Motivationsschild 20. Piepenbrock Dresden-Marathon

Lauf schneller, wir haben Hunger! Neue Bestzeit beim 20. Piepenbrock Dresden-Marathon 2018

20. Piepenbrock Dresden-Marathon 2018

Als wir in der Menge der Starter stehen und der Moderator uns animiert für ein paar gute Fotos die Hände in die Luft zu recken und zu klatschen, stellen sich mir die Haare auf. Jetzt habe ich Bock! Ich bin schon froh, am Start zu stehen und so langsam packt mich die Energie. Der Schwindel, der mich die letzten Tage über gequält hat, ist rechtzeitig zum Start verschwunden. Vielleicht nicht ganz, wenn ich mir selbst gegenüber die Wahrheit akzeptiere, aber er ist auf ein Maß gesunken, dass mich nicht beeinträchtigt, kaum mehr spürbar. Als Ausrede für eine schlechte Leistung taugt es jetzt jedenfalls nicht mehr. Am Freitagabend aber, war ich mir nicht sicher, ob ein Start die beste Entscheidung sei. Die Apothekerin in Dresden wirkte zumindest ernsthaft besorgt und empfahl mir, definitiv auf sportliche Belastung zu verzichten. Hätte die gewusst! Ohne weitere Medikation verließ ich die Apotheke und beäugte leicht kritisch in den folgenden Stunden meine Pulsuhr. Einigermaßen normal. Oder nicht?

Keine Ausreden mehr

Stunden vorher hatte ich mir ein homöopathisches Mittel gegen Schwindel geben lassen. Halb aus Verzweiflung, halb aus Höflichkeit hatte ich sie nicht zurückgeben wollen. Obwohl ich Homöpathie doch kategorisch ablehne. 12 Tabletten später hatte ich meine Meinung nicht geändert. Eine Wirkung hatten die Teile nicht. Dass es mir besser ging, hatte nach meiner Einschätzung keinen speziellen Grund. Musste es für meinen Teil aber auch nicht. Es genügte mir, dass es mir jetzt gut ging. Nils scheint ebenfalls gut drauf zu sein.

Als Ausrede könnte eher das Wetter dienen. Ganz schön sonnig, dafür dass es eigentlich hätte bewölkt sein sollen. Kein Vergleich zum Stadtbummel gestern, bei dem es auch mal schattig wurde.

Seit Tagen und Wochen hatte ich nicht mehr ein so gutes Gefühl wie in diesen letzten Sekunden vor dem Start. Ich bin einigermaßen locker. Nicht, dass mich die Furcht vor den 42,195 Kilometern verlassen hätte. Mir hilft, dass ich keinen Druck empfinde, weil es schon toll ist, den Marathon laufen zu können. In Hamburg hatte ich mich selbst unheimlich unter Druck gesetzt, die 3:15 Std. als fixes Ziel gehabt. Meine Erwartung heute ist gering. Ich möchte ankommen, mir die Medaille verdienen, Erfahrungen sammeln. Und wenn was geht? Nehme ich es mit. Schließlich habe ich meinen Ehrgeiz nicht verloren!

Startnummer 20. Piepenbrock Dresden-Marathon
Startnummer 20. Piepenbrock Dresden-Marathon

Los geht’s. Mit 1.200 Gleichgesinnten geraten wir ganz langsam in Bewegung. Nils und ich sind im B-Block, dem zweitschnellsten Startblock. Der Block vor uns ist nur wenig besetzt. Weil ich wegen meiner Ummeldung von Halb- auf Marathon in Block C gesteckt wurde, hatte ich mich am Tag vorher noch in ein „B“ umwandeln lassen, hätte aber nach Auskunft der netten Mitarbeiterin auch „A“ werden können. Schließlich lag meine angegebene Zielzeit genau auf der Grenze: 3:15 Std.

