Muffensausen, begeisternde Zuschauer und eine spinnende Uhr – Münster Marathon 2021 – 80er-Kind

Muffensausen, begeisternde Zuschauer und eine spinnende Uhr – Münster Marathon 2021

Für einen Moment steigen mir Tränen in die Augen, als ich mich im Ziel an die Absperrung lehne. Ich bin völlig im Eimer und die Emotionen überrennen mich, ein Cocktail unterschiedlicher Gefühle. Gleichzeitig bin ich stolz, enttäuscht, erschöpft und erleichtert. Bevor ich alles sortieren kann, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter und mir wird ein Becher Cola in die Hand gedrückt. Toni hat im Ziel auf mich gewartet und unterbricht mein Gedankenkarussell. Fest steht für mich in diesem Moment nur: Ich habe mein gestecktes Ziel zwar erneut recht deutlich verfehlt, lange kämpfen müssen, aber einen unheimlich tollen Lauf mit einem fantastischen Publikum erlebt.

Frühstück: Punkt 7 Uhr

Um Punkt 7 Uhr stehe ich vor dem Frühstücksraum, eigentlich zu spät, wenn man den allgemeinen Empfehlungen zur Verpflegung vor dem Marathon Glauben schenkt. Drei Stunden sollten zwischen der letzten Mahlzeit und dem Startschuss liegen. Das wird wohl nix. Frühstück gibt es in meinem Hotel sonntags erst ab 7 Uhr. Zur Not hätte ich Porrige dabei, aber wo ich das Frühstück doch bezahlt habe, möchte ich es auch in Anspruch nehmen. Wird schon keine Probleme machen, wenn ich etwas später esse als empfohlen. So konnte ich wenigstens etwas länger schlafen. Apropos: Mann, habe ich schlecht geschlafen. Der Fahrstuhlschacht direkt an meiner Zimmerwand, Flurtür und Nervosität haben mich immer wieder aus dem Schlaf schrecken lassen.

Der Streckenverlauf des Münster Marathon 2021
Der Streckenverlauf des Münster Marathon 2021

In den letzen 14 Tagen habe ich ohnehin kalte Füße bekommen, was den Lauf betrifft, habe ernstlich darüber nachgedacht, den Startplatz verfallen zu lassen. Ich erkläre es mir so: Es ist die Angst davor, meinen eigenen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Zum Glück habe ich mich doch zum Start durchgerungen und inzwischen bin ich einigermaßen guter Dinge. Ob es eine Bestzeit wird, wird erst der Rennverlauf zeigen. Jetzt geht es erst einmal darum, die Tanks aufzufüllen und mich mental auf den Start vorzubereiten. Ich bin wegen des bevorstehenden Laufs derart fahrig, dass ich mir mit dem Brötchenmesser so in den Finger säbele, dass es blutet, bringe den Rest des Frühstücks aber unfallfrei hinter mich.

Kleines Malheur beim Frühstück
Kleines Malheur beim Frühstück

Ich habe fest eingeplant, dass ich direkt am Start auf dem Schlossplatz parke, komme aber zu spät, obwohl es erst 8:15 Uhr ist. Der Platz ist restlos belegt, teilt mir einer der Ordner mit. Als Alternative weiche ich in eine Seitenstraße aus. Weil sich jetzt schon abzeichnet, dass es warm werden wird, lasse ich die Arm-Sleeves gleich im Auto, mir ist schon ohne warm genug. Argwöhnisch hatte ich den Wetterbericht in den letzten Tagen im Auge behalten. Bis zuletzt waren mäßige Temperaturen vorhergesagt worden, Tendenz steigend. Jetzt ist der Himmel blau und von Bewölkung kaum eine Spur. Das kommt mir nicht entgegen. Je kühler es ist, desto besser fühle ich mich. Ich bin schon die halbe die Straße runter, da fällt mir auf, dass ich meine Maske im Auto liegen lassen habe. Es herrscht Maskenpflicht im Start- und Zielbereich. Darauf wurde ich gestern beim Abholen der Startunterlagen explizit hingewiesen. Ohnehin dürfen nur Starter teilnehmen, die einen 3-G-Nachweis führen.

