Zieleinlauf nach 3:15:34 Std. beim Gutenberg Marathon Mainz 2019

Ein hartes Stück Arbeit für eine Flasche Wein – 20. Gutenberg-Marathon Mainz

20. Gutenberg-Marathon Mainz 2019

„Oh, da ist Einer, der noch richtig schön lächeln kann! Komm, du hast noch Kraft um abzuklatschen.“ Meint der mich? Wen sonst? Schon lange ist das Feld so ausgedünnt, dass die Moderatoren uns einzeln herauspicken können. Mir ist nicht bewusst, dass ich lächle, ich kann es mir nicht einmal vorstellen angesichts der Schmerzen und der Erschöpfung, die meinen Körper nach 42 km im Griff haben. Vielleicht lächle ich unbewusst, weil es gleich geschafft ist. Vielleicht erlaubt sich der Moderator einen Spaß, um mich aufzumuntern. Einerlei: Spätestens jetzt muss ich Grinsen und klatsche mit Schmackes ab. Dann sehe ich den Holzturm und kann das Ziel erahnen. Verdammt, ist das noch weit! 700 Meter, schätze ich. Lachhaft normalerweise, jetzt, nach über drei Stunden, erscheint es mir unendlich lang.

Ich weiß nicht, wie lange ich genau unterwegs bin. Seit 10 Kilometern ist die Uhr ist nur noch akustischer Signalgeber für jeden gelaufenen Kilometer. Und selbst dafür bräuchte ich sie nicht, es hängen ja Schilder am Streckenrand, die mich genauestens informieren, wie viele Kilometer ich geschafft habe. Sowieso kommt das Piepsignal meiner Uhr seit einer gefühlten Ewigkeit 100 bis 150 Metern zu früh. Heißt: Es piept, aber offiziell bin ich noch nicht so weit wie die Uhr meint. Das ist für den Kopf nicht einfach, der hat mit dem Kampf gegen sich selbst und meinen jaulenden Körper ohnehin schon Schwerstarbeit zu verrichten. Ein Teil von mir will mich auch jetzt noch zum Stehenbleiben bringen. Aber nicht heute! 700 Meter muss er noch warten, auch wenn ich mir das zehn Kilometer vorher selbst nicht habe vorstellen können.

Im Westen nichts Neues

Seit wir zum zweiten Mal die Theodor-Heuss-Brücke überquert haben, hat es mich ohne Vorwarnung erwischt. Noch auf der Brücke fühlte ich mich gut und stark. Klar, die Beine waren nicht mehr so frisch wie zu Beginn, aber von größeren Problemen weit und Breit keine Spur. Kaum bogen wir jedoch zum zweiten Mal auf die Peter-Altmeier-Allee ein, übermannte mich große Erschöpfung. Kurz zuvor hatte ich noch gedacht, dass mein treuer Begleiter Nils zu kämpfen hat und versuchte ihn zu motivieren, indem ich ihm davon erzählte, dass wir bald 30 km geschafft hätten und dann wieder in die Innenstadt kämen, wo uns die Zuschauer pushen würden.

Den Streckenplan hatte ich nicht so genau im Kopf, zeigt sich. Von wegen Innenstadt und Zuschauer! Es geht erneut rheinabwärts nach Norden. Klingt schöner als es ist. Denn von der Rheinallee hat man keinen direkten Blick auf den Rhein. Vielmehr geht es schnurstracks in ein Gewerbegebiet, dass ich noch aus der ersten Runde kenne. Der Unterschied ist, dass ich jetzt so etwa 30 km mehr in den Beinen habe und an der Strecke kaum noch Zuschauer warten. Aktuell halten uns die Helfer bei Laune. Diese geben allerdings ihr Bestes und leisten Zuspruch. „Da vorne die Frau, die bekommt ihr auf jeden Fall noch!“, ruft eine junge Helferin und reicht uns Wasser. Kurz darauf meint Nils, wenn ich noch beschleunigen wolle, dann könne ich das jetzt gerne tun. Er hat zu tun. Aber nicht so sehr wie ich. „Auf keinen Fall!“, antworte ich ihm und gestehe, dass ich schwere Minuten habe. Wir laufen weiter.

