Weil es zehn Minuten später losgeht und wir in der Kälte bei Temperaturen um die 0 °C frieren, wärmen wir uns noch ein paar Minuten im Vereinsheim des TSV Lelm auf. Und da wir sonst nichts zu tun haben, studieren wir noch einmal das Streckenprofil. Dabei wird mir plötzlich klar: Gleich nach dem Start geht es tüchtig bergan und nach kurzem Abstieg kontinuierlich wieder hinauf bis zur “Hölle”. In der Vorbereitung auf den Wettkampf hatte ich mir das Profil nie so genau angesehen, nur der “Hölle” genannte Anstieg kurz vor Ende des Rennens war bei mir hängen geblieben. Er war einer der Gründe für die Anmeldung gewesen. Die Herausforderung des knackigen Anstiegs hatte mich gereizt. Der Veranstalter hatte den Anstieg werbewirksam ins Schaufenster gestellt, offenbar so sehr, dass ich der übrigen Strecke überhaupt keine Aufmerksamkeit gewidmet hatte.

Jetzt dämmert mir, dass das heute unter Umständen kein Spaß wird. Dass es keine Bestzeit werden wird, so viel war klar. Rund 450 Höhenmeter soll man auf der Halbmarathon-Strecke sammeln. Zu viel, um die 1:27 Std. zu knacken, die ich dieses Jahr in Kiel gelaufen bin. Auf spontane Nachfrage von Nils hatte ich eine 1:35 Std. als Ziel geäußert. Jetzt bin ich mir dessen nicht mehr so sicher.

Es wird Zeit, wir begeben uns zum Start. Es ist eng im Startbereich und eng wird es auch auf den ersten Metern der Strecke werden. Dann müssen alle Starter auf einem Fahrradweg zwischen Sportplatz und Straße laufen. Durch die vorherigen Starts ist die Oberfläche dort nicht mehr mit Schnee bedeckt, sie besteht aus einem morastig-schlüpfrigen Etwas. Der Moderator führt gerade noch ein Interview mit Valentin Harwardt, dem Inhaber des Streckenrekordes. Fabelhafte 1:15 h hat er für die Strecke benötigt. Heute wird er nur zweiter werden und sein Streckenrekord um zwei Minuten verbessert.

Dann kommt die Mahnung, dass die langsamen Läufer sich bitte hinten positionieren mögen. Ich bin mir nicht sicher, wo ich am besten aufgehoben bin. Grundsätzlich stehe ich lieber ein Stück weiter hinten. Zurückhaltung! Wer weiß, wie gut die anderen sind. Vielleicht auch falsche Bescheidenheit. Aber immer noch besser als im Weg zu stehen. Wir reihen uns im ersten Drittel des Starterfeldes ein und allen Mahnungen zum Trotz befinden sich reichlich Läufer vor mir, die sicher nicht unter zwei Stunden bleiben werden und es ist praktisch unmöglich auf dem schmalen Weg an ihnen vorbei zu laufen. Heute ist es egal, weil meine Bestzeit nicht fallen wird und ich mit dem Sieg auch nichts zu tun haben werde. Es geht also nicht um Sekunden. Nur ums Prinzip.

Mit dem ersten Rechtsknick geht es dann hinauf. Der Weg wird breiter und das Feld sortiert sich langsam. Ich reihe mich hinter einer Läuferin ein, von der ich glaube, dass sie um den Sieg in der Damenkonkurrenz mitläuft, wenn ich mich nicht verhört habe. Ich bin es nicht gewohnt, steile Anstiege zu laufen und hier die richtige Dosierung zu finden, fällt mir schwer. Es dauert also, bis ich das richtige Tempo finde. Auf den ersten knapp zwei Kilometern geht es fast 100 Höhenmeter hinauf. Danach folgt ein rasanter Abstieg zum tiefsten Punkt der Strecke. Unweigerlich beschleunige ich und laufe auf dem dritten Kilometer eine 3:48 Min/km. Genauso unweigerlich geht es nun auch wieder bergauf. Zunächst bis auf ein Plateau, an das sich ein kurzer Abstieg anschließt, dann folgt der Abschnitt, den ich seit der Lektüre des Höhenprofils vor nicht einmal einer halben Stunde allzu präsent vor Augen habe: Ab Kilometer sechs geht es bis Kilometer 14 von 158 auf 325 m über dem Meeresspiegel.

Psychologisch macht mir das in diesem Augenblick zu schaffen, aber ich versuche, mich nicht zu sehr in den Gedanken hinein zu steigern. Der schneebedeckte Wald lenkt mich ab. Was aber noch besser hilft: Ich fokussiere mich auf die vor mir platzierten Läufer. In meinem Sichtfeld sind es vier oder fünf. Peu a peu nähere ich mich ihnen auf dem Weg den Berg hinauf und überhole alle bis auf einen. Da meine Blase schon seit Minuten drückt, kann ich nach acht Kilometern nicht anders als kurz auszutreten. Das gibt einem der überholten Läufer die Gelegenheit, mich wieder einzuholen. Doch das ist nicht von Dauer. Ich fühle mich gut und setze mich erneut vor ihn.

Etwa bei Kilometer zehn erreiche ich ein Plateau. Hier gabelt sich der Weg. Links geht’s Richtung Drachenberg und Ziel, geradeaus zur Wendemarke. Auf diesem ca. eineinhalb Kilometer langen Stück kommen mir die schnelleren Läufer bereits wieder entgegen. Es sind nicht viele, doch sind sie so weit voraus, dass sie praktisch uneinholbar für mich sind. Dann muss ich halt mein eigenes Rennen laufen und versuchen, mich nicht überholen zu lassen. Lediglich ein in auffälliges Orange gekleideter Athlet ist noch in Reichweite. Die Wendemarke hat den Vorteil, dass man ohne den nach Schwäche aussehenden Blick über die Schulter feststellen kann, wie weit man vor dem nächsten Verfolger liegt. Mein Vorsprung? Komfortabel.