Anfangseuphorie nach Start mit Maske

Obligatorisches Pre-Race-Foto vor dem Schloss in Münster
Obligatorisches Pre-Race-Foto vor dem Schloss in Münster

Fünfzehn Minuten vor dem Start bin ich da, zu spät für das Foto mit den Botschafter-Kollegen, aber wenigstens rechtzeitig zum Lauf. Für ein kurzes Foto vor dem Schloss genügt die Zeit noch, dann gehe ich in meinen Startblock. Es wird in Wellen gestartet, soll heißen: Zwischen den einzelnen Blöcken wird 90 Sekunden gewartet. Ich starte im dritten Block, also drei Minuten nach der offiziellen Startzeit. Im Startblock stehend, wächst bei mir die Nervosität. Gleichermaßen aber die Zuversicht. Mein Gefühl ist aktuell gut, ich freue mich überhaupt riesig, dass es endlich wieder einen Lauf dieser Art gibt. Mit Massenstart und Zuschauern und allem Drum und Dran. Das ist doch eine der tollsten Seiten des Laufens!

Laufen in Zeiten von Corona
Laufen in Zeiten von Corona

Um 9:03 Uhr starte ich meine Uhr und begebe mich auf die Reise, hoffentlich hin zu einer neuen Bestzeit. Daran ist jetzt aber noch nicht zu denken. Zunächst laufen wir durch die Innenstadt und überqueren die Aa gleich doppelt. Da ich mich trotz meines ausgedehnten Spaziergangs gestern Abend in Münster nicht auskenne, treibe ich mehr oder weniger orientierungslos durch die Stadt und lasse alles auf mich zukommen. Den Streckenverlauf habe ich nur grob im Kopf und weiß, dass es nach einiger Zeit aus der Stadt hinausgehen wird. Ich bin erfreut, wie viele Leute an der Strecke stehen, das euphorisiert mich und ich bin schon nach kurzer Zeit vor den Pacemakern. Als ich noch in der Traube der Läufer rund um die Pacemaker gelaufen bin, kündigte uns ein Moderator mit den Worten an, dass man für einen 3:15 Std.-Marathon einen Schnitt von 4:38 min/km laufen muss, solche Läufer muss man erst einmal finden. Das schmeichelt. Trotzdem sage ich laut vor mich hin: 4:37 min/km. Andernfalls hätte ich meine Wunschzeit schon in Mainz abgehakt.

Für heute mir eine offensive Taktik zurechtgelegt und wollte den Lauf in einem 4:30er-Schnitt angehen. Um meine gewünschte Zeit zu knacken, bräuchte es – wie erwähnt – einen 4:37er-Schnitt. Ich will einerseits einen Puffer, andererseits soll ich laut letzter Prognosen von Uhr und Analysesoftware mehr können als 3:15 Std. So bin ich denn die ersten Kilometer fast permanent schneller unterwegs, schneller sogar als die anvisierten 4:30 min. Es fühlt sich einfach gut an, es ist kein Vergleich zu den Tempodauerläufen in der Vorbereitung. Heute macht mir das Tempo nichts aus und ich habe das Gefühl, jederzeit zulegen zu können. Natürlich weiß ich, dass diese Euphorie trügerisch und der Marathon noch lang ist. Schlechte Erfahrungen habe ich schon reichlich gemacht. Aber ich fühle mich wirklich glänzend und wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Nachdem wir das Kreuzviertel durchlaufen haben, nähern wir uns wieder der Innenstadt und kommen dort nach etwa 9 km an. Meine Uhr zeigt mir für den letzten Kilometer eine Zeit von 3:50 min/km. Das kann nicht sein! Glauben möchte ich es gerne. Das ist mein Wunschtempo auf 10 km und normalerweise laufe ich das nicht „zufällig“. Es muss ein Messfehler sein. Oder bin ich doch so voll Adrenalin, so gut drauf, dass ich ohne es zu merken einen Kilometer unter vier Minuten gelaufen bin? Ich bin unschlüssig. In der Vorbereitung ist es mir tatsächlich gelegentlich passiert, dass ich meine Intervalle so schnell angegangen bin, dass ich plötzlich sub 4 min gelaufen bin. Aber das ist was anderes. Heute habe ich schon acht Kilometer hinter mir, mein Tempo also grundsätzlich gefunden. Aufgefallen ist mir, dass meine Uhr von den offiziellen Kilometerschildern abweicht. Sie ist einigermaßen früh dran, wenn sie mir den nächsten vollen Kilometer signalisiert. Das spricht für einen Messfehler.