Etwas langsamer als zuvor, aber das ist nicht schlimm, wir waren bis hierher praktisch durchgängig schneller als veranschlagt. Kaum ein Kilometer lag über 4:30 Minuten. Dafür scheine ich jetzt zur Kasse gebeten zu werden. Im Moment kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ich die rund 12 Kilometer bis zum Ziel noch schaffen soll in dem Tempo. Oder überhaupt. Ich merke, wie meine Beine immer schwerer werden. Noch bin ich nicht am Ende, aber meine Reserven schwinden rapide. Es ist wie bei meinem Smartphone mit den letzten 20 % Akkuladung.

Wäre es anders, wenn ich langsamer angegangen wäre? Möglich, aber für solche Gedankenspiele habe ich keinen Nerv. Das Herausholen meiner Wasserflasche und Öffnen meines letzten Gels beansprucht schon meine gesamte Koordination. Eigentlich will ich es gar nicht mehr nehmen, doch ich zwinge mich dazu, weil eine nicht allzu überzeugende innere Stimme mir zuruft, dass es das ist, was ich jetzt brauche: Schnelle Energie. Und dann das! Ich hatte mir bewusst dieses Gel bis zum Ende aufgehoben, weil es am vielversprechendsten klang: Gesalzenes Karamell – geiler Scheiß! Aber weit gefehlt. Das ist mit himmelweitem Abstand das mieseste Gel, das ich heute zu mir genommen habe. Und die anderen waren schon nur so lala. Die zähe, klebrige Masse ist so unfassbar süß, dass ich den Impuls bekämpfen muss, alles wieder auszuspucken. Wenn das denn überhaupt möglich ist, das würde bestimmt im Mund kleben bleiben. Ich spüle den Klumpatsch mit einem Schluck aus meiner mitgenommenen Wabbel-Flasche herunter. In ihr ist ein mit Kohlenhydraten angereichertes Getränk, auch süß. Doppelte Ladung also, aber viel hilft viel. Vielleicht. Gebrauchen könnte ich jetzt ein „Super-Zündi“, aber die sind gerade aus.

Nils scheint derweil sein Tief überwunden zu haben und zieht langsam davon. Nicht weil er schneller wird, ich werde einfach nur langsamer. Wir brauchen kein Wort wechseln, der Abschied geht ohne jede Kommunikation vonstatten. Wir hatten vereinbart, so lange wie möglich zusammen zu laufen. Bei mir ist jetzt der Punkt erreicht, abreißen zu lassen und Nils weiß es so gut wie ich. Ich muss auf mich achten und in mich hineinhören, was noch geht. Bereit aufzugeben bin ich noch nicht, aber auch nicht allzu weit davon entfernt. Aufgeben meint: Stehen zu bleiben und eine Pause einzulegen. So wie immer, verdammter Mist! Nicht schon wieder. Einmal muss es doch klappen mit dem Durchlaufen. Immer und immer wieder läuft es gleich. Dabei habe ich so viel trainiert wie noch nie, noch nie so viele lange, langsame Läufe gemacht wie vor dem Marathon heute. Alles für die Katz, für die Tonne, für nichts und wieder nichts. Aber noch ist es nicht so weit, noch habe ich es in der Hand aus dem Lauf einen erfolgreichen zu machen.

Karneval und Aschermittwoch liegen nur einen Halbmarathon auseinander

Der Mainzemlmann zeigt Dauer-Grün
Der Mainzemlmann zeigt Dauer-Grün

Es ist schade, dass Nils und ich uns trennen müssen. Nicht, weil ich neidisch bin, es hat einfach sehr viel Spaß gemacht mit ihm. Die erste 21-km-Runde durch Mainz ist praktisch mit einem Fingerschnipsen vergangen. Es war bedeutent kurzweiliger als bei den letzten Läufen, bei denen wir zwar gemeinsam am Start waren, aber in unterschiedlichen Startblöcken oder mit unterschiedlichen Zielen gestartet sind. Wir haben uns gegenseitig auf Dinge aufmerksam gemacht, die wir allein vielleicht nicht bemerkt hätten, haben uns abgelenkt und ausgetauscht. Auf den Läufer, der die alten 80er-Jahre-Frotteesocken zu Arm-Sleeves umgearbeitet hatte, auf die Läuferin, die uns schon nach vier Kilometern mit schmerzverzerrtem Gesicht entgegen kam, den Läufer, der scheinbar Lauf-ABC machte, den Barfußläufer. Haben die vielen kleinen Bands abgefeiert, die an der Straße bekannte Melodien spielten. Es hatte etwas von Karneval.