Eine erste Runde zum Warmwerden

Ich hatte angenommen, dass die Zugläufer für diese Zeit ebenfalls in B starten würden, aber schon vor dem Start gesehen, dass dem nicht so war. Sobald wir richtig ins Laufen geraten, versuche ich an die Fahnenträger heranzukommen. Nach kurzem Winken zur Partnerin, die kurz hinter dem Start wartet, verabschiede ich mich von Nils, um mich durch das Feld zu arbeiten. Ich bin ungeduldig und schließe die Lücke möglichst schnell, auch wenn dafür noch mehr Zeit als genug ist. Schon vor der ersten Kilometermarke habe ich den Pulk um die drei Läufer erreicht und beruhige das Tempo etwas. Doch so richtig ruhig ist es gar nicht. Die Jungs drücken ordentlich aufs Gas und das Tempo liegt bei ungefähr 4:30 Min. pro Kilometer.

In der Dresdner Neustadt ist nur bedingt was los. Kleinere Gruppen von Zuschauern stehen am Rand. Die Zug- und Bremsläufer immerhin sind gut drauf und unterhalten unsere Gruppe. Es geht über Kopfsteinpflaster, was etwas unangenehm ist. Das Viertel besteht fast vollkommen aus Gründerzeithäusern – schön anzusehen. Plötzlich geht es eine Steigung hinauf. Einer der Zug- und Bremsläufer ruft, wir sollen es ruhig angehen lassen und die Schritte klein setzen. Ich werde kaum langsamer und nehme die paar Meter ungebremst, was mir etwas Vorsprung vor der Gruppe der 3:15-Läufer verschafft. Auf der Stauffenbergallee werde ich wieder eingeholt, dann geht’s in den 600 Meter langen Waldschlößchentunnel. “Lasst laufen”, rät einer der Tempoläufer. Und ich nehme den Fuß vom Gas. Da die Strecke doch reichlich bergab führt, sind wir fast mit einer 4er-Pace unterwegs. Im Tunnel grollt es. Ich brauche, bis ich kapiere, dass am entfernten Ende eine Gruppe Trommler auf uns wartet. Der Lärm ist höllisch.

Aus der Dunkelheit laufen wir direkt auf die Waldschlösschenbrücke – ein Gänsehautmoment. Rechterhand liegen die Dresdener Sehenswürdigkeiten: Semperoper, Zwinger, Frauenkirche. Wäre Zeit für ein Foto, hier wäre ein idealer Ort zum Innehalten. Neben der für uns Läufer gesperrten Spur haben sich zahlreiche Zuschauer postiert und applaudieren.

Es geht etwa zwei Kilometer die Fetscherstraße hinunter. Weil dieses Stück doppelt gelaufen wird, hängen auch die Markierungen für die zweite Runde am Straßenrand. Wir kommen an der “31” vorbei und ich mache einen lauen Witz – yeah, schon 31. Keiner findet’s lustig.

Ich laufe weiterhin im Pulk derjenigen, die es auf eine Zeit unter 3:15 Std. abgesehen habe. Und ich fühle mich stark. Bei der nächsten Verpflegungsstelle laufe ich etwas vor, um mehr Freiheit zu haben. Gleichzeitig verlangsamt die Gruppe das Tempo, weshalb ich ab nun etwas vor der Zielzeit liege. Als wir links abbiegen auf die Stübelallee bin ich kurz irritiert wegen der Streckenführung. Einige der Läufer biegen bereits vor den Straßenbahngleisen nach links ab, ich folge der Mehrheit und biege erst dahinter ab. Laufen Marathonis und Halbmarathonis hier unterschiedlich? Irgendwas rufe ich meinen Mitläufern zu, die mich aber beruhigen. Einer sagt etwas von Spitzengruppe, worauf ich scherzhaft meine, dass ich da auch dabei sein wollte. Wie ärgerlich wäre das, wenn ich heute gut durch käme, aber die offizielle Strecke verlassen habe?

Ich laufe weiterhin im Pulk derjenigen, die es auf eine Zeit unter 3:15 Std. abgesehen habe. Und ich fühle mich stark. Bei der nächsten Verpflegungsstelle laufe ich etwas vor, um mehr Freiheit zu haben. Gleichzeitig verlangsamt die Gruppe das Tempo, weshalb ich ab nun etwas vor der Zielzeit liege. Als wir links abbiegen auf die Stübelallee bin ich kurz irritiert wegen der Streckenführung. Einige der Läufer biegen bereits vor den Straßenbahngleisen nach links ab, ich folge der Mehrheit und biege erst dahinter ab. Laufen Marathonis und Halbmarathonis hier unterschiedlich? Irgendwas rufe ich meinen Mitläufern zu, die mich aber beruhigen. Einer sagt etwas von Spitzengruppe, worauf ich scherzhaft meine, dass ich da auch dabei sein wollte. Wie ärgerlich wäre das, wenn ich heute gut durch käme, aber die offizielle Strecke verlassen habe?