Bei der offiziellen 10-km-Zwischenzeit verpasse ich es, meine genaue Zeit zu nehmen. Auch weil ich mir nicht bewusst bin, dass es die 10-km-Durchgangszeit ist. Laut meiner Uhr bin ich schon einen halben Kilometer weiter. Vielleicht, so denke ich, wird hier auch die Zwischenzeit bei 10,5 km genommen. Ich messe der Uhr also keine große Bedeutung bei. Zumal ein auf der Strecke laufendes Kind mich ablenkt. Die Moderatorin auf der kleinen Bühne ist offensichtlich auch irritiert, was das Kind hier so alleine macht, bekommt aber keine Antwort auf ihre Frage, die sie über ihr Mikrofon stellt.

Dynamischer Schritt nach 10 km
Dynamischer Schritt nach 10 km

Dusche fürs iPhone und eine spinnende Uhr

Weil es inzwischen wirklich warm ist, benetze ich mich immer beherzter mit dem gereichten Wasser. Als ich mir erstmals einen kompletten Becher über den Rücken gieße, fällt mir ein, dass dort in der Tasche des Startnummernbandes mein iPhone steckt. Wie dämlich ich doch bin! Für den Moment kann ich sowieso nichts ändern und laufe einfach weiter in der Hoffnung, dass das Wasser nicht in die Tasche vorgedrungen ist oder es zu wenig Wasser war, um dem Gerät zu schaden. Später wird sich zeigen, dass meine Gedankenlosigkeit keine Folgen für das Gerät hat.

Als wir am Aasee ankommen, wird mir klar, dass mit meiner Uhr ganz gehörig etwas nicht stimmt. Das Signal für den 11. Kilometer kommt, da ist das Schild noch ein kaum erkennbares Etwas am Streckenrand. Als ich am Schild ankomme, stoppe ich eine manuelle Runde. Dadurch sollte jetzt alles wieder im Lot sein. Durch das manuelle Stoppen kann ich später feststellen, dass die Abweichung auf meiner Uhr zu diesem Zeitpunkt bereits 340 Meter betrug. Das sind Welten!

Schwungvoll - bis Kilometer 28
Schwungvoll – bis Kilometer 28

In der Nähe der Torminbrücke höre ich eine Frau ihre Begleiter fragen, wie weit so ein Marathon eigentlich ist. Weit! Und mit jedem Kilometer kommt es einem weiter vor. Das ist ein Phänomen, das ich immer wider spüre und nachdem, was ich von anderen so lese und höre, bin ich nicht allein damit. Und auch heute bewahrtet sich meine Erfahrung. Nachdem die Kilometer bis hier wie im Flug vergangen sind, werden sie jetzt – subjektiv zumindest – länger. Zwischen Kilometer 17 und 18 verspüre ich dann erstmals, wie es mir schwerer fällt, das Tempo aufrecht zu erhalten. Der Aasee ist hinter mir und langsam verlasse ich Münster Richtung Gievenbeck. Schon vorher war die ganz große Euphorie verflogen, aber jetzt spüre ich erstmals einen echten Dämpfer. Zum Glück nur kurz, dann geht es wieder. Vielleicht war es die kleine, kaum wahrnehmbare Steigung, vielleicht hat sich kurz der Kopf gemeldet. Es zeigt mir auf jeden Fall, wie schmal der Grat ist, auf dem ich mich bewege. Ein Läufer, dem ich mich von hinten nähere, ist bereits zum Gehen gezwungen. Es soll mir eine Warnung sein.