Das Bild an der Strecke ist aktuell ein Gegenentwurf dazu. Aschermittwoch könnte man sagen. Es ist deprimierend leer um mich herum und seit die Halbmarathonis nicht mehr dabei sind, ist das Feld der Läufer arg geschrumpft und damit auch das Interesse der Zuschauer. Weil ich auch meines Laufpartners beraubt bin, muss ich jetzt für ich alleine laufen.

Die erste Überquerung der Theodor-Heuss-Brücke
Am südlichsten Ende der Strecke nach ca. 16 km

Das war praktisch sofort nach der Halbmarathon-Marke spürbar. Schließlich bestand das Teilnehmerfeld überwiegend aus Halbmarathonläufern. Lediglich gut 1.000 Starter hatten für die volle Distanz gemeldet und mussten sich auf eine zweite, leicht geänderte Runde durch die Landeshauptstadt machen. Die begann dankenswerterweise gleich mal mit der Überquerung der Theodor-Heuss-Brücke, der einzig nennenswerten Erhebung auf der gesamten Strecke. Und die hatte es in sich: „Das ist das erste Mal, dass ich heute richtig ins Schwitzen komme“, lautete meine Zusammenfassung auf dem Scheitelpunkt der Brücke, wo bereits Fotografen auf uns und die anderen warteten. Na danke, ausgerechnet hier, wo man so richtig schön durchpustet. Das ist auch eine spezielle Art von Humor. Willkommen in Hessen.

Nun befanden wir uns das erste und einzige Mal auf der rechtsrheinischen Seite in Hessen, wo uns Mainz-Kostheim – das, kleiner Fun-Fact am Rande, eigentlich zu Wiesbaden gehört – einen Vorgeschmack dessen gab, was uns die nächsten 20 Kilometer erwarten sollte. Es ging durch ein Wohngebiet, in dem nur hier und da ein paar Leute die Straße säumten. Wenigstens der Moderator in der Innsbrucker Straße war extrem gut drauf: „Die Spitzengruppe liegt nur 35 Minuten vor euch. Los! Das schafft ihr noch.“ Könnte eng werden. Nach Durchquerung des Wohngebietes ging es zur Belohnung erneut über die Brücke. Andere Fahrbahn, gleiche Scheiße – so ein Anstieg kann nach fast 30 km ganz schön entmutigen und in die Beine gehen. Immerhin bot sich uns so ein wunderbarer Blick auf Mainz, den Rhein und die Läufer, die gerade auf der gegenüberliegenden Fahrbahn zur ersten Überquerung ansetzen durften. Ein kleiner Trost, das man es schon hinter sich hat.

Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist

Die Ideallinie beim Gutenberg Marathon 2019
Die Ideallinie beim Gutenberg Marathon 2019

Es ist müßig, darüber nachzusinnen, ob mir die zweite Brückenüberquerung gerade die Lichter ausgeknipst hat oder es einfach zufällig gutes Timing meines Körpers war, genau jetzt den Aufstand zu proben. Nils entfernt sich weiter und ich spüre unmissverständlich, dass ich in Not bin. Ich kann jetzt lamentieren, kann jetzt gehen und mich damit ein weiteres Mal enttäuschen und die gute Leistung auf den bisherigen 32 km in den Sand setzen. Oder ich kann auf die Zähne beißen und weitermachen. Ich entscheide mich für Option zwei. Vorerst. So schön, dass man hier einen Spaziergang einlegen möchte, ist es eh nicht. Noch immer stecke ich im Gewerbegebiet in Mombach. Schon auf der ersten Runde war das kein Augenschmaus, nur war ich da noch frisch und am Streckenrand eben mehr Rambazamba.

Glücklicherweise geht es kurz darauf in belebtere Regionen von Mombach und ich erkenne, dass die Runde diesmal etwas kürzer ist. Ich komme an einem Aufbau vorbei, auf dem ein Mädchen mit Enthusiasmus unermüdlich anfeuert. „Ihr seid super! 32 km habt ihr schon geschafft.“ Das werden noch unendlich lange 10 km. Die Entfernung bis zum Ziel kommt mir vor wie der Mt. Everest – unbezwingbar. Ich setze darauf, irgendwann zurück in die Innenstadt zu kommen, setze auf die Unterstützung der Mainzer an der Strecke.

