Drama, Drama, Drama, Baby!

Mein Vorhaben ist gescheitert. Ich bin den Seinäjoen Marathon weder durchgelaufen, noch habe ich meine persönliche Bestzeit unterbieten können. Ganz im Gegenteil musste ich den Lauf sogar vorzeitig beenden, obwohl alles so gut angefangen hatte.

Nichts ist zu spüren von den Beschwerden, über die ich unlängst klagte. Keine Atemnot, keine Schwäche, kein Problem mit dem Tempo. Im Gegenteil fühle ich mich stark, ruhig und habe gute Beine, wie man so schön sagt. Die ersten Kilometer erscheint mir das Tempo derart langsam, dass ich meinen angepeilten 5:20-Schnitt sogar um 20 Sekunden unterbiete und in der Folge darauf achten muss, nicht zu schnell zu werden. Es gilt schließlich die Kräfte einzuteilen, nicht das Kleingeld schon jetzt auszugeben. Mit einem kleinen Zeitpolster beende ich die erste Runde, bekomme beim Durchqueren des Zielbereichs in Vorfreude auf den möglichen Zieleinlauf in knapp 3 Stunden bereits jetzt Gänsehaut. Die nächsten 10,5 km können kommen.

Kilometer 13, der Verpflegungsstand bei etwa 14 km, Kilometer 15,5, der Fluss, der Stausee und die Wendemarke – und noch immer geht es mir gut. Noch einmal am Verpflegungsstand vorbei und schließlich erreiche ich Kilometer 18. Hier schießt mir der Gedanke durch den Kopf, heute ginge es fast zu einfach. Ich singe, sehe mich im Ziel, fühle mich anderen Läufern überlegen. Zum Beispiel dem Läufer, der 200m vor mir läuft und aussieht wie ein Bodybuilder. Ständig bleibt er stehen, bis ich ihn im Zielbereich überhole, während er abbiegt auf die Bahn für die Halbmarathonläufer. Immerhin hat er es jetzt hinter sich und schafft es – jetzt wieder laufend – ins Ziel. Auch andere, die mir anfangs noch davoneilten, sehe ich nun wieder, überhole sie, laufe ihnen zum Beginn der dritten Runde bereits entgegen.

Kilometer 25 gut hinter mich bringen, ist mein Ziel. Denn spätestens dort ging es mir bisher immer richtig schlecht im Wettkampf. Tatsächlich erreiche ich den magischen Punkt und befinde mich auf dem Rückweg der dritten Runde. Nur gut geht es mir nicht mehr wirklich. Etwas kündigt sich an. Mein Magen beginnt sich deutlich bemerkbar zu machen. Die latenten Schmerzen und das Druckgefühl, das ich seit Tagen und Wochen habe, verschlimmern sich. Wenn ich ehrlich bin, rechne ich schon die gesamte Renndauer damit, habe die Anzeichen bemerkt und versucht, sie mit Willens- und (Bauch-)Muskelkraft zu unterdrücken. Vor allem letzteres soll später noch negative Auswirkungen haben.

Bis zum Ende der 3. Runde schleppe ich mich noch. Voran treibt mich einzig der Gedanke, diese dritte Runde zu beenden und als ich in den Zielbereich einlaufe, weiß ich, dass das Rennen für mich zu Ende ist. Dennoch gebe ich nicht auf, laufe weiter, während der Stadionsprecher meinen Namen nennt, ihn wiederholt als ich etwas esse und trinke. „Karsten Jesche, Karsten Jesche, Hannover.“ Ja, das bin ich. Also laufe ich weiter, mache meinem Namen keine Schande.

Mein nächster Weg, kaum 30 Meter weiter, führt mich in das Toilettenhäuschen. Durchfall! Nichts ungewöhnliches für Läufer. Kommt vor und nennt sich Erschöfpungs-Diarrhoe. Trotzdem unangenehm.