Bei Kilometer 15 km fällt das Winken noch leicht
Bei Kilometer 15 km fällt das Winken noch leicht

Während wir den Großen Garten mehr oder weniger umrunden und die Kilometerangaben immerhin schon zweistellig sind, kreist mein Denken schon um die Schilder für Runde zwei: 34, 35, 36. Ich denke, dass es ganz schön dauert, bis ein Kilometer rum ist. Wie soll das erst werden, wenn ich wirklich 34 Kilometer in den Muskeln habe? Nur nicht zu viel denken! Mir fällt ein Läufer auf, der sich angeregt mit einem anderen unterhält. Es ist eher ein Monolog und das Gespräch wirkt aufgedrängt. Der Beglückte scheint froh, dass er irgendwann entlassen wird. Solche Leute gibt es immer. Kontakt hätte ich auch gern, aber wenn es geht, zur Familie. Partnerin und Kind vier müssten hier irgendwo sein. Ich hatte sogar schon vorher mit ihnen gerechnet, aber das Stück vom Start hierher war auch nicht eben kurz. Bei gut einem Drittel der Gesamtdistanz sehe ich sie! Schön, das gibt mir einen Schub. Sogar der Kleine in seinem Kinderwagen winkt, auch wenn er etwas irritiert scheint.

Bei Kilometer 16 – kurz vor der Gläsernen Manufaktur – ist erneut ein Verpflegungsstand. Erstmals überhaupt habe ich den Service der Eigenverpflegung genutzt und am Vortag zwei Getränkeflaschen abgegeben, die für mich an den Station bei 16 und 26 km deponiert wurden. Das hat zwei Vorteile: Das Trinken aus den Standardpappbechern gestaltet sich bei dem doch zügigen Tempo stets als fast unmöglich. Nennenswerte Mengen bekommt man so selten in sich hinein. Entweder verschluckt man sich oder kippt sich die Hälfte über den Oberkörper. Zudem kann man frei entscheiden, was man trinkt und muss nicht auf die Getränke des Veranstalters zurückgreifen.

Ich habe mich für zwei unterschiedliche Getränke entschieden. Den Iso-Drink von Dextro und den neuen Drink Mix von Maurten. Letzterer ist aktuell der heißeste Scheiß, weshalb ich nichts unversucht gelassen hatte, mir rechtzeitig zum Lauf Gel und Getränk zu besorgen.

Als ich auf den Verpflegungsstand zulaufe, steht der Tisch für die Eigenverpflegung gleich zu Beginn. Meine Angst, die Flasche zu übersehen, ist unbegründet. Es stehen nur noch zwei Flaschen dort, eine davon ist meine. Nach einem Schluck aus der Pulle ist auch die Frage beantwortet, was ich wo platziert habe. Hier: Maurten. Hatte ich das bewusst so entschieden? Ich weiß es im Moment nicht mehr, würde spontan aber genau anders herum entscheiden. Das Getränk ist einigermaßen neutral, aber dickflüssig. So viel wie möglich trinke ich, schaffe aber wohl nicht mehr als 150 ml.

Kurz darauf wartet nochmals die Familie und verabschiedet mich mit den Worten “Jetzt sehen wir uns lange nicht mehr.”. Kurz hallt dieser Satz in mir nach. Klingt fast wie eine dunkle Prophezeiung. Zurück über die Fetscherstraße geht es Richtung Start/Ziel. Um mich herum halten sich immer wieder mit sich selbst kämpfende Halbmarathonläufer auf. Immerhin: Die haben es bald hinter sich.