Inzwischen nähere ich mich der Marke von 35 km. Bis dahin, habe ich mich inzwischen selbst überzeugt, werde ich mindestens laufen. Das hast du im Training x-Mal gemacht, also wirst du hier und heute nicht vorher klein beigeben, sage ich mir. Insgeheim rechne ich aber schon weiter. In Dresden hatte ich bis 37 km durchgehalten, ohne zu pausieren. Gelingt mir das heute auch, liegt das Ergebnis wegen der schnellen ersten 30 km auf der Hand: Bestzeit. Da brauche ich gar nicht viel rechnen. Dementsprechend gebe ich das Überprüfen der Kilometerzeiten auf. Die Rechnung ist einfach: Durchalten = Bestzeit. Vielmehr geht es mir aber gerade ums Durchhalten, den Lauf zu Ende zu laufen. Auf die 3:15 Std. zu schielen bringt gerad eh nichts. Ich laufe einfach so schnell, wie ich kann.

Schnell komme ich mir allerdings nicht mehr vor, obwohl ich sogar einen Läufer vor mir ein- und überhole. Es erinnert mich an das Überholmanöver eines Lastwagens am Berg , ein Elefantenrennen. Kein Vergleich zur ersten Runde, wo uns hier an dieser Stelle noch ein guter Strom an Läufern entgegenkam, während wir schon den nordwestlichen Wendepunkt hinter uns hatten. „Die sind voll schnell!“, hörte ich von einer Läuferin mit Blick auf unsere Seite der Fahrbahn. Ob sie diese Einschätzung jetzt noch genauso träfe? Aber ich laufe, das ist es, was zählt.

Es wird nicht besser, aber auch nicht wesentlich schlechter. Ich fühle mich schlechter als meine Zeiten sind, werde ich später feststellen. Kein Kilometer langsamer als 5:30 min/km. Von den geplanten 4:37 min/km bin ich aber ein ganzes Stück entfernt, das zehrt den Zeitpuffer auf. Ich nähere mich der Innenstadt und bin für jede Ablenkung, jede Aufmunterung und vor allem für jeden geschafften Kilometer dankbar. Die Strecke nehme ich kaum noch wahr, ich kenne sie ja auch schon aus der ersten Runde, wo ich mit wachem Blick durch die Stadt lief. Jetzt, in der Bonusrunde, ist mein Blick wegen der Erschöpfung mehr nach innen gerichtet. Einmal bleibe ich mit dem Außenrist am Bordstein hängen, als ich eine Kurve zu eng laufe, einmal stolpere in einer verkehrsberuhigten Zone. Verdammte Bodenwellen.

Trotz der Mühsal interagiere ich mit den Zuschauern, klatsche die Kinder ab und versuche meine Dankbarkeit auszudrücken für jeden Mainzer, der mich anfeuert. Zuschauer beim Marathon sind das Größte! Und Mainz hat mich auf den ersten 21 km begeistert.

Einen Kilometer für jeden, den ich mag

Irgendwann bin ich bei Kilometer 37. Weiter bin ich in einem Wettkampf ohne Unterbrechung noch nie gelaufen. Diesmal setze ich meinen Weg einfach fort. Bloß nicht stehenbleiben. Wenn ich damit anfange, dann werde ich es wiederholen. Ich fahre schwere Motivationsgeschütze auf und widme ab jetzt jeden Kilometer einem Menschen, der mir besonders wichtig ist, beginne mit meinen vier Kindern (gut, dass ich so viele habe) und will mit meiner zukünftigen Frau enden, die bereits im Ziel ist und hoffentlich ihre Bestzeit auf der Halbmarathondistanz geknackt hat. Zuletzt gesehen habe ich sie bei Kilometer 16. Wir waren aneinander vorbei gelaufen, als sie uns weiter hinten im Feld liegend nach dem Wendepunkt in Mainz-Weisenau entgegen kam, mich aber trotz meiner Rufe nicht wahrnahm. Sie hat wohl ihren eigenen Kampf ausgefochten.