Zwei Kilometer laufe ich noch weiter, bin also bei mehr als 33km angekommen, bis ich Gehpausen einlegen muss. Mehr gehend als laufend schleppe ich mich weiter. Noch einmal komme ich am Verpflegungsstand vorbei, versuche durch Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr Linderung herbeizuführen. Indes vergebene Liebesmüh. Sobald ich laufen will, setzen starke Magenkrämpfe ein, die mich bei nächste Gelegenheit erneut auf die Toilette zwingen. Trotzdem bin ich nicht bereit, klein beizugeben. Mein Blick ist auf den Boden gerichtet. Es ist nicht nur der Versuch, dadurch die noch zu laufende Entfernung, zu ignorieren. Es ist auch die Scham gehen zu müssen, während mir andere Läufer bereits entgegen kommen, die mich nach unten blicken lässt. Schließlich ist es die Tatsache, dass ein Krankenwagen bei Kilometer 36 steht, der mich zur Entscheidung kommen lässt, dass hier Schluss ist, der besiegelt, was schon seit Kilometern klar ist. Zu diesem Zeitpunkt kann ich kaum noch gehen, so sehr plagen mich die Krämpfe. Und wenn ich ehrlich bin, hege ich den Plan, hier auszusteigen, schon länger, will es nur nicht wahrhaben.

Die Sanitäter bringen mich zurück in den Startbereich, wo ich die demütigende Prozedur über mich ergehen lassen muss, die Startnummer zurückzugeben. Zuvor jedoch schleppe ich mich auf die Toilette, wo ich vor Schmerzen wimmernd auf dem Klo zusammensinke. Als ich wieder auf den Beinen bin, schicke ich die Sanitäter weg, die mir anbieten, eine Viertelstunde auf mich zu warten, falls es schlimmer wird. Es würde reichen, sich hinzusetzen, versichere ich und gehe in die Umkleide um mich umzuziehen und zu duschen. Nachdem ich Schuhe und Laufsocken ausgezogen habe, muss ich Pause machen, mich hinlegen. Auch so kann ich sehen, dass der große Zeh meines linken Fußes von einer riesigen Blutblase gekrönt wird, der Zehennagel des rechten blau-schwarz angelaufen ist. Eine weitere Läuferkrankheit, die sich schon in der zweiten Runde abzeichnete.

Das Liegen hilft, die Krämpfe lassen nach. Doch nach einem Schluck Wasser geht es erneut los und ich muss wieder auf die Toilette, die ich in kaum besserer Verfassung nach einigen Minuten verlasse, um wenig später wieder zurückzueilen. Diesmal für lange Zeit. Ich weiß nicht, wie lange ich auf der Toilette sitze. Minuten, eine halbe Stunde oder länger. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Zusehends geht es mir schlechter. Erneut wimmernd kauere ich auf der Toilette und kalter Schweiß strömt aus allen Poren. Richtig in Panik gerate ich, als ich höre, wie nach und nach alle Athleten mit Medaille und dem gewonnen Pfund Kaffee die Umkleide verlassen. Verzweifelt ziehe ich in Erwägung, um Hilfe zu rufen, denn langsam habe ich das Gefühl, in mir wäre etwas zerrissen. So schlimm ist der Schmerz. Mit letzter Kraft schleppe ich mich zurück in die Umkleide. Ein Blick auf mich reicht den letzten beiden Läufern, die dort ausharren, um sie zu alarmieren. Weiß wie eine Wand sähe ich aus, sagen sie. Sie heißen mich hinlegen und flößen mir Flüssigkeit ein, rufen die Sanitäter.

Das Sportgetränk zeitigt unterdessen Wirkung. Das Liegen tut gut und die Schmerzen lassen nach. Ein wenig nur, aber immerhin. Mir wird angeboten, mich per Auto nach Kauhava zu fahren, wenn ich mich so gut fühlen würde, die Fahrt zu überstehen. Ich setzte mich auf, um das Angebot zu überdenken. Die Welle heißen Schmerzes nimmt mir die Entscheidung ab. Ich lasse mich ins Krankenhaus fahren. Ich schaffe selbst die 50 Meter vom Umkleideraum bis zum Krankenwagen kaum. Nur gestützt und mit einer Pause bringe ich die lächerlich kurze Distanz hinter mich. Schüttelfrost setzt ein, lässt meine Zähne aneinander schlagen. Und doch spüre ich, dass es mir ein wenig besser geht, mache mir bereits Sorgen, was mich die Behandlung kosten wird.

