An der Außenalster - noch drei Kilometer

Ein Lauf am Rande des Erträglichen – 25. Hella Hamburg Halbmarathon

25. hella Hamburg Halbmarathon

„Und: Wie viel bist du über deiner Wunschzeit geblieben?“, fragt mich eine Läuferin, die sich in der Messehalle neben mich auf den Boden setzt. „Fast fünfzehn Minuten.“, antworte ich spontan und erhalte ein überraschtes „Oh“ zur Antwort. „Das ist viel.“ Ich korrigiere, weil es nicht sitmmt, was ich spontan geantwortet habe. 15 Minuten ist die Differenz zu meiner Bestzeit, aber das war für heute nicht das, was ich mir vorgenommen hatte. Ich hatte mich überaus spontan angemeldet und wollte einfach so gut mitlaufen, wie ich es eben hinbekäme. Im Idealfall hatte ich auf eine Zeit um 1:30 Std. gehofft, vielleicht 1:35 Std., aber selbst das sollte sich als Ding der Unmöglichkeit herausstellen.

Das hatte einerseits damit zu tun, dass ich noch immer die Nachwirkungen der beiden Marathons aus Mainz, vor allem aber aus Gelsenkirchen spüre. Vor allem aber mit dem alles beherrschenden Thema des diesjährigen Hella Hamburg Halbmarathons: Der Rekordhitze von mehr als 30 °C (im Schatten), die zu fast 150 Zusammenbrüchen auf der Strecke geführt haben soll und die im Nachhinein vor allem deshalb zu einem größeren Medienecho führte, weil es an den Verpflegungspunkten Engpässe in der Wasserversorgung gegeben haben soll.

Hui, ist das warm

Mit der Startnummer in der Hand
Erfolgreiche Nachmeldung – Startnummer 11508 beim hella Hamburg Halbmarathon 2019

9:50 Uhr: Schon im Startkorral zeigt meine iPhone-App 29 °C. Im Schatten. In der Sonne, so eine meiner Mitläuferinnen, fühlt es sich bereits nach wenigen Minuten an, als hätte man sich den ersten Sonnenbrand eingehandelt. Wenigstens dagegen habe ich mich gewappnet: Lichtschutzfaktor 50. Gegen die Hitze selbst hilft das freilich wenig. Mein Mund ist schon jetzt ausgetrocknet. Sehnsüchtig schaue ich mich nach einem Schluck Wasser um. Vergebens. Neidisch beäuge ich die Zuschauer mit ihren gekühlten Getränken.

Ist der Startbereich zunächst einigermaßen voll, wird es weiter vorne immer luftiger. Bei 1:30 Std. ist schließlich so viel Platz um mich herum wie selten. Erklärungen dafür fallen mir spontan zwei ein: Entweder sind nicht so viele starke Läufer am Start wie sonst oder die Läufer haben ihre Ambitionen angesichts der tropischen Temperaturen zurückgeschraubt. Ich denke lieber nicht zu viel darüber nach. Erst mal anfangen, dann werde ich sehen, wie es läuft. Im wahrsten Wortsinn. Das Rennen wird mir schon seinen Platz zuweisen, um es mit den Worten von Kilian Jornet auszudrücken. Erstaunlicherweise hatte auch die nette Freiwillige ähnliche Worte gewählt, als ich sie bei meiner spontanen Nachmeldung nach der Startblockeinteiliung fragte. Man habe keine, stattdessen setze man darauf, dass die Läufer sich selbst richtig einschätzen. Damit sei man bisher gut gefahren. Und wer nicht richtig steht, der merke das ganz schnell während des Rennens. Ein bermerkenswertes Konzept für eine Veranstaltung mit über 8.000 Startern und Starterinnen.

Die Hitzeschlacht beginnt

Da war ich noch optimistisch: Zielzeit 1:30 Std.
Da war ich noch optimistisch: Zielzeit 1:30 Std.

