburg, ihr seit noch viel zu leise!“ in Richtung der Zuschauer. Dann ging es in den Wallringtunnel – die 15-km-Marke.

HASPA Marathon Hamburg 2018 - Wallringtunnel
HASPA Marathon Hamburg 2018 – Wallringtunnel

Später sollte ich feststellen, dass ich hier das einzige Mal leicht unter meinen Sollzeiten lag. Mein Hoch hielt an. Die Lautsprecher im Tunnel spielten „Thunderstruck“ und als die Musik verstummte, begannen die Läufer hinter mir zu klatschen. Wie wellen schwappte das Geräusch über mich hinweg und verursachte mir eine Gänsehaut. Dann war ich aus dem Tunnel heraus. Leicht bergauf ging es in Richtung Binnenalster. Dort würde irgendwo meine Freundin warten!

Und tatsächlich – am Jungfernstieg hörte ich eine Stimme meinen Namen rufen: „Du schaffst es!“ Ich war geneigt, es zu glauben. Wäre da nicht das unentwegte Rebellieren meines Magens gewesen. Seit dem Start kämpfte ich gegen das miese Gefühl an und konnte nicht einmal genau sagen, was es war. Später sollte ich zu hören bekommen, dass ich bereits an diesem Punkt angeschlagen wirkte, wenngleich ich auf den Fotos einigermaßen frisch wirke. Inzwischen hatte ich fast den zweiten Ballon erreicht und war mir nicht mehr sicher, ob es nicht vielleicht einen Ballon für eine Zielzeit von 3:10 Std. gab. Ich war die letzten Kilometer meist etwas schneller als geplant gelaufen. Aber so schnell? Irgendwie glaubte ich daran. Weil es die einzig logische Erklärung zu sein schien. Andernfalls hätte ich den anderen Ballon nicht so weit hinter mir lassen können.

HASPA Marathon Hamburg 2018 - Jungfernstieg
HASPA Marathon Hamburg 2018 – Jungfernstieg

Toilettenstopp und ein kleiner Schock

Im Wissen um meinen vermeintlichen Vorsprung vor dem Plan, entschloss ich mich dazu, kurz nach Kilometer 20 eine Toilette aufzusuchen. Vielleicht konnte ich dadurch das störende Drücken und Ziehen in den Griff bekommen. So hastig ich mich auch in der Kabine abmühte, der zweite Tempomacher hatte mich doch wieder eingeholt und lief nun wieder ein kleines Stück vor mir. Kein Problem. Das kannte ich schon, die Lücke würde ich noch schließen können. Immerhin war der Durchfall nicht schlimm und für den Moment ging es besser.

Kurz darauf querten wir die Zeitmessung für den Halbmarathon und die offizielle Zeitmessung traf mich wie ein Schlag – wir waren zu langsam. Jetzt ging mir auf, warum zwischen den Ballons ein so großer Abstand gewesen war. Der zweite Läufer war offenbar zu langsam unterwegs gewesen. Und ich hatte mich blind auf ihn verlassen. Hätte ich mir doch besser die wichtigsten Zwischenzeiten auf dem Unterarm notiert. Auf eigene Hochrechnungen hatte ich während des Rennens verzichtet. Jetzt aber war die Rechnung einfach. Halbmarathon-Zeit mal zwei. Das würde in dem Tempo nicht reichen. So ungefähr eine Minute waren wir drüber. Das hatte auch der bummelnde Tempoläufer erkannt, der jetzt die Lücke zu seinem Kollegen zu schließen begann. Und zwar mit Nachdruck.

Ich blieb zunächst dran, indem ich selbst auf die Tube drückte. Zwar kam ich nicht näher, aber der Abstand vergrößerte sich auch nicht. Die Kilometerzeiten blieben nun kontinuierlich ein großes Stück unter dem geplanten Renntempo. Aber das musste auch so sein, wenn es mit der Zeit noch etwas werden sollte. War das von Anfang an die Taktik des Tempoläufers gewesen? Sehr defensiv laufen, um dann auf der zweiten Hälfte einen wesentlich schnelleren Schritt anzuschlagen? Ich hatte Angst, dass mich die Tempoverschärfung später einholen würde. Aber was blieb mir übrig? Meinem Magen machte sie in jedem Fall jetzt schon zu schaffen. Nur mit Widerwillen konnte ich mich noch dazu animieren, weiterhin Gels zu mir zu nehmen. Wasser trank ich schon länger nicht mehr bei jeder Gelegenheit. Jedes Mal, wenn ich trank, wurde das Gefühl in meinem Bauch schlimmer. Es schien so, als würde sich alles in meinem Magen stauen und der Druck zunehmen.

