Ein Jahr ohne Wettkämpfe, ein Motivationsloch und eine Zwangspause – 80er-Kind

Ein Jahr ohne Wettkämpfe, ein Motivationsloch und eine Zwangspause

Mit einem ziemlich lauten Knall und den heftigsten Schmerzen, an die ich mich in meinem Leben erinnern kann, begann meine unfreiwillige Pause vom Laufen, vom Sport im Allgemeinen. Nein, ganz richtig ist das nicht. Bereits zum Zeitpunkt meiner Verletzung hatte ich etwa drei Wochen mit dem Laufen pausiert. Der Antrieb fehlte und mein linkes Bein bereitete mir anhaltende Probleme an der Rückseite des Oberschenkels und der Achillessehne. Beides sicherlich Folgen einer verkürzten Muskulatur. Auch wenn ich bisher nur für die Achillessehne ärztlichen Rat gesucht habe, ist die Ursache eigentlich klar. Dehnen und Lauf–ABC habe ich sträflich vernachlässigt.

Jetzt habe ich sechs zusätzliche Wochen Zeit, beide Wehwehchen auszukurieren und zu überdenken, was dazu geführt hat, dass ich schon seit dem Sommer mit meiner Motivation kämpfe und was ich an meinem Training ändern muss, um die die angesprochenen Probleme am linken Bein in den Griff zu bekommen und endlich wieder Fortschritte bei meiner Leistung zu erzielen. Denn mir scheint, dass ich seit meiner beim Gutenberg Marathon gelaufenen Bestzeit stagniere. Schlimmer noch, ich scheine trotz erhöhten Aufwands Rückschritte zu machen.

Reichlich Zeit zum Nachdenken habe ich jetzt jedenfalls. Auch wenn ich morgen schon nach Hause darf, Sport ist vorerst tabu. Der Fußball war meine erste große sportliche Liebe, der ich auch bei 100 km Wochenpensum die Treue gehalten habe. In der zuletzt lauffreien Zeit habe ich deswegen verstärkt wieder dem runden Leder nachgejagt und so zumindest nicht komplett auf der faulen Haut gelegen. Dafür bin ich eh nicht der Typ, zumindest nicht auf Dauer. Dafür setzt bei mir zu schnell ein ziemlich schlechtes Gewissen ein. Irgendeine sportliche Betätigung brauche ich einfach für mein Wohlbefinden. Jetzt war es also (neben Kickboxen) wieder verstärkt der Fußball.

Ein wesentlicher Unterschied zum Laufen ist der Körperkontakt und damit auch die höhere Wahrscheinlichkeit, sich eine Verletzung zuzuziehen. Eine Lektion, die ich Freitag, also vorgestern, aufs Schmerzhafteste erneut lernen musste. Bei einem langen Ball in die Spitze entschied ich mich zum Kopfball hochzusteigen, während der Torwart einen Moment zögerte und sich dann dafür entschied, doch noch zum Ball zu gehen. Den einen Moment, den ich früher am Ball war, bezahlte ich mit einer Rippenserienfraktur, Brüche der 7. – 10. Rippe auf der rechten Seite des Brustkorbes. Den All–inclusive–Aufenthalt im Krankenhaus gab es gleich noch kostenlos obendrauf. Wenigstens ersparte mir das Laufen indirekt Schlimmeres. Wäre ich nicht in körperlich so guter Verfassung, ich hätte direkt einen Platz auf der Intensivstation gewonnen.

Freitagnacht in der Notaufnahme

Fußball ist Kontaktsport

Nur fühlte ich die von der Ärztin in der Notaufnahme konstatierte gute körperliche Verfassung in den letzten Monaten nicht und hatte – wie oben geschrieben – den Eindruck, auf der Stelle zu treten oder sogar Leistungsfähigkeit einzubüßen. Bis zu einem gewissen Grad wurde das Gefühl hervorgerufen durch die anhaltenden Schmerzen im Oberschenkel. Ansonsten waren da die ausbleibenden Trainingserfolge.