Die Halbmarathonläufer im Nacken - Kilometer 17
Die Halbmarathonläufer im Nacken – Kilometer 17

Alsbald erreiche ich die Elbterrassen. Es geht entlang der Elbe, die sich rechts befindet. Links über mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jetzt trennen sich die Wege von Halbmarathon und Marathon. Die einen dürfen geradeaus Richtung Ziel, die anderen die Brühlsche Terrasse hinauf an der Semperoper vorbei. Klingt toll, aber so richtig viel Muße zum Bestaunen habe ich nicht. Ich überquere die schmale Augustusbrücke, dann folgt die Zeitnahme für den Halbmarathon. Eine hohe 1:35 Std.! Das ist schnell. Viel schneller als in Hamburg.

Es wird einsam

Zwei Linkskehren später bin ich wieder an der Elbe und fühle mich weiterhin sehr gut. Das Feld der Läufer ist deutlich geschrumpft. Aus zwei Gründen: Weil ich gemessen am Durchschnitt weit vorne liege und nun auch alle Halbmarathonläufer aus dem Feld verschwunden sind. Auch zuschauermäßig gibt es einen Abbruch. Gerade noch war in Nähe des Ziels verhältnismäßig viel Betrieb, jetzt teilen wir uns die Strecke am nördlichen Elbeufer mit Sonntagsspaziergängern und Fahrradfahrern. Das ist demotivierend. Wenngleich der Ausblick auf die andere Flussseite und die Elbauen natürlich reizvoll sind. Hätte ich nicht eine Startnummer um und wären da nicht einige Läufer vor mir, es käme mir vor wie bei einem sonntäglichen Trainingslauf. Ein einsamer Alki mit seinem Bier ruft mir zu, ich sehe gut aus und klatscht. Mich freut’s.

25 Kilometer sind geschafft
25 Kilometer sind geschafft

Drei Kilometer folge ich dem Elberadweg, dann geht es erneut auf die Waldschlößchenbrücke. Vom Ufer aus ist es eine ganz schöne Rampe, die es da zu bewältigen gilt. Ich gehe flott hinauf, so leichtfüßig mir das nach 25 Kilometern noch möglich ist. Auch die Brücke weist zur Mitte hin eine Steigung auf. Das war mir vorhin nicht aufgefallen! Ich merke, dass ich mehr investieren muss und hoffe, es liegt nur am Anstieg. Da ich schon ein paar Kilometer kein Gel mehr zu mir genommen habe, fingere ich das inzwischen vierte Tütchen aus der Gürteltasche und quetsche das Gelee in meinen Mund. Die Masse, in die ich so viel Hoffnung gesetzt habe, wird von Mal zu Mal zäher. Ich huste und bekomme sie kaum hinunter. Viel hatte ich über das Gel vorher gehört. Nur Gutes natürlich. Es sollte viel bekömmlicher sein und den Kohlenhydratnachschub einfacher machen. Nur ausprobiert hatte ich es noch nie. Als ich bereits nach fünf Kilometern das erste der Gels aufriss, erwartet ich eine eher flüssige Masse, nachdem, was ich gelesen hatte. Nils Ausführungen hatte ich wohl nicht richtig zugehört. Jedenfalls überraschte mich die Konsistenz nicht wenig.

Am Ende der Brücke wartet wieder mal Sylvie. Und hier ist auch der Verpflegungsstand, an dem meine zweite Flasche wartet. Wieder bekomme ich nicht alles hinunter, nur halb geleert geht die Flasche in den Müllcontainer. Ab nach Blasewitz.

Das Quälen beginnt

Hier ist der Hund verfroren. Mehr als drei Gelangweilte auf einer Terrasse bleiben mir nicht in Erinnerung. Stattlich sind die Anwesen hier in jedem Fall. Aber das Interesse für uns Läufer geht gegen null. Wir laufen hier nach Osten bis zu einem Wendepunkt. Schnellere Läufer kommen uns daher entgegen. Mir begegnet auch die führende Frau, der ich spontan Beifall spende. Gleichzeitig spüre ich, wie es langsam ans Eingemachte geht. Das Tempo zu halten fällt mir sehr viel schwerer. So werde ich auch erstmals seit langer Zeit überholt. Stehengelassen werde ich aber nicht. Ich kämpfe und hole den “Übeltäter” Minuten später wieder ein. Hinter uns höre ich immer wieder ein schmerzvolles Aufstöhnen, ein frustriertes Schreien. Da quält sich jemand wirklich, stoppt aber trotzdem nicht. So weit ist es bei mir in punkto Qual noch nicht.