Ein davoneilender und ein geplatzter Ballon

Nun, da ich den geplatzten Ballon am Boden sehe und mir der andere langsam davonzieht, schwinden bei mir im gleichen Maß Kraft und Zuversicht. Noch bis Kilometer 30 ziehe ich durch, dann stürze ich ins nächste Dixi. Ich beeile mich schon jetzt nicht mehr ganz so sehr wie beim ersten Stopp. Ich weiß insgeheim, dass es nicht mehr entscheidend ist. Ich kann jetzt nur noch in mich hineinhören und mein Rennen laufen, den Tempomachern werde ich nicht folgen können. Deswegen verfalle ich auf die Taktik, die ich schon tausendmal erprobt habe. „Jetzt läufst du erst einmal bis km 36.“, sage ich mir, weil ich für meinen Kopf die Strecke jetzt klein machen muss, um nicht den Mut zu verlieren. Meinem Bauch geht’s zwar nicht so mies, aber wirklich gut auch nicht. Für die Zuschauer und das Drumherum habe ich immer weniger Augen. Gelegentlich klatsche ich eines der Kinder am Rand ab.

Wir passieren einen Staffel-Wechselpunkt und der Moderator überschlägt sich vor Begeisterung. Ich kann in meinem Zustand keine Großmut mehr aufbringen für die Staffelläufer und finde sie gerade nur noch scheiße. Einen Marathon läuft man nicht in Etappen! Mein Schnitt fällt ab. Wir sind irgendwo zwischen Kilometer 32 und 33 als ein Junge vom Straßenrand ruft, dass wir durchhalten sollen, es seien nur noch 11,2 km. Ich murmle: „Hoffentlich nicht!“ und beiße weiter die Zähne zusammen. Bis Kilometer 36 – wie ich es mir vorgenommen habe – komme ich nicht, sondern nutze die Verpflegungsstelle bei Kilometer 35 für eine kurze Pause. Ich trinke ausgiebig im Gehen, dann quäle ich mich weiter. Ich merke, dass ich jetzt einen toten Punkt erreicht habe. Ich komme nur ungefähr einen Kilometer weit, dann pausiere ich erneut. Hat man einmal nachgegeben, sinkt die Hemmschwelle! Ich beginne bereits mit den Hochrechnungen. Wird es noch reichen, damit ich wenigstens meine Bestzeit unterbiete? Die Rechnung ist nicht einfach, weil meine Uhr auf den Toiletten automatisch stoppte. Ich komme zum Ergebnis: Das wird nicht einfach. Ein Mann spricht mir Mut zu, sagt „Komm, Karsten, spätestens da vorne hinter dem Getränkestand geht’s weiter.“ Ich muss lächeln, greife mir einen Schluck Red Bull und laufe tatsächlich weiter.

Die zweite Luft und die Macht der Zuschauer

Die Zuschauer sind hier in der Nähe des Eppendorfer Baums zahlreich und lautstark. Sie tragen mich und es gelingt mir sogar zu lächeln, als ich einen Fotografen mit seinem riesigen Objektiv vor mir sehe. Ich beschleunige sogar etwas und überrasche mich selbst. Der Kopf ist ein immenser Faktor und gerade habe ich mein Tief überwunden. Ich schaffe Kilometer 37, 38 und bin bei 39 wieder an der Alster angekommen.

HASPA Marathon Hamburg 2018 - Die zweite Luft
HASPA Marathon Hamburg 2018 – Die zweite Luft

Hier wird es  ruhiger und rechts geht’s einen Anstieg hinauf. Ich muss verschnaufen, ehe ich mich wieder in Bewegung setze. Irgendwo da vorne muss Sylvie jetzt auf mich warten. So lange muss ich durchhalten. Jeder Meter kostet mich Überwindung und mein Laufstil hat überhaupt keine Dynamik mehr. Dennoch schaffe ich es immer wieder nach meinen Trinkpausen, die Lücke zu anderen Läufern zuzulaufen. Das hält mich bei der Stange. So langsam bin ich also gar nicht, wenn ich laufe. Würde es nur nicht so sehr schmerzen. Innerlich stelle ich mich schon darauf ein, Sylvie verpasst zu haben. Das 40-km-Schild habe ich schon hinter mir und dort irgendwo wollte sie warten. Verdammt. Die Strecke zieht sich leicht bergauf.