Am Anfang stand das langsame Laufen

Früh in diesem Jahr hatte ich mich einer Leistungsdiagnostik unterzogen. Sie sollte Erkenntnisse liefern, wie ich mich optimal auf den Marathon in Hannover vorbereiten könnte. Erst einmal lieferte die Diagnostik aber ernüchternde Ergebnisse. Verglichen mit 2019 waren die theoretisch möglichen Wettkampfzeiten schlechter geworden. Und auch die Trainingsbereiche hatten sich wesentlich geändert. Meine Laktatbildungsrate sei katastrophal und müsse unbedingt verbessert werden durch extrem langsame Grundlagenausdauerläufe. Die normale Trainingsgeschwindigkeit wurde auf etwa 7 min/km festgelegt.

Für mehrere Monate hielt ich mich geflissentlich an die Vorgaben, lief sehr schnelle, harte Intervalle und viele, viele langsame Kilometer. Spürbare Verbesserungen? Zunächst mal keine, wobei es aus Pandemiegründen an Gelegenheiten zum Austesten fehlte. Die bot sich erst mit dem virtuellen Hannover Marathon. Gewissenhaft hatte ich mich über Monate vorbereitet, die Wochenumfänge lagen bei etwa 100 km. So hoffnungsvoll ich ins Rennen ging, so ratlos war ich im Nachhinein, was ich mit dem Ergebnis anfangen sollte. Ich hatte nach 20 km alles hinschmeißen wollen, das Tempo rausgenommen und dann doch gut bis zum Ende durchgehalten. Ich war unter 3:30 Std. geblieben, war den Marathon bis auf eine Frust– und eine Orientierungspause durchgelaufen, aber war fast 15 Minuten hinter meiner PB geblieben. War das ein Schritt in die richtige Richtung?

Ich entschied mich für „Ja“, steigerte eine Woche nach dem #stayathomemarathon noch meine Bestleistung beim Wings for Life Run und hielt in der Folge das Training mit den gleichen Umfängen und Tempi aufrecht. Was verloren ging, war meine Motivation. Zuerst schleichend, dann mit dem digitalen Hella Halbmarathon erdrutschartig. Das Ergebnis dieses Laufs war die reine Ernüchterung. Ein Wechsel aus Stop–and–Go und die Einsicht, dass Anspruch und Realität weit, weit auseinander lagen.

Es folgten zwei Wochen, in denen ich überhaupt nicht lief, das war abgesehen einer Woche, die ich vor dem Hella Halbmarathon aussetzte, die erste nennenswerte Pause in diesem Jahr ohne richtige Wettkämpfe. Erst im Urlaub fand ich wieder Lust am Laufen.

Ein Botschafter in Paris

Das Geheimnis? Ich pfiff auf Vorgaben, lief frei Schnauze und wählte Distanz und Tempo nach Lust und Laune. Es waren die schönsten Laufeinheiten in diesem Jahr, weil sie genau das ausmachten, was ich am Laufen so liebe. Ich war nicht festgelegt, es war zwanglos und verschaffte mir ein Freiheitsgefühl und eine Ausgeglichenheit, die ich nur durch das Laufen bekomme. Ich lief in der Normandie, in Lille, Paris und Amsterdam. Jeden zweiten Tag 20 km und ich hatte Bock drauf. Natürlich sprang ich auch jetzt nicht wie ein Kastenteufel aus der Kiste, wenn morgens der Wecker anging. Aber doch mit wesentlich mehr Schwung.

Natürlich half die Aussicht darauf, fremde Orte beim Licht der aufgehenden Sonne zu sehen. Und in der Tat haute mich gleich der erste Lauf aus den Latschen. An einem menschenleeren Strand folgte ich den Fußspuren eines einheimischen Läufers, rechts die berühmten Kreideklippen, links das tosende Meer, von vorne Wind und Sonne.

Ähnliches in Paris: Ich war der Seine gefolgt und beobachtete ungestört von Touristen von der Pont de Bir–Hakeim wie die Sonne hinter dem Eiffelturm empor stieg, lief vom Arc de Triomphe über die Champs-Élysées. Ich machte quasi bereits vor dem Frühstück das typische Touristenprogramm.

Zurück im Motivationsloch

Zurück aus dem Urlaub begann ich wieder mit dem koordinierten Training und lief meine langsamen GA1–Einheiten. Aber ich spürte, dass mich das langsame Laufen demotivierte. Je Kilometer brauchte ich bis zu zwei Minuten länger, wodurch die Läufe deutlich mehr Zeit brauchten und sich dahinzogen. Spaß machte es vor allem immer dann, wenn ich daraus ausbrach, schnell lief. Oder wenigstens etwas schneller. Es war nicht so, dass es durchweg keinen Spaß machte langsam zu laufen, es gab auch nette Einheiten. Aber in der Summe hatte ich damit meine Probleme.