Ich komme vorbei an „unserem“ Hotel. Heute Morgen hatte ich noch eine der zahlreichen Krähen, die hier die Platanen bevölkern, tot im Mülleimer stecken sehen. Es ist ein Sinnbild für meine Verfassung, mit einem entscheidenden Unterschied: Ich bin im Eimer, aber im Gegensatz zur Krähe lebendig. Kilometer 38 ist im Sack, Kind eins abgehakt. Es geht auf eine Bühne zu, davor steht das Spendentor. Kurz überlege ich, daran vorbei zu laufen, doch meine Einstellung ist weiter positiv und außerdem bin ich so allein auf der Strecke, dass der Gesichtsverlust zu groß wäre. Ich laufe über die Spendenmatte. Zum Dank höre ich den Moderator meinen Namen erneut falsch sagen: Karsten Jeschke. Ein Running Gag, der schon auf der ersten Runde begonnen hatte.

Jeder Schritt eine Qual - zwischen Kilometer 35 und 40
Jeder Schritt eine Qual – zwischen Kilometer 35 und 40

Gelegentlich kommen mir die so oft zitierten Marathon-Weisheiten in den Sinn. Das Hirn arbeitet also sehr wohl noch. Frei nach Murakami (Leiden ist [nur] eine Option) versuche ich, nicht allzu sehr zu leiden. Ab besten gelingt mir das mit Kipchoges Taktik, indem ich den Schmerz wegzulächeln versuche. Sobald ich lächele, geht’s tatsächlich ein wenig leichter, Flügel wachsen mir aber deswegen noch lange nicht. Es bleibt ein hartes Stück Arbeit. Vorbei tragen mich meine mechanisch laufenden Beine an der Christuskirche, die mich vor fast zwei Stunden noch schwer beeindruckt hatte und jetzt ungesehen an mir vorüberzieht, zum Schild mit der „39“. Versprechen an das zweite Kind erfüllt. Weiter bin ich auch außerhalb von Wettkämpfen noch nie gelaufen ohne Gehpausen. Neuland also ab hier. Und ich bin nicht gewillt mit der Erkundung aufzuhören. Nicht heute.

Noch zwei Kilometer - und das Lächeln kehrt wieder
Noch zwei Kilometer – und das Lächeln kehrt wieder

Aber wo nur sind die ganzen Leute hin? Nach Hause wahrscheinlich. So ein Marathon dauert ja auch viel zu lange, ganz eurer Meinung. Hätte Pheidippides nicht einfach nach 40 Kilometern tot umfallen können? Wenn der nicht tot umgefallen ist, dann mache ich das auch nicht. . Kaffeeduft weht durch die Straße und ich erreiche Kilometer 40. Auch das dritte Kind habe ich nicht enttäuscht. Bleibt noch eines.

Tatsächlich balle ich jetzt mehrmals die Faust. Ich werde es durchziehen und ich bin mir gewiss, das wird eine neue Bestzeit. Mit Abstand! Die genaue Zeit ist mir gerade scheißegal. Naja, nicht komplett, ein kleiner Rest Zeitfetisch ist geblieben. Anhand der Uhren in der Innenstadt weiß ich, dass es bald 12:45 Uhr ist. Anders ausgedrückt: 3 Stunden und 15 Minuten sind bald rum und damit auch meine Wunschzeit. Das registriere ich durchaus noch. Aber es ist etwas, das mich nur ganz am Rande berührt, für mich zählt einzig das Durchhalten, den Marathon endlich durchzulaufen. Heute werde ich Marathonläufer.

Weil ich nun in der Fußgängerzone bin, wird es belebter. Endlich. Danke! Immer wieder höre ich einen Satz: „Es ist nicht mehr weit, gleich hast du es geschafft.“ Das rede ich mir auch ein, nur fühlt es sich nicht so an. Immerhin ruft keiner: „Schneller, schneller!“. Was mich beruhigt: Ich werde selten überholt und der Läufer vor mir bleibt im etwa gleichen Abstand zu mir. Eigentlich hatte ich ihn einholen wollen. Aber das wird nichts. Der ist im gleichen Tempo unterwegs wie ich und wenn ich ehrlich bin, dann zieht er sogar minimal davon. Dann bin ich bei Kilometer 41! Kein Kind enttäuscht – was bin ich doch für ein guter Vater.