Und? Was soll ich schreiben? Es funktioniert! So reibungslos bin ich selten in ein größeres Rennen gestartet. Kein Auflaufen, kein Slalom. Stattdessen direkt die nicht so einfache Suche nach dem richtigen Tempo. Ich bin gespannt, wie mein Körper auf Tempo reagieren wird. Seit dem letzten Marathon hatte ich nur ganz punktuell mal einen schnellen Kilometer eingebaut. Und noch immer habe ich unter Belastung Schmerzen im hinteren linken Oberschenkel. Dafür geht es gerade eigentlich. Aber wir sind ja noch ganz am Anfang – Reeperbahn. Leicht geht es bergauf, das kenne ich schon vom Marathon letztes Jahr. Heute werden wir nicht ganz so weit in Richtung Blankenese laufen, nach drei Kilometern schon geht es auf den Hohenzollernring und dann auf die Elbchausee.

Diese ersten drei Kilometer bin ich noch im Soll-Tempo für 1:30 Std., dann überholt mich eines der Teams, die das Tempo für 1:30 Std. vorgeben. Ich ahne, dass ich auf Dauer nicht Schritt halten kann. Jetzt schon fällt mir es mir schwer, das notwendige Tempo anzuschlagen. Bereits mein vierter Kilometer ist zu langsam und schon jetzt lechze ich nach etwas zu trinken. Sollte hier nicht der erste Verpflegungspunkt sein? Immerhin laufe ich überwiegend im Schatten großer Bäume, das macht den Durst erträglicher. Dann endlich nach fünf Kilometern der erste VP. Ich schnappe mir gierig das Wasser, trinke und überschütte mich, um meinen Körper einigermaßen zu kühlen. Die Feuerwehr hat eine Art Dusche installiert und es fühlt sich herrlich an, durch den feinen Sprühregen zu laufen. Dann fällt mir ein, dass mein iPhone in der Tasche ja gar nicht so sehr wasserdicht ist.

Kurz denke ich, dass ich es vielleicht doch laufen lassen kann und lege auf dem sechsten Kilometer eine 4:09 min/km hin. Das ist schnell, liegt aber daran, dass es von der Pallmaile bzw. Breite Str. abwärts geht zur Elbe. Hier unten sind wir Läufer der prallen Sonne ausgesetzt. Fast ausnahmslos wird auf der äußersten rechten Seite gelaufen, weil dort ein Rest Schatten etwas Kühlung verspricht. Viel hilft es nicht. Die Stimmung entlang der Elbe ist indes prächtig. Durchgängig säumen Zuschauergruppen die Strecke, klatschen, johlen und unterstützen uns so gut es geht. Auch wenn ich in der Sonne brutzle und mir das Laufen ganz und gar nicht leicht fällt, nehme ich das Drumherum so gut wie möglich in mich auf, klatsche ab und lächele zurück.

Von den Sehenswürdigkeiten bekomme ich hingegen nicht so viel mit. Wir passieren den Fischmarkt, die Landungsbrücken, die Hafencity mit der Elbphilharmonie und die Speicherstadt. Das Sightseeing im Schnelldurchlauf endet als wir in den Wallringtunnel abbiegen. Die Kühle hier ist himmlisch! Leider endet sie viel zu schnell und der Tunnel spuckt uns kurz vor der Kennedybrücke wieder aus. Hier befindet sich ein Wendepunkt – liefe man geradeaus, das Ziel wäre nur gut einen Kilometer entfernt. Gut, dass ich das in diesem Augenblick nicht raffe, die Verlockung auszusteigen, wäre groß. Ich bin zwar noch nicht gänzlich leer, aber ich habe immer mehr mit mir und dem Wetter zu tun. Meine Reserven schwinden.

Die Hitze fordert ihren Tribut

Blick auf die Binnenalster
Blick auf die Binnenalster

Der Blick von der Brücke ist großartig. Auf der einen Seite das bekannte Panorama der Binnenalster mit Fontäne und auf der anderen Seite die Außenalster. Hamburg ist schön, das Wetter auch. Nur nicht zum Laufen. Ich werde immer langsamer und werde folglich immer mal wieder überholt. Gleichzeitig überhole aber auch ich immer noch, sammle ungefähr jeden Kilometer einen Läufer oder Läuferin ein, die am Straßenrand steht oder nur noch geht. Das ist ungewöhnlich für diese Rennphase. Bereits nach sieben Kilometern stand eine der afrikanischen Spitzenathletinnen am Straßenrand. Die Hitze macht allen zu schaffen.