Schöne Laufmomente gab es auch in der Heimat

Auf Instagram wurde ich gefragt, wie sich die Umstellung des Trainings bei mir ausgewirkt hätte. Leistungsbezogen konnte ich die Frage wegen der fehlenden, echten Wettkämpfe nicht hinreichend beantworten. Was aber den Spaßfaktor betraf, so konnte ich klar sagen, dass es meiner Motivation abträglich war.

Damit war ich im September an einem Punkt angekommen, an dem ich mich weder fit fühlte, noch die Motivation zum Laufen aufbringen konnte. Ich steckte in einer kleinen Sinnkrise, wenn man so möchte. Ich wich zum Fußball aus und ließ das Laufen ein Weilchen ausfallen in der Hoffnung, dass es besser würde.

Zwangspause als Chance

Die Pause, die ich jetzt verordnet bekommen habe, ist allumfassender als ich sie mir verordnet hätte. Ich will sie als Chance begreifen, etwas zu ändern. Denn natürlich habe ich mir schon im Laufe des Jahres Gedanken gemacht, was ich ändern könnte und dies ist für mich der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen:

  • Mehr Dehnübungen und Lauf–ABC
    • Meine Beweglichkeit hat in den letzten Monaten stark nachgelassen, was kaum wundert, habe ich bisher meine Dehnübungen und Lauf–ABC so sträflich vernachlässigt, dass es ein Wunder ist, dass ich nicht schon eher Probleme bekommen habe.
  • Stabi! Stabi! Stabi!
    • Außer gute Vorsätze war in letzter Zeit nicht viel. Als wüsste ich nicht aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, insbesondere Rücken und Bauch zu trainieren.
  • Umfänge runter!
    • Ich habe zuletzt immer mehr Kilometer geschrubbt, verbessert habe ich mich nicht. Ich hätte einige Zeit nicht in mehr Kilometer, sondern Stabitraining, Lauf–ABC und Dehnübungen stecken sollen. Der Effekt wäre wahrscheinlich besser gewesen. Häufig habe ich mich auch vor einer Einheit unter Druck gesetzt, was deren Länge anging. Min. 15 km, eher mehr, der lange Lauf min. 30. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.
  • Druck raus
    • Wenn nicht jetzt, wann dann. Inzwischen war ich in einer Art Spirale gefangen. Ich habe viel trainiert, hohe Erwartungen gehabt und bin bei Misserfolg einfach mit noch mehr Verbissenheit ins Training gegangen. Spaß und Lockerheit sind dabei auf der Strecke geblieben. Und wenn nicht jetzt, wo eh keine Wettbewerbe stattfinden, wann gelingt es mir dann, den selbst auferlegten Druck zu reduzieren?
  • Auf den Körper hören
    • Ich kenne meinen Körper und bekomme normalerweise gute Signale, höre aber nicht immer hin. Wenn ich mal keinen Bock habe, muss ich einfach mal mir dem Arsch Zuhause bleiben. Selbst bei Schmerzen habe ich weder zurückgeschaltet, noch einen Arzt aufgesucht.
  • Mehr Wasser, weniger Kaffee
    • Ich trinke zu wenig. Zumindest trinke ich zu wenig Wasser. Mich würde es nicht wundern, wenn es Tage gab, an denen ich ausschließlich Kaffee getrunken habe. Inwieweit das meine Leistung beeinflussen kann, ist unklar. Klar ist, so viel Kaffee tut nicht gut.
  • Leistungsdiagnostik machen
    • Unglücklich machen mich meine Trainingsbereiche. Die Analyse, dass meine Kohlenhydrate zu schnell weg sind, weil mein Fettstoffwechsel miserabel trainiert ist, scheint sehr gut auf meine Rennerfahrungen zu passen. Daher habe ich an der zurückliegenden Diagnostik keine Zweifel. Nur habe ich die vage Hoffnung, dass durch das lange langsame Training eine Verbesserung eingetreten ist, ich also wenigstens etwas schneller laufen darf. Damit wäre ein demotivierender Faktor eliminiert, wahrscheinlich der größte.

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