Kilometer 28 – Das Ende der Träume

Kurz bevor die Hälfte der Strecke geschafft ist, wartet nach einem Rechtsknick eine Autobahnbrücke. Das geht gut in die Beine, dafür ist die Strecke allerdings ansonsten ziemlich eben. Den Halbmarathon schaffe ich nach 1:35:01 Std., ich bin also seit der offiziellen 10-km-Zwischenzeit nur marginal langsamer geworden. Das realisiere ich während des Laufs aber gar nicht, ich bin zu sehr mit mir beschäftigt und mir genügt das Wissen, dass praktisch alle meine Kilometer bis hierher schneller waren als geplant. Geht das so weiter, komme ich ohnehin mit einer Traumzeit ins Ziel. Aber bis hier war es alles nur Vorspiel. Ernst wird es erst jenseits der 25 km. Dementsprechend sage ich mir, dass ich die Pace möglichst lange halten will. Je länger, desto besser. Meine Uhr ist derweil schon wieder vorgelaufen und erneut einige hundert Meter voraus.

Die Strecke führt durch Nienberge und als ich nach beinahe 24 km aus dem Ort ins schöne Münsterland laufe, spüre ich leichten Gegenwind. Wortwörtlich und im übertragenen Sinne. Es ist nicht viel, aber dennoch merke ich den zusätzlichen Kraftaufwand, den ich brauche. Es ist wahrscheinlich nicht nur der Wind. Ich habe jetzt echt zu tun, um das Tempo zu halten. 25 km. Hier ist ein Verpflegungspunkt an einer Wasserburg, Haus Vögeding. Ich bin nicht mehr in der körperlichen Verfassung, die Sehenswürdigkeiten ausreichend zu würdigen. Dafür müsste ich außerdem langsamer unterwegs sein. Und auch für Verpflegungspunkte nehme ich mir nicht immer Zeit, trinke aber regelmäßig Wasser. Von meinen Gels habe ich erst zwei genommen, tue mich schwer damit. Je schneller ich unterwegs bin, desto größer sind meine Probleme mit der Verpflegung.

Das eingeschlagene Tempo halte ich noch drei Kilometer und liege bei Kilometer 29 erstmals unter meinem Plan. Jetzt geht es los, die Sache wird ernst. Gestern Abend habe ich herumgerechnet, welchen Puffer ich bräuchte, um bei einem eventuellen Tempoverlust auf den letzten Kilometern noch eine Bestzeit zu laufen. Bei der 30er-Marke beginnt das Rechnen. Der Schnitt meiner Uhr foppt mich: Ich begreife nicht, dass ich mich nicht auf die Durchschnittspace verlassen kann. Die Berechnung beinhaltet die inzwischen fast auf einen Kilometer angewachsene Differenz zwischen offizieller Distanz und der durch meine Uhr gemessenen. Dadurch scheint mein Schnitt wesentlich besser als er es faktisch ist. Und auch bei der zweiten Messgröße lasse ich mich in die Irre leiten. Anstatt die verstrichene Zeit bei einem offiziellen Kilometerschild zu prüfen, nehme ich einen von der Uhr gemessenen Kilometer als Orientierung. So komme ich zu der Erkenntnis, dass ich für 31 km eine Zeit von 2:20 Std. benötigt habe, runde großzügig auf 32 km auf und errechne grob, dass ein Schnitt von etwas unter 5:30 min/km auf den verbliebenen Kilometern ausreichen könnte, um Bestzeit zu laufen. Einiger Schwächen in der Rechnung bin ich mir bewusst, aber als grobe Orientierung erscheint es mir für den Moment halbwegs plausibel.

