Geliebäugelt hatte ich mit einem Start beim Benther-Berg-Lauf schon länger. Schließlich nahm ich auch in den beiden vergangenen Jahren teil und mag die familiäre Veranstaltung am Fuße des Benther Bergs, der streng genommen mehr ein Hügel ist. Doch ist man rund um Hannover eben auch keine alpinen Höhen gewöhnt. Meinen endgültigen Entschluss zur Teilnahme fasste ich dann aber doch erst am Vortag des Laufs und konnte am Ende von Glück reden, mich überhaupt noch vor Ort nachmelden zu können.

Die Anreise hatte wegen gesperrter Straßen unerwartet lange gedauert und selbst die Nachmeldefrist war im Grunde schon verstrichen, als ich endlich in der Halle am Sportplatz ankam. Dann verbummelte ich auch noch fast den Start, indem ich aufmerksam die Startlisten durchforstete, dabei aber die Startzeit aus den Augen verlor.

Gerade noch rechtzeitig machte ich mich mit einer kleinen Meute von etwas weniger als 90 Startern auf die durchaus anspruchsvolle Strecke, die drei Mal um einen Teil des Höhenzuges führt. Prunkstück ist sicherlich der Anstieg auf der Nordseite. Hier geht es auf 600 Metern Länge gut 30 Höhenmeter hinauf. Über 10 % beträgt die Steigung auf den steilsten Abschnitten.

Aber auch der Start hat es in sich: Nach etwa 0,5 km steigt die Strecke jäh an und es gilt in kürzester Zeit etwa 50 Höhenmeter zu überwinden. Das treibt den Puls sofort in Höhe. Ich hatte mir vorgenomme vorne mitzulaufen. Das harte Training der letzten Wochen hatte mich ermüdet, aber ich war mir trotzdem sicher, eine gute Leistung abrufen zu können. Und in der Tat schien zunächst alles bestens zu laufen. Ganz vorne startend, komme ich an dritter Stelle liegend ich aus dem ersten langen Anstieg. Am höchsten Punkt führt die Strecke nach Südosten und umrundet den Höhenzug dann auf der Südseite. Meine Pace liegt trotz der vielen kleinen Steigungen zwischen 4:10 Min. und 4:20 Min. pro Kilometer und auch die nächste fiese Steigung an der südwestlichsten Ecke des Benther Berges, der sog. Sonnenhang, bremst mich nur kurzfristig. Weil die Strecke einen 90-Grad-Linkskurve beschreibt, sehe ich, dass reichlich andere Läufer in nicht allzu großem Abstand folgen.

Ich halte das Tempo hoch. Dennoch werde ich an vierter Stelle liegend kurz vor dem Erreichen des großen Anstiegs von einem weiteren Läufer eingeholt. Leicht empört denke ich, dass er nicht aussieht wie ein Läufer. Seine Kleidung ist nicht “szenekonform”. Trotzdem geht er an mir vorbei. Aber nicht lange: Kaum ist er an mir vorbei, geht es rechts hinauf auf den Benther Berg. Die Strecke steigt gleich zu Beginn furchterregend an, flacht dann im mittleren Teil ab und wird zum Ende hin nochmals steiler. Genau in der Mitte beschleunige ich meine Schritte. Ich nehme wahr, dass der Läufer, der mich gerade überholte, angeschlagen wirkt und nutze dieses Stück, um das Tempo zu verschärfen. Er versucht nicht einmal zu folgen und ich grinse in mich hinein.

Ein Hochgefühl durchströmt mich, das im Laufe der zweiten Runde dann aber der Erschöpfung weicht. Auf der Südseite werde ich erneut eingeholt! Jedoch sind es nur die 10-km-Läufer, die nach uns ins Rennen gegangen sind. Immer wieder gehen Läufer an mir vorbei und ich bin nicht sicher, wer eventuell zu den Halbmarathonläufern zählt. Sicher sein kann ich mir diesbezüglich erst nachdem es zum zweiten Mal die große Steigung hinauf geht. Ich bin deutlich weniger leichtfüßig als beim ersten Durchgang, schaffe es aber und bezwinge sie erneut. Als Dank werde ich oben angekommen überholt. Zwei Läufer gehen an mir vorbei und ich falle auf Rang sechs zurück. Nur an der Verpflegungsstation kann ich kurz wieder zu einem der Läufer vor mir aufschließen, weil dieser sich eine Trinkpause gönnt. Ich selbst winke ab und laufe weiter. Ich habe meine eigene Flasche dabei, aber ich habe das Gefühl, eh nicht gut trinken zu können. Zu hoch ist mein Puls. Andererseits schwitze ich schon seit Beginn stark und könnte Flüssigkeit gut vertragen. Klassischer Fall von falscher Kleidung. In Erwartung eines kalten Morgens habe ich ein Winteroberteil aus dem Kleiderfach gegriffen, nur um von sonnigen Spätsommertemperaturen überrascht zu werden.