Am Ende des Plateaus kommt mir unter vielen Läufern auch Nils entgegen. Er blickt mich entgeistert an und ich rufe ihm zu, was es mit dem Streckenabschnitt auf sich hat. Er sieht frisch aus, denke ich, muss aber schon mehr als zwei Kilometer hinter mir liegen. Später wird sich herausstellen, dass es ihm gar nicht gut geht. Den Verpflegungsstand am Abzweig zum Drachenberg lasse ich links liegen, dann geht es hinab. Im Kopf habe ich die restliche Strecke in Häppchen eingeteilt: 14 – 17 – Berg – Ziel. Obwohl es bergab geht, zügele ich mich etwas. Ich kann den Läufer in Orange immer noch sehen und spüre, dass ich aufhole. Ich laufe weiterhin kontrolliert, will Reserven aufsparen für den Anstieg, der noch kommt, für die “Hölle”.

Erstmals kommen wir nach 16 Kilometern auf Asphalt. Einige wenige Zuschauer haben sich hier vor einer Gaststätte versammelt. Der Läufer vor mir rückt immer näher und ich halte den Zeitpunkt für gekommen, ihn jetzt – kurz vor dem Berg – stehen zu lassen.

Die “Hölle” beginnt mit mahnenden Worten eines Fotografen, dem ich ein Lächeln schenke: “Jetzt geht’s zur Sache.” Danke, den Hinweis habe ich gebraucht. Mir ist mulmig im Angesicht der 100 Höhenmeter, die auf dem nächsten Kilometer auf mich warten. Ich rede mir ein, ein einigermaßen guter Läufer am Berg zu sein, aber mangels Bergen in der Umgebung habe ich damit praktisch keine Erfahrungen. Ich drossele das Tempo. Nein, der Berg drosselt mich. In kurzen Schritten nehme ich den Aufstieg in Angriff. Schon früh drängt sich der Gedanke auf, ich könnte ja ein Stück gehen, das Gefühl, der gerade überholte Läufer würde wieder aufschließen, entkräftet mich. Aber ich trabe weiter, beiße mich fest an den Schildern, die den Hang empor die Strecke säumen: “Wo Schmerz ist, ist noch leben.”, steht auf einem von ihnen. Ich sage mir, dass der Anstieg nur einen Kilometer lang ist und es danach nur noch bergab geht. Je weiter ich hinauf komme, desto größer wird die Zuversicht. Der Läufer hinter mir fällt zurück und ich kann sogar einen weiteren Läufer vor mir ausmachen, der gezwungen ist, am Hang zu gehen.

Der Weg beschreibt eine Linkskurve und ich höre Getöse jenseits davon. Anstatt der erwarteten Zuschauer stehen hier aber nur zwei Helfer und beschallen den Hang. Aufmunternd rufen sie mir zu, dass es nur noch hundert Meter sind. Langsam werde ich blau, doch schaffe ich es hinauf. Oben angekommen werde ich am Verpflegungspunkt gefragt, was ich brauche. “Sauerstoff”, ist meine gehechelte Antwort. Dass es nicht sofort bergab geht, nimmt mir kurz den Wind aus den Segeln. Ich merke, wie schwer meine Beine sind und ich habe Mühe wieder in ein zügiges Lauftempo zu kommen.

Doch dann kann ich gar nicht anders als schnell laufen. Es geht merklich hinab und die Schwerkraft beschleunigt mich auf Zeiten, die ich bei meiner persönlichen Bestzeit in Kiel zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage zu laufen war: 3:52 für Kilometer 20, 3:42 für Kilometer 21. Und trotzdem zieht der Läufer vor mir immer weiter davon. Da die Lücke nach hinten auch immer größer wird, laufe ich relativ entspannt dem Ziel entgegen. Ich muss jetzt nur noch aufpassen, nicht über ein unter dem Schnee verdecktes Schlagloch zu stolpern.

Das ganze Rennen über habe ich nicht auf meine Zeit geschaut, nur ab und zu den Herzschlag kontrolliert. Und so vermeide ich auch bis zum Zielbereich den Blick auf die Uhr, lasse mich überraschen und erst der Ruf einer Zuschauerin verrät mir, ich liege auf Kurs 1:36 Std.. Das bestätigt die Uhr über dem Zieleinlauf. Knapp unter 1:37 Std. komme ich ins Ziel, wo mir einer der Organisatoren ein Mikrofon vor die Nase hält und mich dazu beglückwünscht, Dritter in meiner Altersklasse geworden zu sein. Zufrieden begebe ich mich zu den Zuschauern, um den weiteren Finishern zu applaudieren. Vor allem warte ich auf Nils, der mit dem Ziel ins Rennen gegangen ist, unter zwei Stunden zu bleiben. Das sollte er locker schaffen. Doch Minute um Minute vergeht. Es vergeht so viel Zeit, dass ich mir schon ernstlich Gedanken mache, als er doch noch kommt. Zwei Stunden und vier Minuten braucht er aufgrund von Magenproblemen und ist einfach nur froh im Ziel zu sein.

Statistik zum 5. Elm-Advents-Halbmarathon 2018

Die Bilder des Laufes

Der Lauf im Detail