Im Kopf gehe ich den Rest der Strecke durch. Bei 28 km habe ich zwei Drittel. 30 km wäre eine Art Schallmauer. Bei 32 km sind es nur noch zehn. Zehn Kilometer nur noch! Aber so weit ist es noch nicht. Leider. Gleich sind es aber 30 km. Hier bin ich zurück an der Verpflegungsstelle, an der ich zuletzt Sylvie sah. Und sie wartet hier noch immer. Als sie fragt, wie es geht, rufe ich ihr ehrlich zu, dass es ziemlich hart ist. Der Verfall kam relativ schnell, stelle ich fest. Kaum an ihr vorbei, bin ich wieder auf der Fetscherstraße. Kenne ich schon. Einmal ging es hier schon hoch und runter. Ich bin durch in diesem Moment, stoppe bereits ab, laufe dann doch weiter. Und noch einmal: Den Finger habe ich schon auf dem Pauseknopf, nehme ihn wieder weg. Ein reiner Reflex aus dem Training. Uhr stoppen, sobald man stehen bleibt. Völlig idiotisch in einem Rennen.

Das Leiden beginnt - Kilometer 30
Das Leiden beginnt – Kilometer 30

Bis zur Verpflegungsstation bei ca. 31,5 Kilometern komme ich, dann bleibe ich stehen, um zu trinken. Es ist wie ein Déjà-vu. In Hamburg blieb ich ungefähr zum gleichen Zeitpunkt stehen und kam danach nicht mehr richtig vom Fleck. Liefe es ähnlich, es würde ein Wettrennen um meine persönliche Bestzeit, die 3:15 Std. wären jedenfalls passé.

Ich setze mich wieder in Bewegung. Eigentlich glaube ich nicht daran, dass ich lange durchhalten werde. Zu viele ähnliche Erfahrungen habe ich schon gesammelt in der Vergangenheit. Es hilft aber nichts, ich muss weiter, wenn ich nicht aussteigen will. Also laufe ich. Erneut geht es am Großen Garten entlang. Ich werde überholt. Aber nur gelegentlich. So langsam bin ich nicht. Den Blick auf die Uhr vermeide ich ganz bewusst. Zusätzliche Demotivation kann ich jetzt nicht brauchen.

Ich komme am Besenwagen vorbei. Es ist ein Fahrradfahrer mit einem Schild “Schluss”. Direkt vor ihm geht eine korpulente Läuferin, die noch auf der ersten Runde des Halbmarathons unterwegs ist. Auch nicht beneidenswert. Sie kämpft mindestens so hart wie ich. Ich bin vollkommen im Tunnel, so sehr, dass ich zweimal den Bordstein touchiere. Schritt für Schritt ziehe ich an den Schildern vorbei, die ich schon in der ersten Runde mit kritischem Blick beäugt habe. Es geht langsam, aber es geht. Ich überrasche mich selbst, dass ich einfach immer noch laufe. Bisweilen überhole ich sogar andere Läufer. Auf meiner Kopfhaut prickelt es. Gänsehaut! Aus Stolz über mich selbst. Das ist mir bisher noch nicht gelungen, so über den toten Punkt hinaus zu gehen. Durch den Kopf gehen mir die fabelhaften Schilderungen der Marathon-Koryphäen. In einen Rausch laufen, mit dem Kopf laufen.

Zum zweiten Mal passiere ich die einsamste Kapelle Dresdens. Ein Mitleid erregender Anblick ist die Band, die auf der Südseite des Parks Live-Musik spielt. Mehr als drei Interessierte stehen hier nicht. Das ist traurig. Es passt zum eher geringen Interesse der Dresdner an ihrem großen Lauf. Dabei wären Zuschauer jetzt genau das Richtige, um noch ein wenig weiter getragen zu werden. 36 Kilometer habe ich geschafft und bin nicht so arg viel langsamer geworden.