Da ist sie! Sie hat mich entdeckt und feuert mich an. Hätte sie mich nicht gesehen, ich wäre in meiner eingeschränkten Wahrnehmung einfach vorbei gelaufen. Was mag ich wohl für ein Bild abgeben? In meiner Selbstwahrnehmung komme ich mir vor wie ein ziemlich abgekämpfter nasser Sack. Zusammengesunken und träge. Tapfer versuche ich zu lächeln und laufe weiter. 41 Kilometer sind schon rum und es ist nur noch eine Winzigkeit bis zum Ziel. Ich kann trotzdem nicht anders als einen kurzen Moment zu gehen. Hoffentlich außer Sichtweite von Sylvie. Wieder werde ich aufgemuntert. Ein Zuschauer peitscht die Läufer nach vorne: „Los, die letzten Meter holt ihr euch auch noch!“. Als ich weiterlaufe, habe kurz das Gefühl, brechen zu müssen. Hinter mir höre ich, wie ein Läufer von seinen Begleitern lautstark angetrieben wird. Es ist der Läufer, der am Anfang des Rennens Geburtstagswünsche verschickt hatte. Jetzt geht es ihm wie mir.

HASPA Marathon Hamburg 2018 - Auf dem Weg zum Ziel
HASPA Marathon Hamburg 2018 – Auf dem Weg zum Ziel

Die letzten Meter und der Kampf um die Bestzeit

HASPA Marathon Hamburg 2018 - Geschafft! 3 Std. 24 Min. 5 Sek.
HASPA Marathon Hamburg 2018 – Geschafft! 3 Std. 24 Min. 5 Sek.

Das Ziel liegt hinter einer Rechtskurve und es geht leicht abwärts. Trotzdem bin ich nicht mehr in der Lage, einen Sprint anzusetzen. Obschon ich etwas schneller werde und zu jubeln beginne. Mit Genugtuung sehe ich, dass die Staffelläufer nicht mit den Marathonläufern ins Ziel laufen dürfen. So kommt es, dass ich die Ziellinie fast alleine überquere. Auf meiner Uhr sind 3:22 Std. um, auf der offiziellen Uhr über dem Ziel 3:25 Std. und ein paar Sekunden.

HASPA Marathon Hamburg 2018 - Mit Nils und Medaille
HASPA Marathon Hamburg 2018 – Mit Nils und Medaille

Geschafft! Nicht viel, aber netto muss ich doch ein Stück unter meiner Bestzeit geblieben sein. Ich gehe ein Stück, dann sinke ich am Rande der Strecke auf alle Viere, bis mich eine Offizielle zum Weitergehen auffordert. Das Aufstehen und erneute Hinsetzen jagt mir solche Schmerzen durch die Oberschenkel, dass ich stöhne. Im Schatten einer gigantischen Bierflasche warte ich nun auf Nils. Zwischenzeitlich hatte ich etwas Angst, dass er mich einholen würde. Nicht, dass ich es ihm nicht gönnen würde, aber es wäre trotzdem demoralisierend gewesen. Schneller sein könnte er trotzdem, weil er ein ganzes Stück später gestartet ist. Tatsächlich kommt Nils nur wenig nach mir ins Ziel, auch er sieht mitgenommen aus. Wir umarmen uns kurz, tauschen uns aus und lassen uns dann die Medaillen überreichen.

HASPA Marathon 2018 - Die Medaille
HASPA Marathon Hamburg 2018 – Die Medaille

Erst später erfahren wir, wie unsere offiziellen Zeiten lauten. 3:24:05 Std. ist die exakt gemessene Zeit für mich, Nils ist drei Minuten langsamer gewesen. Spontan bin ich sehr zufrieden mit dem Erreichten. Es ist eine gute Zeit, wenn auch nicht die angestrebte. Niederlagen sind Teil des Sports und Erfolg nicht immer planbar. Und so ist es auch Teil des Sports, sich mit der Situation in einem Wettkampf anzufreunden und zu erkennen, was geht und was nicht. Heute musste ich erkennen, dass ich mein vorher gestecktes Maximalziel nicht erreichen würde, dafür hatte ich heute nicht den richtigen Tag erwischt. Trotzdem meine Bestzeit verbessert zu haben, fühlte sich daher umso besser an und der Lauf nicht wie eine Niederlage.

Den guten Tag erwische ich dann beim nächsten Mal.

Der Lauf im Vergleich

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