Kilometer 13 ist mein erster, für den ich länger als fünf Minuten brauche. Ich hangele mich von Kilometer zu Kilometer und von Verpflegungsstand zu Verpflegungsstand. Anders geht’s nicht. Irgendwann erreichen wir den nördlichsten Punkt der Strecke und es geht auf der linken Seite der Außenalster zurück Richtung Messegelände. Ein Motorrad mit Kameramann auf dem Gepäckträger überholt uns. Ich versuche, mich aufzurichten. Wenn ich schon im Fernsehen zu sehen bin, dann will ich nicht aussehen wie ich mich fühle.

Ich muss zugeben, dass ich die Auswirkungen der Hitze unterschätzt habe. Es ist ganz so wie vor einem Jahr als ich in Hamburg den Marathon gelaufen bin. Der Wunsch, der Lauf möge endlich ein Ende finden, ist so groß, dass ich mir nicht vorstellen kann, noch bis zum Ende zu laufen. Gefühlt habe ich schon dreißig Kilometer in den Beinen, dabei sind es gerade einmal halb so viele. Fast ist es ein Déjà-vu. Mit einem entscheidenden Unterschied: Damals musste ich immer mal wieder stehenbleiben und längere Passagen gehen, heute laufe ich durch, reduziere zu diesem Zweck aber unfreiwillig mein Tempo.

Noch drei Kilometer bis zum Ziel

An der Außenalster - noch drei Kilometer
An der Außenalster – noch drei Kilometer

Zwischen Kilometer 17 und 18 steht eine Horde von Zuschauern. Es sind die Adidas Runners, die hier richtig Gas geben und nicht nur „ihre“ Läufer anfeuern. Das tut gut. Wenig später wartet ein Fotograf und ich segele mit ausgebreiteten Armen an ihm vorbei. Nur nicht anmerken lassen, wie sehr ich mit mir Kämpfe. Drei lumpige Kilometer sind es noch und ich habe schon fast 1:25 Std. gebraucht. Bei meiner Bestzeit konnte ich jetzt schon den Zielbogen sehen. Ach, wie wäre das schön.

Stattdessen muss ich rechts abbiegen, es geht einen kleinen Anstieg hinauf. Den kenne ich noch vom Marathon, da hat er mich zum gehen gezwungen. Heute nicht. Ich schleiche weiter, Schritt für Schritt. Mannomann, das ist heute eine zähe Angelegenheit. Für mich fühlt es sich so an, als werde ich permanent überholt. Da sind einige unterwegs, die das Rennen vorsichtiger angegangen sind. Bravo.

Vor mir ist ein größerer Stand. Strava lädt ein zur schnellsten Meile. Wer jetzt noch die Beine hat, die schnellste Meile seines Lebens zu laufen, der hat definitv gut mit seinen Kräften hausgehalten. Nach „schnell“ ist mir schon lange nicht mehr. Bei Kilometer 20 gibt es noch einmal eine Wende und dann kommt das dicke Ende: Einen Kilometer lang geht es praktisch nur noch bergauf. Nicht viel, aber 1 – 2 % Steigung tun nach einem solchen Rennen weh, sehr weh. Wer auch immer sich solche Streckenverläufe ausdenkt, er muss eine sadistische Ader haben.

Zähne zusammenbeißen auf den letzten Metern
Zähne zusammenbeißen auf den letzten Metern

Selbst mit dem Ziel vor Augen, kann ich mich nicht für einen Schlusssprint motivieren. Weil ich – wie häufig – schon lange keine Zwischenzeiten mehr kontrolliert habe, ist der erste Blick auf die Uhr über dem Ziel eine kleine Enttäuschung. Über 1:41 Std.! Gehofft hatte ich auf eine 1:37 Std., andererseits aber auch Sorge gehabt, noch vom 1:45 Std.-Pacemaker überholt zu werden. Nach der ersten kleinen Enttäuschung freue ich mich und beginne meinen Zieleinlauf mit zwei in die Luft gereckten Fingern zu bejubeln. Ich bin einfach nur im Arsch und überglücklich, dass das Rennen ein Ende hat.