Vorgenommen habe ich mir die 38-km-Marke, komme aber nur kurz bis vor Kilometer 37. Auf der langen Allee im Großen Garten geht mir die Kraft aus. Ich biege noch rechts ab und bleibe dann vor der Verpflegungsstelle stehen. Direkt beim Moderator. Er sieht mich und meint, Karsten kämpfe auch noch. Ein stechender Schmerz schießt durch meinen linken hinteren Oberschenkel. Stehenbleiben war nicht die beste Idee. Eine Zuschauerin muntert mich auf, die 5 Kilometer würde ich jetzt auch noch schaffen. Ich kann es mir in diesem Moment kaum vorstellen.

Alles was jetzt folgt, ist kein echtes Laufen mehr. Ich quäle mich an der gläsernen Manufaktur vorbei, gehe aber schon einen Teil dieser Strecke. Dann sehe ich links einen Läufer, der mich an Nils erinnert. Komisch. Woher kommt der denn? Er ist auf der anderen Spur der Straße und ich bin mir gar nicht sicher. Wer aber läuft denn hier sonst mit einem “Runnover”-T-Shirt herum? Auch die Figur ist unverwechselbar. Ich rufe. Nichts. Nochmals rufe ich. Wieder nichts. Ich verfolge ihn, rufe noch einmal. Er ist so überrascht wie ich, fragt, wo ich herkomme. Von hinten. Wir beide klagen uns unser Leid und ich sage ihm, er muss mich ziehen. Eine kurze Weile laufen wir Seite an Seite, dann sage ich ihm, er soll vorlaufen, ich könne nicht mehr.

Ich möchte ihn nicht aufhalten. Denn ich bin mir fast sicher, nicht durchlaufen zu können. Ohne kurze Gehpausen traue ich mir den Weg ins Ziel nicht zu. So sehe ich Nils langsam davonziehen. Laufe ich, komme ich näher. In den Gehpausen wächst die Lücke. Irgendwann verliere ich ihn aus dem Blick. Da sind wir allerdings schon dicht am Ziel. Richtig gut geht es hier keinem mehr. Ich bekomme mit, wie ein Läufer seinen Begleitern zuruft „nie wieder“!

Der letzte Kilometer - ich bin gezeichnet
Der letzte Kilometer – ich bin gezeichnet

Ich weiß nicht, wie oft ich gehe. Als es unter der Augustusbrücke hindurch geht, steigt die Fahrbahn an. 41 Kilometer habe ich geschafft und dann sehe ich Sylvie. Oder doch nicht? Sicher bin ich nicht, bis ich näher komme. Sie hat ein paar andere Frauen animiert, mich ebenfalls anzufeuern. Mehrmals höre ich meinen Namen. Das war während des gesamten Laufs nicht der Fall. Anders als ich es kenne, steht auf der Startnummer kein Name. Nils erkennt darin später auch einen Vorteil. Hört man seinen Namen, weiß man, dass da jemand steht, den man kennt.

Ein bisschen Freude im Gesicht
Ein bisschen Freude im Gesicht

Ich bin komplett im Eimer und nachdem ich erkannt habe, dass ich nicht unter 3:20 Std. bleiben werde, kann ich mich nicht mehr quälen. Obwohl es nur noch gut 400 – 500 Meter bis zum Ziel sind, gehe ich ein letztes Mal. Ein allerletztes Aufraffen, auf die Zielgerade. Ich höre, wie ich angekündigt werde, dass ich nur noch 300 Meter vor mir habe. Irgendwoher kommt ein letztes Fünkchen Energie. Vielleicht die Aussicht auf das nahende Ende, darauf, stehen bleiben zu dürfen. Einen Läufer kassiere ich noch auf den letzten Metern. Es ist der, der wenige Minuten zuvor seinen Begleitern noch zugerufen hat: “Nie wieder.” Dann ist es endlich vorbei. 3:21:10.

Rund drei Minuten schneller als in Hamburg! Ich bin froh. Ich bin zufrieden und spätestens als ich Nils sehe und das erste alkoholfreie Bier trinke, beginnen die Qualen schon zu verblassen, bis ich die Treppen zum ICC hinaufsteigen will und die Schmerzen mich jäh daran erinnern.

Meine besten Ergebnisse im Marathon

Stand: 21.10.2018

Die Bilder des Laufes

Der Lauf im Detail

4 Kommentare zu “Lauf schneller, wir haben Hunger! Neue Bestzeit beim 20. Piepenbrock Dresden-Marathon 2018

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