Das Ziel im Blick, ein Lächeln auf den Lippen beim Guten Marathon 2019
Reine Erleichterung - Zieleinlauf beim Gutenberg Marathon 2019
Reine Erleichterung – Zieleinlauf beim Gutenberg Marathon 2019

Kurz bevor ich auf die Rheinstraße einbiege, wird dann der Moderator auf der dortigen Bühne auf mich aufmerksam. Meine innere Freude muss trotz der Erschöpfung sichtbar sein, anders kann ich mir die Aussage, so wunderbar zu lächeln, nicht erklären. Links sehe ich den Holzturm. Den habe ich gestern und heute auf dem Weg zur Rheingoldhalle schon gesehen und weiß, dass es noch ein paar Meter bis zum Ziel sind. Mist, wie kann sich das so weit ziehen? Aber auch das geht vorbei, die Brücke, die Start und Ziel markiert, ist Nahe und ich laufe in den mit Teppich ausgelegten Zieleinlauf der Marathonläufer ein. Mit weit ausgebreiteten Armen lasse ich meiner Freude freien lauf – und treffe mit dem linken Arm fast einen Läufer neben mir. Die periphere Wahrnehmung funktioniert gerade nicht sonderlich gut. Dafür spricht auch, dass ich keine offizielle Uhr sehe. Nicht, dass ich gezielt danach suche, aber normalerweise sind die nicht zu übersehen.

Mich treibt aber eher um, wo ich die Ziellinie endlich erreich habe, wann ich endlich stehenbleiben darf. Aufgrund der Teppiche ist das nicht ganz eindeutig auszumachen. Ich sehe Nils und Sylvie. Da sie sicherlich hinter dem Ziel warten, weiß ich, bis wohin ich muss. Ich winke ihnen, juble, winke. Dann endlich darf ich stehenbleiben.

Der mindestens beste Kuchen der Welt und eine Pulle Wein

Zieleinlauf nach 3:15:34 Std. beim Gutenberg Marathon Mainz 2019
Zieleinlauf nach 3:15:34 Std. beim Gutenberg Marathon Mainz 2019

Mechanisch stoppe ich die Uhr und nehme Glückwünsche und Medaille entgegen und lasse mir irgendeinen Zettel in die Hand drücken, dessen Sinn sich mir in meinem Zustand überhaupt nicht erschließt. Es ist mein Ticket für eine Flasche des Jubiläumsweins, den jeder Marathon-Finisher erhält.

Eine tolle Idee - Jeder Marathon-Finisher erhielt eine Flasche Riesling mit Jubiläums-Etikett
Eine tolle Idee – Jeder Marathon-Finisher erhielt eine Flasche Riesling mit Jubiläums-Etikett

Glück und Erschöpfung kommen gleichzeitig über mich, eine Kombination, die mich fast eine Träne verdrücken lässt. „Du hast es geschafft!“, meint Sylvie. Nicht ganz, wenn es um die 3:15 Std. geht, es fehlen ein paar Sekunden. Gestoppt habe ich die Uhr bei 3:15:40 Std. (netto bin ich sechs Sekunden schneller) – doch juckt mich das noch immer nicht. Denn ja, sie hat recht, ich habe geschafft! Ich bin einfach überglücklich, weil ich bis zum Ende durchgehalten habe, bin stolz, mich selbst überwunden zu haben und ohne jeden Zweifel glücklich über meine neue Bestzeit. Noch glücklicher bin ich, als mir Sylvie erzählt, dass auch sie es geschafft hat, sehr deutlich sogar. Nils‘ für unserer Verhältnisse außerirdische Zeit setzt dem Ganzen die Krone auf. Was für ein Wettkampf.

Wir stoßen mit alkoholfreiem Bier an und genießen den mindestens weltweit besten Kuchen. So kommt es mir zumindest vor, als ich bibbernd vor Kälte den ersten Bissen nehme. Ich könnte jetzt essen, was ich wollte, alles wäre himmlisch. Hauptsache es enthält Zucker. Ich habe Mühe, alles auf einmal zu verarbeiten und komme erst runter, als wir gemeinsam im Auto sitzen und wieder warm werden. Zeit zum Realisieren habe ich auf der vierstündigen Heimfahrt mehr als genug. Zeit, die auch die Wehwehchen ausgiebig nutzen, um sich zu melden. Gut, dass der nächste Marathon erst in zwei Wochen stattfindet…aber einem geschenkten Gaul, schaut man bekanntlich nicht ins Maul.

Meine besten Ergebnisse im Marathon

Stand: 5.5.2019

Die Bilder des Laufes

Der Lauf im Detail

Relive ’20. Gutenberg-Marathon Mainz mit neuer PB 😁🥇 – Das war harte Arbeit für eine Flasche Wein 🍷 ‚


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