Rechenkünste und der lange Weg zurück nach Münster

Dass ich damit viel zu optimistisch bin, wird mir keine zwei Kilometer später brutal vor Augen geführt. Die Pace-Maker mit Zielzeit 3:15 Std. holen mich nach 33 km ein und ich habe nicht den Hauch einer Chance, mich an sie zu hängen. Das nimmt mir komplett die Motivation und wirft ein düsteres Bild auf meine Rechenkünste. Im Augenblick ist es schon schwer genug, überhaupt weiterzulaufen, da sind Gedankenspiele bzgl. der Endzeit sowieso Makulatur. Ich wehre mich gegen den Impuls, laufe weiter, wenngleich ich das Tempo weiter drosseln muss. Der nächste Kilometer ist mein erster über 5 Minuten. Und es wird nicht besser. Bis zum Ziel wird keiner mehr unter 5 Minuten liegen. Umso mehr genieße ich den Zuspruch der vielen, vielen Zuschauer. Je schlechter es mir geht, desto aufmunternder empfinde ich die oft persönlichen Ansprachen. Am häufigsten höre ich, dass es nicht mehr weit sei. Gemessen an der Gesamtstrecke trifft das natürlich zu. In meinem Zustand ist jeder Kilometer Qual.

Das Laufen ist jetzt reine Kopfsache. Der Wunsch eine Gehpause zu machen wird mit jeder Minute größer. Klein beigeben möchte ich aber nicht. In meinem ganzen Läuferleben habe ich überhaupt erst einen einzigen Marathon beenden können, ohne gehen zu müssen. Einen Wettkampf, muss man dazu sagen. Im Training bin ich bei gemäßigtem Tempo in diesem Jahr allein zehn Marathons und mehr gelaufen. Ich will heute aber unbedingt durchlaufen und mir eine respektable Zeit ins Ziel retten.

Andere haben sich ihre Kräfte besser eingeteilt und laufen mehr oder weniger frisch an mir vorbei. Andere kämpfen so wie ich und wieder anderen geht es noch schlechter. Nach 37 km überholt mich eine gutgelaunte und offenbar noch halbwegs frische Läuferin: „Das war Kilometer 37, der tut immer weh!“. Das soll aufmuntern. Ein anderer Läufer antwortet, dass die nächsten leider auch weh tun. Recht hat er, es tut ganz schön weh und ich würde Vieles darum geben, wenn jetzt schon Feierabend wäre. Die Zuschauer und mein Willen halten mich am Laufen. In einem Wohngebiet dröhnt Daft Punk aus dem Gettoblaster und ich feiere. Für mich und die Zuschauer. Ich bin überzeugt, es ist ein Geben und Nehmen. Wenn alle Läufer nur teilnahmslos vorbeilaufen, ist das für die, die draußen sitzen und Party machen, doch öde. Also versuche ich, etwas zurückzugeben.

Meine Pace hat sich mittlerweile bei ungefähr 5:30 min/km eingependelt. Das kann ich halten und ist nicht so langsam, wie es sich anfühlt. Beim Laufen ist es wie beim Autofahren, wenn du von der Autobahn kommst. Nach einem Einbruch kommst du dir vor, als würdest du nur noch kriechen. Langsam, ganz langsam kann ich ans Ziel denken und was mich bei Laune hält, ist der Hinweis, den mir Lauffreund Toni noch einen Tag vor dem Start gegeben hat. Auf den letzten Kilometern geht es bergab. Es ist nicht viel, aber das Höhenprofil des Münster Marathons weist tatsächlich ab Kilometer 38 ein leichtes Gefälle auf. Jetzt, im echten Leben, nach drei Stunden Laufen, merke ich es ehrlicherweise nicht. Getragen hat mich der Gedanke als kleine Motivation bis hier trotzdem.