Endlich im Krankenhaus wird mir eine Trage zugeteilt, ich werde zugedeckt und mit Wasser versorgt. Blutzucker, Blutdruck und Puls werden gemessen, scheinen aber alle wenig beunruhigend zu sein. Tatsächlich fühle ich mich nicht mehr annähernd so elend, wie noch vor einer knappen halben Stunde. Wärme und das Liegen helfen. Mehr mache ich auch nicht, mehr passiert nicht. Nur liegen. Irgendwann, ich habe das Zeitgefühl verloren, versuche ich eine SMS nach Hause zu schreiben. Es kommt eine Fehlermeldung, da das Guthaben verbraucht ist. Großartiges Timing! Nun kann ich nicht einmal jemanden anrufen, der mich von hier abholt, falls ich nicht gehen kann. Danach passiert wieder nicht viel. Krankenkassenkarte zurück, Adresse aufschreiben, neues Wasser, Doktor kommt bald. Ungewaschen liege ich auf meiner Liege, fühle mich dreckig in allen Bedeutungen des Wortes.

Ich habe zwar keinen Hunger, hoffe aber das Sandwich aus meiner Tasche hilft mir zu Kräften zu kommen. Immerhin habe ich seit dem Frühstück kaum gegessen und zusätzlich die Kalorienmenge eines ganzen Tages durchs Laufen verbraucht. Endlich bekomme ich ärztlichen Besuch, der mich befragt und untersucht. Diagnose: Überanstrengung, Erschöpfungs-Diarrhoe, Bauchmuskelkrämpfe. Außerdem Anzeichen von Dehydrierung. Die Ärztin fragt. ob ich mich vielleicht einfach überschätzt hätte, ob ich erstmals Marathon gelaufen bin. Danke der Nachfrage, ich habe gewisse Erfahrungen. Nicht allzu gute, das muss ich zugeben.

Immerhin darf ich gehen, wenn ich verspreche, einen Arzt zu konsultieren, wenn es schlimmer wird. Zusichern muss ich auch, keinen Sport zu treiben in den nächsten Tagen. Ich mag zwar leicht einen an der Fuchtel haben, aber sogar mir ist gerade nicht nach Sport. Danke für den Hinweis, Frau Doktor!

Etwas erleichtert, dass alles in Ordnung ist, erkundige ich mich verschämt danach, ob ich mich irgendwie waschen könnte und wie weit es zum Bahnhof wäre. Zudem erkundige ich mich, ob ich einen Anruf machen könnte. Eine Schwester bring mich in ein Zimmer, wo ein Telefon steht und ich mich an einem Waschbecken etwas säubern kann. Kurzfristig entscheide ich mich um, wasche mich schnell und rufe die Kommilitonin, die mich abholen könnte, nicht an. Abhängigkeit ist mir zutiefst zuwider, andere zu Belasten ein Gräuel. Ich will lieber versuchen, die 1,5 km in 20 Minuten zum Bahnhof zu humpeln. Unter größter Anstrengung, gefangen zwischen Hoffen und Bangen, schaffe ich es im sprichwörtlich letzten Augenblick, den Zug zu besteigen. Die Tatsache, kein Ticket zu haben, stört mich herzlich wenig, kann ich es doch bestimmt beim Schaffner nachlösen.

Erschöpft und erleichtert bringe ich die Fahrt hinter mich, löse ein Ticket und gehe in Kauhava angekommen, auch den restlichen Weg nach Hause. Zuhause anrufen, essen, duschen, ausruhen und schlafen. Das ist der Plan für den Abend, den ich minutiös abarbeite. Dabei bin ich keineswegs niedergeschlagen, bin paradoxerweise froh und in seltsamer Hochstimmung, bis ich den Tag schlafend beende.