Ich beiße mich durch die dritte Runde. Zwischenzeitlich flammt mal der Gedanke auf, einfach stehen zu bleiben. Hinter dem Sonnenhang geht mein Blick in Banger Erwartung zurück. Die nachfolgenden Läufer sind nicht unmittelbar hinter mir, aber ich habe auch keinen komfortablen Vorsprung. Dazu werden meine Kilometerzeiten immer schlechter. Es ist nicht daran zu denken, einen der vor mir Platzierten einzuholen. Es kann für mich nur noch darum gehen, nicht weiter zurückzufallen.

Normalerweise laufe ich Rennen nicht wegen der Platzierung, aber hier, wo ich wegen des profilierten Geländes kein konkretes Zeitziel habe und eine Bestzeit ohnehin außer Frage steht, ist das anders. Bei der ersten Teilnahme überraschte ich mich selbst mit einem 6. Gesamtplatz. Und das ist auch das Minimalziel für heute. Dazu darf mich aber kein Läufer mehr überholen. Wenn ich mich nicht verzählt habe. Das Unvermeidliche passiert schätzungsweise zwischen Kilometer 18 und 19. Ich hatte es gespürt und natürlich auch gehört. Die näherkommenden Schritte, das Atmen. Im Vorbeilaufen muntert mich der Läufer auf, bald ist es geschafft. Gott sei Dank, denke ich.

Dann wartet der Anstieg zum dritten Mal. Ich resigniere. Hinter mir ist ein weiterer Läufer, der mich eingeholt hat. Fast zumindest. Dennoch versuche ich diesmal gar nicht erst, den Anstieg zu laufen, ich gehe, um meine Kräfte einigermaßen zu schonen. Ich habe Angst, dass ich auch noch die letzten paar Prozent verpulvere, wenn ich jetzt um jeden Preis hinauflaufe. Überholen lassen will ich mich trotzdem nicht, den siebten Platz will ich verteidigen. Im Gegensatz zu mir läuft mein direkter Verfolger. Ohne mich umzudrehen, höre ich ihn näherkommen, warte, bis er nur noch Meter hinter mir ist und beginne nun selbst wieder zu laufen. Ich hoffe, dass er sich übernommen hat und ich mich gleichzeitig genügend erholt. Ich drücke – so weit ich das noch vermag – auf die Tube, aber übernommen hat sich der Sportsfreund nicht. Wilde Anfeuerung der Streckenposten lässt mich ahnen, dass mir da ein Lokalmatador im Nacken sitzt. Er wird zwar nicht gerade durch Massen von Zuschauern angetrieben, aber ein wenig Extramotivation bringt er mit, so viel ist klar.

Er ist definitiv in der günstigeren Position: Er weiß, dass ich gehen musste und offenbar hat ihn der Anstieg nicht klein gekriegt. Jetzt ist er außerdem hinter mir, kann mich also beobachten. Mir bleibt keine Chance, als möglichst schnell zu laufen. Nur wenige Meter trennen uns und ich habe ernsthaft Schmerzen. Warum zieht sich das nur so? Als wir den Salinenhang hinunterlaufen und auf die geteerte Straße einbiegen, die am Fuße des Berges liegt, bin ich mir sicher, dass ich meine Position verlieren werde.

Zu meiner Überraschung aber bleibe ich vorne. Das Ziel ist jetzt mehr als nur eine Ahnung, ich kann es sehen. Das Tempo hoch halten! Es ist nur ein Gefühl, das mir sagt, mein Kontrahent hat aufgegeben. Ich drehe mich nicht um und nehme die letzten Meter auf dem Sportplatz, wo ich hinter der Ziellinie ziemlich angeschlagen verschnaufen muss. Der Fotograf indes scheucht mich ungeduldig weg. Er möchte den Läufer hinter mir aufs Korn nehmen, den “local hero”. Es handelt sich um einen Läufer aus der Altersklasse M55, erfahre ich später, und als ich mich nach Atem ringend umdrehe, schäme ich mich fast für meinen Kampf gegen den Älteren und darüber, das ich ihm seinen Erfolg nicht gegönnt habe.

Richtig zufrieden bin ich nicht. Zu schmerzhaft war der Lauf, zu sehr habe ich mich anstrengen müssen, zu viel hatte ich von mir erwartet. Später stellt sich heraus, dass ich eine um wenige Sekunden bessere Zeit erreicht habe als in den Jahren zuvor, auch wenn es nicht zum sechsten Platz gereicht hat.. Zudem habe ich das Rennen in meiner Altersklasse als Dritter beendet. Das stimmt mich dann doch versöhnlich.

Statistik zum 17. Benther-Berg-Lauf 2018

Die Bilder des Laufes

Der Lauf im Detail