Über den roten Teppich ins Ziel

Die letzten Meter sind hart - Zieleinlauf beim Münster Marathon 2021
Die letzten Meter sind hart – Zieleinlauf beim Münster Marathon 2021

Rechts liegt der Zentralfriedhof. Das hat Symbolcharakter. Ich bin mausetot und die Hoffnungen auf eine Bestzeit ebenfalls. Stören tut mich letzteres gerade nicht sonderlich. Mein Denken kennt nur noch ein Ziel: Durchhalten! Noch einmal gelangt das Läuferfeld an den Aasee, wo jetzt gut was los ist. Stimmung und die Aussicht auf ein baldiges Ende beschleunigen meinen Schritt, bis ich merke, dass mir das nicht gut tut. Ich muss wirklich aufpassen, nicht vollends abzubrennen. Auf den letzten Metern geht es in die Innenstadt zurück, die Zuschauer stehen hier dichter und ich höre bereits die Moderatoren im Ziel. Kinder überholen mich. Sie sind im Rahmen des Kindermarathons einen kleinen Teil der Gesamtstrecke gelaufen und bei weitem frischer als ich. So sehr ich es will, ich kann nicht mehr schneller.

Schmeck gut!

Die letzten Meter ziehen sich. Gleichzeitig genieße ich sie, bade in der Menge der Zuschauer. Der Zufall hat es so eingerichtet, dass ich fast alleine bin auf der Strecke. Ich habe eine Gänsehaut und jubele schon, ehe ich das Ziel sehen kann. Das animiert auch die Zuschauer und ich bekomme eine Gänsehaut. Dann beschreibt die Zielgerade eine leichte Linkskurve und das Ziel kommt in mein Blickfeld. Durch ein Spalier von Cheerleadern laufe ich über den roten Teppich ins Ziel. Ich bin so konzentriert, dass ich gar nicht auf die Uhr über dem Ziel blicke, registriere aber die Zeit auf meiner Uhr: 3:23:02 Std. (offiziell 3:22:59 Std.). Die Emotionen und die Erschöpfung treiben mir für einen Moment Tränen in die Augen. Dann spüre ich, wie mir jemand auf die Schulter fasst und mir einen Becher Cola in die Hand drückt. Es ist Toni, der im Ziel auf mich gewartet hat und mich pflichtschuldig an die Maske erinnert. Das hatte ich total vergessen!

Bei alkoholfreiem Bier tauschen wir uns aus. Genau wie ich, ist auch Toni nach ungefähr 30 km eingegangen und hat sein Ziel deutlich verfehlt. Das zeigt mir, was ich ohnehin weiß. Für die Bedingungen bin ich ein sehr gutes Rennen gelaufen, vielleicht etwas zu schnell angegangen, aber es ist immerhin meine drittbeste Zeit. Wichtig für mich ist auch, dass ich den Lauf ohne Geh- und Stehpause durchgezogen habe.

Zieleinlauf beim Münster Marathon 2021

Auf dem Weg zum Auto komme ich mit einem anderen Läufer ins Gespräch. Wir tauschen unsere Eindrücke aus. Zufallsbegegnungen, die das Laufen so schön machen. 42 km zu laufen verbindet einfach. Dann, direkt am Schloss, spricht mich ein älterer Herr mit seiner Entourage an. Wie weit ich gelaufen sei und ob er auch fragen dürfe, wie schnell. Ich gebe Auskunft und er ist angetan. Für eine solche Leistung hätte ich eine Prämie verdient. Ich relativiere, dass ich dafür schon mindestens eine Stunde schneller sein müsste. „Aber schauen Sie sich mal die Fußballer an. Die verdienen Millionen und laufen nicht annähernd so viel.“. Dem habe ich nichts zu entgegnen.

Der Lauf im Vergleich

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