Wenn ich den Lauf resümiere, ihn mir noch einmal durch den Kopf gehen lasse, kann ich mir nur wenig vorwerfen. Es ist, wie es ist. Ich bin gescheitert und daran gibt es nichts zu rütteln. Körperlich bin ich dabei, mich zu erholen, spüre noch die Nachwirkungen, doch wider Erwarten geht es mir in psychischer Hinsicht gut. Woran es liegt, weiß ich nicht.

Nein, ich empfinde nicht die geringste Spur von Genugtuung, dass ich Recht behalten habe mit meiner bösen Vorahnung bezüglich des Laufs. Stattdessen wäre es mir eine Freude gewesen, mein Irren einzugestehen und damit einen erfolgreichen Marathon zu feiern. Vielleicht kann ich meine fehlende Enttäuschung ein wenig festmachen an der Dramatik des Scheiterns, die über „normales“ Aufgeben, einfaches Versagen hinausgeht. So habe ich wenigstens eine gute Geschichte zu erzählen, wie ich es gerade in diesem Blogeintrag tue. Die Begleitumstände des Ausscheidens erlauben es mir, das Scheitern auf meinen Körper schieben, als gehöre er nicht zu mir, kann ein bisschen Mitleid ernten.

Wie dem auch sei, das schlimme Scheitern, der Kollaps, hat mich zu einem Entschluss geführt. Natürlich war es immer die besondere Herausforderung, die Gefahr des Zusammenbrechens, der Todesmythos, der geschichtliche Hintergrund des Marathons, der seinen Reiz ausmachte. Es war Antrieb für mich und viele andere. Auch ich wollte diese Grenzerfahrung machen, einmal die magische Distanz, die Königsdisziplin aller Laufwettbewerbe absolvieren. Dazu musste ich bereit sein, bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit zu gehen und darüber hinaus. Dafür musste ich mich monatelang durch ein Trainingsprogramm quälen, die sozialen Kontakte mitunter einschränken und die halbe Freizeit für das Erreichen eines Ziels geben. Ich musste ein wenig Verrücktheit mitbringen, um es deutlich zu sagen. Und dennoch bin ich an meine Grenzen gestoßen.

Zweimal zuvor habe ich mich über die gesamten 42.195 Meter geschleppt, die der Legende zufolge der griechische Bote und erste Marathonläufer Pheidippides mit dem Leben bezahlte. Beide Male bin ich an meine Grenzen gestoßen. Im Moment hat der Marathon an Reiz eingebüßt. Den Evererst besteigt man auch nicht immer und immer wieder. Sicher, ich könnte mir neue Anreize setzen, wie ich es auch diesmal gemacht habe. Bessere Zeit, keine Gehpausen. Aber spielt es eine Rolle, dass ich zwischen Kilometer 35 und 38 dreimal gehen musste, bin ich deswegen kein echter Finisher? Mit 3:48 h bin ich noch immer schneller, als viele, die einen Marathon beendet haben. Von denen, die niemals einen Laufen werden, ganz zu schweigen. Den Reiz der Erstbesteigung ist ohnehin unwiederbringlich verloren.

Nur Fanatiker und passionierte Alpinisten bestiegen den gleichen Berg immer und immer wieder. Oder im Falle des Marathons eben echte Marathon-Läufer. Vielleicht zähle ich nicht dazu, bin kein „richtiger“ Marathon-Läufer.

Eins steht für mich seit gestern unumstößlich fest: Der Seinäjoen Marathon war für lange Zeit der letzte, vielleicht der allerletzte Marathon für mich. Ich werde weiterhin laufen, das steht außer Frage. Es macht mir Freude, gibt mir ein gutes Körpergefühl und hilft mir, innere Balance zu halten. Und schon heute, einen Tag nach dem Kollaps wäre ich einer kleinen Runde nicht abgeneigt – auch ohne Ziel, für das es zu trainieren gilt.

Verrückt? Ja, ein bisschen.

Meine besten Ergebnisse im Marathon

Stand: 04.05.2008

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