Im Zentrum der Katastrophe

Als ich stehenbleibe, wird mir kurz schummerig, dann verfliegt der leichte Schwindel. Ich muss dringend raus aus der Sonne. Inzwischen dürften es locker mehr als 30 °C sein. Ich bunkere Getränke und verkrieche mich mit meiner hart erkämpften Medaille in den Schatten der Messehallen, wo bereits andere ihre Wunden lecken. Es dauert nicht lange, da hat sich eine Pfütze unter mir gebildet. Schweiß und Wasser sickern aus meinen Klamotten. Ein bisschen erinnert mich das Ambiente an die Aufnahmen, die man aus dem Epizentrum irgendwelcher Naturkatastrophen kennt. Turnhallen, die zu Schlafsälen umfunktioniert wurden und in denen etwas verwirrte Menschen mit wenigen Habseligkeiten auf dem Boden kauern.

Dazu passen auch die Schlagzeilen, die im Nachhinein kursieren werden. Vom Hitzekollaps vieler Läufer und Wasserengpässen ist dort die Rede und kaum verholen wird Kritik am Veranstalter geübt. Bisweilen steht sogar die Frage im Raum, ob der Lauf nicht hätte abgesagt werden sollen.

Wie immer bei solchen Themen kann man geteilter Meinung sein, aber den Veranstalter als Schuldigen anzuprangern ist aus meiner Sicht deutlich zu kurz gesprungen. Man stelle sich den Shitstorm vor, wenn der Veranstalter tatsächlich eine Woche vor dem Start die gesamte Veranstaltung mit über 11.000 Meldungen abgeblasen hätte! Das ernsthaft zu fordern, ist ebenso naiv wie zu glauben, eine Veranstaltung dieser Größenordnung ließe sich kurzfristig mal eben verschieben. Ich mag mir gar nicht ausmalen, was es bedeutet, einen solchen Lauf mit all den tausenden Helfern und stundenlangen Straßensperren zu planen und organisieren. Angesichts der zu erwartenden Temperaturen hat der Veranstalter mit dem Versenden von Verhaltensregeln für das Laufen bei großer Hitze und dem Aufstocken der Wasserreserven und der Erhöhung der Anzahl von Verpflegungsstellen vorgesorgt. Dass es dennoch im hinteren Teil des Feldes zu Engpässen bei der Wasserversorgung kam, ist fahrlässig, das hätte nicht passieren dürfen und ist deshalb besonders pikant, weil Namensgeber der Veranstalter ausgerechnet eine Wassermarke ist.

Trotzdem gilt: Wer sich für eine Laufveranstaltung anmeldet, ist auch für sich selbst verantwortlich und muss für sich entscheiden wie er ein solches Rennen angeht. Es gibt immer die Option auszusteigen oder gar nicht erst an den Start zu gehen. So wie die 3.000 Läufer und Läuferinnen, die gar nicht erst an den Start gingen und zuhause geblieben sind. Diese können dann, so wie auch alle anderen Läufer, im kommenden Jahr von der ermäßigten Meldegebühr profitieren, die der Veranstalter für seine Versäumnisse als Wiedergutmachung ausgelobt hat.

Meine besten Ergebnisse im Halbmarathon
Stand: 30. Juni 2019

Die Bilder des Laufes

Der Lauf im Detail

Relive ‚Morning Jun 30th‘



3 Kommentare zu “Ein Lauf am Rande des Erträglichen – 25. Hella Hamburg Halbmarathon

  1. Bei meinem ersten Marathon in Hannover gab es beim vorletzten VP keine Becher und somit nicht zu trinken mehr (und ich war u 4 Stunden unterwegs, da kamen also noch einige). Sowas wünsche ich echt keinem…
    PS: ich „hasse“ immer die Arm-Austreck-Menschen

    1. Der Veranstalter war nach eigenen Angaben davon überrascht, dass auch die Inliner so viel getrunken hätten und sich die Läufer auch Wasser über den Kopf geschüttet hätten, obwohl doch Duschen aufgestellt wurden und Wannen mit Wasser. Nur leider lagen in den Wannen keine Schwämme und im Startbeutel war auch keiner. Das kam also nicht allzu überraschend. Zumal in den Verhaltensregeln der Veranstalters das Übergießen mit Wasser geraten wurde.
      Das klang sehr nach Ausrede. Immerhin sind sie später offen und ehrlich mit den Fehlern umgegangen. Das fand ich dann wieder gut.

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